Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Bautechnisch gesehen mag dies in Grenzen 
sogar richtig sein; da aber seit 1945 die Wir- 
kung der Atombombe genau bekannt ist, muß 
diese Aussage als der erste Schritt einer gezielt 
einsetzenden Verdummungsstrategie gewertet 
werden, die sich bewußt über Strahlung, Ver- 
seuchung und radioaktiven Niederschlag aus- 
schweigt. Dieses Merkblatt ist keineswegs ein 
Dokument der Hilflosigkeit angesichts einer 
völlig neuartigen Bedrohung der Menschheit, 
das wider besseres Wissen an Altbewährtem 
(durchaus auch mit „e” zu schreiben) fes- 
thält, sondern es macht die „Zivile Aufrü- 
stung”, den Luftschutz, wieder salonfähig, 
während die Trümmer des letzten Krieges bei 
weitem noch nicht beseitigt sind. Der Kore- 
akrieg 1950/51 und die mit ihm verbundene 
Gefahr eines dritten, diesmal atomaren Welt- 
krieges hat gewiß dazu beigetragen, daß die- 
ses Thema so früh und so offiziell wieder an- 
gesprochen werden konnte. 
„Pandorabomben bauen Stadt-Land-Städte” 
(Martin Wagner)* 
Die Fachleute wissen es besser. Das eigentliche 
Feld der Luftschutzmaßnahmen nach 1945 ist 
der Städtebau. „Soweit sich die Vorschläge nur 
auf eine Auflockerung der großstädtischen 
Baudichte beziehen, auf die Anlage von Gar- 
ten- und Trabantenstädten u. dgl., wodurch 
freilich nur erreicht wird, daß ’nicht alles auf 
sinmal hin ist’, lassen wir sie uns gerne gefal- 
len, wenn es sich aber darum handelt, nur 
mehr in Stahl-Pilzen mit polierter Außenhaut, 
bzw. in x Stockwerken unter dem Boden zwi- 
schen Radioaktivität abschirmenden Bleiplat- 
ten und ähnlichen hübschen Ausstattungsge- 
genständen zu ’wohnen’, da tun wir nicht mehr 
mit! Dann schon lieber bis ans Lebensende ein 
Mensch bleiben und unter Gottes freiem Him- 
mel schlicht unf einfach sterben, denn als Un- 
ter- und Untergrundmensch elend zu vegetie- 
ren. Und wer sagt uns denn, daß das ’Anti- 
Atombombenhaus’, das uns gegen die Atom- 
bombe von heute schützt, auch gegen die 
Atombombe von morgen und übermorgen 
Schutz bietet?” Daß der Atomtod nicht 
„schlicht und einfach,, ist, braucht hier nicht ge- 
sagt zu werden, aber unter welchem Gesichts- 
punkt ist das Wort von der „Auflockerung” der 
Großstädte gefallen! 
Es ist den Planern selbst klar, daß sich die 
iriedlichen Forderungen an den neuen Städte- 
bau nicht wesentlich von den kriegsmäßigen 
unterscheiden. „Was fordert nun der Luft- 
schutz von der Stadtgestaltung? — ’Dasselbe, 
we guter neuzeitlicher Städtebau überhaupt 
will!” ” 
„Auf eine einfache Formal gebracht, kann 
und soll durch städtebauliche Maßnahmen die 
Trefferwahrscheinlichkeit herabgesetzt und die 
Ausbreitung von Bränden erschwert werden. 
Dafür stehen die beiden verwandten Mittel der 
Auflockerung und Weiträumigkeit zur Verfü- 
gung. (...) Weiter gilt es, um im Luftkriege we- 
nigstens die Vorraussetzungen dafür zu schaf- 
fen, die Zivilbevölkerung schonen zu können, 
die Gebiete verschiedener Luftgefährdung 
voneinander zu trennen und möglichst große 
Abstände dazwischen zu legen. Da das Kern- 
stück luftgefährdeter Anlagen Industriebetrie- 
be und Gewerbebetriebe darstellen, läuft diese 
Forderung auf die Trennung von Arbeits- und 
Wohngebieten heraus. Wie steht es nun mit 
der Gesamtgestalt der Stadt? Welche Grund- 
form erweist sich hier für den Luftschutz am 
günstigsten? Rein theoretisch könnte man an- 
nehmen, daß eine möglichst gleichmäßige Ver- 
teilung der Bebauung über das ganze Staatsge- 
biet hier eine ideale Besiedelungsform darstel- 
le, weil dann die Trefferwahrscheinlichkeit am 
geringsten, die Brandübertragung am schwer- 
sten wäre. Das würde also eine völlige Auflö- 
sung der Städte darstellen. Aber sieht man ein- 
mal davon ab. daß dieser Zustand für den Frie- 
aus: Bauwelt: 50/ 1952 
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Höchstgeschwindigkeit (v..,) ın 100 Am/h 
Sowjetische Bombenflugzeug-Muster 1952. Die (üblichen) Kolbenmotor-Flug- 
zeuge haben Geschwindigkeiten zwischen 550 und 600 km/h, sie fliegen in 
10 bis 11 km Höhe. Die (neuen) Düsen-Flugzeuge erreichen Geschwindig- 
keiten bis zu 1000 kmi'h. ihre Gipfelhöhen liegen zwischen 11 und 13km 
den unerträglich wäre — auch für den ange- 
strebten Schutz erhält er empfindliche Mängel. 
(...) Städtisches Leben fordert auch in diesem 
Falle eine gewisse räumliche Nähe und eine 
Mitte, von der es gelenkt wird. Das Ideal der 
luftunempfindlichen Stadt ist also nicht die un- 
differenzierte unbegrenzte Bandstadt, sondern 
die in möglichst viele und möglichst selbständi- 
ge Einheiten gegliederte Stadt.” ” 
Einer der wortreichsten Vertreter unter den 
Luftschutzspezialisten, Hans Schoszberger, 
der die Geburt dieser neuen Disziplin für Ar- 
chitekten auf etwa das Jahr 1930 datiert und 
seitdem selbst maßgeblich daran beteiligt ist, 
gibt 1948 den verfälschenden Hinweis, daß es 
auch schon in der NS-Zeit unter den „guten” 
Planern die Tendenz gegeben habe, keine 
Bunker, sondern mit dem Instrument der 
Landesplanung „bombensichere” Siedlungen 
zu bauen. „Die Arbeit (...) begann in 
Deutschland 1932 in einem kleinen Kreise, 
der es ehrlich meinte und einen internationa- 
len Luftschutz wollte. Wir haben noch 1938 
in Stockholm einen Luftschutzvortrag gehal- 
ten und im März 1939 mit englischen Archi- 
tekten einen baulichen Luftschutzkongreß 
geplant. Die offizielle Richtung war aber bald 
ganz in Händen der „Bunkerbauer”. (...) Es 
beginnt der Wettlauf der Betondecke mit der 
Bombe, überall werden Luftschutzräume ge- 
baut, die wir vorher für Luftschutzwitze ge- 
halten hatten. Eine Bewegung, die eigentlich 
Gartenstädte wollte, ist im Beton erstickt 
worden. Am Ende steht gleichsam als Grab- 
stein des deutschen Luftschutzes der OT- 
Bunker.” (Anm.: OT = Organisation Todt)” 
Dies ist natürlich falsch; erst die „mechani- 
sche Auflockerung” (Hans Scharoun 1946) der 
Städte durch den Krieg hat es möglich ge- 
macht, ihr Gefüge neu zu ordnen und den Er- 
fordernissen des Luftschutzes anzupassen. Es 
trifft jedoch zu, daß neben Schoszbergers eige- 
nen Ideen — seine luftsichere Zukunftsstadt ist 
die Bandstadt — dieser Gedanke wenigstens 
per definitionem in der NS-Zeit eingeführt 
wurde; dies zeigen die „Richtlinien für den 
baulichen Luftschutz im Städtebau” von 1938 
und 1942. „Nach den Richtlinien’ vom 8. Janu- 
ar 1938 soll zur Trennung von stark luftgefähr- 
deten Anlagen und Betrieben von Wohn-, 
Siedlungs- und Geschäftsgebieten nach Mög- 
lichkeit ein Mindestabstand von 500 m Breite 
eingehalten werden. Die Luftkriegserfahrun- 
gen haben ergeben, daß dieser Abstand sich oft 
nicht als ausreichend erwiesen hat, um zu ver- 
hüten, daß Wohnstätten durch Luftangrriffe 
auf benachbarte stark luftgefährdete Anlagen 
und Betriebe infolge der Streuwirkung beim 
Karte der Bundesrepublik im Maßstab 1:10000000 mit Linien gleicher Ein- 
flugdaver (in Minuten) von der Ostgrenze her bei Annahme einer Geschwindig- 
keit von 900 km/h. Praktisch ist das ganze Gebiet der Bundesrepublik 
mit Bombenflugzeugen von der Ostgrenze in fünfzehn Minuten zu erreichen 
Bombenwurf — insbesondere bei Nachtangrif- 
fen — mitbetroffen werden. Bei Errichtung 
neuer oder Erweiterung vorhandener stark 
luftgefährdeter Anlagen und Betriebe soll da- 
her nach Möglichkeit zu bestehenden oder ge- 
planten Wohn-, Siedlungs- und Geschäftsge- 
bieten künftig ein ’Schutzabstand’ von etwa 
1000 m eingehalten werden. (...) Bei der Be- 
messung der ’Schutzabstände’ wird darauf hin- 
gewiesen, daß eine sinnvolle Planung in jeder, 
insbesondere städtebaulicher Hinsicht gewähr- 
leistet sein muß. (...) Luftschutzmäßig ungeeig- 
nete Standplätze (Anm.: von Rüstungsbauten) 
dürfen keineswegs durch spätere Umwandlung 
der Behelfsbauweise in Dauerbauweise zu end- 
gültigen Standplätzen gemacht werden, da 
sonst Gefahr bestehen würde, daß die luft- 
schutzmäßige Entwicklung der Städte verrie- 
gelt wird.” 
a 
TE eu 
D.R.D. 658344 D-RP:702714 
Im Oktober 1940 hat der Führer für den gesamten 
deutschen Luftschutz die bombensichere Bauweise 
vorgeschrieben. Dadurch gewinnt der erstmalig im 
Jahre 1935 von uns entwickelte Grundgedanke des 
bombensicheren Schutzes über der Erde in kreis- 
runden mit einem spitzen Kegeldach versehenen 
Türmen seine volle Bedeutung. Die Türme werden 
sowohl. für den Werkluftschutz als auch für den 
öffentlichen Luftschutz nach den neuesten Bestim- 
mungen mit der patentamtlich geschützten Innen- 
aufteilung gebaut. Der Turm für den öffentlichen 
Luftschutz wurde beim Preisausschreiben „Alarm“ 
prämiiert. — Auskunft über bombensichere Luft- 
schutztürme „Bauart Winkel“ erteilt: 
L.WINKEL CO. 
LUFTSCHUTZTURME 
DUISBURG 
MERCATORHAUS
	        

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