Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

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Die tragische Geschichte des deutschen Luftschutzraumes 
1. 1930 Der Anfang. Man plant 4. 1938 Der Andersen-Stahlraum 7. 1941 Es beginnt die „‚Bunkerzeit” 
2. 1932 Die Keller werden abgesteift 5. 1939 desgleichen gemauert 8. 1942 desgleichen im Großen 
3. 1935 desgleichen in Stein und Stahl 6. 1940 Betonrahmen als Stollen 9. 1943 Die Baustoffe gehen aus 
So aber stellt sich wohl der 
kleine Moritz den Luftschutz- 
raum gegen Atombomben vor 
aus: Bauwelt: 1950; 
erforderlich macht. So entstanden die Zeilen- 
balkone bzw. Bandloggien. Je nach Flächen- 
ausmaß stellen Glasfronten-Hochhäuser letz- 
ten Endes ’Sprengkammerregale’ dar, deren 
Gesamt-Sprengwirkung sogar ’fünfdimensio- 
nal’ ist, nämlich nach links, rechts, oben, unten 
und nach rückwärts in der Stoßrichtung. Solche 
Bauten sind also 
Sprengtechnisch: hervorragend! 
luftschutztechnisch: vernichtend! 
(...) da die atomaren Gefahrenmomente lawi- 
nenartig mit der Stockwerksanzahl zunehmen, 
wird sich der Städtebau in Zukunft zwangsläu- 
fig horizontal und nicht vertikal weiterentwik- 
keln müssen. (...) Urplötzlich könnte ein 
Atomprojektil krepieren und alle in seinem 
Aktionsbereich befindlichen Langfronthäuser 
mit ihren tausenden von Menschen zum Ken- 
tern bringen, d.h. eine vertikale Stadt würde 
mit Mann und Maus zerschellen.”'” 
Die Forderungen dieses Mannes sind in den 
ersten Aufbaujahren tatsächlich praktiziert 
worden. Entstanden „organische” Siedlungen 
etwa, um auch den Schutzfaktor des Geländes 
auszunutzen, gaben die maximal vier Geschos- 
se unterm leicht geneigten Satteldach den Häu- 
sern bessere Standfestigkeit gegenüber Explo- 
sionen? In der Tat bleiben die Hamburger 
Hochhäuser am Grindelberg, die seit 1950 fer- 
tiggestellt werden, für einige Jahre das einzige 
Beispiel für die Verwirklichung dieser Wohn- 
form in Westdeutschland. 
Die ökonomische Grundlage des staatlichen 
Konzepts für den städtebaulichen Luftschutz 
ist es wie bereits im Programm für den reinen 
Schutzraumbau, vom teuren „Volltreffer- 
schutz” für alle abzurücken; dieser wird jetzt 
nur noch ausgewählten Personen und Einrich- 
tungen zugestanden. Den „breiten Schichten 
der Bevölkerung”, wie das erste Wohnungs- 
baugesetz die Zielgruppe des sozialen Woh- 
nungsbaus nennt, soll ein gewisser „Nahtreffer- 
schutz” ermöglicht werden. Die Kosten hierfür 
betragen 3 bis 5 % der Bausumme bei Neubau- 
ten gegenüber 7,5 % und mehr bei Altbauten 
Es wird nicht übersehen, daß dieser Verzicht 
„eine unerhörte seelische Belastung der Bevöl- 
kerung darstellt. Verlangt sie doch vom einzel- 
nen eine etwa ’frontmäßige’ Einstellung zur 
Gefahr und zum Schutz, die etwa der Auffas- 
sung des Frontsoldaten entspricht, der sich im 
offenen Gelände dem Schutz von Gräben, Lö- 
chern oder Mulden anzuvertrauen hat. Hier 
muß der Techniker zum Erzieher werden, mit 
dem Ziele, dem harten Gesetz der Tatsachen 
Gehör zu schaffen, allen Wünschen und Sehn- 
süchten zum Trotz. Dies aufs Engste zu verbin- 
den mit dem gleichzeitigen Kampf gegen die 
drohende seelische Aushöhlung durch eine 
ständige unterirdische Angst- und Kriegspsy- 
chose, ist eine Aufgabe von geradezu ge- 
schichtlichen Dimensionen.”'” Wir wissen, 
daß die „Techniker” diesen Kampf bis heute 
führen, bisher mit stets wachsendem Erfolg. 
Federführend in der Erteilung dieser Lektion 
ist das für den Luftschutz zuständige Innenmi- 
nisteriıum, das bauliche Fragen an das Woh: 
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Was versäumt wurde 
Umgestaltung der Städte, 
Verlagerung und klare 
Trennung alles dessen, 
was die Stadt gefährdet 
oder in ihr gefährdet ist 
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der gute Luftschutz 
aus: Bauwelt: 1950 
Fraven vu. Kinodaler 
nugsbauministerium delegiert. Dort arbeiten 
neben anderen die Fachausschüsse für „bau- 
technischen Luftschutz”, „bautechnischen 
Gasschutz” und „Städtebau und Raumplanung 
im Luftschutz”'®). 
Zusammen mit dem Wohnungsbauministe- 
rium beschäftigt sich ein „Arbeitskreis Indu- 
strie-Luftschutz beim BDTI” mit dem Werkluft- 
schutz. Die seit 1931 herausgegebene Fachzeit- 
schrift „Gasschutz und Luftschutz” wechselt le- 
diglich ihren Namen und erscheint ohne we- 
sentliche Veränderung von Redaktion und 
Zielsetzung ab November 1952 als „Ziviler 
Luftschutz”. Heute heißt dise Zeitung „Zivil- 
verteidigung”. 
Die TH Braunschweig, an der während des 
Krieges die „Braunschweiger Bewehrung” für 
Bunker entwickelt wurde, bietet Luftschutz- 
vorlesengen an, gefördert vom Bundesministe- 
rium für Wohnungsbau, das seinen Luftschutz- 
referenten entsendet. '” 
Die in allen zitierten Vorschlägen der Archi- 
tekten und Richtlinien des Bundes enthaltenen 
Ideen zur Gestaltung der zukünftigen Stadt 
sind nicht neu. Göderitz, Rainer und Hoffmann 
vertreten diese Gedanken — allerdings unteı 
völlig anderen Gesichtspunkten — neben zahl- 
losen Veröffentlichungen ihres Buches „Die 
gegliederte und aufgelockerte Stadt”. 
Bis 1948/49 wird aber in Westdeutschland der 
Neuaufbau in erster Hinsicht lediglich geplant 
und durchaus kontrovers diskutiert, während 
gleichzeitig der Wiederaufbau der nach jünge- 
ren, inzwischen anerkannten Siedlungsmodel- 
len der Vorkriegszeit gebauten Häuser bereits 
läuft. 
Darum ist es um so bemerkenswerter, daß al- 
le Ideen, die dem Städtebau der Bundesrepu- 
blik der 50er Jahre in der Hauptrichtung tat- 
sächlich zugrunde liegen, sich unter dem 
Aspekt des Luftschutzes schon ab 1948 sam- 
meln und die Fachveröffentlichungen suggerie- 
ren oder auch feststellen können, daß die 
Mehrheit der Planer dieses Gedankengut aner- 
kenne. 
Möglicherweise hat dieser Vorgriff eines Son- 
derbereichs auf die Gesamtplanung wesentlich 
dazu beigetragen, die am späteren Aufbau Be- 
teiligten Architekten so eindeutig für Jahre auf 
ein gemeinsames Konzept zur Gestaltung der 
neuen Stadt einzuschwören, aus dem nur ver- 
einzelte, regionale Ausbrüche bekannt sind 
Eine umfassende Zusammenstellung aller städ- 
tebaulichen Leitbilder der „Luftschutzfachleu- 
te” könnte sich zumindest deckungsgleich auf 
diejenigen der „zivilen” Planer legen. Aus die- 
ser Affinität wird zugleich auch deutlich, wes- 
halb angesichts der zunehmenden Umsetzung 
der nur an den den friedlichen Nutzungen 
orientierten Planungen in die Realität die 
Fachwelt den städtebaulichen Luftschutz im- 
mer weniger Öffentlich diskutiert: er wird 
praktiziert. 
Anmerkungen: 
1) Hans Schoszberger in: Neue Bauwelt 1952, S. 458 
2) Nachrichten der Deutschen Linoleum AG, NR. 24, April 
1934, S. 29 
3) Vorläufiges Merkblatt Bautechnischer Luftschutz, Hrsg. 
Bundesminister für Wohnungsbau u. Bundesminister des 
Innern, Wiesbaden 1959, S. 5 
4) Martin Wagner in : Baurundschau, Hamburg 1950, S. 466 
5) Baumeister 1947, S. 272 
6) J. Wolff in : Baumeister 1953, S. 257 
7) J. Wolff a.a.O., S. 258 
8) Hans Schoszberger in: Neue Bauwelt 1949, S. 534 
9) Militärarchiv Freiburg/Br. RH 2/V 1001, Schreiben des 
Chefs der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatz- 
heeres an die Wehrkreisverwaltungen vom 22.9.1942 
Vorläufiges Merkblatt Luftschutz im Städtebau, Hrsg 
Bundesminister für Wohnungsbau u. Bundesminister des 
Innern, Bonn 1952 
Vorl. Merkblatt Luftschutz im Städtebau, a.a.O., S. 7f 
Vorl. Merkblatt Luftschutz im Städtebau, a.a.O., S. 9 
Martin Wagner in: Baurundschau, Hamburg 1950, S. 467 
Vorl. Merkblatt Luftschutz im Städtebau, a.a.O., S. 10 
Bauen und Wohnen 1951, S. 419f 
:, Bauwelt 1952, S. 456 
|7) Baurundschau 1952, S. 407 
18) Bauwelt 1952, S. 457 
19) Baumeister 1955, S. 800 
10)
	        

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