Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

und Nike Herkules befinden — wobei die 
Hawk dem Abschuß tieffliegender, die Nike 
Herkules der Vernichtung hochfliegender 
Flugzeuge dient. 
Die Nike Herkules „kann als Boden-Bo- 
den oder als Boden-Luf-System benutzt wer- 
den. Sie dient der Überwachung des Luft- 
raums und hat eine Bekämpfungsreichweite 
von 140 km (zum Vergleich: Hawk 40 km). 
Sie kann bis 30 km aufsteigen. ”“” 
Interessant ist in diesem Zusammenhang, 
daß es weitaus mehr Nike Herkules-Stellun- 
gen als die offiziell bekanntgegebenen, auf 
diesem Gürtel liegenden, gibt. Die in der Ab- 
bildung dargestellten ’zusätzlichen’ Stellun- 
gen liegen allerdings so weit westlich, daß sie 
— als Boden-Boden-System eingesetzt — im 
Ruhrgebiet und im Rhein-Main-Gebiet ein- 
schlagen würden. Vielleicht liegt darin der 
Grund, warum diese Nike Herkules-Stellun- 
gen z.B. in Weißbüchern nicht dargestellt 
werden. 
Die ausgewählte Zielplanung als neueste 
Variante der NATO-Strategie hat noch wei- 
tere Konsequenzen für das Bundesgebiet. 
Sollen nämlich von der NATO nicht mehr die 
Städte des Gegners, sondern seine politi- 
schen Zentren und militärischen Anlagen in 
erster Linie im Krieg getroffen werden, so be- 
deutet dies auch umgekehrt, daß die konzen- 
tration des Militärs an bestimmten Punkten, 
in bestimmten Regionen der BRD Konse- 
quenzen für diese Orte hat, die dadurch als 
militärische Ziele für den Gegner ungleich in- 
teressanter sind als z.B. Flächengewinne an 
der Ostgrenze der BRD. Diese strategisch in- 
teressanten Ziele liegen vor allem im westli- 
chen Bereich der BRD, also in der rückwärti- 
gen Kampfzone (z.B. Atombomberflugplät- 
ze, Atomwaffenbunker, Raketenstellungen, 
NATO-Hauptquartiere ...). 
Diese kurze Beschreibung der räumlichen 
Auswirkungen der NATO-Strategie zeigt, 
daß jede Region der BRD durch die Strategie 
selbst gefährdet ist, sei es durch die Atom- 
bomben des ’Gegners’ oder gar durch die ’ei- 
gene’, „nur aus Gründen der Verteidigung 
erfolgte Verwüstung ganzer Landstriche ” 
Wie konkret sind nun die Forderungen des 
Militärs an die Infrastruktur? 
Die räumlichen Auswirkungen der NATO- 
Strategie, also die erläuterte räumliche Ar- 
beitsteilung zwischen vorderem und rückwär- 
tigem Kampfgebiet, aber auch die seit dem 2. 
Weltkrieg erfolgte Dislozierung (= räumliche 
Verteilung) der militärischen Einheiten, füh- 
ren zu einem höheren Verkehrsanteil der 
Bundeswehr und der NATO schon in Frie- 
denszeiten. Der Bedarf an Nachschub ist von 
1914 bis 1960 auf das Sechsfache gestiegen; 
die neuen Waffensysteme fordern „optimale 
operative Beweglichkeit”®. 
Daraus ergeben sich bestimmte Ansprü- 
che, denen das Verkehrswesen bezüglich 
Quantität und Qualität zu entsprechen hat. 
Hier sind zunächst zwei Grundforderungen 
zu nennen” 
.. Leistungsfähige West-Ost-Verbindungen 
Aus militärischer Sicht ist es absolut ge- 
fährlich, wenn beim Bundesfernstraßen- 
bau in erster Linie die Nord-Süd-Verbin- 
dungen erweitert werden, — wie es in der 
BRD nach dem 2. Weltkrieg der Fall war 
— Wo doch gerade für den Nachschub die 
Verbindungen in West-Ost-Richtung lei- 
stungsfähig sein müssen. Dieses Problem 
scheint jedoch in der Verkehrsplanung 
mittlerweile genügend berücksichtigt wor- 
den zu sein, so daß Oberst i.G. Hartwig 
Flor, BMVtdg., in einem Vortrag fest- 
stellt: „Und auch die neuesten Ergebnisse 
der Prognose-Untersuchungen des Bun- 
desministers für Verkehr bezüglich der 
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Verkehrsbedürfnisse in den 80er Jahren 
hat — auch für die Fachleute überraschen- 
derweise — ergeben, daß dem Ausbau ge- 
rade von leistungsfähigen West/Ost-Ver- 
bindungen gegenüber den Nord/Süd-Ver- 
bindungen eine überproportionale Bedeu- 
tung zukommen wird. ”’ 
Vermeiden von Ballungen 
Gerade aus militärischer Sicht sind Kon- 
zentrationen jeder Art, ob auf dem Gebiet 
des Städtebaus, des Verkehrs oder Wirt- 
schaft, gefährdete Angriffspunkte für den 
Gegner. Derartige Ballungen werden vom 
Militär mit ’Sorge’ betrachtet. Hartwig 
Flor fordert in seinem Vortrag weiter „in 
dieser Richtung des Guten nicht zu viel zu 
tun” und „Ballungen ... durch Auflocke- 
rung, Vermaschung, Schaffung von Um- 
gehungen usw. wenigstens in tragbaren 
Grenzen zu halten ”® 
Verkehrsträger Eisenbahn 
Diese militärischen Forderungen beziehen 
sich auf das gesamte Verkehrsnetz der BRD. 
Hinsichtlich des Stellenwertes der Eisenbahn 
muß kurz erwähnt werden, daß sie, obwohl 
sie sich in den letzten beiden Weltkriegen für 
den Aufmarsch bewährt hatte, nach dem 2. 
Weltkrieg für die militärische Nutzung zu- 
nächst bedeutungsloser wurde. Mit der Zeit 
wurden allerdings die Vorteile der Eisenbahn 
wiedererkannt, die vor allem auf dem Gebiet 
der Versorgung und der schnellen Verlegung 
von Schwerstfahrzeugtruppen liegen. Vortei- 
le hat die Eisenbahn auch wegen ihres gerin- 
gen Personalaufwandes und ihrer straffen Or- 
ganisation. Außerdem sind Transporte per 
Bahn vor allem in Friedenszeiten aus Kosten- 
und Sicherheitsgründen interessant. In fol- 
genden Punkten stellt das Militär Forderun- 
gen an die Eisenbahn: 
|. Elektrifizierung 
Der Anteil der elektrifizierten Strecken 
der DB darf nach Ansicht der Militärex- 
perten einen bestimmten Prozentsatz 
nicht überschreiten, da sonst die Krisen- 
anfälligkeit durch Stromausfall unkalku- 
lierbar wäre. Die Grenzen der Erträglich- 
keit liegen bei ca. 40 %. Aber auch bei 
Teilelektrifizierung müssen für die Sicher- 
stellung der militärischen Versorgung ein- 
satzbereite D-Loks durch die Bundesbahn 
bereitgehalten werden, die durch das DB- 
Personal ständig mit Blick auf den Ernst- 
fall gewartet werden müssen. 
Streckenstillegung 
Einerseits fordert die Bundeswehr eine 
gesunde und rationell arbeitende DB, an- 
dererseits werden aber tatsächlich geplan- 
te Rationalisierungsmaßnahmen wie 
Streckenstillegungen kritisch bewertet. 
Die Streitkräfte brauchen aus ihrer takti- 
schen Konzeption heraus Umleitungs- 
möglichkeiten, „Ballungsumfahrungen”, 
um nach der Zerstörung z.B. einer Groß- 
stadt diese umgehen zu können. Gerade 
aber die Strecken, die an den Ballungsräu- 
men vorbeiführen, sind von Stillegung be- 
droht. Daraus resultiert die militärische 
Forderung, die stillgelegten Strecken nicht 
abzutragen, sondern sie für den Ernstfall 
instandzuhalten, was natürlich den ur- 
sprünglichen KEinsparungseffekt relati- 
viert 
Gleisanschlüsse 
Vor allem für Depots ist es interessant, 
den Transport von Munition, Sprengköp- 
fen etc. per Bahn zu vollziehen, denn der 
Umschlag von z.B. Raketensprengköpfen 
vom Bahnhof auf LKWs und der Trans- 
port zum nächsten Depot auf öffentlichen 
Straßen ist umständlich und gefährlich, ist 
aber kein Einzelfall, da gerade Raketen 
häufig gewartet werden müssen. Gleisan- 
schlüsse scheitern allerdings häufig an fi- 
nanziellen Erwägungen. 
Wenn auch die Eisenbahn „die erste Rolle als 
wichtigstes militärisches Transportmittel ab- 
getreten”” hat, so haben doch die militäri- 
schen Bedürfnisse die Entwicklung des Gü- 
tertransportes per Bahn (auf dem Gebiet des 
Containertransports oder beim Transport 
von LKW auf Waggons, also Huckepack- 
Verkehr) derart beeinflußt, daß die Bundes- 
bahn beim Gütertransport auf die Bundes- 
wehr angewiesen ist. ’Androhungen’ seitens 
der Bundeswehr, den gesamten Transport 
von der Schiene auf die Straße zu verlagern, 
führen jedes Mal zu panischen Reaktionen: 
„Die Verlagerung bedeute für die Bundes- 
bahn einen drastischen Umsatzrückgang”!® 
Verkehrsträger Straße 
Straßen sind von je her militärisch interessant 
gewesen, denn sie bieten verschiedene Vor- 
teile gegenüber anderen Verkehrsträgern: 
® Das Straßennetz ist „im Vergleich zu an- 
deren Binnenverkehrsträgern ... gegen- 
über konventioneller und atomarer Waf- 
fenwirkung im Krieg relativ weniger ver- 
wundbar.”"” 
® Das Straßennetz ist dichter als jeder ande- 
re Verkehrsträger. „Seine Maschenweite 
beträgt im Durchschnitt 2 km”'”. Es bie- 
tet also sehr gute Umleitungs- und Aus- 
weichmöglichkeiten bei Märschen und 
Transporten. 
® Beschädigungen durch Sabotage 0.ä. las- 
sen sich leicht beseitigen. 
Strategisch ist die Bedeutung der Straße so 
einzuordnen, daß im rückwärtigen Kampfge- 
biet noch immer die Eisenbahn eine bedeu- 
tende Rolle spielt, während im vorderen 
Kampfgebiet die Straßen an Bedeutung ge- 
winnen. Um diesen Zusammenhang zu ver- 
stehen, ist es zunächst notwendig, das militä- 
rische Straßennetz zu erläutern.
	        

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