Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Militärgeschichte in Schwarzenborn 
Schon vor 1900 interessierte sich das Militär 
für die Knüllhochflächen. So fanden nach 
Aussagen älterer Bürger nicht nur regelmä- 
Big Kaisermanöver, sondern auch Artillerie- 
schießübungen auf dem Knüll statt. Die er- 
sten Verhandlungen über die Errichtung ei- 
nes Truppenübungsplatzes begannen 1899; 
Stadt und betroffene Landwirte lehnten die- 
ses Vorhaben jedoch ab. Dennoch wurde 
1905 ein solcher Platz eingerichtet. Wie die- 
ses Vorhaben durchgesetzt wurde, ließ sich 
nicht mehr rekonstruieren. Nach dem 1. 
Weltkrieg diente das Gelände der Reichs- 
wehr für Gelände- und Marschübungen, auch 
SA und SS trainierten hier. 1935 ging der 
Platz an die Wehrmacht. Das zur forcierten 
Aufrüstung eingeführte ’Gesetz über die 
Landbeschaffung für die Zwecke der Wehr- 
macht’, welches noch innerhalb der letzten 
vier Vorkriegsjahre Erweiterung der Reichs- 
wehrflächen ermöglichte, erbrachte auf 
Schwarzenborn angewandt eine Vergröße- 
rung der Ubungsflächen auf 1760 ha. Die 
Schwarzenbörner Bauern mußten 360 ha z. T. 
wertvolles Ackerland und Grünland sowie 80 
ha Wald abgeben. Einige verloren so mehr 
als 50 % ihres Grundbesitzes und damit ihre 
Existenzgrundlage. Sie waren zur Umsied- 
lung gezwungen, da am Ort nicht ausreichend 
Ersatzland zur Verfügung gestellt werden 
konnte. Die anderen betroffenen Betriebe 
wurden in Geld entschädigt, das allerdings 
erst in der Währungsreform für sie verfügbar 
war und dann erheblich weniger wert war 
„In dem bis dahin einsamen Knüllstädtchen begann ein Le- 
ben und Treiben, wie man es bis dahin nicht kannte. Zahl- 
reiche Beamte und Angestellte nahmen Wohnung in der 
Stadt. Die Arbeiter und Kleinbauern, die bis dahin mei- 
stens arbeitslos waren, fanden gute Arbeits- und Verdienst- 
möglichkeiten. Es kam wieder Geld unter die Leute, der 
allgemeine Lebensstandard besserte sich wesentlich. Das 
äußere Bild des Städtchens wurde freundlicher, die gesamte 
Ortslage erhielt eine Kanalisation, die 6 m breite Haupt- 
straße bekam auf der Strecke der stärksten Steigung ein 
Granitpflaster. Um die extremen Engstellen zu beseitigen 
wurden 4 Häuser abgerissen ”* 
So lesen sich in einer Schwarzenbörner Jubi- 
läumsschrift die Vorteile militärischer Prä- 
senz für die Stadt: Modernisierung und Infra: 
strukturausbau. Und weiter: 
„Die extremen Parteien nach rechts (NSDAP) und nach 
links (KPD) hatten zunächst gar keinen Anhang in der eher 
konservativ geprägten Bevölkerung. Man darf wohl sagen, 
daß der jeweilige Zeitgeist im ländlichen Raum hier im 
Knüll doch zeitversetzt zu spüren ist. Erst in der Endphase 
des Machtkampfes zwischen ’Braun’ und ’Rot’ nahm man 
Partei und besonders die jüngere Generation, in der der na- 
tionale Gedanke sehr wach war, glaubte in der NSDAP ei- 
ne geistige Heimat zu finden. () Obwohl man in Schwar- 
zenborn durch den Übungsplatz Aufrüstung mit eigenen 
Augen sah, wer glaubte an das entsetzlichste, was Men 
schen initiieren können, den Krieg?”” 
Während des 2. Weltkrieges wurde der 
Ubungsplatz von verschiedenen Bataillonen 
frequentiert, in Schwarzenborn und den um- 
liegenden Dörfern wurden monatelang Ein- 
heiten einquartiert. 
Nach 1945 konkurrieren wiederum militä- 
rische und zivile Ansprüche um die Hochflä- 
chen miteinander. Während die US-Besat- 
zungstruppen Interesse an dem Platz für Pan- 
zerübungen anmeldeten, wollte die Hessi- 
sche Heimat einen Teil der landwirtschaftlich 
zu nutzenden Flächen übernehmen, um für 
die inzwischen ein Viertel der Wohnbevölke- 
rung ausmachenden Flüchtlinge Siedlerstel- 
len zu schaffen. Dieser Plan sah auch vor, das 
restliche Gebiet an umliegende Gemeinden 
und diejenigen Landwirte zu verkaufen, die 
bei der Errichtung Land eingebüßt hatten. 
Dieses Vorhaben blieb Plan, das Interesse 
der Landwirte an der Bewirtschaftung der 
Flächen erlahmte, nachdem diese von der 
US-Armee durch Übungen stark in Mitlei- 
denschaft gezogen worden waren. 
In den fünfziger Jahren sollte zuerst der 
Bundesgrenzschutz auf dem Platz unterge- 
bracht werden. Als die Bundeswehr aufge- 
baut war, bemühte sich die Stadt Schwarzen- 
born wie viele Kleinstädte zu dieser Zeit dar- 
um, Garnisonsstadt zu werden, und hatte Er- 
folg. Heute ist in Schwarzenborn ein Jägerba- 
taillon stationiert, viele fremde Truppen 
kommen, um u.a. Scharfschießen zu üben. 
1980 forderte die Bundeswehr weitere Flä- 
chen im Umfang von 300 ha für einen Stand- 
ortübungsplatz. Sie bekam ungefähr die Hälf- 
te des Gebietes zugestanden. In einem 
Schnellverfahren stellt die Stadt Schwarzen- 
born 40 ha hochwertigen Stadtwald zur Ver- 
fügung, die restlichen 100 ha dürfen — eben- 
falls per Gestattungsvertrag — auf Staats- 
waldflächen in der Gemarkung Neukirchen 
’beübt’ werden. Nun ist fast die Hälfte der 
Gemarkung Schwarzenborn und damit über 
die Hälfte der stadteigenen Forstfläche sowie 
z.T. gutes landwirtschaftliches Kulturland für 
’Verteidigungszwecke’ aufgegeben worden. 
Militär im Alltag 
Die wichtigste Zufahrt zum Truppenübungs- 
platz ist die Schwarzenbörner Ortsdurch- 
fahrt. Tag für Tag rattern Kolonnen von Mili- 
tärfahrzeugen mit überhöhter Geschwindig- 
keit, ohrenbetäubendem Lärm und starker 
Bodenerschütterung durch den Ort hindurch. 
Für Fußgänger ist die Straße dann nicht mehr 
passierbar, die Schwarzenbörner sitzen bei 
gutem Wetter allerdings gelassen vor ihren 
Häusern an der Straße und beschauen das 
Spektakel. Das gute Verhältnis der Einwoh- 
ner zur Bundeswehr betont der Bürgermei: 
ster im Gespräch immer wieder. Häufig wer- 
den Patenschaftsveranstaltungen mit‘ der 
Bundeswehr organisiert, er selbst benötigt 
ein Drittel seiner ehrenamtlichen Dienstzeit 
für Bundeswehrangelegenheiten. Die Bun- 
deswehr springt auch ein, wenn sie örtliche 
Versorgungsengpässe kompensieren helfen 
kann: in Schwarzenborn gibt es keine ärztli- 
che Versorgung, da kommt die Hilfeleistung 
der Bundeswehr bei schweren Unfällen gera- 
de recht. 
Die Bundeswehr in Schwarzenborn bietet 
heute rund 280 zivile Arbeitsplätze und ist 
damit einer größten Arbeitgeber im Knüll 
überhaupt (Und das in einer Stadt, deren 
Bürgermeister keinen Zweifel daran läßt, 
daß sie auch dem Bau einer WAA auf ihrem 
Gebiet nicht abgeneigt sei.). Die jedoch fast 
gleich hohe Zahl der Einpendler nach 
Schwarzenborn deutet allerdings darauf hin, 
daß die überwiegende Zahl der zivilen Be- 
schäftigten aus den umliegenden Orten 
kommt, nicht aus Schwarzenborn. Denn an- 
dere nennenswerte Betriebe gibt es in der 
Stadt nicht. 
Nach der Herkunft ihrer zivilen Beschäftig- 
ten und der Auftragsvergabe an örtlichen 
bzw. regionalen Handel befragt, muß die 
Kommandantur erst bei der Wehrbereichs- 
verwaltung IV in Wiesbaden um Auskunfts- 
erlaubnis ersuchen. Diese wird nach zweimo- 
natigem Hin und Her, nachdem die Schwar- 
zenbörner Kommandantur die Daten schon 
gebrauchsfertig zusammengestellt hat, ohne 
Begründung versagt. Aber es ist immerhin zu 
erfahren, daß auch bei der Bundeswehr ratio- 
nalisiert wird: durch die Einsparung von zivi- 
lem Wachpersonal wurden kürzlich 11 Män- 
ner arbeitslos. 
Ortliches Gewerbe war in gewissem Um- 
fang an Baumaßnahmen auf dem Übungs- 
platz beteiligt. So eine inzwischen pleite ge- 
gangene Baufirma mit 30 Beschäftigten, die 
aber, u.a. wegen ihrer geringen Kapazität, 
nicht in der Lage war, den Auftrag zu erfül- 
len, so daß er an eine auswärtige Firma verge: 
ben wurde. 
Aus Umfragen am Ort ergab sich, daß Ein- 
zelhandel und Gaststätten nur in ganz mini: 
malem Umfang von der Stationierung profi- 
tieren, da die Güterbeschaffung zumeist zen- 
tral geregelt ist und das Auftragsvolumen die 
Kapazitäten der kleinen lokalen Betriebe so- 
wieso übersteigt. Die Wehrpflichtigen als 
Konsumentengruppe vor Ort fahren übers 
Wochenende in ihre Heimatgemeinden, dek- 
ken dort ihren Bedarf für die Woche. Die 
dauerhaft Beschäftigten konsumieren eben- 
falls vorzugsweise am Wohnort, in diesem 
Fall im benachbarten Kneipp- und Luftkurort 
Neukirchen. 
Dieser ist infrastrukturell gut ausgestattet, 
in allem besser als Schwarzenborn. Neukir- 
chen verfügt über einen Anschluß ans Bahn- 
netz und liegt direkt an einer breit ausgebau- 
ten Bundesstraße. In Neukirchen spielt der 
Fremdenverkehr eine wichtige Rolle mit stei- 
gender Tendenz, entsprechend attraktiv ist 
das Konsum- und Kulturangebot. Diese Um- 
stände erklären hinreichend das Siedlungs- 
verhalten der Bundeswehrbeschäftigten, die 
einen nicht geringen Teil der neuen und 
neueren Wohnbaugebiete in Neukirchen be- 
anspruchen. Die damit verbundenen kom- 
munalen Einnahmen, die sich einst Schwar- 
zenborn von der Stationierung erhoffte, flie- 
ßen nun nach Neukirchen. 
Stand Schwarzenborn Anfang der 50er 
Jahre noch an der Spitze der Fremdenver- 
kehrsorte im Knüll, stagnieren heute Ange- 
bot und Nachfrage. Die entscheidende Ursa- 
che dafür stellt nach einhelliger Meinung von 
Bürgermeister, Standortverwaltung und be- 
fragten Bürgern die Beeinträchtigung von 
Ort und Landschaft durch den Truppenü- 
bungsplatz dar. Wer möchte schon in seinen 
Ferien dem dauernden Anblick und Lärm 
von Militärfahrzeugen ausgesetzt sein und in 
der eigentlich ’freien’ Landschaft des nur 
durch Hinweisschilder gekennzeichneten rie- 
sigen Ubungsgebietes sein Leben aufs Spiel 
setzen, weil er nicht weiß, daß bei aufgezoge- 
nen roten Ballons scharf geschossen wird? 
Dieser Nutzungskonflikt wird letztlich undra- 
matisch und per Fußabstimmung ausgetra- 
gen, aber es gibt auch offene Konflikte, wie 
um den Schwarzenbörner Knüllteich, an dem 
sich kommunale Planungshoheit in Garni- 
sonsgemeinden als Farce erweist. Der Knüll- 
teich liegt auch auf dem Gelände der Bundes- 
wehr, doch dürfen sich hier gleichfalls Zivil- 
personen aufhalten, sofern die Belange des 
Militärs nicht beeinträchtigt werden. Da der 
Teich wegen eben dieser eingeschränkten zi- 
vilen Nutzbarkeit nicht in das Fremdenver- 
kehrskonzept der Stadt eingehen durfte, 
plante diese auf geeignetem Gelände einen 
neuen Teich. Diesem Konzept widersprach 
die Standortverwaltung erfolgreich und hatte 
auch das Recht auf ihrer Seite, denn der pro- 
jektierte Teich lag im Schutzbereich um die 
UÜbungsflächen und unterliegt von daher 
gleichfalls Restriktionen, was zivile Nutzun- 
gen angeht. 
So scheint sich der Einsatz der Stadt 
Schwarzenborn unter dem Strich nicht für sie 
auszuzahlen: die landwirtschaftliche Nutzung 
als traditioneller Erwerbszweig ist durch die 
Ausdehnung des _Truppenübungsplatzes 
stark beschränkt, die einzige momentan er- 
kennbare Entwicklungsperspektive Frem- 
denverkehr wird jeden Tag buchstäblich ’ver- 
schossen’ 
Anmerkungen: 
1) Herbert Schwedt: Wenn das Vertrauen in die Zukunft 
verschwindet, in: Das Ende des alten Dorfes?, Der Bür- 
ger im Staat, hrsg. von der Landeszentrale f. Pol. bil- 
dung Baden-Württemberg, Heft 1/1980, S. 15 
Standortübungsplätze stehen nur den dort stationierten 
Truppenteilen zur Verfügung, während die größeren 
Truppenübungsplätze — z.T. Dis zu 600 qkm groß — zu- 
sätzlich von standortfremden bundesdeutschen und alli- 
ierten Truppen gegen Entgeld genutzt werden können. 
‚, Klaus Ottomeyer: Militarisierung der Subjekte und des 
Alltagslebens, in: Das Argument Nr. 132/1982, S. 255 
4 Hans Möller: Meine Stadt’am Knüll, hrsg. von der Stadt 
Schwarzenborn anläßlich der 650-Jahr-Feier, Schwar- 
zenborn 1979, S. 92 
5) ebda.. S. 99 
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