Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Als der Tod den Mann berührte, war er eine 
Frau. 
Als der Tod das Mädchen küßte, nannte man 
ihn Syphilis. 
Als der Tod den Deutschen führte, hieß er ihn 
Meister 
GM es den Deutschen im Tode? Solange 
es keine Deutschen, sondern nur Bay- 
ern, Schwaben oder Böhmen gab, beschrieb 
man in deutscher Sprache den Tod gerade so, 
als wollte er weder Bayern noch Schwaben 
oder Böhmen, und schon gar keine Deut- 
schen oder Franzosen oder Spanier kennen. 
Denn der Tod war ein großer Gleichmacher 
und grausamer Würger, gegen den jedes 
Herz sich aufzulehnen auch dann verpflichtet 
sei, wenn der Verstand die Eigenmächtigkeit 
des Todes insofern geradezu begrüße, als der 
Tod alle Menschen unabhängig von ihrem 
Stand, Rang und Namen gleichermaßen tref- 
fe. Was der Verstand der Lebenden niemals 
fasse (die Herrschaft der Grausamen; die 
Macht der Bösen; die Gewalt der Willkürli- 
chen), erweise der Tod ohnehin als bloße 
vorübergehende Anmaßung. Das Herz des 
Ackermanns aus Böhmen rebelliert noch ge- 
gen solche Tröstungen des Verstandes, ihm 
ist der Tod auf gar keinen Fall zu rechtferti- 
gen. Dann das Herz will nicht das ununter- 
scheidbare Alles, sondern nur das Einmalige 
und bestimmte Einzelne, die geliebte Frau. 
Die Herrschaft des Todes ist eine Perversion, 
der Schöpfung, des Auftrages Gottes, schreit 
der Ackermann sich selbst entgegen. 
War so um 1400 zu argumentieren eine 
deutsche Besonderheit? Eher schon Luthers 
brutale Aufforderung, die Toten ihre Toten 
gefälligst allein begraben zu lassen. Es gelte 
das Leben — den faulen Madensack des 
menschlichen Körpers überlasse man getrost 
den Säuen und der Soldateska. Luther führte 
wirklich einen makabren Totentanz auf, ein 
inneres Ballett der finsteren Gewalten, die 
den Menschen teuflisch aufblähen bis er 
platzt. Ein Vorgeschmack darauf, mitten im 
Leben, sind alle jene Grimmen des Leibes — 
vor allem des Unterleibes — auf die man nur 
kräftig furzen solle, soweit man kann. 
Diese grobschlächtige Distinktion von See- 
le und Madensack hatte Folgen für die Deut- 
schen! Obwohl Luther eigentlich gerade die 
Feier des Lebens befördern wollte, indem er 
empfahl, sich um das Häufchen Dreck und 
um die Qualen der Seele, den teuflischen Un- 
fug der Gewissensrechtfertigung nicht zu be- 
kümmern, beriefen sich nicht nur die meisten 
Schlächter auf seine Worte, sondern auch 
viele ihrer Opfer. Denn gemeinsam war ih- 
nen die überhöhte Geringschätzung des Lei- 
bes und seines Lebens; gemeinsam war Tä- 
tern und Abgetanen die irrwitzige Naivität, 
daß zum Beispiel die Gedanken frei seien, 
auch wenn der Denkende ‚in folternden Ket- 
ten liege. 
Wer dagegen wirklich bedeutende Erfah- 
rungen zu machen bereit war, dem nutzten 
diese Erfahrungen nichts mehr. Der 30-jähri- 
ge Krieg bot vor allem den Deutschen reich- 
lich diese Nichtgelegenheit. Der millionenfa- 
che Tod schuf damals die ersten wahrhaftigen 
Deutschen, prägte ihre Psyche, ihre Einstel- 
lungen zum Leben, zur Gemeinschaft, zur 
Macht, zur Politik — prägte sie bis heute. 
Denn seit damals deklariert, wer Deutscher 
ist, seine Unfähigkeit, Erfahrungen zu ma- 
chen, als besondere Prinzipientreue, als Hin- 
zabe an die Gesetze der unerbittlichen Me- 
chanik, die auch jenseits von Leben und Tod 
für anhaltende Bewegung sorgen. Seither 
rechtfertigt der Deutsche, ja adelt er noch das 
sinnloseste Menschenopfer als pflichtbewußt 
dargebrachtes Selbstopfer. Und ist nicht die 
Synthese von Täter und Opfer im Selbstopfer 
die einzige geniale Leistung des Deutschen 
als Nationalcharakter gewesen, die Einheit 
Bazon Brock 
Der Deutsche im Tode? 
von Verbrechen und Wohltat? Das wurde ei- 
ne genuine Bestimmung des Deutschen aus 
dem Tode. Die anderen, vor allem Engländer 
und Franzosen, dachten da anders. Bie lie- 
ßen auch im Umgang mit dem Tode nur Er- 
fahrungen zu, die nützlich waren. Deutsch- 
sein hieß später, Menschen um einer Idee 
willen umzubringen. Jenen anderen brachten 
Menschen höchtens um, weil sie deren Land 
oder Macht oder Geld störten und sie die ha- 
ben wollten. 
Für die Deutschen konnte dieser Humanis- 
mus kaum dazu beitragen, sinnlose Erfahrun- 
gen garnicht erst zu machen. Schon mit dem 
Einsetzen der Gegenreformation, erst recht 
nach dem 30-jährigen Krieg war der humani- 
stische Verweis auf die Natürlichkeit des To- 
des für Deutsche völlig unerfindlich. Natür- 
lich ist nur das Bedeutungslose, das Unerheb- 
liche und Selbstverständliche. Da aber der 
Tod die Deutschen gebildet, galt es mit allen 
nur erdenklichen Mitteln ihn zum Thema zu 
erheben. Der Tod ist das einzige Thema, zu 
dem die Deutschen wirklich etwas Einmali- 
ges, jenen anderen ganz Unverständliches ge- 
sagt haben. Und sie haben es ja nicht nur ge- 
sagt, beileibe nicht. Leider nicht. Aber schon 
die deutsche Poesie, Literatur, Philosophie, 
Asthetik und Geschichtsschreibung des To- 
des sind etwas ganz Einmaliges. Oder möchte 
jemand behaupten, er könnte, ohne poten- 
tiell Selbstopferer zu sein, auch nur Goethes 
Werther verstehen? Man hatte ihn eben nur 
verstanden, wenn man wie er zum Revolver 
griff. Wie er oder jener Kleist, der seine Kar- 
riere als Selbstopfer der gesellschaftlichen 
Gegebenheiten mit deutscher Naivität, also 
systematisch plante; der sie literarisch ent- 
warf und der dann seine Verliebtheit in den 
Tod mit „unaussprechlicher Heiterkeit” so 
feierte, wie andere ihr Selbstgeschriebenes zu 
Schulfesten aufführen. 
Welche Anmaßung, hätte der Ackermann 
gesagt. Welche UÜberheblichkeit, gegen die 
jedes Herz leidenschaftlich zu protestieren 
hat. Aber gerade am Herzen mußte es ja den 
Deutschen gebrechen, als den Geschöpfen 
des Todes. Sie bildeten sich mehr darauf ein, 
eiskalt und ohne Gefühlsduselei zu sein als 
die Franzosen auf ihr Descartes’sches Clare 
et Destincte. Ist das Lateinische nur die vor- 
nehme Version? Der Lateiner, der Italiener 
und Franzose deklariert mit Pathos besser als 
der Deutsche, aber er tut dann nur, was sich 
nun eben mal unter gar keinen Umständen 
vermeiden läßt. Diese Unzuverlässigkeit, 
diese Diskrepanz von Sagen und Tun, be- 
zeugt wirkliche Aufgeklärtheit, Bildung des 
Herzens eben! 
1944 wurde in Schleswig-Holstein folgen- 
des Abiturthema gestellt: „Hätte H. v. Kleist 
auch Selbstmord begangen, wenn er SS-Offi- 
zier gewesen wäre?” Natürlich nicht, denn 
dann hätte er eben ein Selbstopfer darge- 
bracht. Auf diesen Unterschied wollten die 
Notabiturprüfer hinaus, um die 17-jährigen 
auf den richtigen Weg ins Schlachtfeld zu 
bringen. Dabei bedienten sie sich augenzwin- 
kernd einer kleinen Unterstellung in guter 
Absicht: Derjenige hatte glänzend alle An- 
forderungen erfüllte, der zugleich nachwies, 
daß Kleist keinen Selbstmord beging, und der 
den Adel des Selbstopfers unter Hinweis auf 
Kleist’s Hermannsschlacht als „germanischen 
Tod” besang. Möller van den Bruck starb wie 
Kleist, galt es zu schreiben. Und der unger- 
manische Päderast und Staatsstreichler 
Röhm habe sich gerade dadurch als solcher 
erwiesen, daß er sich geweigert habe, sich 
selbst zu opfern. Statt dessen habe er jüdisch- 
feige gefordert, daß der Führer kommen sol: 
le, um ihn zu töten. Ein Nationalsozialist tö- 
tet nicht, sondern überzeugt sein Gegenüber, 
daß er es und es sich selbst zu opfern habe. 
Das ist der Humanismus der Deutschen, der 
grenzenlose, denn dasselbe sind Sich-Opfern 
und Geopfertwerden! 
Hat deshalb das Deutsche, obwohl sonst so 
reich an Unterscheidungsmöglichkeiten, in 
ein Wort zusammengeschmolzen, was etwa 
das Englische als victim und sacrifice unmiß- 
verständlich auseinanderhält? 
Wie das funktioniert? Das führen uns die pa- 
triotischen Sadisten, die Kleist oder Arndt 
oder Jahn oder Fichte oder Angehörige der 
intellektuellen Elite des Lützower Corps vor. 
Letztere durchtoste in ihren schwarzen Uni- 
formen mit Totenköpfen — (schließlich hat 
sich die SS nicht zu Unrecht auf sie als 
Stammväter berufen) — ein Selbstwertge- 
fühl, das ihnen 1806 der Nationalheld Körner 
so vorgedichtet hat: 
Heran, heran zum wilden Furientanze! 
Noch lebt und glüht der Molch! 
Drauf, Bruder, drauf mit Büchse, Schwert 
und Lanze, 
Drauf, drauf mit Gift und Dolch! 
Was Völkerrecht! — Was sich der Nacht ver- 
pfändet, 
Ist reife Höllensaat. 
Wo ist das Recht, das nicht der Hund geschän- 
det 
Mit Mord und mit Verrat? 
Sühnt Blut mit Blut! Was Waffen trägt, schlagt 
nieder! 
s’ ist alles Schurkenbrut! 
Denkt uns’res Schwurs, denkt der verratenen 
Brüder, 
Und sauft Euch satt in Blut! 
Und wenn sie winselnd auf den Knien liegen 
Und zitternd um Gnade schrein, 
Laßt nicht des Mitleids feige Stimme siegen, 
stoßt ohn’ Erbarmen drein! 
Und rühmen sie, daß Blut von deutschen Hel- 
den 
in ihren Adern rinnt: 
Die können nicht des Landes Söhne gelten, 
die seine Teufel sind, 
Ha, welche Lust, wenn an dem Lanzenkopfe 
Ein Schurkenherz zerbebt, 
Und das Gehirn aus dem gespaltnen Kopfe 
am blutgen Schwerte klebt! 
Welch’ Ohrenschmaus, wenn wir beim Sieges 
rufen, 
Vom Pulverdampf umqualmt, 
Sie winseln hören, von der Rosse Hufen 
Auf deutschem Grund zermalmt! 
Gott ist mit uns! Der Hölle Nebel weichen; 
Hinauf, du Stern, hinauf! 
Wir türmen dir die Hügel ihrer Leichen 
Zur Pyramide auf. 
Dann brennt sie an! — Und streut es in die 
Lüfte, 
Was nicht die Flamme fraß, 
Damit kein Grab das deutsche Land vergifte 
Mit Überrhein’schem Aas!' 
Oh, ewiges Deutschland! Die, die du heute 
wie eh und je deine edelsten Söhne, deine 
pflichtstrengsten Helden und den Glanz dei- 
nes Ruhmes nennst, haben tatsächlich zu al- 
len Zeiten wie Körner argumentiert und sich 
dabei offensichtlich vor dir nicht einmal bla- 
miert. Warum soll — fragt Körner — ein deut- 
scher Held auf Völkerrecht oder Straf- und 
Zivilrecht Rücksicht nehmen, wenn seine 
Feinde, die Hunde, doch ihrerseits das Recht 
geschändet haben? Daß der Held damit 
selbst zum Hund wird, kann er in seiner gren- 
zenlosen patriotischen Dummheit natürlich 
nicht verstehen. — Der deutsche Held ist den- 
noch ritterlich. Er schießt — nach Körner — 
nur den nieder, der Waffen trägt. Wenn der 
Waffenträger dann — unbewaffnet - „win- 
selnd auf den Knien liegt und zitternd um 
Gnade schreit”, wird er dennoch mitleidlos 
massakriert, auch, wenn der Feind glaubhaft 
machen konnte, daß er selber Deutscher sei
	        

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