Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

„Die können nicht des Landes Söhne gelten, 
die seine Teufel sind!” — also z. B Juden mit 
Eisernem Kreuz. 
Nein, die Exzesse der Einsatzgruppen, der 
SS, der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg 
sind keine einmaligen Entgleisungen der 
deutschen Geschichte, die aufs Konto von ein 
paar verbrecherischen Usurpatoren gehen. 
Wir haben das Schlachten — zumindest schon 
seit Luthers, gewiß seit Körners Tagen — für 
gedichtfähige Taten, für lob- und preiswür- 
dig, gehalten. 
Welche KZ-Poesie schon zur Hochblüte 
der deutschen Dichter und Denker: „Welche 
Lust, wenn das Gehirn aus dem gespaltenen 
Kopfe am blutgen Schwerte klebt!” Hauptsa- 
che, „Gott ist mit uns”! Dann schichten wir, 
sternenüberstrahlt, Leichen zu Pyramiden 
auf und brennen sie an, daß sie im Schlote 
nur so qualmen. 
„Wir fühlen tief die Notwendigkeit solcher 
Opfer!” — Dieser beständige Tenor von To- 
desanzeigen zwischen 1806 und 1945 machte 
die einzige Wahrheit vernehmlich, die tat- 
sächlich den Toten gilt. Sie brauchte nicht 
einmal die kultische Opferhysterie der Müt- 
ter und die Verschlagenheit des Vaterstolzes 
zu fürchten. Väter, Mütter (die angeblichen 
Bewahrerinnen des Lebens), Söhne, und seit 
1939 Frauen und Töchter, Opfer und Täter, 
Militärs und Zivilisten sahen es als höchste 
Erfüllung ihres Lebens an, jene Notwendig- 
keit ins Werk zu setzen. 
Daß der Tod durch Selbstopfer die Deut- 
schen gebildet, darf uns nicht daran hindern, 
mit diesen Opfern zu rechten. Verschlagen 
oder treu-deutsch — in jedem Fall hat man 
darauf spekuliert, daß es allgemein als un- 
würdig gilt, über die Toten etwas Wahreres 
als bloß Gutes zu sagen. Die Kritik, die Ana- 
lyse, der historische Vergleich, das Denken 
in Alternativen würden sich also gegenüber 
den Selbstopfern ganz ohne äußeren Zwang, 
ohne äußere Zensur verbieten. Bisheriger 
Höhepunkt dieser Perversion des Würdepa- 
thos ist die Mahnung, über die deutschen Ju- 
den doch bitte nur noch Liebenswertes zu sa- 
gen, da sie ja nun einmal fast alle tot seien, 
und über diejenigen, die sie „pflichtgemäß” 
getötet hätten, gar nicht erst zu sprechen, da 
sonst die bemerkenswerte Widerstandslosig- 
keit, ja Bereitschaft zur Sprache kommen 
müsse, mit der die Juden sich hätten opfern 
lassen. 
In unserem Jahrhundert sollte man jeden 
Anlaß meiden, bei dem man über die Toten 
etwas Gutes zu behaupten hätte — ihr Zu- 
stand könnte allzu verlockend erscheinen. 
Wer nur dem Toten gewährt, was er dem Le- 
benden auf’s Grausamste vorenthält oder 
entreißt, überzeugt ohne große Mühe, daß 
tot zu sein ein Vorzug ist. Der Tod durch 
Selbstopfer war für die Deutschen sehr häufig 
der einzige aussichtsreiche Weg in ein erfüll- 
tes Leben. Als allgemein menschlich ver- 
ständlich könnte man akzeptieren, daß sich 
jemand aus Angst vor dem Tode umbringt. 
Der Deutsche dagegen (selbst als ein sozial- 
demokratischer Bundeskanzler) mockiert 
sich höhnisch über derart Menschliches; er 
opfert sich aus Liebe zum Leben, weil der 
Tod der einzig sichere Garant eines erfüllten 
Lebens ist. 
Die deutschen Dichter, Denker, Staats- 
männer, Künstler und vor allem die deut- 
schen Ordinarien malten in so unendlich gro- 
ßer Zahl diesen Zustand für die von ihnen als 
Selbstopfer so geschätzten Brüder und 
Schwestern aus, daß die Aufzählung der Auf- 
klärer, der Humanisten und Widerständler 
unter Deutschlands Geisteshelden über das 
gute Drei-Dutzend kaum hinauskäme (nur 
teilweise schwach Gewordene wie Jean Paul 
oder Thomas Mann schon mitgerechnet). 
Gegen Goethe oder gegen Böll: immer wird 
das gleiche vernichtend gemeinte Dictum ge- 
schleudert, daß diese Herren doch nur aus 
Feigheit klug seien — vielmehr klügelten; nur 
aus Egoismus vernünftelten; nur human zu 
sein vorgäben aus Mangel an natürlichen In- 
stinkten; friedensselig seien durch Verlust ih- 
res kreatürlichen Willens zur Macht. 
Selbstverständlich hat es in dieser durchge- 
henden, reichen und fast ausnahmslosen 
Selbsthuldigung aller deutschen Stände (Arz- 
te und Richter vorweg) und aller Ränge (Ar- 
beiter der Faust und Arbeiter der Stirn) im- 
mer wieder Höhepunkte des Deutschseins, 
also der Todessehnsucht und des Todeskultes 
gegeben. Den bisher nachhaltigsten und 
Jüngsten versuchen wir gerade aus gegebenen 
Anlässen feiernd zu vergegenwärtigen; zum 
einen begann vor 50 Jahren der letzte Akt der 
deutschen Geschichte, zum anderen verlangt 
man uns gegenwärtig ganz ungeniert ab, 
Rollentexte dieses Dramas mitzusprechen. 
die uns merkwürdig bekannt vorkommen. 
Ob da heutige Autoren bei Hitler oder Bis- 
marck oder Körner abgeschrieben haben — 
oder ob nur das Ende aller Dramen stets das 
gleiche ist? Deshalb zunächst ein Hinweis auf 
eine besonders schöne Abschreibvorlage, 
und dann ein Blick auf die gegenwärtig vor- 
gelegten Exposes für den Schluß des letzten 
Aktes unserer Geschichte. 
Die Abschreibvorlage 
Bei aller gebotenen Zurückhaltung läßt sich 
behaupten, daß der totale NS-Staat nichts an- 
deres als eine besonders vollständige, gerade- 
zu minutiöse Verwirklichung der zuvor von 
Künstlern und Wissenschaftlern aller Sparten 
ausgedachten Konstrukte des Deutschseins 
gewesen ist. Verwirklichte Literatur, sozusa- 
gen. Von Hitler ist überliefert, daß er mit 
glaubhaftem Unverständnis gefragt habe, 
warum eigentlich alle die großen Geister 
plötzlich von seinem Handeln unangenehm 
überrascht zu sein behaupteten — jetzt, da er, 
Hitler, genau das ausführe, was sie immer 
schon in ihrem Dichten und Trachten“ so 
selbstherrlich gedacht und bebildert hätten. 
Hitler hatte insoweit ganz recht! Alle Pro- 
grammatiken der Nazis stammen bis ins ein- 
zelne aus deutschen Universitäten, Ateliers. 
Dachkammern und aus deutschen Festspiel- 
häusern. Zum Teil wurden sie seit gut 100 
Jahren unbeanstandet — höchstens Diskus- 
sionen auslösend — aufgeführt, ausgestellt 
und disputiert. Um daraus etwas wahrhaft 
Deutsches und damit auf der Welt Einmali- 
ges zu machen, fehlte bis dahin nur jemand. 
der mächtig genug war, diese Spekulationen, 
Fiktionen, diese Märchen und Philosophien 
ganz eindeutig zu verstehen und mit ihnen 
endlich ernst zu machen — also über sie nicht 
nur zu reden, sondern nach ihren Vorgaben 
auch zu handeln. Das taten die Nazis und 
scheinen darin selbst für den Bundesrepubli- 
kaner das Beispiel glaubhafter Politiker. 
Für diese Vorbildlichkeit der Nazis ein 
auch hier wiederum harmloses Beispiel der 
Maxime „Gesagt - getan”. 
Es besteht kein Zweifel, daß Hitler die gro- 
ßen Kultfeiern des Regimes als unmittelbare 
Umsetzungen Wagner’scher Weihefestspiele 
in gesellschaftliche Realität verstand. 
Er träumte nicht nur wie jeder sensible und 
begabte Jüngling davon, an die Stelle der ge- 
schauspielerten Imperatoren echte Herrscher 
zu setzen, die ein Schauspiel geben; statt ei- 
nes ’Häufleins dilettantischer Statisten und 
Choristen abertausende wirklicher Menschen 
agieren zu lassen; statt phantastischer Büh- 
nenkostüme echte Uniformen, statt gemim- 
ter Toter echte Leichen, statt der Auffüh- 
rungszeit die Realzeit einzusetzen. 
Er träumte nicht nur davon, sondern ver- 
wirklichte seinen Traum; eine Absicht,. die 
dem Volke einleuchtete, weil es ja auch das 
individuelle Leben als zielstrebige, entbeh- 
rungsreiche Verwirklichung des Traums vom 
Glück versteht. Vergeblich hatten Fontane, 
einer jener wenigen Humanisten, dem Deut- 
schen bedeutet; „Wenn du die Sehnsucht 
hast, so hast Du alles”. Das Volk und seine 
Führer kannten nur zu gut die Sehnsucht; 
aber sie wurde ihnen erst als Handlungsanlei- 
tung für ihre Erfüllung verbindlich. 
Bis in die Kriegszeit hinein nahm Hitler an 
den Bayreuther Festspielen teil. „Immer, 
wenn in Bayreuth die Götterburg unter musi- 
kalischem Aufruhr brennend in sich zusam- 
menstürzte, ergriff Hitler im Dunkel der Lo- 
ge die Hand der neben ihm sitzenden Frau 
Winnifred und verabreichte ihr bewegt einen 
Handkuß”, schreibt Fest unter Berufung auf 
Speer. Hitler bekannte, daß Richard Wagner 
der einzige Vorgänger gewesen sei, den er 
akzeptieren könne. Auf den Reichsparteita- 
gen in Nürnberg wurden die versammelten 
Funktionäre sogar per Erlaß zur Teilnahme 
an den Aufführungen von Wagners „Meister- 
singern” verpflichtet. Die Versatzstücke der 
NS-Ideologie wimmeln von Wagner’schen 
Bildern, die allerdings zur Beschreibung des 
NS-Weltbildes uminterpretiert werden muß- 
ten. 
Zwar haben Hitler und Goebbels die 
Strukturierung des Jahreszyklus bewußt in 
Parallele zum christlichen Kalender entwor- 
fen und sich dabei auch der Pathosformeln 
des christlichen Kultus bedient; aber die Um- 
wandlung des christlichen Kultus in national- 
sozialistischen Ritus erfolgte weitgehend in 
der Weise, in der Wagner den christlichen 
Kult für seine Bühnenstücke ausbeutete. 
Als Beispeil für die Umsetzung, Verwirkli- 
chung, Erfüllung künstlerischer Konzepte als 
NS-Strategie wählen wir die seit 1935 immer 
nach demselben Schema ablaufende Feier zur 
Erinnerung an den Marsch zur Feldherrnhal- 
le in München am 8./9. November 1923. Was 
Wagner auf der Bühne — zum Beispiel im 
„Ring des Nibelungen”, vor allem in „Götter- 
dämmerung” — musikdramatisch als Ge- 
samtkunstwerk realisiert, sollte als faktische 
Gegebenheit im Leben der Volksgenossen 
zum Ausdruck gebracht werden, nämlich als 
Antwort auf die Frage, in welchem Verhält- 
nis Leben und Tod der Individuen wie der 
völkischen und nationalen Gemeinschaften 
ständen; welcher Zusammenhang im welthi- 
storischen Prozeß zwischen Vernichtung und 
Schöpfung, zwischen Untergang und Aufer- 
stehung bestehe. Unausweichlich ist ja für In- 
dividuen wie für Kollektive, daß sie zum To- 
de, zum Untergang bestimmt sind. Das un- 
ausgesprochne Vorbild für die Klärung dieses 
Zusammenhangs liegt auch für Wagner in der 
Theologie des Kreuzestodes Christi, der ja 
die Voraussetzung für Auferstehung, also für 
das eigentliche, verheißene Wunder des 
Glaubens ist. 
Um den ethischen Konsequenzen des 
christlichen Glaubenswunders zu entgehen, 
weil mit ihnen keine Totaltheater und kein 
totaler Staat zu machen ist, verlagerten die 
Nationalsozialisten — wie Wagner — das Bei- 
spiel des von ihnen zu erzwingenden Glau- 
benswunders in die vorchristliche bzw. ger- 
manische Antike zurück. Dabei kam ihnen 
die wissenschaftliche Spekulation zugute, 
daß die Dorer — wie die Germanen — Arier 
gewesen sein könnten, und daß erst durch die 
Einwanderung der Dorer nach Griechenland 
jene Kultur geschaffen worden ist, welche als 
„die” Antike aller christlichen Kultur zu 
Grunde liegt. 
Man glaubte zu wissen, daß die weltschöp- 
ferische Kraft des antiken Menschen eben in 
seiner Bereitschaft zum Selbstopfer begrün- 
det war. Der Einzelne sei bereit gewesen, 
sich selbst zu opfern, weil ihm von den Mit- 
gliedern seiner Polis, seines Sozialverbandes, 
die Garantie gegeben wurde, unsterblich zu 
werden. Und das nicht durch eine Verhei- 
Bung auf jenseitiges Leben — (ganz im Ge- 
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