Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

sine naturhaft-mythische Dimension gerückt 
werden kann, die sich völlig einer rationalen 
Meßbarkeit und Beurteilung entziehen sollte. 
Dadurch gewinnt sie erst ihren Schein von 
Ewigkeit, der sie im Gegensatz zu der aus ra- 
ionalen Einsichten resultierenden funktiona- 
istischen Architektur zu einem Kunstwerk 
adelt“. Die Unveränderlichkeit und Dauer- 
ıaftigkeit des Herrschaftssystems muß sich 
iso in der zum Kunstwerk erhobenen Archi- 
ektur widerspiegeln. Boullee sah in der unge- 
eilten Fläche und in der reinen geometrischen 
orm die Möglichkeit der Architektur ihre 
‚immutabilite“ zu sichern. Der NS-Architek- 
ur wird sie garantiert einmal durch eine Na- 
ursteinmauerwerk - der Granit besitzt dabei 
lie höchste Wertigkeit, da er am besten geeig- 
ıet ist, das „Wehrmäßige zu versinnbildli- 
hen“ (H. Schrade). Das Natursteinmauer- 
verk setzt nämlich gewissermaßen als Ge- 
vachsenes und damit Naturbedingtes Selbst- 
erständnis voraus und stützt die Aura von 
nzerstörbarkeit. Ferner wird durch die Pro- 
ks: Albert Speer: Das Zeppelinfeld auf dem Reichspartei- 
ggelände in Nürnberg. aus: Die Baukunst, 1943 
schts: Berlin, Olympiastadion während der Olympiade, 
\“arathontor und Glockenturm, Bildarchiv Foto Marburg 
1ten: Berlin, Olympiastadion während des Festspiels: 
vmpische Jugend. aus: XI. Olympiade Berlin 1936. 
“mütlicher Bericht 
jektion archaischer, germanisch-mythischer 
und klassızistischer Würdeformen auf eine 
zweckgebundene Architektur diese in eine hi- 
storische Dimension gerückt, so daß sie zu 
einer gefälschten Urkunde wird, die usurpier- 
te Privilegien für die Nachgeborenen sichern 
soll. 
Aus diesen Erwägungen heraus wird die 
Kritik des NS-Regimes an den Architektur- 
vorstellungen des Bauhauses verständlich: Die 
aus soziologischen und rationalen Einsichten 
resultierende funktionalistische, Mobilität 
sichtbar machende Architektur hätte ja die 
Möglichkeit der Veränderbarkeit einer herr- 
schenden Gesellschaftsschicht signalisieren 
können.!* So blieb die Etablierung funk- 
tionalistischer Formen und technisch fort- 
schrittlicher Baumaterialien wie Stahl und Be- 
ton auf den Industriebau beschränkt, der nach 
1933 zum Rückzugsgebiet für aus dem Bau- 
haus hervorgegangene Architekten wird.!5 
Eine andere Ursache hatte die reduzierte Ver- 
wendung der neuen Baumaterialien vor allem 
aber auch in einer durch das autarke Wirt- 
schaftssystem geschafenen Zwangssituation. 
Sie wurde kompensiert durch ein sich macht- 
voll gebärende NS-Architektur mit ihrer 
hypertrophen Steinnatur, den megalomanen 
Dimensionen, den archaischen und klassizisti- 
schen Würdeformen und ihrer brutalistischen 
Blockhaftigkeit, eine Zwangssituation, die um 
der Erhaltung der bestehenden gesellschaftli- 
chen Verhältnisse willen nur durch einen 
Krieg aufgehoben werden konnte. 
Anmerkungen 
1) Siegfried Kracauer, Ginster, Suhrkamp-Bibliothek, 
Frankfurt/M. 1963, S. 128. 
2) Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner 
technischen Reproduzierbarkeit, Edition Surkamp 28, 
Frankfurt/M. 1963, S. 51. 
3) Emil Kaufmann, Von Ledoux bis le Corbusier, Ur- 
sprünge und Entwicklung der autonomen Architektur, 
Wien, Leipzig 1933. 
Nicolaus Pevsner, Geschichte der Europäischen Archi- 
tektur, München 1957, S. 685. 
Etienne Boullee, Architecture-Essi sur Vlart, edit. 
J.M. Perouse de Montclos, Paris 1968. 
Paul Josef Cremers, Peter Behrens, Sein Werk von 
1909 bis zur Gegenwart, Essen 1928, S. 21. 
Albert Speer, Erinnerungen, Frankfurt 1969, S. 71. 
Ernst Jünger, Der Arbeiter, Herrschaft und Gestalt, 3 
Aufl., Hamburg 1932, S. 13. 
Hubert Schrade, Bauten des Dritten Reiches, Leipzig 
1937, S. 19. 
Der Vergleich zwischen den beiden Pfeilerhallen mac! 
trotz der Übereinstimmung im Typus doch wesentliche 
Unterschiede deutlich. Das Kant-Grabmal zeigt noch 
die Bindung an die Pergola-Architektur des Jugendstils 
(frdl. Hinweis von Winfried Ranke). Die Münchener 
Ehrentempel haben ihre Vorstufen in bestimmten Ent- 
würfen zum Bismarck-Denkmal bei Bingen, das zum 
100. Geburtstag des Gefeierten vollendet werden sollte. 
Darüber hinaus findet sich eine interessante Analogie 
in einer Grabmalstudie von Friedrich Gilly. Auch sind 
dimRelationen zu der als Ehrenmal umgestalteten 
Schinkelschen Namen Neuen Wache in Berlin nicht zu 
übersehen. 
11) Schrade a.a.O., S. 13. 
12) I. Olympiade Berlin 1936. Amtlicher Bericht, Bd. 1, 
S. 577ff. Franz-Joachim Verspohl: Stadionbauten von 
der Antike bis zur Gegenwart / Regie und Selbsterfah- 
rung der Massen, Gießen 1976, S. 238ff. 
Friedrich Tamms: Das Große in der Baukunst, in Die 
Baukunst - Die Kunst im eutschen Reich, März 
1944, S. 60. Dieser Aufsatz ist in veränderter Form wie- 
derangedruckt in Friedrich Tamms: Von Menschen, 
Städten und Brücken, Düsseldorf 1974, S. 121ff. 1974 
liest man folgenden angepaßten Text: So läßt sich das 
Gesetz des geschichtlich Großen, das immer und in al- 
len Teilen eine männliche Angelegenheit gewesen ist, zu 
einem klaren Begriff zusammenfassen: Es muß streng 
sein, von knapper, klarer, ja lapidarer Formgebung. Es 
muß einfach sein. Es muß den Maßstab des »an den 
Himmel Reichenden« in sich tragen. Es muß über das 
übliche, dem Nutzen entlehnte Maß hinausgehen. Es 
muß aus dem Vollen gebildet sein, fest gefügt und wie 
für alle Zeiten gebaut. Es muß im praktischen Sinn 
zwecklos, dafür aber Träger einer Idee sein. Es muß et- 
was Unnahbares in sich tragen, das die Menschen mit 
Bewunderung, aber auch mit Scheu erfüllt. Es muß un- 
persönlich sein, weil es nicht das Werk eines einzelnen 
ist, sondern Sinnbild einer durch ein gemeinsames 
Schicksal verbundenen Gemeinschaft. Seine Form er- 
hält dadurch zwar etwas Sprödes, das sich nicht ohne 
weiteres erschließt; aber gerade darin liegt auch seine 
Stärke, in der damit verbundenen Frische und Unbe- 
kümmertheit und in der instinktiven Zielsicherheit. Es 
hat nicht die überlegene Sicherheit einer hochentwik- 
kelten Kulturepoche; es ist eher rauh als angenehm, 
eher mutig als formsicher, aber es ist stark und zu- 
kunftsträchtig, nicht immer feinfühlend, aber vital, 
stets großartig, schwungvoll und lebensvoll. So muß es 
nicht von Anfang an Vollendung sein. Stets ist es aber 
ein entscheidender Beginn. Es ist das Kraftzentrum, 
von dem aus alles übrige Leben fließt. So steht es in- 
mitten des Kleinen, inmitten einer Umgebung, die das 
Alltägliche darstellt, das aus dem Gropen lebt. 
14) Um einem leicht sich einstellenden Mißverständnis vor- 
zubeugen, muß darauf hingewiesen werden, daß auch 
funktionalistische Architektur Manifestation von 
„Macht“ sein kann. Die Nachkriegsarchitektur macht 
dies allzu deutlich. Vgl. dazu Theodor W. Adorno 
Veblens Angriff auf die Kultur, in Prismen 1955, 
969, S. 89ff. So lösen die Turmbauten der Geisteswis- 
senschaftlichen Fakultät der Marburger Universität 
Assoziationen an monumentale Bastionsarchitekturen 
aus. Wissenschaft versinnbildlicht sich als Festung. 
15) Roland Günter, Zu einer Geschichte der technischen 
Architektur im Rheinland, in Beiträge zur rheinischen 
Kunstgeschichte und Denkmalpflege, 1970, S. 364
	        

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