Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Damit waren die Auseinandersetzungen 
aber noch nicht beendet. Jetzt entstand eine 
neue Konkurrenzsituation zwischen Volks- 
bund und Generalbaurat, die schließlich im 
Spätjahr 1944 zu einer Krise führte. Den 
Kern des Streits bildeten teils Differenzen 
über baukünstlerische Fragen, die durch 
Kreis’ Kritik an Tischlers Entwurf für den 
Ekeberg bei Oslo entstanden,” teils der bei- 
derseitige Versuch, bei der Gesaltung von 
Kriegsgräberstätten das Monopol zu bekom- 
men.” Auf Wunsch des Generalbaurats soll- 
te ihm der Volksbund unterstellt werden. 
Der VDK hingegen suchte seine Kompeten- 
zen zu behalten, indem er bei der Wehrmacht 
blieb. Gegen seine geplante Auflösung argu- 
mentierte er damit, er habe ein großes Ver- 
einsvermögen zu verwalten und sei mit dem 
begonnenen Ausbau der Kriegsgräberstätten 
noch nicht fertig.” Bevor eine Entscheidung 
fiel, war der Krieg zu Ende. 
Der Vergleich der unausgeführten Projek- 
te des Generalbaurats mit den Friedhöfen Ti- 
schlers zeigt, daß sich Kreis bei den geplanten 
zentralen Ehrenmalen an Tischlers Toten- 
burgen orientierte, daneben aber Grabzei- 
chen für Einzelgräber entwarf. Noch 1944 pu- 
blizierte er Entwürfe, die eine Kombination 
des Eisernen Kreuzes mit dem Hakenkreuz 
zeigen.“ 
Tischlers Totenburgen aus den Dreißiger 
Jahren, von denen rund ein Dutzend errich- 
tet wurde, wecken alle den Eindruck trotzi- 
ger Wehrbauten.“” Teils erinnern sie mehr an 
mittelalterliche Burgen, teils mehr an Bunker 
des 1. Weltkriegs bzw. Bauten des Westwalls. 
Der darin erinnerte Personenkreis erstreckte 
sich auch auf Gefallene der Freikorps und der 
nationalsozialistischen Bewegung während 
ihrer sog. ’Kampfzeit’ vor 1933. Das Reper- 
toire der Motive ist rasch abgesteckt. Mehr- 
fach kamen Monumentalplastiken trauernder 
Kameraden vor. Symbolische Skulpturen 
verkörperten z.B. das seit 1933 im National- 
sozialismus wiedererwachende Deutschland. 
Die Hoheitssymbolik des Reichs — Adler 
und Hakenkreuz — kam immer wieder vor. 
Die Innenräume waren entweder als Lichthö- 
fe oder als Krypten gestaltet. Die Krypten 
hielt Tischler bewußt dunkel, um den Cha- 
rakter eines Weiheraums zu erzeugen. Ker- 
zenlicht und Feuerschalen weckten einen fei- 
erlichen Eindruck und symbolisierten die 
Flamme der Begeisterung. In einigen Fällen 
stand im Zentrum ein Block, — eine Mi- 
schung aus Altar und Sarkophag — in ande- 
ren klassizistische Motive, wie z.B. eine Säu- 
le. Mehrfach kamen Mosaiken vor. Außen 
also Trutzburg, innen Sakralraum. 
Die in dieser Funktionsverteilung beab- 
sichtigte Wirkung auf den Betrachter läßt 
sich am Beispiel des Freikorpsehrenmals von 
Annaberg in Oberschlesien nachvollziehen. 
Eine geplante Autobahnlinie wurde eigens 
300 m weiter weg gelegt, um den Sakralcha- 
rakter nicht zu stören. Ein Rastplatz an der 
Autobahn lud ein, eine patriotische Pilgerrei- 
se zu unternehmen, deren Anmarsch zehn 
Minuten dauerte. Die umliegende Land- 
schaft war unter Naturschutz gestellt worden, 
um durch eine zwar heimische, aber doch 
künstlich gewählte Bepflanzung den Ein- 
druck des Besuchers zu programmieren. Der 
enge Eingang, den Tischler auch bei den Hel- 
denhainen regelmäßig wählte, zwang den Be- 
sucher, nicht in einer Gruppe, sondern ein- 
zeln einzutreten und sich auf das bevorste- 
hende Erlebnis zu konzentrieren. Ein auslie- 
gendes Führungsheftchen forderte zu pietät- 
vollem Schweigen auf. Im Innern empfing 
den Pilger ein stimmungsvolles Zwielicht. 
Ein Oberlicht in der Mitte zog den Blick zum 
Himmel. Darunter folgten in der ED 
ke abgestufte Mosaiken: oben nahe beim 
Oberlicht waren sie aus Gold, weiter unten 
aus marmor gefügt. Zu besonderen Anlässen 
wurden Kerzen angezündet. Um den Weihe- 
raum standen in elf Nischen die Sarkophage 
der Freikorpskämpfer. Als Material wählte 
man Porphyr, eines der härtesten Gesteine, 
um den Trotz und Kampfeswillen der Toten 
zu symbolisieren. Auf den Sarkophagen war 
in Bronzebuchstaben Deutschlands Ge- 
schichte von 1914 bis 1933 festgehalten. Sie 
fand ihr Ende und ihre Krönung in der Mitte 
des Raums. Eine Porphyrskulptur des 
Münchner Bildhauers Schmoll gen. Eisen- 
werth verkörperte das ’Geburtsjahr des neu- 
en Deutschlands’ 1933. Dargestellt war das 
wiedererwachende Deutschland als ein sich 
aufreckender nackter Kämpfer. Das Schwert 
zu neuem Kampf im Schoß, hob er sein 
Haupt zum Oberlicht im Scheitelpunkt der 
Kuppel, in dem ein strahlendes Hakenkreuz 
angebracht war. Um das Hakenkreuz ver- 
sammelten sich in der Kuppel vier Adler: sie 
deuteten die vier Himmelsrichtungen an, in 
denen sich das _nationalsozialistische 
Deutschland ausdehnen bzw. zu Weltgeltung 
durchsetzen wollte. Die beschriebene Trutz- 
burg wurde durch eine Thingstätte am Fuß 
des Ehrenmals ergänzt. Die hier aufgeführ- 
ten Thingspiele nahmen Bezug zu den Vor- 
kämpfern des nationalsozialistischen 
Deutschland.“ 
Einen Sonderfall in der Volksbund-Archi- 
tektur bildet das Hans-Mallon—-Ehrenmal 
auf Rügen. Es diente dem Gedächtnis eines 
zum Märtyrer stilisierten Hitlerjungen. Deut- 
licher als andere Bauten nahm es Formen 
einheimischer, als germanisch geltender Ar- 
chitektur auf. Der Bautyp griff auf lokale 
Bauernhäuser zurück. Details, wie die Türen 
mit Buckelschilden und ein riesiger Findling 
im Innern, wiesen in die germanische Ver- 
gangenheit. Vor dem Ehrenmal lag ebenfalls 
eine Versammlungsstätte, vor der Märsche 
der Hitlerjugend ausgingen.*) 
Schon unmittelbar nach Ende des 2. Welt- 
kriegs erwachte der Volksbund zu neuer Ak- 
tivität. Die früheren Schwierigkeiten mit der 
NSDAP ließen sich jetzt gut vermarkten. Es 
begann die Epoche der Verdrehungen und 
Entstellungen der eigenen Vergangenheit. 
Z.B. heißt es in einem Schreiben des frühe- 
ren stellvertretenden Bundesführers Zim- 
mermann vom Juli 1945: 
„Der Volksbund D.K. ... hat sich seit seiner Gründung aus- 
schließlich seinen ethischen Aufgaben gewidmet und ist 
wiederholt den oft sehr dringlichen Versuchen der NSDAP, 
den Volksbund nach dem Beispiel anderer Verbände sich 
einzugliedern, immer energisch und mit Erfolg entgegen 
getreten. Er kennt aus seiner Tätigkeit die Not, die zwei 
schwere Kriege über das deutsche Volk gebracht haben und 
sieht seine Aufgabe darin, im Geiste des Antifaschismus 
daran mitzuwirken, das Elend künftiger Kriege zu vermei- 
den... ” 
Klammheimlich revidierte der Volksbund 
seine eigene Satzung, schaffte das Führer- 
prinzip wieder ab und kehrte zum Modell von 
1919 zurück.“ Durch seine neuerliche rasche 
Anpassung lieferte der Verein das erstaunli- 
che Phänomen einer Kontinuität, die alle 
Krisen und politischen Wandlungen bis heute 
erfolgreich überstand. Robert Tischler blieb 
von 1926 an Chefarchitekt bis 1959, dem Jahr 
seines Todes. Bundesführer Eulen starb zwar 
im Januar 1945 als Soldat an den Folgen einer 
Verwundung;*? doch übernahm seine Frau 
Christel Eulen die Funktion des Schriftfüh- 
rers im Vorstand und bekleidete sie bis 
1970.‘ Der erwähnte ’Bundesamtsführer’ 
Otto Margraf wurde von 1949 bis 1960 Gene- 
ralsekretär.“” Die Reihe der personellen 
Kontinuitäten ließe sich noch lange fortset- 
zen. Im Prinzip änderte sich an der personel- 
len Struktur nur insofern etwas, als man sich 
einen möglichst unbescholtenen Präsidenten 
als Aushängeschild suchte.“ Traditionsbe- 
wußtsein gegenüber der eigenen Vergangen- 
heit bewies der Verein durch die Stiftung der 
’Siegfried-Emmo-Eulen-Plakette’ im Jahr 
1952, der höchsten Auszeichnung, die der 
Präsident für 25jährige Mitarbeit im Volks- 
bund von da an verlieh. Sie trägt das Porträt 
des Gründers.“” 
Zum großen Erfolg in der Werbung der 
Nachkriegszeit wurden die seit 1952 veran- 
stalteten ’Jugendlager’, bei denen inzwischen 
über eine Million Jugendliche gegen einen 
Unkostenbeitrag einige Wochen auf einem 
Friedhof unbezahlte Arbeit leisten. Dabei 
setzte der VDK fort, was die Hitlerjugend 
1941 begann. Damals nämlich hatte die HJ 
für die Dauer des Kreigs die Betreuung der 
Soldatengräber mit allen Aufgaben über- 
nommen. 
Eine chrakteristische Totenburg des VDK entstand am 
Pordoi-Joch 1939-43. In ihrem Innern trauerten zwei aus 
Stein gemeißelte Soldaten um den Verlust ihrer Kameraden. 
Feuerschalen symbolisierten in der Halle die brennende 
Flamme der Erinnerung und Begeisterung. 
GR
	        

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