Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

„Über das Maß der Anpassung an Bestehendes und an den 
allgemeinen Baucharakter von Stuttgart sind die verschie- 
densten Vorschläge gemacht worden. Manche der Ideen 
und Tendenzen können das Programm des Aufbaus der 
Stadt bereichern. Sie beweisen, daß vieles, wenn nicht al- 
les, möglich ist. Man wird sich entscheiden müssen!” 
Damit schienen sich die Preirichter mehr 
Mut zusprechen zu wollen, als sie angesichts 
der Ergebnisse des Wettbewerbs aufbringen 
konnten: Ein erster Preis wurde garnicht erst 
vergeben, und die Begründung für die drei 
zweiten Preise scheint von Unsicherheiten 
geprägt. So wird beim erstgenannten Prei- 
sträger die „städtebauliche Aufteilung” ge- 
lobt und hervorgehoben, sie bringe „eine 
Fülle von Gedanken”. Sie vereint in neuer 
Weise den Giebelhauscharakter für das Inne- 
ve mit modernen Bauabsichten in den Haupt- 
geschäftsstraßen der Übrigen Stadt.” 
Tatsächlich zeigt die mit dem 2. Platz ausge- 
zeichnete Arbeit von Karl und Elisabeth 
Gonsar®” die Königstraße in der Mitte der 
Stadt als imposante Flucht demonstrativ 
großstädtischer Bauten; in einer Ansicht 
vom Marktplatz her bildet die Oberkante 
dieser Bauten einen hohen Rahmen über den 
niedlichen Giebeldächern von Bürgerhäu- 
sern, die in lockerer Reihung eine Marktidyl- 
le umgeben. 
Am Plan des nächsten Preisträgers” wurden 
die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten 
gelobt, die er gestattet: 
‚Der Plan zeigt weniger ein Schema als die Variationsmög- 
lichkeit einer Bebauung, wie sie im Lauf der Jahre durch 
spezielle Aufgaben sich entwickeln könnte.” 
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Ein zweiter Preis im Experten- 
wettbewerb: Zur Achse der 
Königstraße hin eine architekto 
nische Großform ... 
... hinter dem Wall: Giebel- 
ständiges und Bodenständiges 
(Karl und Elisabeth Gonser) 
Ein dritter Preis: 
Die Aktualität der Prä-Moderne 
Fast in Kontrast dazu wird beim dritten 2. 
Preis festgestellt: 
„Die städtebauliche Idee der Arbeit wird durch den Bauge- 
danken der Rathauserweiterung bestimmt. Der neue Rat- 
hausbau beherrscht den Plan, er schiebt sich vor bis zur 
Hauptstädter Straße und bildet an dieser mit der vorgese- 
henen Grünanlage den Teil einer neuen Stadt am Südost- 
rand der Altstadt.” 
Tatsächlich scheint alles möglich und die 
Entscheidung schwer gewesen zu sein: Ne- 
ben sechs dritten Preisen folgen neun An- 
käufe, unter denen einmal ein moderner 
Hochhausturm, ein anderes Mal das boden- 
ständige Bauen favorisiert wird: 
„Die Arbeit ragt nur durch die Schaffung bemerkenswerter 
Geschäftshaustypen auf der Giebelhausgrundlage ohne fal- 
sche Romantik vor. Der Bebauungsvorschlag ist ungenü- 
gend 
Zu einem letzten Ankauf heißt es sogar: 
„Der architektonische Vorschlag zu den Ge- 
schäftshaustypen entspricht nicht dem süd- 
deutschen und schwäbischen Charakter” — 
was-.in diesem Fall den Autor besonders ge- 
schmerzt haben könne, handelt es sich bei 
Professor Tiedje doch um einer jener TH- 
Professoren, die vor und nach 1945 die perso- 
nelle Kontinuität der Stuttgarter Schule'® 
wahren konnten. 
Mit den Kommentaren zu den ausgezeich- 
neten Arbeiten ist indes nur ein kleiner Kreis 
von Entwürfen gehobener Qualität ange- 
sprochen. Einhunderundzwölf Beiträge wa- 
ren insgesamt abgegeben worden, deren ar- 
chitektonische Formen zum Teil noch weiter 
in die Geschichte zurückwiesen als die der 
zerstörten Gebäude. 
Die Auftritte der Moderne sind selten; ge- 
rade dadurch aber sind viele Blätter von 
merkwürdiger Aktualität. Noch im histori- 
schen Niemandsland zwischen der national- 
sozialistisch formierten und dann im „Wirt- 
schaftswunder” rasch modernisierten Gesell- 
schaft wirkt das Beharrungsvermögen der 
deutschen Prä-Moderne den post-modernen 
Rettungsversuchen unserer Tage erstaunlich 
nahe. Einfach nur historisch nach- und auf- 
zubauen, schien manchem Architekten 
schon damals nicht zu genügen: man spürt 
den Ehrgeiz, das eben im Inferno des Krieges 
Untergegangene durch die Surrogate noch 
übertreffen und dadurch vegessen machen zu 
wollen. 
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1945 schienen fast alle Maßstäbe erschüt- 
tert, dadurch gleichgültig und gleich gültig 
gewesen zu sein. 
„Volkes Stimme spricht mit allen Wider- 
sprüchen auch aus der Arbeit der Experten: 
Während der eine zur Durchsetzung seines 
Paradieses der Verkehrsgerechtigkeit von ei- 
ner vollständigen Enteignung der Grundei- 
gentümer auszugehen scheint, verkündet ein 
anderer als obersten Planungsgrundsatz die 
„Berücksichtigung des Einzelbesitzes” und 
setzt in die Ansichten der Gebäude gleich in 
großen Lettern die Namen der Besitzer ein. 
Aufbaus, die der Oberbürgermeister der 
Stadt mit Worten und Taten noch zu verstär- 
ken wußte. Stolz registrierte er bereits 1946 
im Rechenschaftsbericht über das erste Jahr 
seiner Amtstätigkeit: 
„Stuttgart gilt in vielem bereits als Vorbild und wir begin- 
nen, eine Sonderstellung in der amerikanisch besetzten Zo- 
ne einzunehmen. ”!? 
Und ein Jahr später äußerte er mit Genugtu- 
ung: 
Auf meinen Besuchen in einer Reihe anderer Städte der 
drei westlichen Zonen habe ich immer wieder feststellen 
können, daß gerade die Stuttgarter Bevölkerung in außer- 
gewöhnlichem Maße von einer schöpferischen Unruhe er- 
füllt ist. Das ist ein erfreuliches Zeichen. Sie will nicht untä- 
tig sein, sie will sich nicht een lassen, sie will 
schaffen. Aber dieser Schöpferische Tätigkeitsdrang hat 
auch den Nachteil, daß er zur Ungeduld führt, daß er dazu 
verleitet, Kleinigkeiten des Augenblicks überzubewerten 
und die große Linie des Ganzen ungerechterweise in den 
Hintergrund treten zu lassen.” !” 
Planungen 
Die Hoffnungen auf die Beständigkeit des 
Gewohnten, die in den beiden Wettbewer- 
ben noch in schillernden Wunschbildern auf- 
scheinen konnten und angesichts der Kata- 
strophen ringsherum geradezu groteske Zü- 
ge trugen, begannen alsbald die Realität des 
Aufbaus stärker zu prägen als manch müh- 
sam entwickeltes Planungskonzept: In kaum 
einer anderen Stadt wurden noch auf engsten 
Parzellen die überkommenen Besitzverhält- 
nisse so starr fixiert wie in Stuttgart. Vom 
„Stuttgarter Wunder” war die Rede. Als der 
sprichwörtliche Fleiß und Geschäftssinn der 
Schwaben sich unter der freizügigen Obhut 
der amerikanischen Besatzungsmacht wieder 
entfalten konnte.‘” Hier konnte sich jeder 
selbst der Nächste sein, wenn er über ent- 
sprechende Bedingungen — „Hast du was, 
bist Du was” — verfügte. Das Bestehen auf 
überkommene Rechte und individueller In- 
itiative wurde zu einer Produktivkraft des 
Doch nicht nur die kleinen Einzelinteressen 
waren es, die Ansätze zu übergreifenden 
Planungen scheitern ließen. Tatsächlich wa- 
ren schon die „vorläufigen Maßnahmen” der 
ZAS, die u.a. die Sicherung öffentlicher In- 
teressen, weitere Bausperren und die Inan- 
spruchnahme von unbebauten Grundstücken 
vorsahen, schon am Einspruch des Innenmi- 
nisteriums gescheitert; im quasi rechtsfreien 
Raum der Nachkriegsjahre konnten Planun- 
gen zwar entworfen, nicht aber durchgesetzt 
werden. Schon 1947 schied der ZAS-Leiter 
Richard Döcker aus diesem Amt und über- 
nahm eine Professur an der TH. Doch auch 
sein Nachfolger, Professor Walter Hoss, be- 
kam die engen Grenzen des planerischen 
Handlungsspielraumes bitter zu spüren. 
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