Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

detes Ufer, links die Palisaden des Hudson, ein 
felsiges Steilufer, kein einziges Haus zu sehen. 
Das ist die andere, größere Hälfte von 
Amerika. 
Endlose Landschaft zwischen den Rastersied- 
lungen, Weite, in der die Highways zu Stri- 
chen, zu nichts reduziert sind. New Jersey, der 
Staat jenseits der Palisaden des Hudson „ist 
im Norden gebirgig und unerschlossen“ steht 
im Prospekt zu lesen, das ist 50 Kilometer von 
Ney York entfernt, und auch hier auf dem 
Hudson ist die Stadt im Rücken nicht vorhan- 
den, scheint alles unberührt. Ein Kanu hätte 
nicht erstaunt, aber Indianer gibt es im Osten 
der USA schon lange nicht mehr. 
LAS VEGAS 
Hinter schroffen und kahlen Randgebirgen 
liegt Las Vegas - die Entfernung zur maßstab- 
losen Skyline ist nicht abzuschätzen - wie eine 
Oase im Wüstental. Die fleißigen Mormonen, 
sie führen einen Bienenkorb im Wappen, ha- 
ben mit ihrem Sinn für Herausforderungen die 
Stadt gegründet, die erst nach dem letzten 
Krieg von einem Verkehrsknotenpunkt zur 
Entertainment Capital wurde, durch gezielte 
Gesetze, die das Glücksspiel erlauben und 
durch den Hoover Staudamm, der die Stadt 
mit Strom versorgt. 
Den braucht sie für die Leuchtreklamen 
und in den riesigen, fensterlosen, durchgehend 
geöffneten Casinos, in denen man jedes Zeit- 
gefühl verliert. Alles ist wahr, jede Übertrei- 
bung, jede Parodie: da stehen in endlosen 
Reihen die Slot machines und Pokerautoma- 
ten. Zwischen den Automatenstraßen freiere 
Bereiche, Plätze sozusagen, mit Roulette und 
Blackjack-Tischen. Hier sitzt man und spielt 
mit Bedienung; Profis sind es, die die Kugel 
mit gekonnter Bewegung in gegenläufige Um- 
drehung bringen oder mit unbewegter Miene 
Karten an die Spieler verteilen. Die nehmen 
ebenso gelassen Verlust wie Gewinn hin, das 
gehört zum Ritual des gehobenen Glücks- 
spiels. 
Vor den Slot machines geht es banaler zu. 
Hier freut man sich, wenn eine Art Warn- 
leuchte mit rotierendem gelben Licht den 
Automaten eines Hauptgewinners anzeigt. 
Dem fallen nun bei einem Einsatz von 5 Cent 
zweihundert Münzen in die blecherne Auf- 
fangschale. Ein wohltuendes, etwas hohles 
Geklimper, dann kann der Glückliche im 
Gelde wühlen - und er tut es, die Vorstufe von 
„im Gelde schwimmen“: dem Dagobert- 
Duck-Gefühl. 
Vieles ist hier auf vorpubertäre Vergnü- 
gen reduziert. In den Hotels wird der Gast zum 
Beispiel mit Gutscheinheften versorgt, die erst 
unterschrieben, dann in den Casinos mit 
Stempel oder Lochung gülig gemacht werden. 
Das alles gechieht mit ernster Anstrenung, wie 
Kinder, die Schaffner spielen, um einen Drink 
frei zu haben, aber jeder der spielt, kann 
umsonst trinken, soviel er will. 
Das Alphabet und die Zahlen unter 100 
muß man immerhin bei Bingo beherrschen. 
Pappchips mit Buchstaben werden auf be- 
stimmte, mit Zahlen- und Buchstabenkombi- 
nationen bezeichnete Felder, einer wirklich 
gerasterten Papptafel gesetzt. Wem es zuerst 
gelingt, die fünf Buchstaben, die B.I.N.G.O. 
ergeben, unterzubringen, ruft laut: Bingo und 
hat gewonnen. Von vielleicht hundert Mit- 
spielern einer, der Einsatz ist gering. Das Spiel 
dauert länger als das Herunterziehen des 
Armes einer slot machine. Da ein Spieler meist 
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mehrere Papptafeln vor sich liegen hat und auf 
jeder die Kombinationen verschieden sind, ist 
der Sieg nicht nur vom Zufall, sondern auch 
von einer gewissen Übersicht abhängig. Ein 
intelligentes Zeittotschlagen. 
Das Unglaubliche an Las Vegas ist nicht die 
Dominanz der Unterhaltung, sondern ihr 
kümmerliches Niveau. 
Am Sonntagabend war ein Feuerwerk vom 
Plaza Hotel angekündigt. Es bildet den point 
de vue der Fremont Street, der Hauptstraße 
von downtown Las Vegas, denn noch sind wir 
hier in dem mit ausgebildetem Raster von 
Längs- und Querstraßen, städtischen, wenn 
auch billigerem Teil von Las Vegas. Das 
Feuerwerk beginnt mit Verspätung und 
schleppt sich schlecht arrangiert in die Länge. 
Aber jede einzelne Rakete wird von der an- 
spruchslosen Menge mit halblautem wow, 
wow begleitet. Es ist eine Art Bellen, mit dem 
sich Amerikaner mitteilen, daß Außerge- 
wöhnliches stattfindet. Nach dem Feuerwerk 
spielt eine Band auf der Straße Western und 
Country Musik, einige Paare tanzen dazu, 
auch ein harmlos torkelnder, betrunkener 
Einzelgänger. Das kann nicht gut gehen, und 
in der Tat nimmt ihn nach kurzem Wort- 
wechsel eine der ständig patrouillierenden 
Doppelstreifen in die Mitte, um ihn durch eine 
schmale Nebengasse davonzuschleppen. Ein 
paar teilnahmslose Blicke hinterher, die 
Fremont Street ist wieder sauber. 
Zur selben Zeit vergnügt sich die Highere 
Society am legendären Strip, drei Meilen wei- 
ter. Der alternde Paul Anka ist angesagt, ob 
man sie darum beneiden soll? Ansonsten sind 
die Spiele dieselben, nur die Einsätze sind 
höher. Cesars Palace hat einen Mercedes 450 
SL als Hauptgewinn ausgesetzt, er steht vor 
dem Portal, bemerkenswert schön, gemessen 
an den amerikanischen Konfektionswagen. 
- Ein Auto ist nütztlich. Ich hatte mich von 
downtown zu Fuß zum Strip auf den Weg ge- 
macht, naive europäische Vorstellungen von 
„Stadt begreifen durch Begehen“ im Hinter- 
kopf. Auf halber Strecke reduziert sich das 
Raster zur Verbindungsstraße, deren Quer- 
straßen nach 100 Metern als Stummel in der 
Wüste enden. Am eigentlichen Strip rücken 
die Casinos weit von der Straße ab, verbunden 
mit ihr durch dekorierte Vorfahrten, deren 
Merkzeichen als riesenhafte und gewagte 
Konstruktionen an der Straße stehen. Zwi- 
schen den Casinos gibt es keine befestigten 
Fußwege. Sie brechen mit den Fronten, die 
abgesehen vom Eingang ungestaltet sind, ab. 
Zum nächsten Bau geht es über steinige 
Sandflächen, flache Betonpfeiler, die Grund- 
stücksgrezen markieren, _Bordsteine von 
Querstraßen. Das alles ist Stadt und Wüste zu- 
gleich, angelegt und gefährdet, bereit sich aus- 
zudehnen oder bereits zurückerobert. 
Wieder in downtown Las Vegas, im ausge- 
füllten, zusammenhängend gebauten Raster, 
fühlte ich mich fast geborgen. Ein wenig aus- 
geruht im Hotel, neue Gutscheine eingesteckt, 
inzwischen hatte ich schon mein Lieblingsca- 
sino. Und da sitzt man, zieht den Arm der Slot 
machine nach unten, wenn es wenigstens an- 
strengend wäre, schaut beim Whisky mit Soda 
für 50 Cents von der Theke halb einem Foot- 
ballspiel im Fernsehen, halb dem Treiben an 
den Spieltischen zu, und wundert sich zuerst 
streng, nach dem vierten Glas milder und 
nachsichtiger, über den perfekt organisierten 
Schwachsinn. 
SAN FRANCISCO 
Die Stadt bleibt dem auf der legendären Pa- 
zifikstraße 1 von Süden Kommenden verbor- 
gen, bis sie hinter dem Küstengebirge erwar- 
tet und doch überraschend, in ganzer Größe 
vor ihm liegt. Es ist die doppelte Topographie, 
die San Franciscos Schönheit ausmacht: die 
abgeschliffenen, sanfter gewordenen Hügel
	        

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