Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

- ihr ursprüngliches Aussehen ist nördlich der 
Golden Gate Bridge erhalten - über die sich die 
gebaute Topographie hinwegzieht. Im Westen 
zeichnet sie bescheiden die Landschaftskontur 
nach, um zur Bay hin mit amerikanischer Un- 
bekümmertheit eigene Gebirge aufzutürmen. 
Dort, downtown, hat die Geschichte der 
Stadt wenig spektakulär angefangen. Erst 
spät, 1775, ist das erste spanische Schiff durch 
die lange übersehene Meerenge in die Bucht 
gelangt. Eine Mission wurde gegründet und 
ein Stützpunkt, um den Engländern und den 
Russen, die als Jäger und Forscher die Ge- 
gend besuchten, zuvorzukommen. Seit 1841 
siedelten auch Amerikaner in dem inzwischen 
mexikanischen Californien. Als es ihnen nicht 
gelang, das Land zu kaufen, führte der wie ge- 
rufene Krieg von 1846 zur Angliederung an die 
USA. Yerba Buena, das heißt „gutes Kraut“ 
(wer weiß, ob das die haschisch-verliebten 
Hippies anzog) wurde in San Francisco un- 
benannt. Der Goldrausch, denn natürlich ent- 
deckten die neuen Besitzer, was den von Na- 
tur aus erfolglosen Indianern und Mexika- 
nern entgangen war, ließ die Stadt in drei 
Jahren von 500 auf 100.000 anwachsen. 
Das war ihr Glück, denn statt zu überlegen, 
ob in so ungünstiger Lage überhaupt eine Er- 
weiterung möglich wäre, wurde das am 
flachen Ufer der Bay angelegte Raster einfach 
über Berg und Tal gehäkelt, trotz ungeheue- 
rer Erdarbeiten immer noch abenteuerlich 
steil. Südlich der Market Street ist die Stadt 
langweilig wie alle Rasterstädte, nördlich da- 
von und das liegt nicht an dem einmaligen, 
städtebaulichen Verschwenken des Rasters, 
beginnt das Abenteuer, denn bis zum Hafen, 
zu Fisherman’s Wharf, sind Nob Hill und 
Russian Hill zu bezwingen. 
No problem, hat man sich vor hundert 
Jahren gesagt und die cable car erfunden. Die 
cable car ist kein Nahverkehrsmittel, sie ist ein 
unmögliches, ein amerikanisches Ereignis. 
Unter dem Straßenpflaster läuft, in einem Ma- 
schinenhaus angetrieben, ein endloses Seil. 
Durch einen Schlitz kann sich der Wagen 
mittels eines Greifers an das Seil klemmen und 
wird dann von ihm gezogen. Vorne, zwischen 
zwei parallel zur Fahrtrichtung auswärts ge- 
richteten Bänken, steht der Fahrer, die zweite 
Hälfte des Wagens ist geschlossen, wie es sich 
gehört. Hinten, auf dem offenen Perron, stand 
ich, eingeklemmt ängstlich in die Tiefe blik- 
kend. Dabei geht es bergauf noch. Über die 
Kuppe gezogen aber klinkt sich der Wagen 
einfach aus und rast nun, schneller als das Seil 
ziehen könnte, mit Schwerkraft-Antrieb tal- 
wärts. Das Publikum johlt und fordert mehr 
Tempo. Der Kondukteur drängt sich auf den 
überfüllten Perron und entpuppt sich als 
Hilfsbremser. Damit die Geschwindigkeit 
nicht zu groß wird, legt er sich mächtig in ein 
horizontales, am Geländer hochgeführtes 
Bremsrad. Metall quischt auf Metall. Es riecht 
nach abgeriebenem Eisen. Mit Widerstand 
wird die Kraft gebändigt. Schüttelnd hält der 
Wagen, endlich! - Wozu die Aufregung, das 
alles funktioniert seit 1873 unfallfrei! - 
Kraft der Reibung reibungslos, funktio- 
niert nicht alles in der Stadt. Das große Erd- 
beben ist vergessen. Downtown, wo es am 
schlimmsten wütete, stehen die quartierfüllen- 
den Wolkenkratzer. Die Kolonnaden im 
Erdgeschoß - Johnson allerdings bringt es bei 
einem Neubau auf vier freie Geschosse - sind 
unwirtlich und leer. Wer geht hier schon 
zu Fuß, und wer es doch tut, wird daran er- 
innert - er könnte es bei der durchgehenden 
Pflasterung vergessen - daß nur ein schmaler 
Bürgersteig öffentlich ist. der Rest und die Ar- 
wo Stadthalle, Oper, Bibliothek und Museen 
das demokratische Forum bilden. Nur einen 
halben Block weiter an der Market Street bil- 
det sich schon um zehn Uhr eine Schlange von 
Abgerissenen vor einem kleinen, armseligen 
Ladenlokal. In ihm können die von der Wohl- 
fahrt ausgegebenen Essensmarken eingelöst 
werden. Weiter südlich biegt von der Market 
Street die Haight Street ab, die an ihrem 
ebenen Ende das Mekka der Hippies war. 
Über zwei Hügel hinweg, auf dem typischen 
Gehsteig aus Ortbetonplatten, die ungefähr 
ein mal einen Meter messen und jede notwen- 
dige Modellierung erlauben, vorbei an den 
hölzernen Häusern im viktorianischen Stil, ist 
schließlich deutlich und liebenswert die Stim- 
mung alten Aussteigerglanzes zu spüren. We- 
niger laut und bunt, dafür gelassen und be- 
ständig. Die Subkultur mit ihren Läden und 
Kneipen, ihrem Umgangsformen und Ri- 
tualen hat einen unangefochtenen Platz ge- 
funden. 
Überhaupt herrscht in San Francisco eine 
andere Atmosphäre. Während in Las Vegas 
und der von der Dummheit des Entertain- 
ments geprägte Tourist die Szene bestimmt, 
und in New York, alles andere als ein Schmelz- 
tiegel, Landsmannschaften und Stände streng 
voneinander geschieden leben, hat sich San 
Francisco neben breit grinsenden Republika- 
nern und breitschultrigen Wellenreitern, ein 
anderer amerikanischer Typ herausgemen- 
delt, heiter und offen, kosmopolitisch und fast 
französisch. - Aber das stimmt nicht ganz. Die 
Stadt der Guys und Hippies, der Singles und 
Künstler verklärt den Blick, so entsteht stel- 
lenweise und manchmal ein wenig Paris oder 
anderes Europa. 
Auf dem Sportplatz der Unversität spielte 
man Soccer, unser Fußball, nicht das ameri- 
kanische Football. In den Namen der Spieler 
war ganz Europa präsent, von Spanien bis Po- 
len und nach dem obligatorischen Absingen 
der Nationalhymne wurde das Spiel mit „Start 
me up“ von den Rolling Stones angerockt. 
Jenseits des Platzes hinter.der nächsten Haus- 
zeile erhebt sich, von der Tribüne aus immer 
im rechten, oberen Augenwinkel, eine pracht- 
volle Kuppelkirche, eine verkleinerte Mi- 
schung aus Salzburg und Rom. 
Über dieselben westlichen und höchsten 
Hügel treibt exnüchternd der Seewind mit tief- 
hängenden Wolken die geographische Wirk- 
lichkeit in die Stadt. Es ist der Pazifik, an des- 
sen Küste sich die Seelöwen heiser brüllen und 
die grauen Pelikane mit ihren merkwürdig ge- 
knickten Hälsen ihre Bahn ziehen, dessen Ne- 
bel immer nach Mittag das ziemlich fremde, 
von Fall zu Fall gerasterte Land verhüllen. 
Nicht alles, nicht die Golden Gate Bridge, sie 
ist über dem Schleier schwebend noch 
schöner, und auch nicht immer Alcatraz, die 
Gefängnisinsel in der Bucht vis-A-vis der 
Stadt. 
Dort liegt die Inkarnation amerikanischer 
Justiz vor der Stadt wie die Galgenhügel des 
Mittelalters. Nun ist sie, noch nicht lange auf- 
gegeben, das beliebteste Touristenziel. 
In einem sentimentalen Gefängnisfilm, der 
Mann von Alcatraz, sagt der auf der Insel alt 
. . . gewordene, endlich entlassene Burt Lancaster 
kaden sind: „Private Property, righttopassby zu den am Ufer wartenden Journalisten: 
permission, and subjekt to control, by owner“. Wenn ihr aus San Francisco echten Bürger- 
Auf Bronzetafeln, im Bodenbelag eingelassen, stolz hättet, würdet ihr die Insel in die Luft 
alle fünf Meter. Die, auf die das gemünzt ist, sprengen. Eine Sehenswürdigkeit ist sie nicht, 
die Stadtstreicher und Obdachlosen, sind dort sondern ein Schandfleck“. 
nicht zu finden. Sie sind auf der Market Street, Ein recht amerikanischer Schandfleck - in 
der Hauptstraße, am Startpunkt der cable car, der Tat, der den schon freundlicher geworde- 
vom touristic center bis hin zum civic center, nen Blick schnell wieder schärfer werden läßt. 
fi*
	        

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