Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

der Südteil des Blocks mit seinen Neubauten 
gar nicht „zur Disposition“ steht). Der Block 9 
ist ein wesentlicher Bestimmungsfaktor des 
1844 als Bahnhofsvorplatz angelegten Aska- 
nischen Platzes, der Leerfläche des erst 1961 
gesprengten Anhalter Bahnhofs (der ehem. 
„wichtigsten Drehscheibe Deutschlands“ 
1874-80 nach Plänen von Schwechten erbaut 
und der Leerfläche des 1820 von Lenne ge- 
stalteten, im Dritten Reich mißbrauchten und 
heute verwilderten, als „Autodrom“ (Fahren 
ohne Führerschein) entfremdeten Prinz- 
Albrecht-Geländes. Die Wettbewerbsunterla- 
gen verweisen hier lediglich auf die Vorberei- 
tung eines Wettbewerbes „Prinz-Albrecht- 
Garten“ und eines Gutachtens. „Friedrichs- 
vorstadt“ und verpflichteten die Teilnehmer 
zu nichts. Mit dieser unbefriedigenden Aus- 
gangssituation - Folge des räumlichen Block- 
wurstverfahrens ohne adäquate Vorstufe - 
gingen die Wettbewerbsteilnehmer sehr unter- 
schiedlich um: Tarragö gliederte das Prinz- 
Albrecht-Gelände durch Baumreihen und ver- 
größerte den Askanischen Platz, wodurch der 
beiden Sprengungen übriggebliebene Ruinen- 
rest des Anhalter Bahnhofs in die Platzmitte 
rückt; Brandi verlängerte die Schöneburger 
Straße bis zur Kochstraße und trennte damit 
die Freifläche des Prinz-Albrecht-Geländes in 
einen Nord- (Gedenkstätte) und einen Südteil 
(„Anhalter Tor“, „Freizeitparkt“ mit einer 
etwas aufgesetzten Laden-, Werkstätten- und 
Cafegasse); von Baulwitz setzte das nahegele- 
gene, heute auf dem Gelände des ehem. Pots- 
damer Bahnhofs stehende Tempodrom hinter 
den Ruinenrest des Anhalter Bahnhofs usw. 
Die Vorschläge bleiben - zum Teil sehr in- 
teressante - „Ideen“, die aber notgedrungen in 
der (Büro-)Luft hängen müssen und in keinen 
Planungsprozeß eingehakt werden können 
(was hier zu allerletzt den Architekten ange- 
lastet werden soll). 
® Der Umgang mit dem Vorhandenem: das 
eispiel Excelsior-Hochhaus (18geschossi- 
ger trostloser Waschbeton-Gebäude, das 
anstelle des früheren prunkvollen Hotels 
Exzelsior, des „größten Hotels des „Konti- 
nents“, 1965-68 errichtet wurde. Das riesige, 
wird mit Recht als „ein besonderes stadträum- 
liches Problem“ bezeichnet, ist aber mehr: Es 
ist auch ein Wohnhaus (mit knapp 400 
Wohnungen!), also Argernis wie Lebensraum 
zugleich. Die Lösung für das ästhetische 
Ärgernis scheint schnell gefunden: Abriß 
(Culot) bzw. treppenartiger Teilabriß („Me- 
liorisation des Excelsiorkomplexes durch 
Abtragung von Baumassen“, eine „Utopie, 
aber ein schöner Gedanke“: Franz/ Hauser). 
Daß damit über konkreten, wenn auch nicht 
sehr attraktiven Lebensraum mit wenigen 
Strichen verfügt wird, wurde offenbar gar 
nicht bemerkt. Lediglich der Vorschlag von 
Beulwitz - die Begrünung des Gebäudes - 
könnte mehr sein als bloße Optik. Bewertung 
durch das Preisgericht (übrigens alles Männer 
und kein einziger „radikal gesinnter Laie“, 
deren Mitwirkung der von Kleihues gern 
zitierte Bruno Taut 1918 gefordert hat): „nicht 
realistisch“. 
® Der Umgang mit Vorhandenem: das Bei- 
piel KuKuCK. Das „Kunst- und Kultur- 
Centrum Kreuzberg“ (KukuCK) ist ein am 
23.1.81 besetztes Haus (Erbauungsjahr: 1912), 
das insbesondere Räume für autonome 
Kulturgruppen und politische Veranstal- 
tungen bereitstell. Dieses „wohl ’gefährlichste 
Haus Berlin“ (Optik der Springer-BZ, 
31.8.81), das seit 1975 dem Maklerehepaar 
Wesenburg gehört, hat zwei bemalte Brand- 
mauern, die hinsichtlichen Entwurfsverfahren 
5. Der Vorschlag von Brandi: Aufhebung der Anhalter Straße 
(Verbesserung der Wohnqualität), rechts das "Anhalter Tor”, 
in der Mitte die künstliche Gasse. 
6. Der. Vorschlag von Beulwitz: Tempodrom hinter dem Bahn- 
hofsrest, Begrünung des Excelsior-Hochhauses und L-förmi- 
ges Selbstbaugitter hinter dem Hochhaus. 
7. Ein typisches Produkt der arrivierten Architektenzunft: der 
Entwurf von Culot und Co. Der Block 9 ist aufgehoben, das 
Vorhandene zugunsten eines neuen Stadtdesign zum Teil abge- 
rissen und in Einzelkomplexe zerlegt. In der Bildmitte ist der 
KuKuCK noch erkennbar (spiegelverkehrtes E), die Ostfassade 
ist ergänzt, das Excelsior-Hochhaus (im linken Bildteil) ist be- 
reits abgebrochen. Das Preisgericht spricht bei diesem Entwurf 
von ”wohltuender Qualität” und schwärmt vom ”Zusammen- 
spiel von engen Räumen im Wechsel mit Plätzen, das aus medi- 
terranen Stadträumen abgeleitet ist.” Großartig, aber leider zu 
gut für die Wirklichkeit: "Die Enge ... ist ... nicht zumutbar.” 
Culot verordnet sich gleich selbst in aller Bescheidenheit: Gegen 
die ”totalitären und demokratischen Monstren” (Speers Nord- 
Süd-Achse bzw. das West-Berliner Kulturforum) stellt er die 
Linie der "Tradition und Vernunft” (das alte Florenz und natür- 
lich sein ”Rekonstruktionsvorschlag Südliche Friedrichstadt”). 
und -inhalt ein hervorragendes Dokument der 
neuen sozialen Bewegung in West-Berlin 
darstellen. Für die IBA ist der KukuCK 
dagegen das „Wohn- und Gewerbehaus 
Anhalter Straße 7“, dessen Besetzung zwar am 
Rande erwähnt, dessen Brandmauernbema- 
lung (realisiert erst nach Ausgabe der 
Wettbewerbsunterlagen) aber ignoriert wird. 
Hinsichtlich des künftigen Nutzungskonzepts 
nennt die offizielle IBA-Broschüre ausschließ- 
lich die Absichtserklärung des Eigentümers 
(Einrichtung eines privaten Kultur- und 
Kommunikationszentrums). Die Wettbe- 
werbsteilnehmer sind vor diesem Hintergrund 
mehr oder weniger verunsichert: Einige 
schreiben KUCKUCK, aber mit ““ (wie bei 
der „DDR“), andere lassen es lieber bleiben. 
KUCKUCK zu schreiben ohne die Distanzie- 
rungsfüßchen wagt nur einer. Wichtiger als 
der Umgang mit Buchstaben ist der Umgang 
mit dem besetzten Haus durch die Architek- 
ten: Der eine reißt ein Stückchen davon ab, 
der andere denkt sich eine detaillierte Nutzung 
der Räume aus (besonders krass Franz/ Hau- 
ser: „Haus Anhalterstraße 7 wird im Süden 
gekürzt und im Erdgeschoß für eine Passage 
mit Läden ausgeräumt“), fast alle bauen - 
ohne jede Diskussion - die bemalten Brand- 
wände zu. Bemerkenswerte Ausnahme: der 
Wettbewerbsgewinner Tattagö. 
® Der Bezug zum Produktionsprozeß. Wie 
üblich blendet das Wettbewerbsverfahren 
die Probleme der Neubauproduktion aus: 
Überlegungen zu _Kosteneinsparungen, 
Selbsthilfe, alternativen Bauträgern usw. sind 
nicht gefragt, werden nicht honoriert. Das 
zeigt sich bei von Beulwitz: Sein Verdienst ist 
es, als einziger diesen wichtigen Themenbe- 
reich überhaupt angesprochen zu haben. „Die 
vorgeschlagene ’Selbstbaustruktur” (mit ei- 
ner kalkulierten Miete für den erweiterten 
Rohbau von 3,85/qm gegenüber der üblichen 
Sozialmiete von 5,50/qm), so heißt es im 
Ergebnisprotokoll, wurde „kontrovers disku- 
tiert“. 
® Der Umgang mit den Bewohnern. Hier ist 
der Knotenpunkt des ganzen verfahrenen 
Verfahrens. Weder die Bewohner des Excel- 
sior-Hochhauses, noch die Hausbesetzer, 
noch die übrigen Bewohner wurden am 
Planungsprozeß beteiligt. Ein altes Dilemma 
wurde so reproduziert: Der Block gilt faktisch 
als Neubauterrain, nicht aber als soziales 
Terrain (mit etwa 1.000 Bewohnern!). In den 
Unterlagen waren keine blockbezogenen 
Daten über Bewohner, Beschäftigte usw. zu 
finden, wohl aber z.B. über Stellplätze. Das 
„Sozialkonzept“ ist entsprechend bemerkens- 
wert: Durch die geplanten 160 neuen 
Wohnungen soll die „soziale Stabilisierung 
des Gebietes“ erreicht werden (???). Dazu 
kommt die Sozialfürsorge von oben: Es sollen 
Angebote für Gruppen strukturiert werden, 
„die der fürsorglichen Zuwendung der Gesell- 
schaft in besonderem Maße bedürfen: für 
Kinder und Jugendliche, für die alten Bürger 
und die Behinderten“. Zwar ist von „Integra- 
tion“ die Rede, gemeint ist aber nur die 
bauliche Integration der entsprechenden 
Gebäude, nicht aber die Integration dieser 
Gruppen in den Planungsprozeß. An dem 
gesamten Wettbewerbsverfahren war nur eine 
Person aus dem Block 9 beteiligt: der Pfarrer 
Walther Thomas von der Dreifaltigkeitskirch- 
gemeinde. Daß die nach der Ausstellung der 
Wettbewerbsergebnisse erfolgte „Bürgeran- 
hörung“ vom 9.2.82 angesichts dieser „Vorar- 
beit“ mit gut 50 Personen (davon höchstens 
ein Drittel „Bürger‘“) miserabel besucht war, 
wird niemand verwundern. Man kann die 
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