Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

spruch auf Selbstverwaltung und 
selbstorganisierte Erneuerung der 
Häuser gegenüber Stattbau zu ver- 
treten und eventuell in Form einer 
Sanierungsgemeinschaft nach 
StBauFG vertraglich abzusichern. 
Im Sinne dieser Perspektive wur- 
de als Bereitschaftserklärung zur 
Kooperation mit Stattbau und 
Übernahme des 20 % Anteils der 
GmbH ein 8-Punkte-Forderungs- 
katalog für die Selbstverwaltung 
mit Stattbau von Mietern und Be- 
setzern der ersten 20 in Frage kom- 
menden Häuser überreicht: 
1. Selbstverwaltung auf ökono- 
misch „neutralem” Boden soll auch 
weiteren Häusern, die Stattbau 
wünschen, ermöglicht werden. 
2. Niemand soll sich an den Häu- 
sern bereichern. 
3. Die Finanzierung von Bewirt- 
schaftung, Instandhaltung. Werk- 
stätten und Gemeinschaftseinrich- 
tungen soll selbstbestimmt bleiben. 
4. Planung und Durchführung von 
Baumaßnahmen liegen bei den Be- 
wohnern, bzw. bei Fachleuten des 
Vertrauens. 
5. Öffentliche Förderung der 
Grundinstandsetzung als Wider- 
gutmachung der durch die Sanie- 
rungspolitik angerichteten Schä- 
den. 
6. Verrechnung der bisher von Mie- 
tern und Instandbesetzern geleiste- 
ten Arbeiten. 
7. Die Art und Weise der Nutzung 
der Häuser liegt bei den Hausge- 
meinschaften, Initiativgruppen und 
deren Vertretungen auf Blockebe- 
ne. 
8. Das Belegungsrecht liegt bei den 
Häusern und den tatsächlichen 
Nutzern 
perspeKtivisch für die Bewohner 
vor Ort sichern kann. Folgende Ge- 
sichtspunkte wurden im Vertrag 
verankert: 
® Der treuhänderische Sanie- 
rungsträger unterstützt die Hilfe 
zur Selbsthilfe im sozialen und bau- 
lichen Bereich. Die Erneuerung 
soll kostengünstig und ohne Ge- 
winnerzielung durchgefürht wer- 
den. Projekte zur Schaffung von 
Wohn-, Arbeits- und Ausbildungs- 
möglichkeiten von Jugendlichen 
sollen besonders gefördert werden. 
® Sanierungsträgeraufgaben der 
Planung, Durchführung und 
Verwaltung können im Sinne der 
angestrebten Selbstverwaltung der 
Nutzer und Initiativen an diese wei- 
tergegeben werden. 
® Zur langfristigen Nutzung wer- 
den den Nutzergruppen dingli- 
che Rechte, insbesondere Erbbau- 
rechte eingeräumt. 
® Bei der Veräußerung der 
Grundstücke sind die Nutzer 
vorrangig anzusprechen, die in Ei- 
genleistung erbrachten Wertsteige- 
rungen sind dabei ebenfalls ange- 
messen einzubeziehen. Gemäß 
Vertragsziel sollen aber in jedem 
Fall bei der Veräußerung nachhal- 
tig tragbare Wohnkostenbelastun- 
gen für bedürftige Bevölkerungs- 
gruppen gewährleistet werden. 
Soweit so gut — auch für den Mo- 
dellblock 103” am Heinrichsplatz. 
Der Sanierungsträger ist gegrün- 
det, die Mitbeteiligung der Bewoh- 
ner an der GmbH gesichert, die 
Rechtsperson für die Außenvertre- 
tung von Mietern und Besetzern 
existiert bereits mit dem „SUN”- 
Verein, ein auf die Ansprüche Ber- 
lins und die Erfordernisse vor Ort 
abgestimmter Sanierungsvertrag 
liegt vor, die Besetzer, Mieter und 
Gewerbetreibenden haben dem 
Vertrag zugestimmt — alle Vor- 
raussetzungen für „geordnete 
Rechtsverhältnisse” und die Wie- 
deraufnahme einer zügigen Sanie- 
rung sind mit Stattbau gegeben 
Doch der Bausenator Rastembors- 
ki zögert immer noch, den unter- 
schriftsreifen Vertrag für ein mo- 
dellhaftes Stück Wohnungspolitik 
im Kleinen zu unterzeichnen und 
der alte Sanierungsträger behindert 
weiter die Lösung, indem er weiter 
um Ablösesummen pokert. Nichts 
passiert. 
Das ganze Spiel wäre eine Posse 
zur IBA ’84, wenn es nicht um so 
viele Menschen und deren Hoff- 
nungen ginge. Peter Beck. 
Der Verein hat inzwischen bereits 
300 Mitglieder und soll letztendlich 
ca. 550 Mieter und Nutzer vertre- 
ten, außerdem 18 Gewerbetreiben- 
de und 3 kleinere Kindertagesstät- 
ten mit betreuen. 
Für die handwerkliche und ge- 
werbliche Entwicklung entwickelt 
der SUN-Verein z.Zt. die Kon- 
struktion einer „Wirtschaftskoope- 
rative”, die von den Mitgliedern 
des Vereins gehalten werden soll. 
3) Mit der Senatsverwaltung und 
Netzbau, vertreten durch die 
Geschäftsführer Gert Behrens und 
Franziska Eichstädt, wurde ein Sa- 
nierungsvertrag entwickelt, der die 
oben genannte Kooperation einer 
auf Bewohner und Selbsthilfe hin 
orientierten Erneuerung ermög- 
licht und die erbrachten Leistungen 
Architektur aktuell im nächsten Heft: 
1 A 
Zur Theologie der Tradition, eine Diskussion zwischen 
Leon Krier und Peter Eisenmann 
Projekte von Michael Habeck, Peter Kulka, Bruno 
Schindler, des DWb’s Bayern, zum Wettbewerb kosten- 
und flächensparendes Bauen. Essen-Vogelheim und 
zum Ideenwettbewerb ”’De Kop van Zuid’”. Rotter- 
dam, u.a. 
Rückblick: Volkshäuser der Deutschen Arbeiterbewe- 
gung, noch einmal: documenta urbana 
Berichte und Kommentare vom Kongreß: Alternati- 
ven in der Wohnungspolitik in Hannover vom 13. bis 
15. Mai. 1983 
e Zeitschriftenschau 
8 Rezensionen 
 } 
Wo bleibt denn 
das Soziale? 
— kritische Anmerkungen zum Heft 
„IBA-Halbzeit” 
Vorbemerkung 
präzisiere, möchte ich die Struktur 
des Heftes problematisieren, die 
meines Erachtens den wichtigsten 
Grund für die defizitäre Darstel- 
lung der Arbeit der Altbau-IBA 
bildet. Um Mißverständnisse zu 
vermeiden, möchte ich erwähnen, 
daß für mich — als Mitarbeiter der 
Altbau-IBA — eine destruktive 
Kritik fehl am Platz ist und daß es 
mir um eine (selbst-)kritische Dar- 
stellung von vernachlässigten Fra- 
gen geht. 
Erfreulich ist es für die „Fach”- 
Welt, in einem ganzen Arch * -Heft 
über eine Berliner Alternativ-Be- 
hörde in Sachen Stadterneuerung, - 
reparatur und -neubau ausführlich 
informiert zu werden, über ein Ber- 
liner Experiment, das in einem bis- 
lang weitgehend der Kapitalver- 
wertung unterworfenen Bereich 
neue Zeichen in Richtung „Pla- 
nung von unten”, ja „Demokrati- 
sierung der Erneuerungsprozesse” 
setzen will. Erfreulich ist es auch 
daß — vor allem durch den Beitrag 
„Architektur und _Stadterneue- 
rung” von Hoffmann-Axthelm — 
die architekturpolitisch und -ideo- 
logisch recht konträren Ansätze 
der beiden IBA-Bereiche, Altbau 
und Neubau, nicht unter den Tisch 
fallen und aus der bisherigen Ar- 
beit beider Bereiche wohl differen- 
ziert Bilanz gezogen wird. 
Während aber die Architektur- 
Ideologie Kleinhues’, nach der der 
ästhetische Zylinder des Post-Mo- 
dernismus durch die ganze Südliche 
Friederichstadt undifferenziert und 
flächendeckend walzen soll, in die- 
sem Heft einer sachlichen und nicht 
gerade sanften Kritik unterzogen 
wird, bleibt die Stadterneuerung 
Hämer von einer (Selbst-)kritik 
weitgehend verschont. Das Aus- 
klammern von Fragen, die viel zu 
wichtig sind, um unerwähnt zu blei- 
ben, auch wenn sie unbequem sind, 
kann zwar beim Leser den Ein- 
druck erwecken, sie existierten 
nicht; dadurch können sie aber ge- 
wiß nicht aus der Welt 2 Beschaften 
werden. Auch die politische ver- 
ständliche Absicht, ein möglichst 
positives IBA-Bild zu vermitteln, 
entschuldigt das Ausbleiben wichti- 
ger kritischer ee DE in 
Bezug auf die Altbau-IBA nicht. 
So bleiben zumindest folgende zen- 
trale Fragen offen: 
Abbildung der IBA-Hierarchie 
kaum Platz fürs Fußvolk 
Daß es auch in der IBA — trotz 
selbstverständlichen Duzens unter- 
einander — eine starke hierarchi- 
sche Struktur gibt und daß auch in 
dieser Alternativ-Behörde so etwas 
wie Gebietsfürsten, Feldherren 
usw. existieren, versteht sich. Und 
dies wird im genannten Heft deut- 
lich abgebildet, wobei das Fußvolk 
weitgehend außen vor der Tür 
bleibt: natürlich fängt das Heft mit 
einem Beitrag vom — mittlerweile 
reichlich renommierten — Bezirks- 
baustadtrat an, der wiederum die- 
jenigen zu erwähnen pflegt, die den 
oberen Teil der IBA-Pyramide bil- 
den und keine kleinen Handwerker 
sind. Ihm folgt die Abbildung der 
IBA-Hierarchie von Gebietsfür- 
sten über Feldherren bis zum Fuß- 
volk, das die Ausnahme der Regel 
darstellt. 
Diese Bemerkungen wären über- 
flüssig, wenn in diesem Heft zumin- 
dest die Arbeitsinhalte und Instru- 
mente, vor allem das Soziale des 
Sanierungsverfahrens der Altbau- 
IBA hinreichend dargestellt wor- 
den wären. Doch scheint ohne den 
Beitrag derjenigen, die sich mit 
dem Sanierungsalltag auf unterster 
Ebene, mit verschiedenen Proble- 
men der Betroffenen also, ausein- 
andersetzen, die Darstellung der 
sozialen Inhalte kaum zu gelingen 
® Wie wird die IBA ihrem An- 
DS gerecht, die Erneuerung 
an den Bedürfnissen der „Jetzigen 
Bewohner” zu orientieren, sie mit 
ihnen zu planen und zu realisieren? 
® Wie sieht die Betroffenenbetei- 
ligung in Wirklichkeit aus und 
welche Probleme stehen im Wege, 
um sie tatsächlich zu verwirkli- 
chen? 
@® Wie geht die IBA mit der Tatsa- 
che um, daß ein Großteil der 
„Betroffenen” aus Arbeitsimmigra- 
ten und ihren Familien bestehen, 
die überwiegend aus der Türkei 
stammen? Wie werden sie an der 
Stadterneuerung beteiligt/ Wie 
wirkt sich das kulturelle Nebenein- 
ander in der praktischen Arbeit vor 
Ort aus? Wie wirkt die sich gegen 
Arbeitsimmigranten mehr und 
mehr verschärfende Ausländerpoli- 
tik auf die behutsame Erneuerung 
aus 
Der offengebliebene soziale Kon- 
text der Arbeit der Altbau-IBA 
Was die ersten zwei Fragestellun- 
gen angeht, so vermißt man im ge- 
nannten Heft eine Darstellung des 
Hausversammlungsverfahrens, das 
aus den Forderungen der ehemali- 
gen Betroffenenversammlungen, 
Dresdener Straße und Waldemar- 
straße, entwickelt wurde und nach 
mühseligen Auseinandersetzungen 
mit den Sanierungsträgern („Mie- 
ter werden in Hausversammlungen 
indoktriniert”, so die Träger zu An- 
fang) und mit der Verwaltung und 
nur durch intensive Bemühungen 
der Altbau-IBA durchgesetzt wer- 
den konnte. Gegenwärtig bildet es 
den wichtigsten Baustein der Er- 
neuerung in IBA-Gebieten. Nach 
diesem Verfahren finden in jedem 
Grundstück verschiedene Hausver- 
sammlungen statt, die die wichtig- 
ste .Quelle eines Informationsaus- 
tausches bilden: für die Mieter be- 
deutet dies Informationen über 
verschiedene Modalitäten der Er- 
neuerung, wie Mängelbeseitigung, 
Umfang der Maßnahmen in Ab 
Solche Fragen können sicherlich 
noch erweitert werden. Verwun- 
derlich bleibt dabei, wie eine kriti- 
sche Zeitschrift wie Arch” solche 
wichtigen Fragen ausklammern 
und auf eine kritische Darstellung 
der IBA-Arbeit verzichten konnte. 
Bevor ich diese Fragestellungen
	        

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