Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1983, Jg. 15, H. 67, 68, [69/70], 71, 72)

Ist die Eingangsseite nach Westen oder Sü- 
den orientiert, liegt der Wunsch nahe, vor dem 
Haus einen privaten Sonnenplatz in Form ei- 
nes Patios oder einer Terrasse zu schaffen. 
Dies gerät allerdings in Konflikt mit dem halb- 
öffentlichen Charakter des Eingangsweges. 
Die Lösung ergibt sich hier wie immer in sol- 
chen Situationen durch einen Niveausprung 
(ca. 1,0 m). Eine zusätzliche Möglichkeit ist es, 
zwischen Patio und Bürgersteig eine Laube 
einzurichten, die als Ausguck zur Straße und 
zugleich als Schutz vor unerwünschtem Kon- 
takt dienen kann. Solche Lauben können auch 
dazu benutzt werden, um den Straßenraum 
enger zu gestalten (Wohngasse), also um die 
Abstandsflächenverordnung zu überlisten. 
Den Charakter der Straßen differenzieren ... 
Der Siedlungsbau der Nachkriegszeit kennt 
zwar durchaus ein differenziertes Straßennetz 
- differenziert aber allein nach dem Verkehrs- 
aufkommen, nicht in der sozialräumlichen 
Charakteristik. Deren Vielfalt gilt es wieder zu 
entwickeln. Zwei „vergessene“ Formen wollen 
wir hier besonders hervorheben: die Gasse und 
den Boulevard. (Ein weiterer Aspekt, der für 
den Straßenraumbau aus der Perspektive des 
Fußgängers wichtig ist, kann hier aus Platz- 
gründen nicht dargestellt werden: die Längs- 
gliederung des Straßenraums zu einer erleb- 
baren Abfolge). 
Lob der Gasse: Die Gassen unserer mittelal- 
terlichen Stadtkerne machen zweifellos einen 
wesentlichen Teil ihres Reizes aus und sind 
eine Touristenattraktion. Es handelt sich 
meist um Wohngassen - abgesehen von der 
Erdgeschoßnutzung. 
Das typische Merkmal von Gassen ist es, 
daß sie höher als breit sind. Das verbietet un- 
sere Bauordnung und die Abstandsflächen- 
verordnung. Warum eigentlich? In den Gassen 
der Stadtkerne wohnen Menschen, oft seit 
mehr als 30 Jahren. Wohnen sie schlecht? Ge- 
wiß ist hier keine allgemeingültige Aussage 
möglich. Es hängt ganz davon ab, wie die bau- 
lichen Verhältnisse sind, und welche Möglich- 
keiten der rückwärtige Bereich bietet. Allein 
die Lage an der Gasse ist an ungünstigen 
Wohnverhältnissen bestimmt nicht schuld. 
Hiergegen wird sich Widerspruch erheben: 
1) Gegenargument: zu geringe Distanz („So- 
zialabstand“) führe zu gegenseitiger Ein- 
sicht in die Wohnungen und zu Lärmbelästi- 
gungen. Wer so argumentiert, schaue sich 
bitte die Fenstergardinen im 12. Geschoß eines 
frei in der Landschaft stehenden Wohnhoch- 
hauses an - oder erinnere sich an die Klage 
über die hellhörigen Wände im sozialen Woh- 
nungsbau. Das dichtere „Gegenüber“ ist im 
Hinblick auf den erforderlichen Sozialab- 
stand allemal unproblematischer als das zu 
dichte „Nebeneinander“ oder „Übereinan- 
der“. Außerdem können die intimeren Räume 
nach hinten orientiert werden. 
2) Gegenargument: Licht und Sonne. Ge- 
wiß liegt die Erdgeschoßzone in den Gas- 
sen meist im Schatten, aber z.B. bei Nord-Süd 
gerichteten Gassen hat jeweils die eine Seite 
der Obergeschosse Sonne. Worauf es an- 
kommt ist, daß überhaupt Sonne in die Woh- 
nung gelangt, nicht daß sie von der Straßen- 
seite kommt. Auch kann dafür gesorgt wer- 
den, daß durch zweigeschossige Raumteile die 
Sonne bis ins Erdgeschoß vordringt. 
Diesen Argumenten stehen eine Reihe von 
Vorteilen der Wohngassen gegenüber, die sich 
nicht in ihrem malerischen Reiz erschöpfen: 
So lassen sich abwechslungsreiche städtische 
Situationen schaffen, die auch ein intimeres 
Wohnen an der Straße erlauben. Vorausge- 
setzt ist natürlich, daß die Gassen vom moto- 
risierten Verkehr im Normalfall freigehalten 
Der Boulevard: Unter den Linden, Berlin um 1900 
werden. Und eben darin liegt - neben den ge- 
ringen Erschließungskosten, die zugunsten 
größerer Gärten genutzt werden können - ihr 
Hauptvorzug: wo gibt es schon Wohnungen, 
die vorn und hinten ruhige Frei-Räume auf- 
weisen. Berechtigen die Gegenargumente ge- 
gen unser „Lob der Gasse“ wirklich dazu, die- 
se Form schlichtweg zu verbieten bzw. zum 
Gegenstand von Ausnahmegenehmigungen 
im historischen Kern zu machen? Warum soll 
es in neuen Quartieren und Siedlungen keine 
Wohngassen geben? 
einen. Auch darf nicht vergessen werden, daß 
an Boulevards genauso gewohnt wurde wie an 
anderen Straßen. 
Zu einem Boulevard gehörte also ein reges 
öffentliches Leben wie es sich heute in Wohn- 
quartieren aufgrund der Funktionsentmi- 
schung nicht mehr findet. Dennoch könnte die 
Grundform des Boulevards in Verbindung mit 
der geruhsameren Form der Allee als Modell 
dienen, wenn es gilt, für die meist trostlosen 
„Sammel“- oder Haupterschließungsstraßen 
neuer Wohnquartiere ein Ssozialräumlich 
brauchbares (Neubau- oder Sanierungs-)Kon- 
zept zu entwickeln. Wenn es schon die Straßen 
sind, die jeder passieren muß, um zu seiner 
Wohnung zu gelangen und die auch meist die 
kürzesten Fußwegverbindungen darstellen, 
sollten sie nicht als „anbaufreie“ Verkehrs- 
adern geplant werden. Die verbliebenen 
städtischen Funktionen solcher Quartiere sind 
genau dort anzusiedeln und nicht in fiktiven 
„Zentren“. 
Lob des Boulevards und der Allee: Der mo- 
derne Siedlungsbau hat die Straßen mit viel 
Grün umgeben, zugleich aber den Bezug der 
gegenüberliegenden Seiten aufeinander auf- 
gelöst und das trennende Moment der Fahr- 
bahn betont. 
Die Allee, das war zu unserer Großväter 
Zeiten der Ort der sonntäglichen Promenade, 
des würdevollen Schreitens oder hoch zu Roß 
Trabens. Heute symbolisiert sie dagegen eine 
begehbare, zum Aufenthalt geeignete und 
nicht bloß befahrbare Straße. Die Allee betont 
nicht nur die Längsorientierung des Straßen- 
raums, sondern untergliedert ihn auch. Gera- 
de die Baumreihen stärken den Querbezug dr 
beiden gegenüberliegenden Seiten zueinan- 
der und bieten überdies einen räumlichen Ab- 
schluß des Bürgersteigs. Diese räumliche 
„Szenerie“ vermittelt so etwas wie Schutz und 
bietet zugleich „Anknüpfungspunkte“ zum 
Aufenthalt. Die soziale Nähe zum Haus ist ge- 
währleistet, aber man kann auch durch die 
Baumkronen nicht beliebig beobachtet 
werden. 
Der Boulevard, das war früher die städti- 
sche bzw. die Quartiersstraße überhaupt. Ge- 
genüber der Allee, die aus der Stadt zu bevor- 
zugten Ausflugzielen (Schlösser, Parks etc.) 
herausführte, gehörte der Boulevard ins 
(neue) Zentrum des städtischen Lebens. Auf 
der Allee promenierte man vormittags oder 
am frühen Nachmittag, der Boulevard erlebte 
seinen städtischen Höhepunkt abends. Als 
breite Straße mit einem gleichberechtigten Ne- 
beneinander aller Verkehrsarten und üppigen 
Bürgersteigen als Aufenthaltsraum (Straßen- 
cafes, Kioske, Litfaßsäulen und dgl.) gegen- 
über den Verkehrsflächen konnte er alle 
Funktionen des städtischen Lebens in sich ver- 
Für diese Form der städtisch-öffentlichen 
Straße ist auch das Modell des „Berliner Bür- 
gersteigs“ modifiziert aufgreifbar. Der insge- 
samt sehr breite Bürgersteig (original bis zu 12 
m) ist in drei Zonen gegliedert: Etwa in der 
Mitte liegt der schmale, mit ebenen Platten 
(ursprünglich Granit) belegte eigentliche Geh- 
weg für die Passanten - mit jedem Schuhwerk 
bequem zu begehen. Zwischen Gebäude und 
Gehweg liegt entweder eine gepflasterte Auf- 
enthaltszone oder, wo die Wohnnutzung 
dominiert, ein mit einer ca. einem halben 
Meter hohen Mauer eingefaßter Vorgarten. 
Zwischen Gehweg und Straße stehen Allee- 
bäume, früher auch Ziehbrunnen, allerlei 
Straßenmöbel, bis hin zu Kiosken und Wurst- 
buden. Worauf es hierbei ankommt, ist fol- 
gendes: bei den sehr breiten Straßenräumen ist 
der Bürgersteig selber als Straße ausgebildet. 
Er wird gegenüber der Fahrbahn durch Be- 
pflanzung und Möblierung abgegrenzt, ohne 
abzuschotten, so daß die Gebäude bereits im 
Nahbereich ein Gegenüber haben. Gewiß ist 
eine derart metropolitane Breitenentwick- 
lung von Bürgersteig und Vorzone für neuere 
Siedlungen nicht angezeigt. Wohl aber kann 
das Grundmodell dort, wo große Straßen- 
raumquerschnitte erforderlich werden, auch 
auf den Siedlungsbau übertragen werden. 
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