Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

im derzeitigen politischen Kontext Außen ist die Spannung zwischen 
nur leise, eher nebenbei, eher ange- alten und neuen Häusern nicht 
deutet als verwirklicht wurde, finde durchgearbeitet worden. Nicht nur 
ich verständlich. Man muß Klotz und deshalb, weil plötzlich im Dachge- 
seine Mitarbeiter näher kennen, um schoß die Denkmalpflege rigoros 
ihnen zuzutrauen, daß eine fruchtba- wurde: das innerste Haus durfte das 
re Auseinandersetzung gelingt: ge- Dach des alten Hauses nicht durch- 
genseitige Anregung und Synthese — stoßen. Es gab auch Leute, die das 
etwa wie wir sie in unseren skandina- begrüßten: sie vermuteten, man hät- 
vischen Nachbarländern und in den te die Assoziation einer Rakete er- 
Niederlanden finden. halten. Im Inneren ist diese Span- 
Klotz, der inzwischen neben seiner nung am Purismus von Ungers ge- 
in Marburg weiterlaufenden Lehrtä- scheitert. Er äußert sich in zwei Cha- 
tigkeit Museumschef ist, entschied rakteren: in der Konsequenz, nur das 
sich dafür, das Museum nicht nur reine Quadrat zuzulassen und sonst 
sammeln zu lassen, sondern es auch nichts; und es völlig abstrakt zu zei- 
als Diskussionsforum zu präsentie- gen, im ausschließlichsten Weiß, Das 
ren. Er will dazu beitragen, „den mag wohl sehr deutsch sein (den 
Grad der Toleranz zu erhöhen, also Chauvinisten wird die Bemerkung 
Pluralität zu ermöglichen”. Für ein aufregen). Holländer hätten ihre 
schwieriges Land wie die BRD mit Idee gebrochen, ironisiert, Kontra- 
ihren meist festgefahrenen Fronten, punkte zugelassen, etwa der alten 
mit einer Fülle von Angstneuroti- Hülle auch ihre alte Innenseite, als 
kern, die lieber Abgrenzungen und Fragment, zu belassen. 
Feindbilder sowie Ausschließlich- Der Architekt hat sich entschie- 
keit, Dominanz und Ausschluß der den, und dem Kritiker liegt es fern, 
anderen produzieren, ist das ein darauf zu insistieren, daß eine solche 
schwieriges, ein wichtiges und ein Entscheidung hätte anders aussehen 
notwendiges Unterfangen. müssen. Auch Kritik ist ein Spie/ mit 
Die Ausstellungstätigkeit des Möglichkeiten und keine Notenge- 
Deutschen Architekturmuseums be- bung. Sie wirft Überlegungen ın En 
gann bereits 1982: mit „Lehm-Archi- Prozeß, Heutzutage kann niemand 
tektur”. Zur Eröffnung zeigte Klotz mehr die Feier des Hauses erwarten, 
„Postmoderne Architekten — Revi- Man mag sich über Ungers mathema- 
sion der Moderne” , die dann in Paris, tischen Rigorismus ärgern oder ihn 
Zürich und Chicago zu sehen sind. akzeptieren — das Gebäude bietet in 
Eine Ausstellung über die Zersiede- Fülle Szenerie. Das scheint mir, ne- 
‚ung eines Bundeslandes soll folgen: ben der menschlichen Dimension, 
„Hessen vermessen.” Hauptthema das Wichtigste zu sein. Ich finde es 
der Dauer-Ausstellung wird die Ge- schade, daß Ungers eine Anzahl von 
schichte des Wohnens und Siedelns. intensivierenden Möglichkeiten zur 
Ein zentrales Thema. In welcher Szenerie-Bildung seinem geometri- 
Weise dies geschieht, scheint noch schen Purismus ch hat — am 
völlig offen zu sein. merkbarsten in überhohen Brüstun- 
Daß die Initiatoren sich mit dem gen, die einem — darüber darf man 
Museum selbst für die Zukunft ein sich ärgern — an manchen Stellen 
Baudokument und eine künstleri- provozierend vorhalten, daß die 
sche Leistung wünschten, darf man Zahl wichtiger ist als meine Möglich- 
ihnen nicht verübeln. Auch nicht, keiten zu schauen und die Leute, die 
daß nun darüber nachgedacht, ge- sich bewegen. Aber der Wider- 
stritten, diskutiert Wir Es gehört spruch, gewiß nicht nach dem Willen 
zum Prozeß. Er beginnt bereits beim von Ungers, freut mich: daß der tech- 
Fußweg über die Main-Brücke, die nokratische Charakter vom mensch- 
ein kaum verarbeitbares Spannungs- lich dimensionierten szenenreichem 
feld zusammenschließt und sichtbar Charakter relativiert wird — ein 
nacht: auf der einen Seite die gigan- Bruch, der letztendlich den Purismus 
iische Ballung von Banken-Kathe- ad absurdum führt, vielleicht auch 
dralen, auf der anderen einen Grün- dem Architekten selbst, und den An- 
zürtel mit historischen Großbürger- hängern der Postmoderne vorführt, 
Villen, eine brüchig gewordene Zo- daß neues Nachdenken sich lohnt: 
ne, angefressen, mühsam als Denk- nichts an Ungers Gebäude ist so wir- 
malbereich erhalten. Ungers hat üb- kungsvoll wie die Szenerie — die 
rigens auf diesen Kontrast keinen menschlich erlebbare. 
Bezug genommen, den Main-Blick Es ist ein billiges Museum gewor- 
nirgends erschlossen — ich finde es den — verglichen mit vielen anderen. 
gut, daß er der Versuchung, ihn Es ist klein, aber die Fülle seiner 
durch Szenerie vom Innenraum nach Räume läßt sich gut nutzen. Es ist at- 
Außen zu rıtualisieren, zu feiern, mosphärisch angenehm. Ich frage 
nicht aufgesessen ist. mich aber, ob es nicht zum Sammeln 
Neben dem riesigen Bau des Film- bereits zu klein ist. Hoffentlich initi- 
museums wirkt die einst monumental jert dies nicht den schlimmen Sach- 
gemeinte großbürgerliche Villa des Fang das Sammeln zu beschrän- 
Architekturmuseums eher klein. Ob ken. Denn zu sichern ist eine gewalti- 
es erlaubt war, ihr das Grün vor dem ge Aufgabe und notwendiger denn 
Haus, das entlang dem Main-Ufer zu 16. 
allen Villen gehört, zu entziehen, Der Bau sorgt für Diskussionen, 
mag man bestreiten. Manche haben auch was auf seinen 1300 qm Aus- 
beim neuen weinroten Vorbau vor stellungsfläche sichtbar wird. Das ist 
der Villa die Assoziation an eine Art das Beste, was ihm geschehen kann, 
Wachkammer. Ich selbst bin eher mit um lebendig zu sein. Wer Architek- 
den Öffnungen beschäftigt, die zwi- tur entwirft, schafft Menschen At- 
schen Außen und Innen viel Einblick mosphäre. Daß Architektur disku- 
und Durchlässigkeit herstellen. tiert wird, wäre eigentlich so selbst- 
Meine größte Überraschung: er- verständlich wie Essen und Trinken, 
wartend, monumentale Dimensio- Das neue Frankfurter Museum er- 
nen, monumentale Gebärden zu fin- Das Museumsinnere: ein ”Haus im Haus” hält Bedeutung, wenn es ihm gelingt, 
den, gehe ich durch eher kleine Gän- dauerhaft und vielfältig Impulse zu 
ge. Fast ein Labyrinth von Räumen. zen gelang ihm nicht. Statische Grün- gers auf dem Fundament dieser rich- erzeugen. Heinrich Klotz wird es 
Das miniaturisiert die wenigen mo- de seien so zwingend gewesen, sagt tigen oder falschen Entscheidung ge. nicht leicht haben: Offenheit und 
numentalen Gesten, hebt sie auf. SO man (unüberprüfbar), daß nur die macht hat. Er entwickelte die Idee. Verständnisprozesse sind hierzulan- 
ist dieses Museum gewiß kein Bau Außenwände erhalten werden konn- Häuser in Häusern wie Puppe in der de schwierig erreichbar, Wenn Sozia- 
des Schreckens und der Einschüchte- en, nur die Hülle des Historischen. Puppe zu entfalten. Schichtweise. les und Künstlerisches sich nicht inte- 
rung. Auch kein Bau, der mich durch Ein Symbol für das eigentümliche Alte und neue Häuser, Eine symboli- grieren, bleibt am Ende blanker Zy 
Wege-Rituale gängelt. Eher ver- Kompromißverhalten der Denkmal- sche Ebene, eine „Story”, „erzählen- nismus. Ich sehe es auch als Heraus- 
schwinden die Übergänge in der pflege. Nachdenken: Daß das Mu- de Architektur”, die gewiß einpräg- forderung an die Kunst sozialer Ar- 
Wand, man findet die Aufgänge _seum mit einer Zerstörung beginnt. sam ist, einiges zum Nachdenken Chitektur. Dazu wird es im nächsten 
nicht leicht. aufgibt. Sie präzisiert dem Besucher Heft von ARCH” einen Beitrag ge- 
Heinrich Klotz wollte die alte Villa Das muß man nicht gut finden und das Gebäude als Prozeß, locktihn.es ben 
erhalten haben. aber das durchzuset- kann doch danach fragen. was Un- zu erschließen Roland Günter
	        

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