Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

„Et is hier alles offen”, sagt staunend 
cin alter Mann. Und ein zweiter fügt 
hinzu:.Dat is offen Holland.” 
Tatsächlich ist es die bislang hol- 
)ändischste Architektur auf deut- 
schem Boden. Anfangs weckte sie 
Mißtrauen — nicht nur bei Planern, 
sondern auch bei den ersten Bewoh- 
nern. „Zunächst gab es eine Angst, 
einen Krimi-Koller: daß auf dem 
Gelände viel zu viel passieren könn- 
te. Aber das löste sich, als man sah: 
2s gibt eine wirklich effektive soziale 
Kontrolle der Freiräume — von den 
Leuten selbst. 
Alle Bewohner kommen aus ei- 
nem langsam kaputt gegangenen 
Stadtbereich. Das Severinsviertel, 
auf Kölsch „Vringsveedel”, in der 
südlichen Altstadt, verfiel langsam 
der Spekulation; es wurde vom Au- 
toverkehr überflutet, der Menschen 
und vor allem Kinder von der Straße 
verdrängte — und nun gab es zu we- 
nig andere Aufenthaltsorte, zu we- 
nig Grün und Kinderspielplätze. Als 
sich das Leben nach innen zog, wur- 
de die Wohnung zu klein. Viele flo- 
hen ins Umland. Gastarbeiter ka- 
men, rund dreißig Prozent sind es 
heute. 
Auch in der angrenzenden Neu- 
de des Baumeisters Stübben, hin- 
ter den großbürgerlichen Repräsen- 5 
 ativfassaden de Jahrhundertwen- Mean Anbei 131 Mietwohnungen im sozialen 
de, schlug die Spekulation zu — an- Wohnungsbau 
ders als im alten Handwerker-Vier- ; 30 Selbsthilfewohnungen 
tel: Modernisierungen erhöhten die IN eues Wohnen Projektbearbeitung: dt 8 - Planungs- 
Mieten, und Umwandlung in ge- > gruppe (Ulrich Coersmeier, Claus 
WACHS TE . Ditges, Alfred Fuhrmann, Chris- 
vertrieb die Bevölkerung. In Hinter: tian Schaller, Helmut Theodor) 
häusern aber wurde den Türken-Fa- Im Stollwerck Mitarbeiter: E. Mattke, W. Mehlich, 
milien für wenig Wohnraum ein Wu- T. Scheidler, E. Schossig 
:her-Preis abgenommen, der nur bei Freiraumplanung: Richter, Rheims 
'‘Jberbelesung erschwinglich ist und Partner 
Unter dem wohltätig klingenden n 
Namen Sanierung Sollten. Machen schaft LEG den gesamten Komplex Nordwestlich fanden die Archi- leicht angeheizt; dann eine Kombi- 
 ür zahlungskräftige Gewerbe und für einen Umbau retten zu können, tekten eine ganz andere Stadtstruk- nation von Zugang und Balkon-Ter- 
teure Wohnungen freigeräumt wer- SChätzten auch das unkonventionelle tur: die historischen Altstadtgassen rasse; dies alles hintereinander und 
den — doch in den siebziger Jahren Potential nicht so hoch ein, daß es der Handwerker — einen Haustyp ineinander gestaffelt — zu einer 
legte sich die Bürgerinitiative südli- a STORE DOCK! in Tan da bis drei Lehe für a theaterhaften Vielfältigkeit. 
che Altstad er, deckt a jeutschland tragen und finanzieren amilie sowie jelfältigkeit un Auch die Mietshäuser besitzen 
tion und ET reeglres Da SET könnte. Sie plädierten für die halbe Kleinmaßstäblichkeit der Freiraum- solche Szenerien: ihr Erdgeschoß 
triebsverlagerung von Stollwerck Erhaltung und mußten zusehen, wie Nutzung. Auch dies aufnehmend wird für Loggien und Gärten ge- 
auf, besetzt die leere Fabrik, forder- !hnen aus diesem Kuchen auch noch entstanden innerhalb des Umfas- nutzt; darüber entfalten sich mit ge- 
te Erhaltung und Umbau für billige weitere Rosinen herausgepickt Wur- sungsblockes, ın seinem Hof, eine schickten Anordnungen wahre Bal- 
und unkonventionelle Wohnungen den, aber sie setzten mit Geschick Anzahl gassenartiger, versetzter kon-Landschaften, so daß man nicht 
statt Schickeria-Appartements mit den Bau eines Meilensteines durch Räume — mit Einfamilien-Häusern mehr das Gefühl erhält, zwischen 
Blick über den nahen Rhein. nn und kleinen Gärten, 7 hohen Baumassen verloren zu sein, 
Die Bürgerinitiative verlor viele Genauer als man sie jahrelang be- Der Bauträger, die Landesent- sondern überall Betretbarkeit fühl- 
 Schlach 8 N 1983 de 1 trieben hatte, war ihre Analyse der wicklungsgesellschaft (LEG), ver- bar wird. 
© ac) ten, noc © 83 wurde ihr städtebaulichen Situation: eine Syn- gab Mietwohnungen und Eigentum, Gesteigert wird dies mit dem 
orführstück mit den Umbau-Woh- t+pese aus dem Verständnis histori- entsprechend den erkämpften sozia- Kunstgriff, ebenfalls aus Holland an- 
nungen in Selbsthilfe spektakulär scher Entwicklung und der Gegen- len Sanierungskriterien, an Leute geregt, Speicherräume nach außen 
abgerissen, Sie selbst ist inzwischen wart, Synthese auch zwischen ma- aus dem Viertel. Organisiert in Ei-_ zu ziehen: so findet man sich plötz- 
langsam versickert. Aber der Wider- }r9- und vor allem mikrostrukturel- gentümer-Gemeinschaften bauten lich in kleinen Hof-Situationen und 
stand lohnte sich: das Stollwerck- Jen Einsichten. Südlich fanden sie die einen sich ihren Rohbau, mit unter terassenartigen Dachgärten. 
Gelände erhält Sozialwohnungen für qje Schlips- und Kragen-Architektur Hauptverteiler, nach eigenen Be- Am Severinswall setzten die Archi- 
die Leute aus dem „Veedel”. Ersatz- großbürgerlich-städtischen Zu- dürfnissen aus, in Holland Casco- tekten die Balkone als dünne eiserne 
wohnungen. Die ersten stehen — am schnitts vor, die Stübben-Neustadt Bau genannt: pro Haus eine Erdge- Gestände, wie ein Baugerüst, vor die 
Rhein-Ufer breitet sich West- _ mit ihren drei Geschossen eine schoß-Wohnung von 113 qm und Wand, thermisch vom Kernbau ge 
deutschlands derzeit entwickeltester \ummer kleiner als ihr Berliner darüber zwei Maisonetten von je121 trennt; luftig; durchsichtig; bewach- 
sozialer Wohnungsbau aus, Vorbild. Daraus entstand die Idee, qm. Jeder kann seinen Kern später sen von Kletterpflanzen. Eine Sze- 
Sein Modell-Charakter besteht eine Blockrand-Bebauung aufzufüh- noch einmal erweitern — in den Kel/ nerie vor der Wand, die dadurch — 
vor allem darin, daß er nachweist: ren; auch als Abschirmung des Inne- ler oder ins Dach. und zusätzlich mit viel Glas und Holz 
aus den bestehenden Bauvorschrif- ren gegen unsäglichen Lärm der Davor wächst nun eine Freiraum- -— ziemlich leicht wirkt. 
zen und Finanzierungsrahmen kann Rhein-Ufer-Schnellstraße; natürlich Szenerie: Gärten zu beiden Seiten; Hier wird nun nicht mehr der Frei- 
nan weit mehr machen, als Deutsch- mit Schlafzimmern und Balkonen eine situationsreiche, brückenartig raum verschenkt oder banalisiert. 
lands Wohnungsgesellschaften, Bü- zum ruhigen Innenhof freie Außentreppe. bei nassem Frost! wie wir es seit Jahrzehnten im sozia- 
vokratien und Planer stets behaupte- len Wohnungsbau als ganz unsoziale 
I ae mes dan T ho- Öde finden, sondern die Möglichkei- 
en nsqualitäten ist „machbar”. ten entfaltet: an der Rheinuferstraße 
Dias Nu DIE man. ber den be a — ein bißchen Platz, nicht besonders 
olländischen Nachbarn blickend, gut nutzbar, aber immerhin nicht 
schon lange — aber jetzt haben wir mehr die übliche Beleidigung für 
auch am deutschen Rhein ein Bei- Augen und Füße; terrassenartige 
spiel dafür. : Aufgänge, auf denen gelegentlich 
Der Wettbewerbsgewinner für das sogar Leute sitzen — obwohl der 
Stollwerck-Gelände war 1978 über- Verkehr rauscht, bietet das Rhein- 
raschend eine Planergruppe, die aus ufer Interessantes. Darunter: ein 
Kritikern bestand: „dt 8” nennt sie langer Arkaden-Gang. Dort nisteten 
sich, ein Team von fünf Teilhabern sich ein Friseur, ein Imbiß, ein Büd- 
ala aa das seit 1971 chen und eine Eckkneipe ein, die 
erfolgreich arbeitet. sich im Sommer mit Bier; in 
Ihr Kompromiß war umstritten, den ruhigen Innehof ansbreitet. Da 
wurde auch als „Verräterei” be- zwischen treffen wir Sozialräume; 
schimpft. Sie hatten nicht die Hoff- a7 die Bewohner können sie, über den 
nung, bei der derzeitigen politischen AU inzwischen entstandenen Mieter- 
age in Stadt und Wohnungsgesell- . Verein ausleihen 
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