Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

mer erst da aufeinander zu, wo es gen” der fünziger und sechziger Jah- mieter im Wohnungsbestand unter-Wohnungs
 — um sogen. Problemfamilien, Pro- re, Doch wie sagte der als Referent zubringen — ein durchaus nachzuah-EC
 geht. Man ne hi geladene KH Kölner Woh- mendes Experiment, was allerdings
eobachter meinen, es ginge hier nungsamtes, Keßler:,Was Problem- vom gemeinsz Willen 4
versorgung um Behinderte oder alte Menschen. gruppen sind, bestimmt der Vermie- ragen wird, PIE 0004 von dern Se
und Nein! Plötzlich konzentriert sich al- ter”, und:,„Problemgruppen sind nierungsprojekt Berlin-Steglitz
es Klagen a auf die, Leute, die als Problemgruppen be: Woltmannweg (vgl. ARCH” Nr
wie gesagt wird, Wohnunfähigen, zeichnet werden...” 34), wo Unterkunftsbewohner einer
Problemgruppen Nicht-Tragbaren, unzumutbaren, ja Genauso ist es, die Selektion fin- Sroßen Schlichtbausiedlung nun in
‚störenden”, Mieter. Mit diesen det durch die Vermieter statt, an ihr eine zusammen mit ihnen geplante
Personen will man, sprich, die Ver- beteiligt sich aber auch, das darf Neubauanlage des Sozialen Wohmieter,
 nichts zu tun haben. Da sol- nicht verschwiegen werden, der so- nungsbaus mit außerordentlichen aren
 die Kommunen ran. Ausgren- gen. Normalmieter, also Lieschen _chitektonischen Qualitäten und mit
zung unbequemer Menschen ist an- Müller, die es einfach nicht ertragen einer Einstiegsmiete von DM 3/qm
gesagt. So hat die Stadt Frankfurt kann, daß die Kinder von Frau Xso umziehen konnten. Dieses Experijetzt
 sogar definiert, was für sie „Stö- frech sind, und die deshalb alle Vor- ment konnte und kann nur funktiorer-Familien”sind
 und wie die Ver- fälle notiert und Unterschriften ge.  nieren durch die jahrelang begleiten:
waltung mit ihnen umzugehen habe. gen die Familie sammelt. de und steuernde Gemeinwesenar-Zu
 einem gleichsam brisanten wie Schon der Versuch einer solchen Hier eröffnet sich dem außenste- beit des‘ Kirchenkreises Steglitz —
sensiblen Thema fanden sich jüngst Definition allein sollte den Verfas- henden Betrachter insgesamt ein ein Team, das offiziell mit den sobeim
 Deutschen Institut für Urbani- S°rn die Schamröte ins Gesicht trei- Abgrund von Denunziation, Neuro- zijalplanerischen Aufgaben des nach
stik in Berlin Vertreter der Woh- en. Doch stattdessen spürte manals tik und subjektiver Willkür. Aberes StBauFG durchgeführten Projekts
nungsämter, der Sozialämter, der Teilnehmer nur die ständigen unter- gibt immerhin einige bemerkenswer- betraut wurde. (Sb das der Berliner
Gemeinnützigen Wohnungsbauge- schwelligen Aggressionen gegen al- te Ansätze, diese irrationalen, für Senat noch einmal tun würde, wurde
sellschaften, Sozialarbeiter und Kom- ©$ Nicht-Stromlinienförmige, eben die Betroffenen sehr bedrückenden eher verneint.)
munalpolitiker‘ ein: Kommunale Nicht-Normale Mietertum. Es ist für und diskriminierenden Mechanis- Wir hörten aber auch von weniger
Wohnungspolitik für besondere Be- solche Menschen offenbar unzumut- men zu durchbrechen und die Hand. glücklichen Ansätzen, wie z.B. deı
darfsgruppen hieß die Überschrift bar, sich mit nicht einfachen und mit  habung der Probleme auf eine über- Arbeit in Hamburg-Steilshoop. Im
der Tagung. Nöten und Sorgen beladenen Men- prüfbare, objektivierte Ebene zu merhin hat aber in Hamburg die SA-Die
 Nachfrage war groß, viele ka- schen abzugeben. Gefragt sind so- bringen. Die Teilnehmer hörten von GA eine eigene. Abteilung für Somen.
 Allein diese Tatsache beleuch- zialtechnokratische und damit letzt- der Praxis des sogen. Bremer. Ver- zialarbeit, die sich allerdings angetet
 schlagartig ein bisher viel zu sehr lich inhumane Lösungen. So stellt irages, bei dem sich Stadtgemeinde sichts der völlig unübersichtlichen
vernachlässigtes Thema und die ak- die 2 besagte Stadt Frankfurt eben Bremen und Wohnungsbauunter- Größe dieser Hamburger Wohtuelle
 wohnungspolitische Situation: „Störerwohnungen bereit, „natür- nehmen freiwillig zu einer je nach nungsbaugesellschaft und damit an-Die
 Bundesregierung will noch lich” mit primitiverer Ausstattung — Marktanteil varlierenden, prozentu- gesichts der Vielfalt der Problemfälmehr
 Markt, Liberalisierung und hö- aus pädagogischen Gründen, ver- al festgelegten Quote verpflichtet [je aufreibt und letztlich auch nichts
here Mieten ermöglichen — wäh- steht sich. Das sind die alten „Lösun- haben. Notstandsfälle und Problem daran ändern kann, daß die Hochrenddessen
 die Zahl der einkom- haus-Mietskasernen im Osdorfer
mensschwachen Mieter immer mehr Born und anderswo ungeliebt sind
zunimmt. Das politische Muß ist die und eigentlich, wie es der nordrheinweitere
 Kapitalisierung des Woh- westfälische Minister Zöpel einmaiı
nungsbestandes — aber das notwen- forderte, abgerissen werden müßdige
 Soll wäre eigentlich die Dek- E ten.
kung des Bedarfs an preiswertem 5 6 Klar wurde, daß neue Ansätze
und zumutbarem Wohnraum. Hier und Experimente nur durch den gevollzieht
 sich eine Scherenentwick- meinsamen positiven politischen
lung, die vielen Beteiligten inzwi- Willen der Beteiligten gelingen —
schen sehr aufstößt, unangenehm und daran mangelt es in den meisten
wird, Konfliktstoff hervorbringt. Fällen. Diese vielen Einzelansätze
Nun versucht man von verschiede- und Experimente wären es wert, ın
nen Seiten her, die Dinge in den zinem gesonderten Heft der ARCH”
Griff zu bekommen: Die Bundesre- »inmal dargestellt zu werden. Fest:
gierung will die Gemeinnützigen auf zustellen bleibt nach dieser Tagung,
die ungeliebten sozial „schwachen? daß die Wohnungspolitik seit Jahren
Mieter verpflichten — dafür sollen viel zu wenig sozialpolitisch ausgediese
 in einem groß angelegten deal richtet ist. Diesen Mißstand beklaihre
 Gemeinnützigkeit und Steuer- gen diejenigen, die aus der Sozialpobefreiung
 behalten, die freien Woh- liıtik oder aus der Sozialarbeit komnungsunternehmen
 sollen sich noch men und die täglichen Sorgen kenmehr
 um den freien Markt kümmern nen, schon lange. Erst die Verschärkönnen,
 die privaten Einzel-Vermie- fung der Wirtschaftslage, der Anter
 sollen ihre Handlungsfreiheiten stieg der Arbeitslosigkeit läßt — oft
behalten und sogar ausweiten dür- wider Willen — die Beteiligten, vor
fen. Die Kommunen versuchen mit allem die Baugesellschaften, zu der
allen erdenklichen Tricks, mit den Erkenntnis kommen, daß die Proauf
 sie einstürmenden Versorgungs- bleme sich nicht verringern werden,
wünschen der Mieter fertig zu wer- sondern im Gegenteil größer werden,
 und die Gemeinnützigen wie- A In anderen Ländern schon längst üb- den. Die Neue Armut ist im Vorderum
 entledigen sich mißliebiger ° Loos lich, ob es sich nun um die Villa Sa- dringen! Der Versorgungsauftrag
und einkommensschwacher Mieter a voye von Le Corbusier handelt oder gerade der Gemeinnützigen, aber
zu Lasten der Kommunen, sie po- Bastelbogen um das Haus Schröder von Rietveld auch der freien Wohnungsunternehchen
 auf ihre N Betrichswirfschaftlı- oder um das Empire State Building, men ist gefragt. Die Debatten um
chenMaßstäbe. Sie wollen außerdem ist nun erstmals ein österreichisches die Änderung des Wohnungsgemeinkein
 Belegungsrecht der Kommu- EDS Haus als Vorbild genommen. Als nützigkeitsgesetzes (vgl. ARCH” 74)
nen. . YO für „Architekturmodell 1” ist das und die Forschungsergebnisse über
Dieses — zugegebenermaßen, aber rchitektur hat den Vertrieb für eine die Belegungspraktiken der Gesellangesichts
 der gebotenen Kürze des Novität übernommen, die in Öster- Jg !uus Moller von Adolf Loos schaften  Pestädigen dies. Dies sollte
Berichts unumgänglich sehr grobe — eich erstmals publiziert wurde. Es erschienen. In der A4-Mappe, auf die Stunde der Sozialpolitiker und
BES ETN des augenblick- ‘1andelt sich um einen deren Umschlag das Foto des Bau- Sozialarbeiter ST diese sollten ihre
iche Agoniezustandes in der Woh- i ür ei “1. werks und rückseitig das Foto des Kompetenz in diesen Fragen einaungspolitik
 prägte die Debatten der Asch achosen für en Arsch fertigen Modells zu sehen ist, befin- DEREN Für die Wohnungswirt-Tagung.
 (Immerhin ließ es sich det sich außerdem eine kurze Bio- schaft steht noch eine wichtige Lernselbst
 der Vorstandsvorsitzende des grafie des Architekten, eine Bauge- phase bevor, Dies ist aber auch die
Gesamtverbandes der Gemeinnützi- schichte des Hauses, einige Fotos so- Stunde der Wohnungspolitiker,
gen Wohnungsbaugesellschaften, wie mehrere Bögen, die anhand der denn angesichts der sozialpolitischen
Tepper, nicht nehmen, zu erschei- beigefügten Skizzen und Erläuterun- Entwicklung kann es mit steigenden
nen, und wie er sagte, das Klima und gen zu einem Modell im Maßstab Mieten und immer knapper werdendie
 Atmosphäre der Diskussion die- 1:100 zusammengebaut werden kön- den preiswerten Wohnungen nicht
ses Themas zu erfahren, ein Zeichen nen. so weiter gehen. Leider fehlt abe
dafür, daß der Verband ahnt, was Der Verfasser Hugo Reissner be- für den nötigen Druck eine breite
auf ihn noch zukommen wird, und absichtigt, die Reihe mit dem Haus Mieterbewegung! Noch eine Bemerein
 Zeichen dafür, daß er zuweilen Wittgenstein von Ludwig Wittgen- kung zum Schluß: Schön wäre g5,
mit dem Rücken an der Wand steht). stein und Paul Engelmann sowie ei- wenn sich das exklusive DIFU Bei
Was die Tagung besonders interes- nem Haus von Lois Welzenbacher Solchen Themen entschließen kö an
sant machte, war die Thematisierung fortzusetzen. te, betroffene Mieter einmal miteinder
 neuralgischen Punkte des alltäg- Das Architekturmodell ist zum Zzuladen. Es ist nie gut, wenn Funklichen
 Wohnungsk(r)ampfes. Die Preis von S. 110,- über jede Buch- tionäre immer nur im eigenen Saft
Schnittlinien von Sozial- und Woh- handlung und bei der Österr. Gesell. kochen
aungspolitik laufen — leider -— im- schaft für Architektur zu beziehen Heinrich Sydow
            
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