Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

Auf dem Petersplatz in Rom,
auf dem Capitol Michelangelos,
auf der Piazza del Campo in Siena, Hermann Sturm
auf dem Markusplatz in Venedig,
am N in ar Wi ® ® h? dafu
erwarten dıe Menschen keine Bäume, a:
in New Orleans keine römischen Triumphbogen. 33 1eSsSe 15 NIC r
Ein U iresbach‘ in der Fußgängerzone y .- 35
Se aam’ wa die Palm
Drei Beispiele zur Erläuterung m a 16 a €
Das erste Beispiel zeigt eine Hauswand in 5
Essen, die mit Asbestplatten in zwei Far- Naturalität statt
ben (in ocker und in schiefergrau) verklei- Urbanität ?
det ist. Die hellen Platten sind so angeordnet,
 daß das Motiv eines Schmiedes erkennbar
 wird, der ein Werkstück auf einem
 Amboß mit Hilfe eines angedeuteten
Hammerwerks bearbeitet. Das Besondere
liegt in der einer Computer-Grafik ähnli- ‚rechts:
chen Ausführung, d.h. dem Aufbau der Fi- Hauswand in Eisen
guration mit Hilfe eines Rasters (dem Plat- unten:
tenraster in diesem Fall). Die Figuration Hausbemalung im Zoo-Viertel
weist ein hohes Maß an Abstraktion auf, in Wuppertal
die vor einigen Jahren wohl noch auf erhebliche
 Rezeptionsschwierigkeiten und
Widerstände gestoßen wäre, aber heute offensichtlich
 akzeptiert wird. Die Abstraktion
 selbst zeichnet sich durch kaum mehr
zu überbietende Simplizität aus. Die spezifische
 Form dieser Abstraktion ist in Wirklichkeit
 das Ergebnis eines synthetisierenden
 Prozesses binärer Entscheidungen. Sie
sind uns zunehmend vertraut aus den synthetisierenden
 Formen der Computer-Bildschirm-Visualisierungen,
 von Video-Text-Bildern,
 Spielautomaten und Video-Spielen.
 Die „Vertrautheit” mit ihnen ist
Ergebnis von Einübungen in die Welt computerisierter
 Zeichensysteme.(2)
Die verschiedenen Aspekte, die Gestaltungsprozesse
 bestimmen, Form, Farbe,
Material, kurz: die schöpferischen Formen
des Umgangs mit Gestaltungsprinzipien,
haben hier ihre Eigenwertigkeit und ihre,
das Ganze, den Prozeß und das Ergebnis reglementierendes Raster ist nicht erkennprägende
 Spezifik eingebüßt. Die spezifi- par, auf die Architektur wird nicht bezug
sche Materialität und Formalität (als das, genommen; allenfalls im „all over”, im Zuwas
 das gestaltete Material von sich aus wachsen lassen. Der nahe Zoo scheint sich
und in bezug auf die Form des Dargestell- pjer fortzusetzen.
ten zu sagen vermag und sagt) ist reduziert Die dilettantischen Malereien könnten
auf ein unspezifisches Zeichensystem, des- 4]s spontane Reaktion auf die langweilige
sen Funktionalität in seiner universell er- Ungestalt des Hauses, ja auf die Ungestalt
scheinenden Anwendbarkeit besteht. Das ger ;m Profitinteresse erstellten Reihenheißt,
 dasselbe Zeichen für eine menschli- päuser und Hausagglomerationen überche
 Figur kann durch elektronische Mani- haupt gelesen werden. Sie könnten verpulationen
 vom Schmied zum Sportler standen werden als Ausdruck des Protestes
oder zum Astronauten werden, ohne daß egen die Funktionalität abstrakt gewordedie
 Materialität und das die Formen gene- rer und gemachter Zeichensysteme, mitrierende
 Prinzip des Zeichensystems ver- pin als Abwehr der Vereinnahmung verändert
 werden muß. Diese Funktionalität inheitlichender und vereinheitlichter Mawirkt
 sich auch im Inhaltlichen der Darstel- terjalität und Formalität.
lung aus: der Schmied in unserem Beispiel Die Malereien könnten aber auch Ausist
 jeder Spezifik seines Berufes und seiner fiuß einer auf Natur und Natürlichkeit zie-Erscheinung
 beraubt. Er ist als Schmied enden Bewegung sein, die in der Wiedernur
 durch Accessoirs — Hammer und Am- perstellung eines Naturzustandes (welches
boß — bestimmbar. Die Funktionalität die- Naturzustandes eigentlich?) das erstreser
 Art von Zeichen führt mithin auch zum penswerte Ziel sieht. Dabei zeigen sie aber
Verlust von Geschichte, obwohl sie Ge- auf dem Weg der Umwandlung des Geschichte
 thematisieren (hier die Darstel- ‚meinten und ÄAngestrebten in Zeichen und
lung eines Handwerkers). Sie verfehlt die Zeichensysteme gleichfalls die Anpassung
Konkretheit und den „Eigensinn” der Ge- an eine vorgestellte, wenn auch andere
schichte, indem sie mit einem universell Ordnung der Dinge an und werden so zum
anwendbaren Zeichensystem operiert. Ausdruck einer Funktionalität, also zu ei-Das
 zweite Beispiel zeigt eine Hausbe- nem „Vermögen, sich in ein zusammenmalung
 im Zoo-Viertel in Wuppertal. Sie hängendes Ganzes zu integrieren”.(3) Naerscheint
 auf den ersten Blick als das ge- tur wird also als Funktion dieser Zeichen
naue Gegenteil des ersten Beispiels. Die und Zeichensysteme kulturiert. Die so als
Hauswand ist überzogen mit gemalten Ge- „Naturalität” gefasste Natur und Kultur
wächsen.. Bäumen. Blumen. Tieren. Ein sind austauschbar
            
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