3. Dezember 1904.
WÜRTTEMBERGISCHE BAUZEITUNG.
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Glases geschieht in der bekannten Weise durch eine
federnde Deckleiste d, welche durch die Messingmutter
des Schraubenbolzens m gehalten ist. Die Schraubenbolzen
selbst werden durch lange Löcher in die Bügel eingeführt
und stoßen nach Rechtsdrehung an einen Anschlag, bei wel
chem sie festsitzen. Durch Abnehmen der Deckleiste, even
tuell auch der Firstkappen ist jede einzelne Glastafel aus
wechselbar, aber auch die Zinkrinnen können einzeln aus-
nicht aus. Jahrhunderte haben sie vor uns gemacht und uns
hinterlassen, an uns ist es, mit diesem Pfunde zu wuchern.
Allerdings steht heute anderseits ebenso außer aller Frage,
daß sich keiner der wieder aufgenommenen alten Arckitektur-
stile als lebenskräftig erwiesen und als Gegenwartsstii bewährt
hat, wohl deswegen, weil die nach Gutdünken aus der histori
schen Rüstkammer herausgegriffenen und für moderne Zwecke
umgearbeiteten Stücke alter Kunstbetätigung trotz aller Ver
suche individueller Umbildung und Weiterentwicklung doch
traditionell ohne Zusammenhang mit unsrer heutigen Zeit
bleiben. Die Breschen, die im vorigen Jahrhundert durch
die Zeit- und Kulturereignisse in den ununterbrochenen Damm
der Ueberlieferung gelegt worden sind, klaffen noch heute
unausgefüllt und sind hindernde Lücken, die einen ruhigen
Fortbezug der alten Ueberlieferungen unmöglich machen.
Daher ist es ein besonders hoch anzurechnendes Verdienst
Schultze-Naumburgs, daß er mit klarem Blick die Verhältnisse
durchschaut hat und in seinen ja wohl jedermann bekannten
Kulturarbeiten immer wieder durch Wort und Bild da anzu
knüpfen auffordert, wo die alten Traditionen so jäh und rück
sichtslos unterbrochen wurden. Daher ist mit Freude auch
das jüngste Unternehmen der Architekten Lambert und Stahl
zu begrüßen, in dem versucht wird, auf großen Tafeln Publikum
und Künstler auf die bürgerlichen Bauten von 1750 bis 1850
mit all ihren intimen Reizen aufmerksam zu machen.
Die Engländer haben im Anschluß an ihre letztvergangene
einheimische, bäuerliche und kleinbürgerliche Architektur ein
nationales, modernes Wohnhaus geschaffen, dessen Stil, un
beeinflußt von Frankreich und Italien, allein dem Bedürfnis
entspricht und selbst bei uns allmählich eine mächtigere An
ziehungskraft ausübt, als irgendwelche Gedanken, die von
einheimischen Architekten ausgehen. Warum besinnen wir
uns nicht auch auf uns selbst und nehmen unsre eigne letzte
künstlerische Vergangenheit zum'Ausgangspunkt eines bürger
lichen Baustils örtlichenJCharakters, der für den Steinbau be
stimmend werden würde und zugleich neben und mit den
Ergebnissen jener Aufgaben von sozialem Charakter und Eisen
gewechselt werden, ohne daß die eigentliche Sprossen- und
Tragkonstruktion irgendwie weggenommen oder in Mitleiden
schaft gezogen zu werden braucht. Die eigenartige und dabei
einfache Konstruktion bietet aber bei größeren Sprossenstütz
weiten noch andre, wesentliche Vorteile. Die auswechsel
baren, federnden Auflager-Zinkrinnen können durch ver
schieden hohe Bügel in verschiedener Höhe angeordnet und
ohne Kröpfen u. s. w. stumpf und lose aneinandergestoßen
werden. Dadurch können bei größeren Sprossenlängen, in
welchem Falle eine einzige Glastafel nicht mehr ausreicht,
die Glastafeln übereinander gelegt beziehungsweise gelappt
werden und parallel zu den Haupt- beziehungsweise zu den
Deckrinnen und überhaupt zu allen Konstruktionsteilen ge
führt werden, wobei sie auf die ganze Länge ihrer Kanten
ein gleichmäßiges, federndes, gutes Auflager finden. Alle bei
einem solchen Stoß der Glastafeln bisher erforderlichen
Kröpfungen, welche stets gelötet werden mußten und daher
zu Undichtigkeiten Anlaß gaben und nur durch Handarbeit
auszuführen waren, deshalb nie sauber wurden und schlecht
aussahen, sind vermieden. Der Boden der durchlaufenden
Sprosse bildet eine Ebene und kann daher bequem und
leicht über die Pfetten geführt werden. Die obere Glastafel g
stößt, wie aus der Seitenansicht einer solchen für mehrere
übereinander liegende Glastafeln bestimmten Sprosse zu er
sehen ist, gegen die untere Deckrinne und findet dadurch
ihren natürlichen Halt, so daß Befestigungsmittel überflüssig
werden. Nur in solchen Fällen, wo die Stirnkanten der Glas
tafeln nicht windschief liegen, sondern horizontal, und wo
eine besonders reichliche Schwitzwasserentwicklung zu be
fürchten ist, werden in bekannter Weise Haften eingelegt, so
daß ein Zwischenraum zwischen den Tafeln entsteht, durch
den das Schwitzwasser Gelegenheit hat, nach außen abzu
fließen. Kommt es darauf an, den Zwischenraum zwischen
den Tafeln luftdicht zu verschließen, dann werden Blei- be
ziehungsweise Kupferdrähte statt Haften eingelegt und derartig
gebogen, daß sie das Schwitzwasser nach den Rinnen weisen.
Das Kröpfen der oberen Deckschiene wird gleichfalls ver
mieden, und zwar durch ein innen angebrachtes und mit der
Rinne vernietetes Hartblei /, welches sich auf der unteren
Deckrinne lagert.
Die Sprossen werden durch kleine Anschlußwinkelchen
an die unteren leichten Saumwinkel beziehungsweise an die
als Material den so sehnsüchtig erwarteten und angestrebten
Stil unsrer Zeit ergeben könnte. So lange Publikum und
Künstler allerdings an Häusern, wie z. B. am „Römerhof“,
jenem behäbigen Bürgerhause an der Ecke des Bleicherwegs
und der Stockerstraße, gleichgültig vorübereilen, um nicht
weit davon in starrem Staunen vor scheußlichen Mietskasernen
stehen zu bleiben, solange ist nichts zu hoffen. Aber die Zeiten
schreiten rasch, die Bewegung ist mächtig und die Zeichen
mehren sich, daß wir auf dem besten Wege sind, einen der
verlorensten Außenposten zurückzuerobern und das Verständnis
und das Erfassen der Baukunst zu ihrem Heile für Geist und
Gemüt immer weiterer Kreise zu wecken und zu beleben.
Wie wir also sehen, ist das ursprünglich so verworren
erscheinende Bild der Architekturbetätigung unsrer Zeiten
doch nicht ganz ohne erfreuliche Ausblicke und läßt sogar
weitgehende Hoffnungen, als in absehbarer Zeit wohl erfüllbar,
aufkommen, falls die nötigen Vorbedingungen erfüllt werden
und dafür gesorgt wird, daß einerseits die Erziehung der zu
künftigen Architekten eine zweckentsprechendere, anderseits
die Anteilnahme des Publikums an baulichen Arbeiten eine
verständnisvollere und lebhaftere werde.
Heutzutage hat leider der Architekt zumeist keinen Anteil
mehr an den Kleinkünsten und damit auch die direkte Fühlung
mit dem großen Publikum verloren. Heute macht der Maler
die neuen Möbel, Tapeten und Beleuchtungskörper; er be
schickt die kunstgewerblichen Abteilungen unsrer Ausstellungen
und ist der Träger der ganzen eigentlich neuen Bewegung
in den gewerblichen Künsten. Und wo er nicht hindringt,
da walten der Bauunternehmer und Tapezierer und machen
die Räume der Mietswohnungen zurecht, in denen nicht nur
der Ungebildete und Unbemittelte, sondern auch der Reiche,
der Künstler und Architekt sich zu leben gewöhnt haben.
Niemand denkt mehr daran, daß hier eigentlich das Ur-
betätigungsfeld der Architektur liege, und der Architekt selbst
hat sich dieses Gedankens völlig entwöhnt.