Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

die Unterscheidung von Wohn- und brüche und -erweiterungen in eine gleichzeitig notwendigen Zerstörungs- 
Verkehrsstraßen hierarchisiert - eine künstlerische Form zu kleiden, also „ar- prozesse werden nicht erwähnt, ja wohl 
faktische Kritik der wenig differenzie- chitektonisch schöne Verkehrsstraßen nicht einmal als solche begriffen. Die 
renden Straßentypologie des Hobrecht- zu schaffen” (Jansen 1910, S. 64), z. B. ungeheure Zahl der geplanten Häuser- 
plans. „Die Kinder wie die Automo- durch „perspektivische Straßenführun- abrisse sowie der vernichteten Wohn- 
bile”, so etwa der 1. Preisträger Jansen, gen” (Brinckmann 1910, S. 9). „Nicht räume und Arbeitsplätze wird nirgend- 
„müssen sich austoben können; sie Straßenlinien, sondern Straßenbilder wo ermittelt, die Kosten der Zerstörung 
daran zu hindern, wäre eine Verken- wollen entstehen. Diese vorzubereiten, nur unter dem Gesichtspunkt der Ren- 
nung ihrer Bedürfnisse, die sich rächen sie wachsen zu lassen und schließlichzu  tabilität der Neuanlagen diskutiert. Die 
muß.” (Deutsche Bauzeitung 1910, S. einem harmonischen, künstlerischen Mechanismen der Bodenrente werden 
261) Als „Austobeplatz” für Automobi- Höhepunkt auszubauen, das ist die er- nicht problematisiert, sondern als Mo- 
le empfiehlt Jansen Hauptverkehrs- ste Kunst des Städtebaues” (Jansen tor einer sich selbst finanzierenden Ter- 
straßen, die nur alle 500-600 m durch 1910, S. 66) Dabei ist der Bruch mit der tiärisierung der City empfohlen. Apro- 
Kreuzungen unterbrochen werden. _vorindustriellen Stadt, der Bruch mit pos Rentabilität: „Für die City” so 
Die von den Preisträgern des Wett- den schmalen Straßen, winzigen Parzel- Brinckmann, „wird sehr berechtigt eine 
bewerbs vorgeschlagenen Straßen- len, kleinen Häusern samt Wohnungen höhere, als die jetzt polizeilich erlaubte 
durchbrüche und -erweiterungen und Kleingewerbe, der Bruch mit der Bebauung verlangt von 8 oder 9 Ge- 
werden in der Innenstadt am dichte- alten Eigentümerstruktur gefordert. schossen.” (1910, S. 9) Licht und Luft für 
sten, sie fördern so mit der Erreichbar- Die überkommene Altstadt, das ist klar, die verbauten Stadtteile? Forderungen 
keit die Aufwertung und Ausdehnung istder Hauptstadt eines um europäische in Richtung Hochzonung werden ins- 
der City. Vorherrschaft ringenden, säbelrasseln- besondere von Havestadt & Co. erho- 
Die verkehrsgerechtere Erschlie- den Reiches keineswegs angemessen. ben, die in der Berliner Innenstadt die 
ßung der City - auch hierin besteht Die Spuren der provinziellen Vergan- Zulassung von bis zu 30 m hohen Ge- 
Übereinstimmung - muß von deren genheit sind zu tilgen, die Erinnerun- schäftshäusern mit 7-8 Geschossen 
Verschönerung begleitet werden. „Die gen an sie zu löschen. Neue tertiäre, empfehlen. a 
Zeit für großzügige städtebaukünstleri- meist öffentliche monumentale Gebäu- Ist also der schonungslose Abriß die 
sche Taten”, so Kornick in der Neudeut- de werden vorgeschlagen. Gebäude, die wesentliche Voraussetzung für die Te- 
schen Bauzeitung mehr beschwörend Dutzende von industriellen Parzellen _präsentative Verschönerung des Berli- 
als analysierend, ist „bei uns reif” (1910, verschlingen und mehr oder minder ner Zentrums? Nicht ganz. Notwendig 
S. 325). Die Hauptaufgabe dabei be- ausgeklügelt die neuen breiten Straßen erscheint die „Schonung künstlerischer 
steht natürlich darin, die Straßendurch- und neugestalteten Plätze zieren: die Oder historisch wertvoller Bauten oder 
5 p 7 Große 
. 7 = der großen Aus: 
; E fallstraßen und Verkehrsstraßenzüge 
X h . nach den Vororten, 
; 5 Architekt HERMÄNN JANSEN, Berlin 
(Herausgeber des „Baumeister“.) 
System von Straßendurchbrüchen und -erweiterungen 
. im Zentrum und den Quartieren der Kaiserzeit. „x 
große ca. 50-60 m breite Ausfallstraßen”, so der 1. 
: Preisträger Jansen, sind „dazu ausersehen, die großen 
Massen einer Millionenstadt in kurzer Zeit aus dem 
Innersten von Berlin an die Peripherie zu werfen ... 
Diese großen Hauptverkehrszüge mußten vorbereitet 
werden durch eine Anzahl von Durchbrüchen im Innern 
N der Stadt, die sowohl ihre Durchquerung wie besonders 
4 die Entlastung der Verkehrsknotenpunkte ermöglichen 
; sollen; letzteres ist mit die wichtigste Aufgabe des 
Wettbewerbs.” (1910, S. 21f.) Aus dem Bericht des 
Preisgerichts: „Die großen Hauptverkehrsstraßen sind 
; vom Verfasser im Inneren der Stadt sehr geschickt vor- 
bereitet durch wohlüberlegte Durchbrüche in den alten 
Stadtvierteln und durch neue Straßenzüge, welche 
nicht nur den Weg vom Zentrum an die Peripherie ver- 
einfachen sollen, sondern neue Schönheiten dem 
en Stadtbilde zu schaffen bestimmt sind” (1910, S. 342) 
Zi an Sl _- (Abb. aus Jansen 1910, Tafel 2/3)
	        

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