Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1984, Jg. 17, H. 73-78)

50 wurden die Volkshäuser 1933 al- Der Wohlfahrtsgedanke und die ren mit gastronomischen Einrich gewesen, gestaltend auf die räumlilesamt
 zerschlagen. räumliche und organisatorische Zu- tungen (Volksküche ete.), Bil che Umwelt einzuwirken, bzw. die
Von den Sozialreformern wurde sammenlegung von Volksbildungs- dungseinrichtungen, Bücherei, Le- Rolle des Bau„herrn” einzunehdas
 Volkshaus als antizipierender und Wohlfahrtseinrichtungen war se- und Klubzimmern, Theater- men.
Schritt in Richtung einer besseren hier ausschlaggebend. Zu dieser und Veranstaltungssäle, Spiel- und Die architektonischen Leitvor-Gesellschaft
 propagiert‘ Art Häuser zählten neben dem Freizeitbereiche.! stellungen der den Volkshausge-.
 . schon erwähnten Züricher Volks- In der Vision einer idealen Stadt danken unterstützenden Sozialre-N
 ET Ne de schlech an A haus (1910) die Volksheime in beschreibt Bruno Taut das „Volks- former wurden mehr oder minder
der  Drofitwati RS Ka Pills N rZeuGL Hamburg (1901) und Dresden, die haus als Stadtkrone”, ja überhaupt übernommen. „Das Volkshaus soll
bauen wir unsere schönere Gesellschaft, Volkshäuser in Lübeck, Jena (1905) als „Kulturideal der Zukunft, mit das schönste Haus der Stadt oder
nicht erst morgen, sondern schon heu- und Mannheim, das Pettenkofer- dem sich viele damalige Architek- des Ortes sein. ... In seinem äußete
 haus in München (1904), das Be- ten identifizierten (so auch Mies ren Aufbau sei es so prachtvoll, wie
van der Rohe, Hans Scharoun, seine hohe Bestimmung es ver-Adolf
 Behne, Max’ Taut, Wassili langt. Seine Säle seien ein Muster
Luckhardt, Paul Wolf u.a., die von Solidität und Eleganz! Jedes
größtenteils auch Mitglieder des Bild, das eine Wand schmückt, sei
schon erwähnten Deutschen Volks- ein schönes Kunstwerk! Man dulde
hausbundes waren). !”? Ihren Bei- keine häßlichen Plakate, am wenigtrag
 zur Lösung der politischen sten solche geschäftlichen Charak-Probleme
 lieferten sie in der Pro- ters. Das Volkshaus soll auf Schritt
jektierung und Propagierung des, und Tritt die Seele seiner Besucher
wie sie glaubten, Höhepunktes und den Idealen zuwenden, die das
des Symbols der neuen Gemein- menschliche Gemeinschaftsleben
schaft — das Volks- oder Gemein-  adeln.””
schaftshaus. Es wird sowohl als ar- Das Volkshaus sollte also als
chitektonisches Modell zur Ver- Kontrast zum grauen Alltag in den
mittlung der neuen Kultur als auch elenden Arbeiterwohnungen wirneuer
 Bauformen verstanden ken, „gut beleuchtet und beheizt
Tauts, Scharouns und Luckhardts sein” und einen festlichen Charak-Entwürfe
 zu den proklamierten ter haben. Unter dem Motto „Wis-Volkshäusern
 sind Kultgebäude, sen ist Macht” sollte „ernsthafte
etwas nebulöse Skizzen bedeuten- Belehrung” die Übernahme bürder
 Kristallgebilde mit gläsernen gerlicher Kultur ermöglichen,
Kuppeln und Domen, in denen Doch es wurden nicht nur die hoch-Volkstheater,
 Musik- und Fest- geschätzten Inhalte des „klassispielsäle
 untergebracht sind. '® schen Erbes” übernommen, son-Die
 Verknüpfung kulturpoliti- dern die gesamte, häufig inhaltsleescher
 Intentionen mit neuen techni- re Formensprache der bürgerlichen
schen Möglichkeiten (Glasarchi- Welt. Clara Zerkin klagt 1911 vor
TE tektur) führt zu der später „Gläser- dem Bildungsausschuß der Stutt-©
 EEE A ns Kelle” SennnIEn futuristischen garter Arbeiterschaft:
HE EHEN a. rojekten verschiedener Künst er Unsere Gewerkschafts-, Volks- und
A El und Architekten.” In heute naiv Geschäftshäuser unterscheiden sich in
a | a _ - anmutender Analogie wollten diese hrem Stil — Stil als äußere Form inneren
a dem Volkshaus entsprechend sei- Lebens gefaßt — in nichts von irgendwelner
 Bedeutung für die „neue Ge- chen bürgerlichen Geschäfts- oder Versellschaft”
 — gemeint war die Wei- kehrshäusern. ... Kurz, das geistige Lemarer
 Republik — eine Baugestalt Senne rote DOC
angedeihen lassen, das es in ähnli- Chitektonischen. Formensprache gefuncher
 Weise wie die Kathedrale des den 7
Mittelalters aus der städtischen Bebauung
 hervorhöbe. Fritz Schuma- Die Revolte gegen den „Kleinbürcher,
 ein kulturpolitisch engagier- gergeist der Arbeiterklasse” in Geter
 Architekt, handelt bezeichnen- staltungs-, aber auch anderen Fraderweise
 das Volkshaus unter der gen kam dann mit Bauhaus und
A Überschrift „Kirchen” ab.“ Der- Werkbund aus eher intellektuellen
. gleichen Anklänge bei Peus: Kreisen.
„Das öffentliche Leben des Arbeiters e Uber Sn a Treeın
spielt sich, da sein eigenes Heim dazu zu fenden Architekten zu en TB
klein ist, an gemeinsamer größerer Stät- und Nutzern der Volkshäuser ist
te, im Volkshause ab. Das Volkshaus ist leider nichts Detaillierteres bedem
 modernen Arbeiter der Tempel sei- kannt, als daß es sich in der Regel
ner Öffentlichen Betätigung. Bis jetzt um mit der Arbeiterbewegung und/
waren in unseren Städten und Dörfern oder dem Volkshausgedanken symdie
 Kirchen, die Bet- und Predigthäuser, athisierende Architekten handel-.
 En NER den BC te,
unit werden es die ın de eutu : . £ x
ne über die Kirchen weit hervorragenden Es wird mit gEWISSCEM Stolz das
Ne ab en 1 Volkshäuser sein 72 ‚Edle und Solide” dieser Arbeiterkulturstätte
 gepriesen:
Diese enthusiastische Phase gesell- Ss . .
schafts- und architekturutopischer EEE SE A DEE sind vor
TE : . Ir und solide.
Volkshaus Luzern, Ansicht und Grundrisse Projekte hielt jedoch nur von 1918- achten  Holern verkleilet. Dabei dar
1923. Dann waren die aus der No- erwähnt werden, daß auch wertvolle
rolzheimerianum in Fürth (1905), Architektur- und gesellschafts- vemberrevolution resultierenden Bildwerke, künstlerische Holzbildhauerdas
 Bestehornhaus in Aschersleben utopische Volkshäuser Hoffnungen auf ea Ver- arbeiten in den Restaurants besondere
(1906), das Luitpoldhaus in Nürn- änderung der Gesellschafts- und Aufmerksamkeit beanspruchen können.
berg (1907), die Pfullinger Hallen in Einen wiederum anderen Zugang Siedlungsstrukturen in Deutsch- % In fast N enscher De In
Pfullingen (1907) und das Gustav- zum Volkshausgedanken unterneh- land endgültig erloschen.“ Die TC h0au Urch Ule Atchtekten IC  Distel
Siegle-Haus in Stuttgart (1912).' men Gesellschafts- und Kan ve Hi AO nnd Solana und A. Grubitz (1928) atmer der Saal nit
; S turreformer, teilweise auch utopi amals entwickelten Ideen waren seinen schlichten Linien und ruhigen
Era We Ve are hie scher Ausrichtung. . aber der Anfang einer kulturellen Farben eine Vornehmheit, die nicht aa
bung” der Arbeiter sei, und daß So verhalf der Architekt 7heo- und sozialen Infrastrukturplanung übertreffen ist
diese u.a. im Volkshaus geleistet dor Fischer“ dem Volkshausge- die als Aufgabenbereich des Staa- In Hamb Des darüber hinaus
werden könne, wurde sowohl von danken zu mehr Publizität, indem tes begriffen wurde. In der Tat Wwur- in seh urg PS dit A (Hamder
 Arbeit haft al sozial er das für die Künstlerkolonie in den in der Weimarer Republik vie- ın mehreren Stadtteilen am
N agent SCHAU AS VOM SO armst: ipi Festhe le heute selbstverständliche Infra- mersbrook, Rothenburgsort,
engagierten Bildungsbürgertum Darmstadt konzipierte Festhaus S ES SE Barmbek, Eimsbüttel und Fuhl
gleichermaßen vertreten von einem Kulturtempel (Entwurf struktureinrichtungen erstmalig vom armbek, 1m> üttel und Fuhls-Peter
 Behrens, 1900) zu einem Ge- Staat getragen büttel) Volksheime, die quasi ein
meinschaftshaus für das ganze NEE HONSRNCHET SOZIAL
„Das Volkshaus, das unseren Idealen Volk, für die Volkskunst und -kul- . I . jeweils eine allgemeine Auskunftsentspricht,
 ist der geeignetste Ort, um tur modifizierte. ” Architektur, Räumlichkeiten telle. eine Bibliothek. Klubzimdie
 Arbeiterklasse zu den größten Taten Mit der Expansion der Städte, „„( Nutzungen ME» OS EOECR,
zu begeistern, um sie wahrhaft fähig zu der veränderten Struktur der Pro- mer und Saal gehörten.
machen für den Aufbau unserer besse- duktion und der Bevölkerung hatte Die Arbeiterschaft selber entwick- Die Baugeschichte des Berner
keit u an TEE sich ein Bedürfnis nach Gemein- elte keine dezidierten Vorstellun- Volkshauses zeigt eine erste Oppo- Fuedens
 Das Volkshaus Sei die Stätte schaftseinrichtungen und gesell gen zur architektonischen Gestalt sition der Arbeiterbewegung gegen
des höchsten Lebensgenusses, der im po- schaftlichen Zentren entwickelt, der Volkshäuser. Wie sollte sie den ihnen von dem renommierten
sitiven Schaffen höchster Kulturwerte Mittelpunkt utopischer Stadtkom- auch; war sie doch aufgrund ihrer
liegt.” 13) munen waren Gemeinschaftszent- sozialen Stellung nie in der Lage Fortsetzung S. 75

A
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.