Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Eckert: Ich habe ein ganz konkretes Anliegen. Ich bin einer von de- Volhard: Das bedeutet doch nichts anderes, als daß die schrift- 
nen, denen schon DM 150.000,- für ein Haus zuvielsind. Ihr werdet lichen Aufzeichnungen zu dem Zeitpunkt begonnen haben, als 
es noch kennenlernen, wie ich mit meiner Familie wohne, beengit etwas zu transportieren war. Eine Art Fremdtechnik wurde 
und z.T. unter unmöglichen Zuständen. Ich will mir ein billiges woanders hin transportiert, keine bodenständige Bauweise, son- 
Haus bauen und das wird ganz bestimmt ein Lehmhaus sein. Lehm dern eine fremde. Der massive Stampfbau war eben nicht verbrei- 
wird dabei nicht die einzige Rolle spielen, sondern auch Restmate- tet. Es gab einige Beispiele, aber es war eine regionale Bauweise. Ist 
rialien, niedrige Standards usw. ... Was beim Bauen in der Dritten man nun davon überzeugt, den massiven Stampfbau zu verbreiten, 
Welt eine unheimlich große Rolle spielt, ist, daß die Leute mit dem dann muß man es schriftlich tun. Über den Fachwerkbau gibt es 
Glitzerkram aus dem Westen überhaupt nicht zurecht kommen praktisch keine Literatur. Ich habe nichts gefunden, höchstens Bei- 
und in Schmutz und Unrat untergehen. Ein altes dörfliches Lehm- träge aus den 20er Jahren. Er scheint wirklich eine bodenständige 
haus, wo Tiere neben Menschen leben, wo alles lehmig braun ist. Bauweise gewesen zu sein, die keiner schriftlichen Aufarbeitung 
macht im Gegensatz dazu einen sauberen Eindruck. bedurfte ... 
ARCH"*: Aber das ist doch nicht nur eine Frage westlichen Glitzer- ARCH”: Aber der Lehmbau war, wenn, eine regionale Bauweise. 
krams, westlicher Technologie, sondern auch eine Frage zweier Volhard: Nur ist die Situation heute anders. Es gibt vielleicht noch 
Kulturen; daß es Herrschaftskulturen und Volkskulturen gibt und einige alte Lehmbaumeister, - ich kenne keine. Und wenn man nun 
daß die Herrschaftskulturen die überkommenen Kulturen überla- meint, daß der Lehmbau etwas Schönes ist, ist man gezwungen, 
gern und zersetzen. In diesem und nur in diesem Zusammenhang sich der schriftlichen Überlieferung zu bedienen. Man kann jetzt 
entsteht dann das Bedürfnis, die versunkene Kultur wieder zum nicht mehr an etwas anknüpfen, sondern muß sich bemühen, den 
Sprechen zu bringen ... Baustoff richtig zu beherrschen. Richtig beherrscht ist er so gut oder 
Eckert: Mittlerweile verbinde ich überhaupt nichts Sozial-Schwär- schlecht wie jeder andere auch. 
merisches mehr mit dem Lehm ... 
ARCH* : Das denke ich auch, und doch nehme ich Dir das Billig- 
keits-Motiv nicht einfach ab. Nachdem Du Deinen Lebenslauf ge- 
schildert hast, nachdem Du Dich jahrelang in den USA und in Afri- 
ka rumgetrieben hast, frage ich mich, wie kommt das, warum macht 
jemand so etwas und sagt dann heute: es kommt mir nur darauf an. 
billig zu bauen ... Ganz so einfach ist es doch nicht. 
Eckert: Sicherlich ist das nicht so einfach, aber mir gefällt nun ein- 
mal das Umgehen mit Lehm am allerbesten. In Europa kommt 
man aber mit Lehm allein nicht aus. Ein monolithisches Haus, wie 
z.B. in der nubischen Technik, ist in Europa nur unter Zusatz von 
Kunststoffen, Silikonanstrichen, Besprühungen, Vermengungen 
mit Beistoffen möglich ... Fährst Du dagegen das Niltal hoch bis zu 
dem Punkt, wo es nur noch ein paar Palmen gibt, wo der Sand bis 
ans Nilufer reicht, merkst Du, wie sich nicht nur die Landschaft ver- 
ändert, sondern auch die Kultur. Zurerst tauchen Tonnengewölbe 
auf, dann irgendwann im nächsten Dorf Kuppelgewölbe und mit typisches 
einem Mal bist Du mitten im Paradies. (ziehe nübisches) 
ARCH”: Meine These ist, daß der Lehm mit dem Stigma des Ar- EG am 
menwohnungsbau behaftet ist. Dieses Stigma hängt ihm heute | 
noch an, dieses Stigma vermittelt die herrschende Kultur: Abweh- U Seite: 
; N assan Fathys 
ren gegen Rotwelsch, gegen Lehm und Schmutz, gegen die Hütten Lehmbauter 
der Armen ... Aus diesem Grunde finde ich es falsch, daß Du Deine in Gourna 
Sehnsüchte nur ökonomisch legimitierst. Denn, daß Du Dich mit 
Lehm beschäftigst, hat doch Gründe, die aus Deiner Erfahrung mil pr. Apr das glaube ich eben nicht Ich denke; daß sich mit 
der Dritten Welt herrühren. Interessant wäre: was geht in Dir vor als d S 
. r . A S em Lehmbau noch etwas anderes verbindet. Warum hat es denn 
Jemand, der durch die Dritte-Welt-Thematik politisiert wurde, in. . 7 . 
. 7 ; n : in den 20er Jahren keine Förderung des Lehmbaus gegeben? Die 
die Dritte Welt geht und dort versucht, sozial-engagiert zu arbeiten. 
. 5 a: sog. Ersatzbaustoffe, insbesondere Lehm wurde von der Woh- 
Dieses Gefühl muß Du aussprechen und nicht nur von Billigbau re- 5 . 
x ad . . : nungsbauförderung ausgenommen. Sie wurden von den Banken 
den und sonstigen Objektivationen. Sprich von Deinen sozialen, « : : s : - 
n : 7 nicht beliehen; man sagte, sie taugen nichts, obwohl es ja offenbar 
kulturellen und ästhetischen Motiven ... . 
as Ra f kontrapraktisch war. 
Eckert: Wahrscheinlich erlebt man an den Beispielen der Dritten V ; TR Een 
. N olhard: Der Grund hierfür liegt m.E. in tiefer wurzelnden Vorur- 
Welt eine authentische Kultur; Reste unserer eigenen verschwun- © . TA er. ; 
teilen. Ich muß es Vorurteile nennen, denn es gibt im Prinzip kei- 
denen Volkskultur. fa rar ; 
; ea = ; nen vernünftigen Grund für die verbreitete Ablehnung des Lehm- 
Volhard: Ja, aber wenn, dann nur in diesen Ländern. Diese Kultur b . . ne % ; 
. . 4 aus. Lehm ist braun, und in den verschiedenen Zuständen je nach 
nach Europa zu transportieren, ist doch irgendwie verrückt. Denn La Ast ni ; 
n e = . S . Wasserzugabe - kann man mit ihm alles mögliche assoziieren: 
sieht man sich hierzulande um, in den Städten, in der Umwelt, dann Schlamm. Dreck 
kann man doch nur noch etwas dazwischen setzen, was dem voll- ARCH*: N WA v 7 
. ; . : Nein, einer ist einfach so frei, auf das Tauschgeschäft zu 
kommen widerspricht, was vollkommen außen vor ist. Hier kann . . N ; 5 
. . « verzichten, das ihm da zugemutet wird, nämlich sehr viel Arbeits- 
man doch keine Idyllen mehr schaffen, gleich, ob man nun mit IK 5 x ; En 
a DE : aft, sehr viel Lebenskraft zu investieren, um sich ein teures Haus 
Lehm baut oder anders, höchstens noch in ganz kleinen Rahmen... D Stattd D cnah x . ; 
En hei Kulä N iksnaher B zu bauen. tattdessen aut er sich mit na ezu nichts, mit Dreck ein 
ARCH”: Aber Lehm ist doc Sin vernakularer, CIN VO'XSNahEr DaU- Kjeines Häuschen und läßt den Herrgott einen guten Mann sein ... 
stoff, und gleichzeitig eröffnen nur noch Bücher einen Zugang zu Vo/hard: Im Prinzip ist das auch meine Motivation gewesen, eigent- 
ihm. Das ist doch ein Paradoxon. Ich gehe jede Wette ein, daß vor j;ch jetzt noch. Mir gehts ähnlich wie Klaus, daß ich mir auch gerne 
200 Jahren kein Buch über den Lehmbau existierte, weil jeder noch ein Haus bauen würde, wenn ich es mir leisten könnte. So bleibt.als 
wußte, wie mit Lehm umzugehen sei. Erst als diese Traditionabge- einzige Möglichkeit, eigene Arbeit zu investieren und das geht, was 
rissen war, wurde er zu einem literarischen Thema. den Rohbau betrifft mit Lehm am besten. 
Volhard: Die ersten Bücher über den massiven Lehmbau gab es ARCH”: Geht es Euch, um eine andere Frage zu stellen, um den 
1750, einzelne Schriften von Landbaumeistern, von Gilly, Cointe- Lehmbau als solchen oder geht es Euch um den Lehmbau als Mittel 
reaul... des Zugangs zu unterdrückten Volkskulturen? Eckert: Also nein, 
ARCH*: Er ist von oben eingeführt worden, als die Preußen nach das ist eine Frage! Lehm ist ein gutes, ein sanftes Material. Diese Ei- 
dem 7-jährigen Krieg das verwüstete Land wiederaufbauen woll- genschaften beinhalten keine Energieverschwendung, Umweltver- 
ten. träglichkeit ...
	        

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