Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

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BEFRACHTU «GEN UND BILDER DES ARCHITEKTEN MAX TAU 
„Von Mietskasernen ... 
° .. ” 
zu behaglichen Wohnstätten 
Zum 100. Geburtstag von Max Taut 
Max Taut - der „Architekt und deln; politische, kulturelle und mehr eine Stadt der Mietskaser- den sein; sie können jedoch reich- 
Professor” (Günther Kühne) im ökonomische Fesseln schützten nen, Hinterhäuser, Kellerwohnun- lich Licht und Luft geben und 
‚Schatten des Bruders” (Manfred die Stadt des späten 19. Jahrhun- gen. Unter entsetzlichen Qualen allen hygienischen Ansprüchen 
Sack) - wurde vor 100 Jahren ge- derts. Die wenigen Versuche von und bitterster Not sind wir das Ge- genügen.” (Der Bauhelfer 2/1946. 
boren. Die unausbleiblichen Ge- Architekten, sich auf das Glatteis bilde einer stark verbauten Stadt S. 9) 
denkartikel wie die Gedenkaus- des 19-Jahrhundert Bestands zu losgeworden, über das wir uns frü- Bescheidene, durchgrünte Heim- 
stellung in der Akademie der Kün- begeben, blieben bis heute wenig her - teilweise mit Recht - entrü- stättenwohngebiete, die Wieder- 
ste Berlin, deren Gründungsmit- beachtet. steten. Unermüdliche Arbeit. _gewinnung der Landschaft im 
zlied und langjähriger Direktor der Mit zwei Fotos von Umbauten Fleiß und gegipfelte Baukunst sol- Stadtbild, eine polyzentrale Auflö- 
Abteilung Baukunst Max Taut der „Malerhütte in Berlin-Mitte, len diese Fehler in Zukunft verhin- sung der alten City im Sinne einer 
war, schreiben das Bild eines Landsberger Allee” und der dern, und eine neue Stadt muß im „Sternstadt” und die Staffelung der 
Architekten fort, das die rationali- „’Bauernbank’ in Berlin” des Jah- Laufe von Generationen entste- Gebäudehöhen vom Stadtkern 
stische Baugeschichte vorgezeich- res 1927 zeigt die Ausstellung in hen, die den Bewohnern Heime („acht und mehr, aber besser nicht 
net hat: Sein Bruder Bruno war der Akademie der Künste den Ver- mit Licht, Luft und Garten bietet.” über elf Geschosse” zum Stadt- 
„der Utopist, der Anstifter, der such Max Tauts, den Gebäuden (Berlin im Aufbau, 1946) Für Max rand („einstöckiger Flachbau”) 
unternehmende Praktiker, ein ori- aus der Kaiserzeit ein neues De- Taut ist mit der Teilzerstörung der kennzeichnen das neue Berlin von 
zineller Planer und ein guter sign zu geben. Die Bilder stellen Mietskasernenstadt der entschei- Max Taut. Anknüpfungspunkt an 
Architekt” (M. Sack), Max Taut _modernisierte Fassaden dar, die - dende Augenblick gekommen, das alte Berlin sind im wesentli- 
dagegen war der „bessere Archi- ohne Stuck und Skulpturen - um mit der Unstadt der Gründer: chem nur mehr die Hauptstraßen 
tekt” (M. Sack), der Meister des durch helle Streifen waagrecht zeit endlich umfassend abzurech- mit ihrer stadttechnischen Infra- 
„‚Eisenbeton-Rahmenbaus” (G. gegliedert sind und das Erdge- nen, was ihn auch zu einer Über- struktur: 
Kühne). Mit anderen Worten: Er schoß separieren. Beide Fotos wer- treibung des wirklichen Zerstö- „Die erfreulicherweise überaus 
war der schlechtere Utopist und den weder auf der Ausstellung rungsgrades bewegt haben mag. hochprozentige Erhaltung der 
Anstifter, der weniger originelle noch im Katalog näher erläutert, „Die gesamte innere Stadt Berlin unterirdischen Bauten Berlins wie 
Planer. Max Taut wird als rationa- im Katalog auch nicht abgebildet. kann als zerstört angesehen wer- Untergrundbahnen, Kanalisation, 
iistischer Architekt inszeniert, der Selbst der Beitrag von Max Taut den. Ein Ring von Vororten und Wasserleitung, Gasleitung, Post- 
sich „mit ein paar Bauten... seinen zur INTERBAU 1957 im neuen Stadtteilen der Peripherie ist teitungen sowie elektrische: Kabel 
Platz in der Baugeschichte - nicht Hansaviertel Berlins, der bedeu- übriggeblieben ... Die Ringbahn aller Art usw, ergibt ... die beste 
aur Berlins! - gesichert (hat)” (G. tendsten Demonstration des durchschneidet und verbindet Basis. für die Lebensfähigkeit der 
Kühne). Ohne dieser Bewertung Umgangs mit der Mietskasernen- heute diese mehr oder weniger Großstadt Berlin und damit ihrer 
unbedingt widersprechen zu wol- stadt in den 50er Jahren, wird im erhaltene Stadtteile, dagegen geht Aufbaufähigkeit. Sie sind das 
len, bleibt doch die Frage, ob Max Katalog etwas lieblos behandelt: die Diagonaleder Stadtbahn durch große Plus. Sie zwingen aber auch 
Taut nicht noch anderes zu bieten Das 1956/57 geplante dreigeschos- ein riesiges: Trümmerfeld. City andererseits, bei jeder Planung ge- 
nat. Z. B. zum Thema Stadter- sige Wohnhaus am Hanseatenweg und Innenstadt sind bis auf kleine bührend berücksichtigt zu wer- 
neuerung. Der Umgang mit der \n unmittelbarer Nähe der Akade- Oasen in der Trümmerwüste ver- den, und werden somit in nicht 
vorhandenen Stadt - ein Thema, mie der Künste wird zwar durch schwunden. Die übriggebliebenen allzu seltenen Fällen mitbestim- 
Jas die traditionelle wie moderne „in Foto dokumentiert, der Abbil- Ruinen sind ein Hindernis für den mend für jede neue Planung. Zwar 
Baugeschichte immer mit Desin- dgungstext ist aber vergessen wor- Aufbau. Um neues Bauland zu wird somanche Nebenstraße nicht 
leresse gestraft hat - ist auch ein. den. Der wichtigste. Beitrag Max Schaffen, müßten sie beseitigtoder mehr unbedingt notwendig. sein 
Bestandteil des Werkes von Max Tauts zum Thema „Umgang mit ingeebnet werden.” (Berlin im und daher im künftigen Stadtbild 
Taut. der Stadt des 19. Jahrhunderts” Aufbau, 1946) In der Forderung verschwinden; die Hauptstraßen 
Die urbanistische Antwort der ind keine realisierten Bauwerke, nach Einebnung desteilzerstörten aber erleichtern. uns den Wieder- 
Moderne. auf die Mietskasernen- ondern seine utopischen”, 1946 steinernen Berlins gewinnt die aufbau ganz außerordentlich. Sie 
stadt war gezwungenermaßen die ‚eröffentlichten „Betrachtungen Taut’sche Konzeption des städte- bilden. das Skelett des neuen le- 
neue Siedlung an der städtischen nd Bilder” zum Aufbau des zer- baulichen Bruchs mit der elenden benden Stadtkörpers oder die Kri- 
Peripherie. Die vielbeschworene örten Berlins. Vergangenheit ihren präzisesten stallisationsfäden, an denen alles 
„neue Stadt” der Weimarer Zeit Mit emphatischen, von der Ausdruck. „In Zukunft darf es.ein neue Leben. ansetzt und sich: zu 
war ein Mythos, sie existierte nur „ngeheuren Lebenskraft eines SOlches Wohnungselend nicht neuen Stadtgebilden entwickelt, 
als Appendix an die alte Stadt, die eyen Aufbaus voll überzeugten Mehr geben. Nicht Mietskaser- ergänzt und immer weiter aus- 
allenfalls. in den Bildbänden der Zeichnungen. präsentiert Max nen-Höhlen, sondern Heimstätten baut.” Der Bauhelfer 2/1946; S. 3) 
modernen Architektur ver- Taut, in der Nachkriegszeit Leiter Sollen entstehen; in.ein- oder zwei- Daß für die Planung des neuen 
schwunden zu sein schien. Die ger Ärchitekturabteilung der Aka- geschossigen Häusern, umgeben  Berlins.die alte Ordnung des priva- 
ideologische. Exkommunikation gemie der Künste, seine Vorstel- Von einer ansehnlichen Gartenflä- ten. Grundeigentums. verschwin- 
der alten Stadt konnte sich nicht in ‚ungen des neuen Berlins. „Es soll che. Diese Häuser müssen zwar an den muß, ist für Max Taut selbst- 
praktische. Destruktion. verwan- einanderes Berlinentstehen. nicht Grundriß und Bauweise beschei- verständlich. Seine Vorstellungen
	        

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