Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

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Peter Eisenman kommt miteinem der Stadt”. Im beginnenden 19. „Dieser spezielle Raum in der Verhaltensweisen und traditioneller 
nur schwer lesbaren Essay über Jahrhundert mußten die Zeitge- Wohnung ist die Verkörperung des Raumtypen” (Rüegg). 
Kompositions- und Dekomposi- _nossen nämlich erkennen, daß die Sauberkeits-Feldzuges”, bemerkt Die kurze Skizzierung ausge- 
tionsprozesse in der Architektur zu ehemals wirksame Abriegelung der Genevieve Heller („Weiß, strah- wählter Textbeispiele müßte eigent- 
Worte, und J.P. Kleihues stellt eine Stadt gegen das Einschleppen von lend, glatt”, 35 ff). Sauberkeit sei lich durch Kurzdarstellungen der 
persönliche Auswahl von Beiträgen Seuchen (Pest und Blattern) keiner- nicht nur unerläßlich für die Ge- übrigen, nicht weniger interessan- 
zum Wettbewerb für das Gelände lei Schutz vor der neuen Seuche, _sundheit, sondern habe - so die ten Beiträge von Guerrand („N’est-il 
des Prinz-Albrecht-Palais in Berlin Cholera, bot. Am Beispiel Basels „Fortschrittsideologie des Jahrhun- pas plus simple de tout jeter a la 
vor. beschreibt Birkner („Die Stadt im dert-Endes” - weitere Tugenden: rue?”), Murard/Zylbermann 
Eine Fülle an Material und vor Schatten der Epidemien”, 15 ff) die Förderung und Spiegel der Sittlich- („Buanderies de la chair”), Perrin- 
allem - das läßt sich nicht in Frage administrativen, planerischen und keit, Aufrichtigkeit und Reinheitder jaquet („En-deca de la salle de 
stellen - an sehr „schönen” Zeich- städtebaulichen Folgen der ersten Seele. Dem entsprechen die vor- bains”) und Schunk („Kunst der 
nungen und auch Fotoaufnahmen. _Cholera-Epidemie in den 30er Jah- rangige Verwendung der Farbe Hinterzonen”) ergänzt werden - 
Von der Findung eines Stils, gar ren. Bemerkenswert ist dabei, daß in Weiß, heller Beleuchtung, wider- muß aber aus Platzgründen unter- 
eines einheitlichen oder großen Stils, Basel erst die Fähigkeit des Bürger- standsfähiger Materialien und glat- bleiben. Die Wahl und Begrenzung 
kann jedoch keine Rede sein. tums zur Distanznahme von ter Armaturen, die Herstellung der Thematik auf einen Teilaus- 
Michael Peterek Schmutz und Geruch durch Ein- glatter Flächen und die Vermeidung schnitt menschlichen Verhaltens 
ichael Peterek frprung des Wasserklosets die toter Winkel. Aber auch hier herr- und Lebensweise, der immer noch 
Durchsetzung des Kanalisa- schen Marktgesetz und Modeströ- weitgehend in der Architektur- und 
archithese 1-85 tionsprojekts ermöglicht hat. mungen; neuerdings werden „groß- Planungsdiskussion ausgeblendet 
Ursula Paravicini zeigt in ihrem zügig ausgestattete Räume mit (pfle- ist, machen diese archithese meines 
Mit dem _Themenschwerpunkt Beitrag („Von der Wohnung des geleichten - E.K) Spannteppich, Erachtens schon lesenswert. 
„Sauberkeit und Hygiene” bringt Bürgers zur Wohnung für die Nippes und Pflanzen” propagiert. Erich Kont 
archithese 1-85 einen Aspekt indie Massen”, 19 ff), daß sich die „Ver- Ist dies ein Anzeichen einer DE 00 
gegenwärtige Architektur- und häuslichung” der Körperreinigung neuen Bade- und Körperkultur? 
Planungsdiskussion zurück, der und -entleerung (Abort und Bad) Dies ist kaum zu erwarten (siehe n 
auch unter Architekten noch weit- sozial abgestuft durchsetzte. Die Heller). Da der Entwicklungsgang archithese 2-85 
gehend dem Verdikt der herrschen- erhöhten Peinlichkeitsschwellen - der Geschichte keine reibungslos Der „verdichtete Wohnungsbau” ist 
den „Scham- und Peinlichkeitsstan- durch Veränderung der Einstellung funktionierende Teleologie kennt. das Schwerpunktthema der archi- 
dards” (Gleichmann) unterliegt - zum eigenen Körper und zur Sexua- wurden in geschichtlichen Zeiter these 2-85. Anstelle der bisher übli- 
die Reinlichkeitspraktiken der Men- lität seit der Reformation und auch immer mögliche Alternativen chen Einleitung ist ein Gespräch 
schen und der Umgang mit ihren Gegenreformation -, vor allem die produziert. Gerade die heute von rwischen Soziologen, Architekten 
Körperausscheidungen. Gleich- Angst vor Ansteckung und die den Postmodernisten und Regiona- und dem Redakteur „über verdich- 
mann erläutert in seinem einlei- entsprechenden neuen Normenvon listen so gebeutelte Moderne hat in tete Siedlungsformen im ländlichen 
tenden Artikel („‚Sauberkeit’' und Ordnung und Sauberkeit verschärf- Teilen solche Alternativen vorge- Raum” wiedergegeben („Von Zwän- 
Zivilisation”, 2 ff) - den Untersu- ten die Distanzierung des Bürger- stellt. So sind das Baden als Teil des gen und Möglichkeiten”). Enttäu- 
chungen von Elias „Über den _tums von den „gefährlichen” Klas- „Kulturganzen” und der Vergleich schend ist - vielleicht auch nicht zu 
Prozeß der Zivilisation” folgend - sen, vom Geruch und Schmutz, die historischer und zeitgenössigel erwarten (warum eigentlich?) -, daß 
den Zusammenhang von „Praktiken aber erst durch die städtischen Badetypen als Grundlage deı die in diesem Gespräch aufgewor- 
der Körperreinigung sowie ... Tech- Wasserleitungs- und Kanalnetze Entwicklung neuer Badetypen fenen wichtigen Fragestellungen 
niken des Beseitigens der Kör- und die neue Sanitärtechnik („wa- Kernthemen des Werkes von und Problemzusammenhänge und 
perausscheidungen”, von „sozialen ter-closet”) wirksam wurde; das Giedion (Vgl. ‚Dorothee Huber, die erkennbare kritische Distanz 
Prozessen” und den damit verbun- private WC und zeitverzögert das „‚Nicht nur reine, sondern auch auch einiger der beteiligten Archi- 
denen zivilisatorischen Prozessen Badezimmer wurden schnell Be- zufriedene Menschen’”, 46 ®. Le tekten hinsichtlich der Möglichkei- 
des „Einhausens” und „Verhäus- _standteile der Wohnung aller bürger- Corbusier hat solche Alternativen ten dieser Siedlungsform und der 
lichens”, d.h. Tendenzen „mensch- lichen Schichten. Sowohl die bürger- verwirklicht (Haus in der Weißen- allgemeinen und verkaufsfördern- 
lichen Selbstdomestizierens”. Die- liche Diskussion über Hygiene als hofsiedlung 1927, eigene Wohnung den Erwartungshaltung (kommuni- 
sen komplexen Zusammenhang auch die Gartenvorstädte, der ge- in Paris 1934 und Villa Savoye) (Vgl. kationsfördernd und gemeinschafts- 
konkretisiert er in seinem zweiten meinnützige und Werkswohnungs- Rüegg, „Le charme discret des bildend) weitgehend aus dem Blick- 
Beitrag („Die Verhäuslichung von bau, vor dem ersten Weltkrieg quan- objets indiscrets”, 41 ff); hier dringt feld der folgenden Projektbeschrei- 
Harn- und Kotentleerung”, 8 ff) am titativ kaum von Bedeutung, änder- das Badezimmer in den Schlafbe- bungen verdichteten Wohnungs- 
Beispiel der Entwicklung der Prakti- ten die soziale und hygienische reich ein. Die Offenheit und teil- baus bleiben. Breiten Raum neh- 
ken des Urinierens und Defäzierens Situation im Arbeiterwohnungsbau weise Durchdringung von Bade- und men dabei die Konzeption und die 
im Zusammenhang mit den sozia- nicht grundlegend. Erst in der Schlafbereich erzeuge - so Rücg£- Projekte der Architektengruppe 
len und sozialräumlichen Verände- Zwischenkriegszeit mit dem soge- Nicht nur eine räumliche Groß- oder besser des Unternehmens 
rungsprozessen im 19. Jahrhundert. nannten sozialen Wohnungsbau, zügigkeit, sondern bedeute einen Metron” ein. Die Grundelemente 
Für ihn sind die Tendenzen zur der Entwicklung der Haustechnik „Schritt in Richtung ‚Badeplausch' er neueren Siedlungsbaukonzep- 
„vollständigen Einhausung der vor- und der Ver- und Entsorgung oder Körperkult” (Villa Savoye) ion der „Metron” seien die gleich- 
dem selten, gelegentlich oder gar setzten sich die Prinzipien der oder erinnere an die „Intimität eines perechtigte Behandlung des Rei- 
nicht verborgenen Verrichtungen” Raum-Hygiene auch im Arbeiter- französischen Boudoirs” (Pariser penhauses und der Geschoßwoh- 
an entsprechenden Orten in der _wohnungsbau durch. Die aus funk- Wohnung). Wie der hysterische „ung, die Schaffung von „Raum für 
Stadt und den Häusern vor dem tionalen und Kostengründen Aufschrei _ seiner Zeitgenossen ale” (Gemeinschaftsräume), die 
Hintergrund erhöhter Peinlichkeits- entwickelte Platzierung und Aus- beweist, rüttelte diese Konzeption Aplösung flexibler Wohnungsbau- 
schwellen und _durchgesetzter stattung des Badezimmers ist heute radikal an den herrschenden Verhal- systeme durch Bereitstellung 
„Peinlichkeitsvorschriften” noch weitgehend üblich; auchheute tensnormen. „Durch die Neuartig- „gleichartiger, wohlproportionier- 
(„Scham- und Peinlichkeitsstan- orientiert es sich „an der kalten keit seiner Anlagen” schuf Le Cor- ter(!?) Räume” für einen vielseitigen 
dards”) die „auslösenden Momente Nüchternheit und ängstlichen Rein- busier „den Ausgangspunkt für eine Gebrauch und die „unter strengen 
für den Bau von (städtischen - E.K.) lichkeit seiner Vorgänger” Neuinterpretation traditioneller ökonomischen Bedingungen” und 
Entwässerungsanlagen”. Mit den der Energiefrage entwickelte 
Verhaltensänderungen und den „x. „Ästhetik der Sparsamkeit” (Vgl. 
neuen Stadtreinigungs- und Kanali- archithese z Kuhn/Fässler, „Neuere Entwick- 
sationssystemen verloren die Städ- nr > lungen im Siedlungsbau der Me- 
ter die „Verfügungsmöglichkeiten N tron”). Der ökonomischen und pro- 
über ihre Körperausscheidungen” zessualen Effektivität wird auch die 
(Verstaatlichung oder Kommunali- Frage der Partizipation unterwor- 
sierung); dies erzeugte neue „Inter- fen; gehe die Partizipation der „Bau- 
dependenzzwänge” (Abhängigkeit herrengruppe ... auf Kosten der Kon- 
von öffentlichen Instanzen und von zentration aufs Projekt”, werde „da- 
Bau- und Geräteindustrien) und durch das Modell der Partizipation 
den Umbau des menschlichen Af- in Frage gestellt”. Die Partizipation 
fekthaushaltes (Vereinheitlichung). verkümmert dann und wird umfor- 
Somit vergrößerte sich der Abstand muliert in: „Wie begeistere ich die 
des Menschen zu seinen Exkremen- Bauherren für ein gutes Proiekt?”. 
een den Menschen, die sie Aus dem scheinbar üblichen 
Sicherlich war die Tendenz des Architekteneinerlei ragt der Beitrag 
„Selbstdomestizierens” ein „auslö- N EN Meyrat-Schlee über das 
sendes Moment”, jedoch spielten „Wohnen in einem unkonventio- 
auch die Hygieneforderungen der so richteter nellen Mehrfamilienhaus” („For- 
Mediziner und Moralstatistiker eine Wohnungsbau /Habitat Men von verdichtetem Wohnen”) 
wichtige Rolle bei der _Gesundung jensif wohltuend hervor. Auf der Grund-
	        

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