Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Luftbild Allna, freigegben Nr.1712/83 
Hu manökologi sche Dorferneueru ng Besonders in den Bereichen der Ernährung, der kindlichen 
Entwicklung und des Naturhaushaltes, in den elementar vitalen 
Dorferneuerung ist ein Prozeß, sie kann nie ein Ergebnis sein. So ist Bereichen also, die zur Regeneration des Menschen und der 
auch die Dorfgestalt im humanökologischen Sinne nicht planbar, Umwelt dienen, besonders in diesen Bereichen spielt die zukünf- 
sondern nur als Ziel verfolgbar, als architektonisches Abbild des tige Gestaltung und Belebung des ländlichen Raumes eine ent- 
dörflichen Lebens. Humanökologische Dorferneuerung - von Sei- scheidende Rolle. 
ten der Planer - spannt sich auf zwischen der wissenschaftlichen Das elementare Erfassen und Kennenlernen grundlegender Zu- 
Analyse und der künstlerischen Gestaltung. „Objektive” Werte und sammenhänge des natürlichen und kulturellen Alltags ist für den 
Ziele sind hier nicht setzbar und verfolgbar, sondern möglich sind heranwachsenden Menschen (über-J)lebensnotwendig, will er nicht 
allein Anstöße, welche Bewußtwerdung in Gang bringen. So formu- in völlige Abhängigkeit industrie - kultureller Mechanismen gera- 
lieren wir Bewußtseinsinhalte und empfehlen Gestaltungen bzw. ten. Der Lebensraum Land scheint hier eine wesentliche Aufgabe 
Organisationen, die diese Inhalte im Alltag beleben können. zu erfüllen, was gegenwärtig auch von Teilen der jungen Genera- 
Humanökologische Dorfgestaltung begreift die Umwelt von der tion begriffen und umgesetzt wird. Zahlreiche Wohn- und Lebens- 
wahrnehmbaren Seite her - als Erlebnisraum - und von deraktiven gemeinschaften auf dem Lande bezeugen das mit einem reichen, 
Seite her, wo der Mensch als Teil-Nehmer in der Umwelt lebt, sie erfüllen Alltagsleben. Die familiären Bande, die traditionell das 
belebt: Umwelt als Lebensraum. Sind Lebensraum und Erlebnis-  Landleben bestimmt und begrenzt haben, werden heute und in Zu- 
raum auch nur begriffliche Trennungen der einen Umwelt, sokann kunft vermehrt eingetauscht gegen Wahlverwandtschaften, freiwil- 
man doch an dieser Trennung eines deutlich machen: die ästheti- lige Lebensgemeinschaften auf der Grundlage gleichen Bewußt- 
schen Werte des ländlichen Raumes, in unserem Falle vor allem die Seins. 
ästhetischen Werte handwerklicher Kultur (Rückblick und Rück- Der Alltag dieser Lebensgemeinschaften, durch den alte Dorf- 
bindung), zum anderen die Qualitäten, welche die Umwelt, eine zu- strukturen möglicherweise wieder mit Inhalt und Leben zu füllen 
künftige, zu gestaltende Umwelt, als Lebensraum im humanökolo- sind, wird auch wesentlich dadurch bestimmt werden, den stark zer- 
gischen Sinne wert-voll macht. So spannt sich unsere Untersu- störten und einseitig funktionalisierten Lebensraum zu rekultivie- 
chung des ländlichen Raumes im Allnatal auch zwischen den bei- ren. Ein enger Bezug von Erlebnisraum und Lebensraum wird sich 
den Polen Erlebnisraum und Lebensraum auf, wobei wir den hier herstellen lassen. 
Schwerpunkt legen einerseits auf die gegenwärtige Erscheinung Es geht nicht um die architektonische Konservierung alter Bau- 
noch intakter traditioneller Bausubstanz, und, als Ausblick, aufdie substanz im Sinne einer musealen Erhaltung. Form und Inhalt 
mögliche Rolle dieser Dörfer für einen humanökologisch ausge- sollen sich entsprechen, d.h. die Bauform muß die Lebensform 
richteten ländlichen Alltag. abbilden. So ist das gegenwärtige Erscheinungsbild der Dörfer 
Hier spielt im wesentlichen eine Umwertung von Werten eine ehrlicher Ausdruck der Lebensinhalte und Bewußtseinsinhalte der 
große Rolle, die heute den ländlichen Raum nicht mehr als armselig Bewohner und zeigt eine Überformung durch städtische und 
ansieht, sondern - dort immer vorhandene - Qualitäten aufwertet, industrielle Werte. Die Abhängigkeit der Landwirtschaft von der 
die bisher im allgemeinen Bewußtsein nicht Thema waren: die Industrie bildet sich in den Dörfern ab. 
Erde als gemeinsamer Lebensraum von Pflanze, Mensch und Tier, Es ist in diesem Rahmen schwer möglich, ein vollständiges Bild 
als „Rohstoff”, den man nicht mehr nur als unbegrenztes Reservoir von dem zu zeichnen, was humanökologisch-orientierter Alltag im 
für die eigenen materiellen Wünsche begreift. sondern als zu kulti- dörflichen Umfeld sein kann. Wir wollen und können nur schwer- 
vierenden Stoff. punktmäßig Hinweise geben, die uns als außenstehende Planer 
Landschaft ist dann nicht mehr zu bereinigende Flur, die ausge- wichtig erscheinen. Hinweise, die sich auf die Beseitigung von Män- 
räumt werden muß, um als Produktionsfläche für wenige, speziali- geln beziehen, die wir in unserer Analyse feststellen konnten. So 
sierte Nahrungsmittel zu dienen, sondern wird (wieder) begriffen werden wir, wie wir es bereits in unserem Gutachten zur Dorferwei- 
als notwendig reich belebter Raum, der für die Regeneration unse- terung Friebertshausen dargestellt haben, Grundsätze formulieren 
rer wichtigsten Lebenselemente Luft, Wasser, Boden, Pflanze und diese nach städtebaulichen, grünordnerischen und architekto- 
wesentlich ist. Die Aufteilung der Alltagswelt in räumlich getrennte nischen Kategorien ordnen. Den Grundsätzen werden wir im Ver- 
Bereiche des Arbeitens, Wohnens, Landbaus, der Erholung und lauf der Arbeit die Inhalte gegenüberstellen, deren Bewußtwer- 
Bildung mit ihrer problematischen Wirkung auf Umweltgestaltung, dung uns am Herzen liegt, die planerischen Kategorien also den 
Energiebilanz, Wohlbefinden ist heute aufhebbar: im ländlichen entsprechenden humanökologischen Inhalten zuordnen. Umwelt- 
Raum. gestaltung als und durch Bewußtwerdung. 
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