Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

lische Niederlage des Nationalsozialismus. Hinzu kam, daß das rea- durchzieht und eine Spur der Zerstörung hinterläßt. Die Relikte der 
le Substrat dieser Utopie, die Anschauung einer „intakten” gewach- Vergangenheit sind davon nicht ausgenommen; sie werden nur um 
senen Kulturlandschaft zunehmend verschwand. Es fiel immer den Preis ihrer totalen Entleerung und Isolation konserviert, nur ih- 
schwerer, in der Landschaft die Harmonie einer beseelten Natur re äußere Hülle bleibt erhalten eine Ahnung ihrer ursprünglichen 
oder die gewachsene Einheit von Siedlung und Vegetation, von Na- Form, während sie zugleich entkernt. saniert und modernisiert wer- 
tur und Kultur sehen zu wollen. Wenn sie doch noch beschworen den. 
wurde, so wirkte dies falsch, gekünstelt und wurde von der Avant- Weshalb konserviert aber die Moderne überhaupt? Sie tut dies ja 
garde als „Kitsch” denunziert. Die röhrenden Hirsche, die blauen nur widerstrebend, gezwungenermaßen. In ihrem technisch-öko- 
Bergseen, die efeubewachsenen Fachwerkhäuser wirkten nicht nur nomischen Kern widerstrebt ihr die Musealisierung, da sie ihrer to- 
auf den Schlafzimmerbildern lächerlich und reaktionär, sondern talen Mobilisierung entgegensteht, ihren Elan bremst. Hat sie also 
auch in der Landschaft selbst. ein schlechtes Gewissen, ist sie an ihrer Identität irre geworden? Ist 
Was Klages und die Heimat- und Naturschutzbewegung ausspra- sie erschöpft, gesteht sie ihr Unvermögen zur Bildung eines blei- 
chen, war das Ende, der Untergang der „romantischen” Landschaft, benden Stils ein und klammert sich deshalb an die Trümmer der 
ihre Transformation in die moderne Industrielandschaft. Was man Vergangenheit? Oder besteht nicht ihr letzter Triumph gerade 
heute erblickt, wenn man mit offenen Augen durch die Gegend darin, daß sie unter dem Etikett des „Schutzes” die Absorption vor- 
geht, hat in der Tat nur noch wenig mit dem zu tun, was einst alshar- antreibt? Der „moderne” Stil war ja, von heute aus gesehen, ein rüh- 
monische Kulturlandschaft erschien. Ernst Jünger, konservativer render Versuch, einer dynamischen, nomadischen Epoche ein blei- 
Revolutionär ohne konservatorisch-heimatschützlerischen Affekt, bendes Gesicht geben zu wollen. Es wird sich jetzt zeigen, daß der 
drückte dies 1932 mit den lapidaren Worten aus: „Die Landschaft moderne Synkretismus nichts mehr ausläßt, auch nicht die Relikte 
wird konstruktiver und gefährlicher, kälter und glühender; es der Tradition. Damit enthüllt sich der Neohistorismus als die wah- 
schwinden aus ihr die letzten Reste der Gemütlichkeit dahin.”” re, die „ehrliche” Physiognomie der Gegenwart - er zieht alles in 
Jünger formulierte dies noch in der geschichtsphilosophischen seinen Bann, verzehrt alles, saugt auch das Vergangene auf. Doch 
Gewißheit, darin kündige sich der „Vorgriff” auf etwas Neues an; geschieht dies weder im Namen einer „romantischen” noch einer 
eine Gedankenfigur, die er mit Vertretern der „Moderne” durchaus „fortschrittlichen” Utopie; es handelt sich lediglich um ein zeitloses 
teilte. Spiel der Elemente, in dem durchaus auch Figuren des Heimat- 
In der Heimatschutzbewegung um 1900 artikulierte sich ein Auf- Schutzes benutzt werden können. weshalb auch nicht? Anything 
schrei, daß die identische Gestalt der Landschaft verloren ging. Ihre goes. 
Zerstörung wurde voller Wut und Verzweiflung notiert. Heute ist Wer heute seinen Blick für Ensemblewirkungen an den „Kultur- 
die Landschaft verschwunden, sind nur noch museale Reste vonihr arbeiten” Schultze-Naumburgs schulen möchte, kann dies mit 
überliefert. Sie existiert nicht mehr als ästhetische Totalität, als das gutem Gewissen tun. Der Vorwurf ist absurd, solches habe „schon 
unbefragte Naturschöne, als selbstverständliches Anschauungs- einmal” zum Nationalsozialismus geführt. Die Geschichte wieder- 
stück einer gewachsenen Kultur, dessen naive Harmonie gestattet, holt sich nicht und schon gar nicht in gleichen Konstellationen. Nur 
sich spontan in sie zu versenken. Sie wurde industriell mobilisiert, weil Schultze-Naumburg für das „Deutsche Haus” plädiert hat, soll 
ist in rasanter Veränderung begriffen; sie gibt nicht mehr das un- man für alle Zeiten so bauen wie in den fünfziger Jahren? Oder soll 
wandelbare Maß, an dem der Wandel abgelesen werden kann. man keine Massenmotorisierung betreiben, weil Hitler Autobah- 
Das alles wurde solange nicht als störend empfunden, wie der nen hat bauen lassen? Wer eine bestimmte normative Vorstellung 
Fortschrittsmythos noch intakt war. Jeder Einbruch galt dann nur davon hat, was „modern” sei, sollte dies nicht mit pseudohistori- 
als Umbruch; an die Stelle der Trümmer sollte immer noch etwas schen Gründen propagieren. Die konservativen und fortschrittli- 
„Besseres” treten. Man fühlte sich auf einer Reise die irgendwann chen Geschichtsphilosophien des frühen 20. Jahrhunderts sind 
zu einem Ziel führen sollte; daß die Züge laut und die Bahnhöfe heute endgültig obsolet geworden. Die Achsen, auf denen sich die 
schmutzig waren, störte dabei weniger. Dieser Fortschrittsglaube Elemente des „Fortschritts” und der „Tradition” gruppiert hatten, 
ist in den letzten Jahren abhanden gekommen, und nun wird die haben ihre Verbindlichkeit verloren. Nicht jede technische Neue- 
Zerstörung eben doch als Abschluß, als Verlust gesehen. Die neue rung wird von dem, der sich selbst für „fortschrittlich” hält, vorbe- 
natur- und denkmalschützlerische Mentalität scheint daher Ähn- haltlos begrüßt werden. Umgekehrt wird der moderne „Konservati- 
lichkeiten mit der Heimatschutzbewegung zu haben. aus vergleich- ve” im Zweifelsfall immer für den wirtschaftlichen und technischen 
baren Motiven zu stammen. „Fortschritt” sein. 
Aber es bestehen doch gravierende Unterschiede. Die Heimat- Die romantische Heimat-Utopie hat ausgedient. Die alten ideo- 
schutzbewegung ging vom Bild einer intakten, zu bewahrenden logischen Komplexe haben nichts Zwangsläufiges mehr; eine Kon- 
Tradition aus, von einem Bestand, der zu „schützen” war, also vor tinuität ästhetischer, kultureller und sozialer Tradition existiert 
dem industriellen Zugriff gerettet werden sollte und konnte. Heute nicht. Es steht daher jedem frei, sich aus der Geschichte zu holen, 
gibt es dagegen keine Tradition mehr, an die man anknüpfen könn- was ihm gefällt und was er heute, in der Gegenwart, in der er selbst 
te, keinen Bestand, der zu wahren ist. Die Utopie von Volkund Hei- lebt. für angemessen und richtig hält. 
mat liegt im Dunkel der Vergangenheit; niemand würde in einem 
Agrarproduzenten von heute den „ewigen Bauern” sehen wollen; 
keiner käme auf den Gedanken, in den gerade absterbenden Forst- 
plantagen den deutschen Märchenwald zu sehen. Der Wunsch Anlmerkunben: 
nach der Erhaltung der „Natur” wird zwar allgemein vertreten, doch ; 
sind die Biotope häufig erst anzulegen, müssen die Naturschutzge- 1) A. v. Droste-Hülshoff, Bilder aus Westfalen (1842), Werke, München 1970, 977 f. 
biete renoviert, entrümpelt. ausgegrenzt, überwacht und verwaltet 2 Te 00 a BEHTMETOSE ESS Eh 
werden. 3) E. Rudorff, Heimatschutz. Leipzig/Berlin 1901, 4 
Daraus wird deutlich, daß die Residuen der Naturlandschaft % a.a.0., 39 d 
selbst keine Natur mehr sind, denn sie wachsen und existieren nicht 3 N ES ESP SAMEN 908/05 
aus sich selbst heraus. Sie sind Surrogate, technische Produkte, die 7) ebd. Sa 
bestimmten touristischen, wasserbaulichen oder konservatori- 3 Dies silt jedenfalls für Eu sehe aupiströmung, also die Sozialdsmokıs- 
schen Bedürfnissen entgegenkommen sollen, wie ein Zoo dem Be- rungen innerhalb der Lebensreformbewegung, die von links Zurück zur lan? 
dürfnis der Anschauung „wilder” Tiere dient. Die geschützte Land- forderten, sollten daher nicht überschätzt werden, so nahe es liegt. in ihnen 
schaft ist, wie die geschützte Altstadt, ein Relikt der Vergangenheit, 9) Taken Mensch ung Erde 0912), in: Mensch und Erde, Sieben Abhand- 
sie wird zur Kulisse, die geschminkt und renoviert werden muß. An lungen, Jena 1929, 20, 22f., 25 
dieser Musealisierung der „Heimat” wird am deutlichsten sichtbar, IN P. NO ENT OUT, Kunst und Rasse, München 1928, 124 
daß sie an ihrem Ende angelangt, daß sie „modern” geworden Ist. I 20 145; ders., Die Gestaltung der Landschaft, in: Der deutsche Heimat- 
Die Moderne schafft keine bleibenden Gegenstände. Alles ist 5 a nd NED NEE 1930, En Pe 
vorläufig, zum alsbaldigen Gebrauch bestimmt, Sperrmüll auf deutsche Landschaft? Naturschutz 14, 1932/33 05-09 WE 
Abruf. Sie erzeugt einen Strom von Gegenständen, der den Alltag 14 E. Jünger. Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt (1932). Stuttgart 1982. 173 
A)
	        

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