Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Ulrich Linse 
WERNER LINDNER UND DIE ANFANGE DER 
INDUSTRIEARCHÄAÄOLOGIE IN DEUTSCHLAND 
{ So findet Lindner aus den Trübungen seiner Gegenwart wieder 
© zu den verschütteten Quellen wahrer deutscher Volkskultur zu- 
Als 1933, nach der „Machtergreifung” der Nationalsozialisten, in rück, und schöpft aus diesem Born kulturelle Ewigkeitswerte. Denn 
Kassel im Rahmen des Ersten Reichstreffens des „Reichsbundes die von ihm und Kükelhaus verkündete Religion des Organischen 
Volkstum und Heimat” der Tag für Denkmalpflege und Heimat- Verbindet Natur und Kultur. Zurück aus der „Wirrnis” zur „Ganz- 
schutz stattfand, war Werner Lindner - inzwischen vom ehemali- heit und Einheit” heißt das quasi-religiöse Credo”. Das mensch- 
gen Geschäftsführer des „Deutschen Bundes Heimatschutz” zum liche Werkschaffen müsse „die heiligen Ordnungen des Kosmos” 
Leiter der Fachschaft Heimatschutz in eben diesem „Reichsbund” widerspiegeln'”, im Kulturschaffen können so die „kosmischen 
avanciert - begeistert mit von der Partie. Denn nach Jahren des Gesetze” zum Ausdruck gelangen‘. Die „Rückkehr zur Natur”'” 
„volksfremden” „Kulturbolschewismus” und nach der von ihm als ist die wesentliche Botschaft dieser Kulturtheorie: „Deutschland 
vernunftlos abgelehnten Rationalisierungswelle der Wirtschaft ab Wird wieder eine ganze Nation, der deutsche Mensch ein ganzer 
1925 nach amerikanischem Vorbild versprach er sich von Hitler Mensch, wenn wir die ehemals vorhandenen Zusammenhänge mit 
und dem Nationalsozialismus eine grundlegende Erneuerung deut- der Natur als Ganzheit wiedergewinnen. Nur dann wird das Men- 
scher Kultur. In welche Richtung dieser kulturelle Regenerations- Schenwerk wieder sinnvoller Teil des Organon, gewinnt die Züge 
prozess gehen sollte, führte er in Kassel mit Hilfe der Wiedergabe schöpferischer Kraft'”.” 
eines Berichts von Hugo Kükelhaus - „einer unserer wertvollsten Dort aber, wo sich Natur und Kultur verbinden, entsteht dann 
Mitarbeiter”, wie er über den siebzehn Jahre Jüngeren lobend sagte „Heimat”, „heimatlicher Lebensraum” für das „Volkstum”. Lind- 
— aus! „Kürzlich erzählte mir ein Bauer, daß er seine Sommer- Ners hauptberufliche Aufgabe war es, diese Heimat zu schützen. 
früchte und Gemüse in seinen uralten Keller legt und es dann im 
Winter verwenden kann, als wenn es frisch wäre. Er braucht es nicht I 
einzukochen, noch gibt er ihm Salizylspritzen, noch nimmt er einen ) 
sonstigen Eingriff vor. Dieser Keller ist aus Feldsteinen gefügt. Und Lindners „organischer” Ansatz macht es möglich, daß er nicht rei- 
was meinen Sie wohl, woran das liegt? Es liegt daran, daß der ner Traditionalist bleibt wie die erste Generation deutscher Hei- 
gewachsene Stein lebenserhaltende Kräfte ausströmt.” matschützer vor dem Ersten Weltkrieg, denen es wesentlich um die 
Dieser Erzählung fügte er noch den Kommentar von Kükelhaus Erhaltung bestehender Kulturgüter ging und die sich deshalb in 
hinzu: „Das ist eine Eigenschaft alles natürlich Gewachsenen und versteifter Abwehrhaltung dem Prozeß der Industrialisierung ver- 
niemals zu erreichen durch Kunstprodukte. Das Märchen von den gebens entgegenzustemmen trachteten. Lindner dagegen gehört 
toten Stoffen wird in kurzer Zeit überwunden sein. Es gibt in bereits zur neuen Weimarer Generation der Heimatschützer, die 
Deutschland eine Reihe von Forschern mit großen Namen, bei zutiefst geprägt waren von den Mangelerfahrungen von Krieg, 
denen die einfachen Bauernregeln immer mehr Raum gewinnen.” Inflation und später Deflation und die sich deshalb den wirtschaft- 
In diesem kurzen Zitat sind wesentliche Positionen von Kükel- lichen Notwendigkeiten - seien diese industrieller oder agrarischer 
haus und Lindner zusammengefaßt: die Forderung nach Anwen- Natur - nicht mehr glaubten verschließen zu dürfen. Neben die 
dung „bodenständiger Werkstoffe””, die nicht in industrieller Ver- Erhaltungs- tritt bei ihm die Gestaltungsaufgabe. Auch die Indu- 
arbeitung, sondern im „Urzustand” benützt werden sollen, weilsie Strialisierung kann akzeptiert werden, sofern es gelingt „Überliefe- 
nur so ihre „biologisch-dynamischen” Eigenschaften zu entfalten rung und gesunde Entwicklung zu organischer Einheit zusammen- 
vermögen“; dann die Rückkehr zu „Blut-und-Boden” und die Glo- wachsen zu lassen”!®, 
rifizierung der schollenahen und nichtintellektuellen „Volksge- In diesem Sinne, einer von heimisch-handwerklicher Gesinnung 
nossen”. Das Wesen „wahrer Volkskultur”, so erfahren wir von her durchdrungenen Gestaltung von Industrieerzeugnissen, hatte 
Lindner, hatte sich bis zum Aufkommen des Industriezeitalters Lindner bereits 1923 in einer vom „Deutschen Bund Heimat- 
rein erhalten und bestand in der innigen Verbindung des Menschen schutz”, dem „Deutschen Werkbund”, dem „Verein deutscher 
mit „den natürlichen Kraftquellen seines Bodens und seiner Art””: Ingenieure” und der deutschen „Gesellschaft für Bauingenieur- 
„Sein Werkschaffen war organischer Ausdruck tiefer Erkenntnis”.” wesen” getragenen Veröffentlichung über „Die Ingenieurbauten in 
Diese organische Einheit von Boden und Rasse als dem Fundament ihrer guten Gestaltung” geschrieben. Denn er war der Meinung, daß 
der Volkskultur, diese Verbindung zwischen Mensch und Werksei die altbewährten heimatlichen Bauweisen eben nicht nur Anwen- 
erst in der „kapitalistischen-liberalistischen Epoche” zerrissen, als dung etwa für Bauernhäuser und Dorfgestaltung finden sollten, 
sich der Mensch zum Sklaven der Maschine und des Geldes machte sondern auch für technische Bauten. Statt volksfremder Internatio- 
und ihm „Materialismus, Egoismus und Intellektualismus” die bis-  nalität der Bauten der Technik forderte er auch später!” deren „or- 
herige „vertiefte Lebensführung” versagten®. Vom Nationalsozia- ganische” Einführung ins Heimatbild und ihre Angliederung ans 
lismus aber verspricht sich Lindner die Rückkehr zur „Volksge- „heimatliche Wesen”. 
meinschaft” und damit auch wieder eine Erneuerung der sichtbaren Was hier freilich überhöht wurde zu einer „der Natur abgelausch- 
Eigenwelt der baulich-handwerklichen Artefakte aus den schicksal- ten Wirtschaft”!®, war in Wirklichkeit nur eine resignative Hinnah- 
bedingten Gesetzen von Volk, Rasse, Stamm”. An Stelle des bloß me der als unabänderlich angesehenen wirtschaftlichen Notwen- 
mechanischen und auf verabsolutierter Technik und Wirtschaftsra- digkeiten und deren Verbrämung durch eine handwerkliche Asthe- 
tionalität beruhenden Fortschrittes müsse wieder die Ankoppelung tik. Diese rein ästhetisch aufgefaßte und an die Technokratie ange- 
an die Ewigkeitswerte von Blut-und-Boden erreicht werden, der paßte bürgerliche Ökologie der Lindner und Kükelhaus sollte dann 
Anschluß an Bauerntum und Handwerk: „Naturgemäß quillt das nach 1933 ihren Höhepunkt in der Gestaltung der deutschen 
alles dem seßhaften Bauerntum am reinsten zu. Es ist stärkster Reichsautobahnen durch den vom „Generalinspekteur für das 
Hüter dieser Wahrheit. Es holt ja seine Kräfte unmittelbar aus der deutsche Straßenwesen” Fritz Todt eingesetzten „Reichsland- 
Heimaterde. Der Handwerkerstand aber - so wie er einst war, und Schaftsanwalt” Alwin Seifert finden, der den Kurvenschwung der 
wie er wieder werden muß - macht diese Kräfte erst recht sichtbar: Autobahnen der Zickzack-Führung des bäuerlichen Fahrwegs 
er stellt sie auf die Heimaterde. Darin liegt seine weittragende. anglich, an Brücken und Stützmauern „handwerkgerechtes Mauer- 
ungeheure Verantwortung? ” werk” verlangte und diese äußere Kosmetik an den nach kriegsstra-
	        

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