Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

Kohlereviers liest, bleibt wie bei Wiepking dieselbe Schlußfolge- blauem oder buntem Laub sind ebenso zu vermeiden wie erb- 
rung unausgesprochen im Raum stehen - die Bewohner einer der- kranke Pflanzen, die sich nur ungeschlechtlich vermehren lassen 
artigen Landschaft müssen minderwertig sein: „Die Ausbeutung und Hänge-, Dreh-, Kümmer- oder Steilwuchs zeigen” (Allg. 
der reichen Bodenschätze geschah ohne Verpflichtung gegen die Anordnung Nr. 20, 1942: 56). Daß dabei „heimisch” und „standort- 
Gemeinschaft und zu den ungestalteten, elenden Siedlungsflächen, gerecht” nicht als naturwissenschaftliche, sondern als ideologische 
z.B. in Oberschlesien, treten die sterilen Halden und Abbauflächen, Begriffe gehandhabt wurden, läßt sich vermuten, wenn Wiepking 
von Dämpfen und Gasen überlagert, von eklen Gewässern durch- auf der 1. Arbeitsbesprechung über Landschaftsgestaltung in den 
setzt, so daß man sich in einer grauenhaft phantastischen Unter- Ostgebieten am 3./4. 5. 1943 vorschlägt, die Robinie, da sie ein 
weltslandschaft, aber nicht im Lebensbereich der Menschen auf der Fremdling sei, so anzupflanzen, „daß von der freien Landschaft nur 
Erde wähnt. Wenn deutsches Volkstum in diesen Räumen hei- die umgebenden heimatlichen Bäume sichtbar sind”. Wegen ihrer 
misch werden soll, müssen sie deutsche Kulturlandschaften wer- Bedeutung als Bienenweide und als rasch wachsender Derbholz- 
den. Das erfordert weithin eine vollkommene Umgestaltung, ja produzent solle sie aber nicht aus der heimischen Landschaft ver- 
überhaupt eine erstmalige Gestaltung” (Mäding 1943: 14). bannt werden (vgl. BAK, R49 11/43, Bericht vom 13. 5. 43).!7 
Zur ‚Standortgerechtigkeit’ der Bepflanzung in den Zur perfekten Funktionalisierung der Landespflege im Konzept der 
„eingegliederten Ostgebieten” Wehrlandschaft 
Die Berücksichtigung und ausschließliche Verwendung ‚boden- Als ein besonderer Aspekt der Landschaftsplanung in den „einge- 
ständiger Bepflanzung’ war bei der Ansiedlung von „deutschen gliederten Ostgebieten” ist das Konzept der Wehrlandschaft zu 
Menschen als bodenständiger Bevölkerung” (vgl. BAK/R49, 157a erwähnen, das Wiepking-Jürgensmann ausführlich in seiner „Land- 
Generalplan Ost 1942: 18, Unterstreichung im Original d. Verf.) Schaftsfibel” schildert. Ausgehend von den Kriegen der Germanen 
selbstverständlich. Und wenn man plane, „den jungen Bauern die gegen die Römer, bei denen der Wald den Germanen Schutz, die 
Heimatlandschaften, aus denen sie gekommen sind, mit auf den Schlacht auf offener Ebene dagegen Niederlagen gebracht habe 
Weg (zu) geben, ohne welche sie sonst in wenigen Jahren versan- (vgl. Wiepking-Jürgensmann 1942: 320/321), entwickelte er Ge- 
det, veröstet sein würden” (Wiepking-Jürgensmann 1940: 114), so Staltungsanweisungen, nach denen eine für Angriff und Verteidi- 
weist auch dieser Anspruch auf die ihm entsprechenden Bepflan- gung geeignete Landschaft geschaffen werden sollte. So sollte die 
zungsvorstellungen hin. Kennzeichnend für den Gebrauch des Landschaft gegen feindliche Flugzeuge Sichtschutz bieten, gegen 
Begriffes „bodenständig” durch die Landschaftsgestalter ist, daß er Artillerie und Bombenflieger sollten vereinzelte Schutzpflanzun- 
von Beginn an mit völkischen und nationalistischen Inhalten ver- gen als Scheinziele angepflanzt werden, gedeckte Aufmarschflä- 
bunden wurde (siehe am Beispiel Seiferts Wolschke/Gröning 1984: Chen und Aufmarschstraßen geschaffen werden. Die Flüsse der 
13) und daß er sich am Beispiel der Ostplanung ad absurdum führt - Ostgebiete sollten eine Feind- und eine Freundseite, d.h. eine 
es sei denn, man müsse unbedingt betonen, nur Pflanzen zu ver- Offene und eine Deckung bietende Seite bekommen, etc. (vgl. 
wenden, die an irgendeinem Standort auch wachsen. Wiepking VWiepking-Jürgensmann 1942: 321 ff) Derartige Vorstellungen 
zeigte einmal mehr auf, wie eng regionalistisches Bodenständig- entwickelte Wiepking aber nicht erst nach Beginn des Krieges, son- 
keits-Denken mit völkischen Vorstellungen verbunden war. Der dern sie spielten schon Mitte der 30er Jahre in seiner Lehr- und For- 
Begriff „Bodenständigkeit” war für ihn „kein wissenschaftlicher Schungstätigkeit als Hochschullehrer eine Rolle. So beantragt er 
Begriff” (vgl. Wiepking-Jürgensmann 1942: 250). Unter „boden- z.B. 1937 über die „Fachspalte Landbauwissenschaft und allge- 
ständig” verstand er „eine Pflanze in einem deutschen Garten oder meine Biologie im Reichsforschungsrat” 3.000,- RM an For- 
in einer deutschen Landschaft, die dem deutschen Menschen seit Schungsgeldern für eine Arbeit „Über den naturwissenschaftlichen 
alters her nahesteht, die ihm vertraut ist, mit der er lebt und die Ein- Wert der Schutzpflanzungen in der Landschaft”. Im Antrag wird die 
gang gefunden hat in das deutsche Gefühlsleben, so in das Lied,in Bedeutung von Schutzpflanzungen für sein Konzept der Wehrland- 
die Dichtung, in gute deutsche Malerei” (Wiepking-Jürgensmann Schaft besonders hervorgehoben: „Zunächst einmal ist der Wert 
1942: 250). Den Begriff der „Standortgerechtigkeit” dagegen saher Von Schutzpflanzungen im deutschen Osten aus strategischen und 
als wissenschaftlich festlegbar an (vgl. Wiepking-Jürgensmann taktischen Gründen ein absolut eindeutiger. Das gilt sowohl für den 
1942: 251)'®. Durch diese Unterscheidung in „bodenständig” und ‚hinhaltenden Kampf’, wie für ‚Sperrgebiete”, ‚Aufmarschwege’ 
„standortgerecht” wird deutlich, daß nicht jede „standortgerechte” und ‚Aufmarschflächen” (BAK, R73 15698 Brief Wiepking-Jür- 
Pflanze verwendet werden durfte, sofern sie nicht auch das Krite- gensmann’s an die Fachspalte Landbauwissenschaft ... vom 12. 7. 
rium Wiepking’scher „Bodenständigkeit” erfüllte. So war für ihn 1937). 
z.B. der Flieder „in der Mark Brandenburg durchaus standortsge- Dieses Konzept fand bei Himmler mit seinen Vorstellungen, den 
recht”, eine Fliedergruppe aber an einem märkischen See, weit von Osten mit einem Netz von Wehrdörfern zu überziehen, anschei- 
menschlicher Siedlung entfernt, würde er als „äußerst befremdend” nend positive Aufnahme. So geht aus einem Bericht Wiepking’s 
empfinden (vgl. Wiepking-Jürgensmann 1942: 250). über eine Diskussion mit Seifert bezüglich der Landschaftsricht- 
„Soweit abgeschlossene, nicht zur freien Landschaft gehörende linien hervor, daß Himmler schon Monate vor Erlaß der Richtlinien 
Grünräume gestaltet werden” sollen, erlaubte Wiepking’sche Pla- bejahend über die Wehrlandschaft entschieden haben muß (vgl. 
nungsideologie auch die Verwendung ausländischer Pflanzen (vgl. BAK, R49/1965, Bericht vom 18. 7. 1942). Doch während Wiepking 
Wiepking-Jürgensmann 1943: 30). „Im Dorfbild dagegen und im Noch von Wallhecken und Knicks als landespflegerischen Beiträgen 
Blicke von der freien Landschaft aus müssen die grünen, altvertrau- Zur nationalsozialistischen Kriegsführung schwärmte, begannen in 
ten heimischen Bäume die Gestaltungseinheiten sein” (Wiepking- den USA bereits die ersten systematischen Untersuchungen, die 
Jürgensmann 1943: 30). sich mit der großflächigen Entlaubung von Waldgebieten befaßten 
Einem solchen Bodenständigkeits-‚Denken’ entsprach eine (vgl. Lewallen 1971: 61 ff). und nur das aus dieser Sicht zu frühe En- 
Pflanzensoziologie, die für den Landschaftsplaner „ein brauchbares de des 2. Weltkrieges verhinderte damals größere Feldversuche 
Kriterium des künstlerischen Geschmacks” war, das ihm zeigen Über Deutschland. 
sollte, welche „Gruppierungen verschiedener Pflanzen als uner- Die Realität des Krieges in Osteuropa ließ schließlich Himmler 
träglich” empfunden werden müssen (vgl. Tüxen 1939: 211). „Rei- Selbst die Wiepking’sche Wehrlandschaft konterkarieren; er ord- 
nigung der deutschen Landschaft von unharmonischen Fremdkör- nete „die Abholzung von Bäumen und Büschen rechts und links 
pern” (Tüxen 1939: 209) - diese Forderung galt sicher auch für die der Straßen und Eisenbahnen in einer Breite von 400 bis 500 m an, 
„eingegliederten Ostgebiete” als Maßstab. um das Festsetzen von Maschinengewehrnestern und das unent- 
Die Landschaftsregeln nahmen auch Bezug auf ‚Naturnähe’und (deckte Herankommen von Partisanen zu Eisenbahnattentaten” 
‚Standortgerechtigkeit’. So wurde z.B. ausdrücklich von einer „na- verhindern zu können (BAK, NS 19neu/1671, Aktennotiz Himm- 
turnahen Gestaltung der Landschaft” gesprochen (vgl. Allg. Anord- ler’s vom 9. 7. 1942). 
nung Nr. 20, 1942: 51). Bezüglich der Pflanzenauswahl heißt es: 
„Nur heimische und standortsgerechte Pflanzen aus Sämlingenbe- Das Ende landschaftsplanerischer Tätigkeit im Osten 
ster Rasse, die größte Holz- und Fruchtleistungen sichern, sollen Konkrete Gestaltungsmaßnahmen konnten u.W., außer einem als 
verwendet werden. Ausgefallene Varietäten mit rotem, gelbem. kriegswichtig eingestuften Baumschulprogramm zur Vorbereitung 
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