Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

werfen, Hahmann im Fach Zeichnen und Malen und Andrae im herrschenden traditionellen Vorstellung, daß Städtebau eine künst- 
Fach Baugeschichte. Gehen wir noch weiter zurück zu den Daten, lerische und praktisch-nützliche Zuordnung baulich-räumlicher 
die stellvertretend für politische Zäsuren stehen - 1933, dem Jahr Einzelelemente und grundsätzlich von diesen Einzelelementen 
der Machtübertragung an den deutschen Faschismus, und 1934, auszugehen sei (additiver Städtebau), und der städtebaulichen 
dem Jahr der Ausschaltung der inneren Opposition -, so ist bemer- Praxis in der Instandsetzungs- und Rekonstruktionsperiode. Neben 
kenswert, daß sich diese Zäsuren nicht auf den Lehrkörper ausge- dieser sozusagen sehr „praxisorientierten” Städtebaulehre las seit 
wirkt haben. In beiderlei Hinsicht bildet das Fach Städtebau eine 1946 der Honorarprofessor Martin Mächler im Hauptstudium über 
relative Ausnahme: Bruno Taut, seit 1930 als Honorarprofessor für „Sonderfragen des Städtebaus”. Mächler war sicherlich eine fach- 
Wohnungsbau und Siedlungswesen an der TH Berlin tätig, emi- lich geeignete Persönlichkeit, um die Lehre in diesem Fach unter 
grierte 1933, Gottfried Feder wurde 1936 an die TH Berlinabgescho- prinzipiellen Fragestellungen zu vertreten. 
N OH TO ER tar _ Seit Mitte des Jahres 1945 war er bei den ersten Planungsaktivi- 
Dritten Reich” zum Schweigen oder N Le U4eICN Schlacht in die- a ge samistädlischen Neuplanung Berlins des „Kolcktivs” 
sem Fach als Lehrende tätig, Martin Mächler ( 1946) und Hans na SCHE 7DUN bemtendtäße und Soll auch ST er NEUE UNGUNG I 
Scharoun (1947) 2 IH ‚5edin als Technische Universität aktiv beteiligt gewesen 
sein‘“’, Schon vor dem ersten Weltkrieg und vor allem danach be- 
Zugegeben, die Namen derjenigen, die die „Wende” überdauer- schäftigte er sich mit Planungen zur Umgestaltung Großberlins!®. 
ten, sagen vorerst noch nicht viel über die inhaltliche Kontinuität, Seine damaligen Pläne zielten ganz im Interesse von Kreisen in 
Blicken wir zurück, so kann doch mit einiger Sicherheit behauptet Handel und Industrie auf eine vollständige Tertiarisierung des Ber- 
werden, daß die Abteilung für Architektur in der Fakultät für Bau- liner Zentrums, d.h. auf eine Ersetzung der Innenstadt durch die 
wesen (1943 wieder Fakultät für Architektur) während des „Dritten neue Weltstadt, ab. Es war darum nur folgerichtig, daß Mächler ne- 
Reiches” - überspitzt formuliert - kein Hort des Widerstandes ben Martin Wagner und Ernst Reuter zu den leitenden Mitgliedern 
gegen den Nationalsozialismus war; ganz im Gegenteil, die Lehren- des im Verein Berliner Kaufleute und Industrieller gebildeten 
den beeilten sich 1933 in einer Adresse, dem Führer ihre Ergeben- „City-Ausschusses” zählte. In diesem Kontext entstand auch sein 
heit und Loyalität zu bezeugen. Es wäre aber falsch, aus dem _Nord-Südplan, bei dessen Vorstellung während der Eröffnung der 
Gesagten zu schließen, die meisten seien überzeugte Nazis gewe- Abteilung Städtebau auf der Berliner Kunstausstellung 1927 Hitler 
sen; sicher gab es die in nicht zu unterschätzender Anzahl. Im und Goebbels anwesend gewesen sein sollen. Seine allgemeine 
Allgemeinen läßt sich trotz mancher Distanz in Einzelfragenund zu Vorstellung, Berlin zur Weltstadt zu entwickeln, hat Mächler bis 
Einzelerscheinungen eine Affinität zwischen den überwiegenden 1934 gegen alle Angriffe der reaktionären Großstadtkritik vertei- 
Denkstrukturen, Leitbildern, Lehrinhalten und -methoden einer- digt. Für ihn schien die neue staatliche und gesellschaftliche Organi- 
seits und den alle kleinbürgerlichen Deutungsmuster umfassenden sation nach 1933 sogar günstige Voraussetzungen für eine „nationa- 
Ideologemen, Zielsetzungen und Planungsmaßnahmen des Natio- Ile und soziale Vereinheitlichung und vollkommene Anpassung an 
nalsozialismus feststellen. Dabei muß natürlich auf Diskontinuität Deutschlands weltpolitische, wirtschaftliche und kulturelle Aufga- 
zwischen Lehrinhalten und -praxis an der TH Berlin und den in ben und Ziele” zu bieten !*. Mit dieser Auffassung stand Mächler 
sich widersprüchlichen Planungspolitiken und -praktiken der Par- durchaus nicht alleine; im Unterschied zu Mächlers mehr betriebs- 
tei und des Staates verwiesen werden. Ebenso erscheint durch die wirtschaftlicher Begründung der Weltstadt Berlin, war aber der 
obige Namensliste der Übergang 1945-1946 sehr glatt; die konkre- Blick z.B. in Paquets Begründung der Weltstadt Berlin eindeutig auf 
ten Erfahrungen all der genannten Personen waren mit Sicherheit die geopolitischen Vorhaben des deutschen Faschismus im „Osten” 
andere, für manche lagen dazwischen vermutlich Welten. Ich gerichtet!”. In der Konsolidierungs- und Stabilisierungsphase des 
möchte aber betonen, daß die individuelle Katharsis, mag sie auch Nationalsozialismus waren solche Vorstellungen nicht gefragt, ob- 
subjektiv durch Erfahrungen während des „Dritten Reiches” (z.B. wohl zu keiner Zeit in der faschistischen Stadtpolitik die großstädti- 
Zurücksetzung und Enttäuschung) und durch Erleben des Kriegs- sche Funktion Berlins als Reichshauptstadt in Frage gestellt wurde. 
endes (z.B. endgültiger Zusammenbruch aller Hoffnungen und Mächlers Kehrtwendung 1934/35 zur kleinbürgerlichen Großstadt- 
Ängste, für das Geschehene nun zur Verantwortung gezogen zu kritik!” verhinderte jedoch nicht das im Zuge der vollständigen 
werden) erlebt worden sein oder behauptet werden, nicht über- Ausschaltung der inneren Opposition an ihn, einen Protagonisten 
schätzt werden darf; das Weltbild dieser Generation wurde dadurch der „Systemzeit”, ergangene Rede- und Schreibverbot. Hieß es 
höchstens nur angekratzt. In der „Armel aufkrempeln und auf- während des Krieges in einer Betrachtung zu Paquets Ausführun- 
bauen”-Zeit wurden dieses Weltbild und die entsprechenden Deu- gen, daß „die Entwicklung, die Paquet vorzeichnen wollte, ... durch 
tungsmuster wieder - wenn nötig - restauriert und aufpoliert. Im die persönliche Initiative des Führers in Angriff genommen” sei!?, 
Vergleich zu 1918 verlief der Übergang wieder zu „normalen deut- so blieb Mächler - von der Position der Nachkriegszeit her betrach- 
schen Verhältnissen” in den Westsektoren weitaus problemloser - tet - zwangsläufig unbelastet. Mächler konnte nach Kriegsende 
dafür sorgten schon die Westmächte. In der Restaurationsphase bo- eigentlich den Faden wieder aufnehmen, den er 1934 verloren hat- 
ten sich hierfür vor allem die Pragmatiker aller Schattierungen an, te. Sicherlich bildete er in der Städtebaulehre an der TH Berlin eine 
die durch ihre Tätigkeit während des „Dritten Reiches” scheinbar Art Gegenpol zu der dominierenden traditionalistischen Auffas- 
nicht oder nur wenig belastet waren. Wir wissen heute, daß nicht sung von Städtebau. 
nur die überzeugten Nationalsozialisten die Konsolidierung und 
die Dauer des NS-Staates bis zu seinem Ende ermöglicht und mit- Cerhard Jobst 
getragen haben, sondern besonders diejenigen, die trotz partieller Die traditionalistische Städtebaulehre an der TH Berlin wurde 
Kritik an seinen „Auswüchsen” dieses System geduldet habenoder mit der verspäteten Rückkehr von Gerhard Jobst auf seinen Lehr- 
ihm grundsätzlich wohlwollend oder - wie es heute heißt - unvor- stuhl für Städtebau und Siedlungswesen 1949 verstärkt. In seiner 
eingenommen gegenüberstanden'®. Schwierigkeiten, inhaltliche Quarantäne nach dem Kriege, die er wie einige andere „Fachmän- 
Kontinuitäten oder Diskontinuitäten in der Städtebaulehre an der ner” bis zur endgültigen Spaltung Deutschlands und Westberlins 
TH Berlin und ihre Gleichzeitigkeit bzw. Ungleichzeitigkeit zukon- vermutlich hatte durchstehen müssen, beendete er die Arbeiten Zu 
kreten Planungen, Städtebau oder Stadtpolitiken nachzuzeichnen, seinen „Leitsätzen für städtebauliche Gestaltung”, die er wahr- 
ergeben sich vor allem aus dem Mangel an Veröffentlichungen der scheinlich schon zu seiner Berliner Zeit vor dem Kriegsende begon- 
Hochschullehrer zu Fachfragen und zu ihrer Lehre. nen hatte!®. Auf der traditionellen Folie, daß Städtebau eine Sache 
des künstlerischen Schöpfers, der „künstlerischen Phantasie” sei, 
Martin Mächler stellte er das Konzept des additiven Städtebaus vor, das er am Bei- 
Nach der Wiedereröffnung der Technischen Hochschule Berlin spiel des Dorfes, der Landschaft und der Kleinstadt veranschaulich- 
blieb der Lehrstuhl für Städtebau und Siedlungswesen vorerst un- te!”. Im Grunde sind diese „Leitsätze” eine merkwürdige Mischung 
besetzt. Über die näheren Gründe ist mir bisher nichts bekannt!!. von „Baufibel” und Aufführung scheinbar normativer Anforde- 
Vermutlich wurde dieses Fach - zumindest was den städtebauli- rungen und moralisierender Postulate. Ich bin mir in Kenntnis 
chen Entwurf betrifft - von den Lehrenden im Fach Entwerfen, z.B. anderer ähnlich gelagerter Veröffentlichungen vor 1945 ziemlich 
Freese und Tessenow. abgedeckt. Dies entsprach durchaus der sicher, daß Jobst seine Darlegungen nach Kriegsende redaktionell! 
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