Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

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Hans-Jürgen Steinlin 
DIE FOLGEN DES WALDSTERBENS FÜR 
WALDBESTTZER, HOLZMARKT 
Große Teile des Waldes in Deutschland und in den umliegenden vielleicht auch den bisherigen nachhaltigen Hiebsatz zum Teil we- 
Staaten zeigen seit einigen Jahren ausgeprägte Erkrankungser- sentlich übersteigen wird. 
scheinungen und eine stark verminderte Vitalität. Es besteht weit- Was bedeutet diese Entwicklung für die Waldbesitzer, den Holz- 
gehend Einigkeit darüber, daß die Hauptursache in den Einwirkun- markt und die Holzversorgung? Der Besitzer eines erkrankten Wal- 
gen von Luftschadstoffen auf Bäume und Boden liegt. Besonders des erleidet zunächst einen Zuwachsverlust, indem die geschädig- 
wichtig sind die aus der Verbrennung von Braunkohle, Steinkohle ten Bäume weniger Holz produzieren, die Holzrente damit zurück- 
und Öl herrührenden Schwefel- und Stickoxyde, sowie vor allem geht. Das Ausmaß des Zuwachsverlustes ist gegenwärtig noch nicht 
auch die sekundären Schadstoffe, wie Ozon und andere Peroxyde, voll abschätzbar, da die Zeitspanne noch nicht ausreicht, um gesi- 
die sich als Umwandlungsstoffe vor allem von Stickoxyden und cherte Aussagen machen zu können. Eindeutig sind dagegen die er- 
Kohlenwasserstoffen bei bestimmten metereologischen und Strah- höhten Aufwände, die dadurch entstehen, daß immer wieder über 
lungsbedingungen in der Atmosphäre bilden und dann in bestimm- die ganze Betriebsfläche hinweg die einzelnen abgehenden Bäume 
ten Gebieten gehäuft vorkommen. Es ist aber auch denkbar, daß eingeschlagen und verkauft werden müssen. Dies ist deshalb not- 
noch andere Luftverunreinigungen mitwirken. Bekannt ist die wendig, weil stehend dürr gewordene Bäume sehr rasch durch 
Schädlichkeit von Fluorwasserstoff, der vor allem in der Umgebung Schädlinge verschiedenster Art befallen und für eine technische 
von Aluminiumhütten und Ziegeleien vorkommt. Verwertung weitgehend unbrauchbar gemacht werden. So müssen 
Die Walderkrankungen sind nicht überall gleich stark ausge- oft mehrmals im Jahr im ganzen Wald die jeweils kränkesten Bäu- 
prägt. Besonders betroffen sind gewisse Lagen in den höheren Mit- me rasch eingeschlagen und verwertet werden. Solche Schläge sind 
telgebirgen, insbesondere im Schwarzwald, im Bayerischen Wald, aber viel'teurer als planmäßige, konzentrierte Hiebe, die sich auf 
im Fichtelgebirge, im Eggegebirge und am Alpenrand, sowie in einzelne Waldteile beschränken. Auf der anderen Seite sind aber 
einigen Alpentälern. Am stärksten geschädigt sind vor allem die auch die Holzerlöse meist geringer, weil sich der Waldbesitzer in 
Nadelhölzer, insbesondere die Tanne. Aber auch bei Laubhölzern Bezug auf Sorte und Menge nicht mehr dem Markt anpassen kann 
werden Erkrankungserscheinungen immer häufiger. Walderkran- und außerdem für den Käufer das Zusammenführen verstreuter 
kungen und Waldsterben durch Luftschadstoffe sind nichts Neues. Holzmengen vermehrte Kosten verursacht. Noch schwerwiegen- 
Schon im 18. Jahrhundert traten sie in früh industrialisierten Gebie- der als die direkten Mehrkosten und Mindererlöse für das Schaden- 
ten im Bereich von Feuerungsanlagen und Hüttenwerken aufund holz sind die langfristigen Mehraufwände in Form von zusätzlichen 
bereits im 19. Jahrhundert wurde in Sachsen ein spezieller Lehr- Kulturen und Bestandespflegemaßnahmen sowie die waldbauli- 
stuhl zur Erforschung von Rauchschäden in Wäldern geschaffen. chen Nachteile, die sich aus der Auflockerung und dem Aufreißen 
Neu ist dagegen die räumliche Verteilung und ein Teil der Schadbil- Bestände ergeben. Aus all diesen Gründen gefährdet die Wald- 
der im einzelnen. Anstelle lokal begrenzter, auf bestimmte Emit- erkrankung die wirtschaftliche Situation vieler Waldbesitzer schon 
tenten zurückzuführender Waldschäden sind heute großflächige jetzt sehr ernsthaft. 
Erkrankungen mit weniger akutem Schadensverlauf getreten. Die- Schwerwiegende und weitreichende Folgen für den Holzmarkt 
se neuartige Verteilung ist auf geänderte Emissionsverhältnisse in- sind bisher nicht aufgetreten, da der Mehranfall in Form von Schad- 
folge sehr hoher Schornsteine, die die Schadgase in große Höhen nutzungen durch eine Reduktion der normalen Schläge weitge- 
blasen und damit nicht nur über viel weitere Gebiete verteilen, son- hend kompensiert werden konnte. Dies ist aber nur für beschränkte 
dern sie auch vermehrt in Luftschichten mit anderen Strahlungs- Zeit möglich, weil auch in nicht oder bisher wenig geschädigten 
verhältnissen bringen und durch die riesige Zahl von mobilen Ab- Wäldern normale Pflege- und Verjüngungshiebe durchgeführt wer- 
gasquellen in Form des Automobilverkehrs. den müssen, will man nicht langfristig andere Verluste in Kauf neh- 
Die weitere Entwicklung der Walderkrankung ist kaum voraus- men. Für den Rundholzmarkt ist es entscheidend, wie die weitere 
zusehen, da uns historische Parallelen für diese Art der Waldschädi- Entwicklung der Krankheit verläuft, d.h., ob heute bereits mittel- 
gung fehlen. Im Gegensatz zu großen Flächen in Osteuropa, wo es stark oder stark geschädigte Bäume rascher oder weniger rasch ab- 
sich aber im wesentlichen um die altbekannte Form der Rauchschä- sterben oder ob sich ein Teil von ihnen wieder erholt. Darüber kann 
den handelt, ist glücklicherweise bisher in der Bundesrepublik noch im Moment nur spekuliert werden. Allerdings scheint es, daß der 
kein großflächiges vollständiges Absterben des Waldes aufgetreten. Krankheitsverlauf eher schleichender vor sich geht, als dies vor zwei 
Die Erkrankung nimmt vielmehr einen schleichenden Verlauf, wo- bis drei Jahren angenommen werden mußte. Andererseits ist nicht 
bei günstige und weniger günstige Witterungsverhältnisse in einzel- zu übersehen, daß durch die Zurückhaltung der Waldbesitzer, die 
nen Jahren und bestimmte Standortsbestimmungen den Fortgang bisher nur die wirklich absterbenden Bäume einschlagen, ein zu- 
beschleunigen oder aber bremsen können. Vor allem werden aber nehmender Berg von geschädigtem Holz vorhanden ist, der bei 
die geschädigten Bäume viel anfälliger gegen Sekundärschädlinge einem raschen Fortschreiten des Absterbens den Markt überfluten 
wie Borkenkäfer, bestimmte Pilze und möglicherweise auch. Viren müßte. Rundholzmärkte sind aber wenig elastisch, schon ein Über- 
und andere Mikroorganismen, die gesunde Bäume nur selten zum angebot von 15 bis 20% kann das ganze Preisgefüge durcheinan- 
Absterben bringen. Im einzelnen Fall ist es daher auch schwierig, derbringen. Die Gefahr wird dadurch verschärft, daß eine krisen- 
eindeutig festzustellen, ob das endgültige Absterben eines Baumes hafte Weiterentwicklung in einer Gegend oder in einem Land sich 
nun auf die direkte Schädigung durch Luftverunreinigungen oder wahrscheinlich sehr rasch auch auf andere Gegenden und Länder 
auf sekundäre Erkrankungen zurückzuführen ist. Dies ist letztenen- auswirken würde, und der oft als Rettung ins Auge gefaßte Export 
des auch nicht erheblich. Ohne jeden Zweifel hat aber in den letzten von Holz und Schnittwaren in benachbarte Länder unmöglich wür- 
Jahren der Anfall an sogenannten Zwangsnutzungen, also an ab- de, im Gegenteil, diese Länder möglicherweise versuchen würden, 
sterbenden Bäumen, die krankheitshalber gefällt werden müssen, ihrerseits ihren Mehranfall zu exportieren. Auch staatliche Eingrif- 
stark zugenommen und der gegenwärtige Zustand des Waldes läßt fein den Holzmarkt können in einer solchen Situation nicht viel hel- 
erwarten, daß dieser Anfall noch weiter zunehmen wird und in ein- fen. 
zelnen Gebieten einen großen Teil der Nutzungen ausmacht, ja Fortsetzung S. 58
	        

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