Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

überaus fruchtbaren, nicht reichen Zeit zwischen den Weltkriegen: 
Es ist „die sachliche, knappe, konzise Gestalt”, nicht die gemütliche, 
geschwätzige. 
Was damit gemeint ist, wird, denke ich, nirgendwo so eindrucks- 
voll, so einleuchtend, so überzeugend vor Augen geführt wie im 
ländlichen Paradies der Schuppen und der Scheunen. Ich erinnere 
mich gut, wo es mir zum erstenmal aufgefallen ist. Es war auf einer 
Wanderung rund um den Vierwaldstätter See. Die Wolken hingen 
tief, die Luft war regenschwer, die Sicht ganz klar, die Farben leuch- 
teten. Ich kam an einem halben Dutzend oder mehr Scheunen 
vorüber. Vielleicht war es das Wetter, vielleicht das eigenartige in- 
tensive Licht, vielleicht das saftstrotzende Grün der Wiesen: Auf 
einmal blieb mein Blick an den Scheunen hängen. Zum erstenmal 
sah ich sie mir an. Den Zufall genießend, fiel mir ihre „Architektur” 
auf. Nein, überhaupt nichts Besonderes daran: große quaderför- 
mige Körper mit Satteldächern darauf. Aber schon die Plazierung 
Bauernhof und Scheunen bei St. Gallen Foto: Manfred Sack qerwenigen Fenster: die Art, wie das Dach auf die Wände trifft, sein 
sen weckt in ihnen den Verdacht allzu schneller Vergänglichkeit, Neigungswinkel, die Stützen, der Einschnitt der Tore und der 
von Armlichkeit und Risiko. Freilich nur beim Haus: hingegen Nebentüren, diese kunstvolle Gewöhnlichkeit - das machte mich 
schwärmen sie von Automobilen, deren Lenkräder noch aus Holz stutzen. Ich ließ mich von den Maßen faszinieren, von den Verhält- 
und deren Armaturenbretter mit feinsten Furnieren ausgeschlagen nissen der Maße zueinander, von der Maßstäblichkeit, vom Sitz der 
sind und die Freude am erlesenen Besitz steigern. Die englische Scheunen in der bewegten, leicht zum See hin abfallenden Topo- 
Firma zum Beispiel, die den „Jaguar” herstellt, zählt das Holz ganz graphie: Proportionen in Vollendung. Sicherlich könnte man diese 
selbstverständlich zu den edlen Materialien wie Silber und anderes Gebrauchsbauwerke anders entwerfen, aber es dürfte schwerfallen. 
„Echte? noch vollendetere Formen zu finden. 
Jedoch das ändert sich nun, wenn auch nur allmählich. Es kommt Sie entstanden übrigens nicht auf Reißbrettern von Architekten, 
Abwechslung in unsere Umwelt. Die interessanteren unter den - sie sind von Zimmerleuten gebaut worden, von Handwerkern, die 
meist jungen - Architekten zeichnen nicht an kauzigen Hütten für sich vermutlich niemals theoretischen Erörterungen ihrer Arbeit 
Stadtverächter und Zivilisationsausreißer, sondern entwerfen ganz hingegeben haben. Ihre Baukunst war ihnen bewußt. Einzige 
korrekte, „normale” Gebäude. Die zeitgemäßen Versionen, in Quelle war die Überlieferung der Fertigkeiten, entwickelt und 
denen sich das Haus aus Holz nicht mehr nur in Skandinavien, nicht erfahren in vielen Generationen. Diese Scheunen-Zimmerleute 
nur in den Niederlanden oder den Vereinigten Staaten von Ame- „wußten, wie man’s macht”, ohne sich ihr Metier intellektuell erst 
rika, sondern auch im deutschsprachigen Gebiet zeigt, ist durchweg aneignen zu müssen - ganz anders als die Hüttenbauer beispiels- 
einfach, aber nicht primitiv, nicht einmal dort, wo man auf den Pfen- weise, die ihr Wesen in den Schrebergärten der Nachkriegszeit 
nig sieht. Diese Häuser sind mit großer Sparsamkeit gebaut, aber getrieben haben. Das waren nicht Handwerker, die „es in den Fin- 
nicht armselig. Die Gestalt, die sie annehmen, ist überraschend tra- gerspitzen haben”, sondern Architekten von mäßigem Talent, 
ditionell, aber nicht ein bißchen kitschig, nicht anbiedernd hei- deren Phantasie obendrein vom Aufruf zur Sparsamkeit und Ein- 
matlich und heimelig, nicht verlogen. Obwohl ihre Architekten sich fachheit gelähmt wurde: von unsäglicher Primitivität die „Architek- 
oft von regionalen Usancen anregen lassen, verirren sie sich nicht in tur” dieser Gärtnerhütten, von gräßlicher Eintönigkeit das städte- 
der Folklore. bauliche Reglement ihrer Plazierung. Jeder Anschein von Unord- 
Die besten Architekten haben etwas zustande gebracht, das sich nung wurde ausgemerzt, diese Häuschen stehen, reihenweise nach 
scheinbar widerspricht: Sachlichkeit und Poesie. Man kann es auch Typen geordnet, stramm aneinandergeschichtet wie Soldaten. 
bildlich so umschreiben: Sie konstruieren schöne Gedichte, deren Sehnsüchtig wandern da vieler Leute Blicke auf das anarchische 
Versmaß, deren strenger oder freier Reim, deren Zeilenfall keine Treiben alter, veralteter, vertrottelt scheinender, in Wahrheit mit 
Schlamperei duldet. Was diese neue Generation von Holzhäusern überschäumender Phantasie und Gestaltungslust gebauter, umge- 
so aufregend macht, ist ihre phantasievolle Geometrie, ist eine den- bauter, verbauter, veränderter, ergänzter, geschmückter, bunt 
noch gelassene, nicht selten anmutige Architektur, der zusammen bemalter Hütten. Lauter geliebte Schnurren, in denen die Städter 
mit dem „warmen Holz” etwas schon verloren Geglaubtes glückt: die Uniformität des Alltags abwarfen und ihre Persönlichkeit aus- 
Sympathie zu wecken. Die erstrebte Beziehung zur Umgebung - in probierten. Holz, merkte man, ist ein geduldiges Material - und es 
der Natur, im Dorf, in der Stadt, am Stadtrand - hat genau das Maß kann, mit so unbekümmertem Schöpferdrang behandelt, tausend 
an Distanz, das die regionalen Anklänge erträglich, mehr: überzeu- Gestalten annehmen. 
gend macht. Es ist eindeutig das Bemühen, den Überall-Stil, den Es waren wohl auch diese, lange Zeit verächtlich gemachten 
die moderne Architektur nahezulegen schien, zu überwinden und Kleinbürger-Idyllen, die dem Ruf des Baumaterials Holz bei den 
sich statt dessen örtlicher Gepflogenheiten, Eigenarten des Bauens Häuserbauern zugesetzt haben. Unzweifelhaft hatte es an Seriosität 
zu erinnern, ohne sie bloß zu imitieren. Der vielbeschworene verloren. Nur die Innenarchitekten hatten noch Umgang mit Holz. 
Genius loci wird - nein, nicht dingfest gemacht und platitüdenreich Und je mehr es außen vermieden wurde, desto intensiver kaın es in 
herbeigequält, sondern erfühlt. Es scheint, als befänden wir uns mit Innenräumen zu Ehren. Es wurde modern, Zimmer mit Holz aus- 
dem Thema des Holzhauses auf einem spannungsreichen Gebiet zukleiden - die Wohnzimmer repräsentativ (und dunkel) getäfelt, 
zwischen Träumerei und Vernünftigkeit. die Spitzdächer unprätentiös (und hell) verbrettert. 
Vermutlich sind es die der Moderne abgesehene, nach wie vor Wie seltsam auch: Neuerlich für die Architektur entdeckt wurde 
wohltuende Strenge und Einfachheit, die das Material und sein das Holz aber nicht von den Architekten, sondern von den Bauinge- 
konstruktiver Gebrauch nahelegen, und die Erinnerung an die glie- nieuren. Sie hatten nicht vergessen, daß Holz so stark ist, nein, so 
dernde Hilfe der Geometrie. Muß man nicht an die großartige, in stark gemacht werden kann, daß sich. damit riesige Spannweiten 
ihrer Essenz immer gültige Lehre des Funktionalismus denken, überwölben lassen. Im Hallenbau sind mächtige Holzkkonstruktio- 
der zufolge die Schönheit „die Schönheit der Sache selbst” zu sein nen mit Leimbindern und Stahlblechknoten beinahe konkurrenz- 
habe? „Man kann unter Sachlichkeit etwas sehr Banales verstehen”, los und preiswert. Mittlerweile freilich ist es nicht mehr nur üblich, 
schrieb der Architekturkritiker und -theoretiker AdolfBehne in den Holz für Industrie-, Lager- und Fabrikationshallen zu verwenden. 
zwanziger Jahren, „bürgerliche Richtigkeit, engen Utilitarismus, Heute werden Festhallen (wie in Baumhain) und Museen (wie im 
erste beste Zweckfüllung, und es begehen eben jene solchen Irr- Eifelstädtchen Kommern), Universitätsmensen (wie in Würzburg, 
tum, die als das Gegengewicht das Phantastische bringen, damit Bayreuth, Darmstadt) und weit schwingende Sporthallen (wie in St. 
ihrer Meinung nach die Kunst nicht zu kurz komme. Aber Sachlich- Blasien oder Gräfelfing), Bahnhofshallen (wie in Fellbach), aber 
keit ist nicht Hemmnis der Phantasie, sondern ihr Ansporn.” Nicht auch Kindergärten und Schulen aus Holz konstruiert, nicht zu ver- 
ganz zufällig gilt für die meisten hervorragenden Holzhäusern unse- gessen die temperamentvoll-heiteren Freizeitbäder, mit denen sich 
rer Tage derselbe Lobpreis wie für die besten Gebäude aus der der Münchner Architekt Peter Seifert einen Namen gemacht hat. 
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