Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

falten. Man begreift ihre Schönheit mit den Augen, man „versteht” 
Holzhäuser - etwa so, wie man Musik eher zu verstehen vermag, 
wenn man die Komposition zu verfolgen, zu entschlüsseln 
imstande ist: gemeint ist, wenn man ihre Konstruktion erkennt, 
wenn man, zum Beispiel, mit dem Bau der Fuge oder des Sonaten- 
satzes vertraut ist. Wirkliches Verständnis freilich ist damit, in der 
Musik wie in der Architektur, beileibe nicht schon verbürgt, dazu 
bedarf es anderer, sensorischer Fähigkeiten. 
Man glaubt, daß sich schon die jagenden Nomaden vor zwölftau- 
send Jahren Zelthütten aus jungen Bäumen, Reisig und Fellen 
gebaut haben. Einen eigenen Berufsstand der Zimmerleute gibt es 
seit dem Jahre 350 n. Chr. Den Dübel, den Holznagel, das wich- 
tigste Element des Zimmerns, kennen sie indessen seit Urzeiten, 
die Kunst des Verzapfens beherrschen sie, sagt man, seit gut andert- 
halb Jahrtausenden. Wer auch nur einmal in alten Zimmermanns- 
büchern geblättert hat, weiß, daß das Hauptthema der Holz-Archi- 
tektur nicht nur Stütze und Träger, Pfeiler und Balken heißt, das Foto: Timm Rauterı 
sowieso, sondern die Kunst ist, die Teile fest miteinander zu verbin- Holz kommt” und ein Holzbau am Ende nur noch „ein mit Holz 
den. Und die Devise jeder intelligenten Konstruktion ist, sie mit kaschierter Stahlbau” werde. Man kann es an den Trägern einer 
sowenig Aufwand wie möglich zustande zu bringen. Man sucht Sporthalle, die im Allgäu errichtet wurde, sehen. Jeder der acht 
ständig nach dem Minimum. Wen wollte es ‚wundern, daß die „Leimbinder”, die ein Dach von fünfzig Metern Spannweite stüt- 
Zunft, die ihr Handwerk seit so langer Zeit ausübt, sich auch eine 7en je fast siebenhundert Zentner schwer, steckt voller Eisen in den 
eigene Sprache zurechtgezimmert hat? D erjeden Laien verwirren- Anschlüssen und’den Verstrebungen. Doch es gibt bei derart gros- 
de Vokabelschatz kennt nicht nur Stützen und Balken, sondern sen Holzkonstruktionen eine äußerste Grenze, an der das Ergebnis 
auch Binder und Pfetten, Kopfbänder und Sparren, Radial- und die Absicht verkehrt - weil der Anteil des Stahls so groß wird, daß 
Pilzrippen, Obergurtzargen und Druckstützen, Untergurte, Unter- das Holz seine konstruktive Hauptrolle verliert und zum dekorati- 
züge, Hirnstöße und Wassernasen, Schattennuten, Schwebezapfen ven Gemütsstoff degradiert wird. Solch ein Grenzfall ist das Cosi- 
und Nutzwagen, Pfosten, Säulen, Ständer und derlei mehr. Man ma-Bad in München. 
kennt Schwertungen und Ankerbalken, schafft Verbindungen „Es wäre von Vorteil”, sinnierte vor Jahren der holländische 
durch Einhälsen, Aufkämmen, Verzapfen. . n Architekt Piet Blom, „wenn jeder Junge das Zimmererhandwerk 
Konstruktionen, habe ich gelernt, haben - ganz simple Gebäude erJernen müßte. Sein eigenes Heim zu bauen, ist ein Instinkt des 
ausgenommen - stets mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erfüllen. Menschen. Architekten und Stadtplaner sollten nur die Infra- 
Sie müssen tragen, trennen, öffnen, verbinden, dämmen, dichten, struktur liefern.” Und das hieße für den Holländer: „An jedem Platz 
belichten, versorgen und mehr. Das sinnvolle Fügen der Teile ver- Gasanschluß. Elektrizität, Licht, Balken und Stützen, Wege und 
langt die Kenntnis des Materials und seiner Eigentümlichkeiten, Straßen auf verschiedenen Ebenen. Flächen, auf denen man sein 
den werkgerechten Umgang damit, einen ökonomischen Ver- eigenes Haus bauen kann - und eine Art von Regulativ zwischen 
stand, kurzum, logisches Denken. So versteht man auch den Satz, individuellen und gemeinsamen Interessen.” Das ist ein Traum, ein 
daß in der Holz-Architektur Formen nicht erfunden, sondern ziemlich vernünftiger Traum - nur fürchte ich, daß wir dafür schon 
gefunden würden. Es bleibt die Erfahrung, daß sich die beste Archi- halb verdorben sind: von Hüttendörfern wie dem im Flörsheimer 
tektur auf klare Formen beruft und es vermeidet, die Folklore und Wald am Frankfurter Flugplatz abgesehen, die nur für eine bemes- 
die Geschichte zu mißbrauchen, auszubeuten oder übertriebener sene Zeit gedacht waren und ruppig sein durften, schaffen wir das 
modischer Originalität nachzujagen. Wer gescheite Holzhäuser stu- Häuserbauen nicht mehr ohne Fachleute, ohne Architekten. Aber 
diert, erkennt immer wieder, daß mit minimalem Aufwand, mitden nun zeigt sich auf einmal, was lange vergessen war und endlich wie- 
richtigen Elementen und einer angemessenen Konstruktion die der mit Phantasie praktiziert wird: das Haus aus Holz, an das nicht 
imponierendsten Leistungen hervorgebracht werden. Holz, könnte wenige Bauherren selber Hand anlegen. Seine zeitgemäße Version 
man meinen, verlange weniger Kunst als Intelligenz, weniger In- ist einfach, aber nicht primitiv; sie ist preiswert, aber nicht ärmlich; 
tuition als Verstand. die Proportionen ihrer Architektur sind meistens von geradezu 
Inzwischen ersetzt viel technisches Raffinement die alte Zim- klassischer Ausgewogenheit. 
mermannskunst. Unbezahlbar sind heute, die Fertigkeiten, Hölzer Ihre Architekten sind keine betagten weißbekittelten Herren mit 
„durch den Stoß oder das Blatt” zu verlängern, Hölzer mit einfa- großen Fliegen an den Hälsen, die es treibt, nach dem in Verruf 
chen, geeckselten, schrägen, mit Brust-, Schwalbenschwanz-, geratenen kalten Beton nun wieder nach dem vielgepriesenen war- 
Scheer-, Kreuz-, Seiten-, Blatt- oder Jagdzapfen zu verknüpfen, das men Holz zu langen und über die Gebäudekonstruktionen den 
gleiche mit sogenannten Überblattungen zu versuchen und Hölzer Sirup ihrer Gefühle auszugießen, sondern hellwache, oftmals junge 
so zu verkämmen oder zu verdollen, daß sie sich nicht verschieben Architekten, intelligent, bemerkenswert engagiert, selbstbewußt, 
können, oder sie zu verschiften. Es gehört auch die Kunst dazu, aber auch selbstlos, wenn sie ihre bessere Einsicht in eine wahrere 
Hölzer durch Zähne oder Dübel zu verstärken. Genug - es sollte zeitgenössische Architektur, als sie ihnen gelehrt worden ist, durch- 
nur eine Andeutung vom Reichtum handwerklicher Künste beim setzen müssen. Sie nehmen für ihre konsequente Ehrlichkeit auch 
Bau von Häusern aus Holz sein. Entbehrungen auf sich und stehen mancherlei Kämpfe gegen die 
Aber nicht nur, weil ihre althergebrachten Praktiken zu teuer, verhärtete Konvention (besonders in Behörden, aber auch in der 
sondern auch, weil viele Gebäude so groß und so kompliziert Nachbarschaft ihrer Bauherren) durch. Einige sprechen lieber vom 
geworden sind, wurden die Zimmerleute von den Bauingenieuren Bauen als von der Architektur, obwohl sie eine solche von großem 
abgelöst und zu harmloseren Tätigkeiten abgeschoben. Was die Anspruch machen. Davon haben inzwischen auch ihre fernen Kol- 
Handwerker früher „elegant aus dem Holz heraus” zu machen legen in den Jurys bedeutender und hochdotierter Preise Kenntnis 
pflegten mit all den raffinierten Methoden des Verlängerns, Ver- genommen und Arbeiten ausgezeichnet, die eine neue Auffassung 
stärkens und Verbindens, wird heute „ruckzuck genagelt und von Architektur erkennen lassen, aberauch aufneue Lebensweisen 
geschraubt”, sagt der Holzbaufabrikant Karl Moser: „In modernen und eine andere als die gewohnte Art zu bauen und sich zu behau- 
Holzbauten jeder Art steckt eine Menge Stahl.” Die wichtigsten sen hinweisen. 
Mittel, Holz miteinander zu verbinden, „Knoten” zu bilden, sind Wohin man auch sieht, in den Schwarzwald oder an den Boden- 
nun der Stahlbolzen und der Ringdübel, das ist eine mit Widerha- see, in die weitere Umgebung von München oder in das an den 
ken versehene Scheibe, die sich - wie die größere Krallplatte - im Bodensee grenzende österreichische Bundesland Vorarlberg - dies 
Holz festkrallt und Balken „biegesteif” zusammenhält. sind etwa die Hauptgebiete dieser neuen Holzbaukunst. Man liest 
Daß man nun so sehr „auf den Nagel gekommen ist”, findet an diesen sympathischen, durch und durch modernen Häusern die 
Moser nicht ungefährlich. Er fürchtet, daß „immer mehr Eisen ins ähnlichen Vorsätze ab, die gleiche Raum- und Konstruktionslogik.
	        

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