Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

schichtliche Gegebenheiten zur Verbreitung dieser Verbindungs- Längsrichtung pyramidenartig wachsen und dabei Jahr um Jahr die 
art geführt: Die sich erweiternde Bautätigkeit im frühen Mittelal- einzelnen Wachstumsschichten, die sich im Querschnitt als Jahres- 
ter und Bauweisen, die eine große Menge an Holzerforderten, führ- ringe zeigen, pyramidenförnfig übereinanderschichten. Bei Längs- 
ten sowohl in Japan als auch in Europa zu einer Verknappung an verbindungen ist es daher ratsam, die Zopfenden miteinander zu 
geeignetem Bauholz. Auch in großen Bereichen waldreicher Land- verbinden, da die Fußenden aufgrund des nach außen gerichteten 
schaften konnten nicht mehr genügend Stämme von geeigneter _Faserverlaufs leichter abspalten. Durch unregelmäßigen Wuchs 
Größe und regelmäßigem Wuchs gefunden werden, wie sie für da- hervorgerufener schräger Faserverlauf beeinträchtigt in gleicher 
malige Bauweisen gebraucht wurden. Hinzu kam, daß in Europa Weise die Stabilität einer Verbindung, da Einschnitte, die schräg 
die Holznutzung durch die Privilegien des Adels eingeschränkt zur Faser des Holzes liegen, zum Absprengen der Verbindungsteile 
wurde. führen. Dies gilt in erster Linie für auf Zug belastete Verbindungen, 
Der im Mittelalter aufkommende Blockbau erforderte schlank- für Schwalbenschwänze und Gehrungschnitte schräg zur Faser. 
wüchsiges Bauholz.!” Dieser Anspruch konnte oft nur dadurch be- Beim Bau der japanischen Ises-Schreine gehen die tradierten 
friedigt werden, daß die geeigneten Abschnitte von Stämmen aus- Vorschriften soweit, daß sie sogar die Einbaurichtung des Holzes 
gelängt und zusammengesetzt wurden, um die notwendigen Län- vorgeben. Beispielsweise hat der Sturz des Eingangstores aus der 
gen für die Wandbalken zu erhalten. Erst seit dem 13. Jahrhundert Sicht des Eintretenden mit dem Zopfende nach rechts zu liegen, da 
entwickelten sich Bauweisen, die die Verwendung kürzerer und dies zumeist auch die Wetterseite ist. Für weniger stark belastete 
krummer Hölzer erlaubten. Dazu gehören der noch heute sowohl Verbindungen im Innenausbau sollten die Fußenden zusammen- 
in Japan als auch in Europa verbreitete Gebindebau, der viel weni- gefügt werden, da sich auf diese Weise die Maserung der beiden 
ger konstruktive Hölzer benötigt, um eine Hauskonstruktion aus- Balken zu einem schöneren Bild zusammenfügt. 
zusteifen. In Japan begegnete man dem Mangel an gerade gewach- Der Japaner bemüht sich im allgemeinen, selbst von kompliziert 
senem Bauholz weniger durch Entwicklung neuer Bauweisen als aufgebauten Verbindungen nach außen hin nur einen schrägen An- 
durch eine Verfeinerung der Längsholzverbindungen, mit deren schnitt zu zeigen, der sich besser als ein rechtwinkliger Stoß in die 
Hilfe kürzere Stammabschnitte der Länge nach zu den benötigten _Maserung einfügt. Die handwerkliche Kunst soll hinter der Oberflä- 
Balkenlängen zusammengefügt werden konnten. che verborgen bleiben. Dieses Anliegen kennen wir auch im We- 
Die technische Ausführung: Für alle Stöße gilt, daß die stärker bela- sten. Beispielsweise wurden in Niederösterreich die Hauptknoten- 
stete Verbindung am Zopfende eines Holzes ausgearbeitet werden punkte eines Hauses als gute Geister angesehen, die mit Brettver- 
sollte. Als Zopfende wird das Ende eines Rundholzes oder Balkens schlägen zu verbergen waren. In Deutschland stellte man nach der 
bezeichnet, das, in Wuchsrichtung des Stammes gesehen, sicham Zerbombung der großen Kirchenfest, daß in vielen Steinsäulen 
oberen Ende befindet. Die unterschiedliche Qualität des Holzesam Steinmetze kunstvolle Steinfiguren eingemauert hatten, die dem 
Fußende und am Zopfende ergibt sich daraus, daß Bäume in der Blick des Betrachters völlig entzogen waren. 
Stabzapfenverbindung für Riegelanschlüsse in Fachwerkwänden 
Stabzapfenverbir "ang mit Stabzapfenverbindung mit 
Keilschloß und Brüstung Verkeilung 
Eine besondere Leistung japani- werden die Verbindungen aus 
scher Zimmerleute ist die Ent- unterschiedlich harten oder wei- 
wicklung zugfester Riegelan- chen Hölzern gearbeitet. Da Ver: 
schlüsse, die in dieser Form in bindungen in Japan vom Zim- 
Europa unbekannt sind. Mit ih mermann „entworfen” werden, 
rer Hilfe wird eine Aussteifung der sich diese im Zusammen- 
der Wandkonstruktion erreicht, hang des gesamten Tragwerkes 
die im Fall von Erdbeben elasti- vorstellen muß, hat er zusätzlich 
scher reagiert als die bei uns zu seiner Arbeit als ausführen- 
üblichen Dreiecksverbände. Die der Zimmermann Aufgaben zu 
in Dreiecksverbänden aussteifen bewältigen, die bei uns.dem Ar- 
den Diagonalstreben sprengen chitekten im Rahmen der Aus- 
bei Verformung ihre Eckverbin- führungsplanung zukommen. 
dungen auf. Bestimmend für die Die dargestellten Knotenver- 
Ausarbeitung der Riegelan- Stabzapfenverbindung mit Dübel- bindungen sind Beispiele, in de- 
schlüsse ist die Anzahl der Rie- sicherung nen Riegel der Länge nach in 
gel, die auf gleicher Höhe mit einem Pfosten miteinander ver- 
einem Pfosten verbunden werden bunden werden. Die ältesten 
sollen. In der Regel wird es sich Formen sind daran zu erkennen, 
um 2, 3 oder 4 Riegel handeln daß die Riegel mit vollem Quer- 
Man unterscheidet im japani- schnitt in den Pfosten eingelas- 
schen Holzbau Verbindungen sen sind. Bei den später entstan- 
aus Elementen gleicher Funk- denen Verbindungen wird der 
tion-tsugite genannt -, also bei- verlängerte Zapfen eines Riegels 
spielsweise Stützen mit Stützen in das Hirnholz des zweiten Rie- 
oder Riegeln mit Riegeln von gels eingeschlitzt und mit steg- 
solchen aus Elementen verschie- förmigem Keil von oben gesi- 
dener Funktion - shiguchi -, chert. Die Ausarbeitung einer zu- 
beispielsweise Stützen mit Riegeln sätzlichen Brüstung hilft, die 
oder Stützen mit Pfetten. Diese Riegel für Druck von oben be- 
Verbindungen werden sowohl lastbar zu machen. 
zug- als auch druckfest ausge- Ein weiterer Anwendungsbe- 
führt. Vor der Anfertigung wer- reich für‘Stabzapfen-Fremdver- 
den sie häufig zunächst stereo- binder ist der nachträgliche Ein- 
metrisch aufgezeichnet. Je nach bau von Riegeln zwischen beste- 
Form, Belastung und Funktion Fotos zu den obigen Abbildungen henden Pfosten. 
3”
	        

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