Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

auf TRON (Walt Disney Prod.) verwiesen. Die „Kulissen” des letzt- bar sind ausgefeilte und vielfältige „Entwurfsprogramme”, deren 
genannten Films bestehen nur noch aus Computergraphik, in die Bedienoberflächen sehr komfortabel ausgelegt sein mögen, die 
die agierenden Schauspieler hineinkopiert wurden. Computergra- aber immer nur über ein begrenztes Repertoire von „Entwurfs-oder 
phik ist ein Vertreter der „Neuen Medien”, sie werden die Zukunft Expertenbausteinen” verfügen werden. Das verdeutlicht die 
der Architektur bestimmen. Gefahr, daß große Teile des creativen Entwurfsprozesses industria- 
lisiert werden sollen”. Es ist für die meisten Programmierer nur 
Der große Coup schwer nachzuvollziehen, was in einem traditionell arbeitenden 
Der „Große Coup” des ausgehenden 20. Jahrhunderts zeichnetsich Architektenhirn vonstatten geht. Entstehen doch beim altherge- 
ab. Das Experiment beinhaltet den Versuch, die Distribution und brachten Entwurfsvorgang fast unmerkliche Wechselwirkungen 
Verwaltung, die Forschung, die Lehre und das mittlere Manage- zwischen Fertigung der Blei- oder Tuschezeichnungen und dabei 
ment gemäß der primären und sekundären Produktion zu rationali- anfallenden „untätigen Pausen”, eine motorisch-intellektuelle 
sieren und zu kontrollieren, den Überbau zu industrialisieren. Das Handlung, die den Entwurf reflektorisch reifen läßt, von den 
Geld, die Regierung, das Parlament, die Nachrichten, die Mode,die „Erleuchtungen” und Gesprächen mit Kollegen ganz zu schweigen. 
Pop-Musik, die Architektur und die allgemein vorherrschenden 
Bedürfnisse werden mittels der sie durchdringenden „Neuen dbriß oder behutsame Sanierung 
Medien”, schleichend und unmerklich, mit gestraffteren Spielre- Radikale Protagonisten der augenblicklichen elektronischen Revo- 
geln aufgemischt. Spürbar lediglich in den Übergangszeiten, woes lution werden mitleidlos auf die Geschichte der Produktionsmittel 
hakt und bebt, also im Augenblick. Der in den 60er Jahren gerade verweisen. Ironie des Schicksals, daß Ingenieure, die vor 150 Jahren 
von der Linken so vielgeschmähte „öffentliche Raum” (hier ver- selbst Maschinen entwickelten, die Handarbeit zu Kitt zwischen 
standen als das Flanieren und Disputieren mit vielen gleichgesinn- automatisierten Produktionsverfahren verkümmern ließen, sich in 
ten, aufgeschlossenen Bürgern auf Straßen und Plätzen) gerät nun ihrem geistigen Arbeitsfeld nun selbst bedroht sehen”. Sie sind 
zum paradieshaften Idealszenario gesellschaftlicher Auseinander- zunehmend substituierbar geworden”. Je stürmischer die Entwik- 
setzung und geistiger Aneignung, ebenso wie die traditionellen klung der „Realtechnik” verläuft, um so dringender sind schnelle 
Kulturträger: Musik, Oper, Theater, Museen, Film, Zeitungenund und wirksame Steuerrungsinstrumente. Der Markt wird hier gar 
Bücher. Wenigstens gegenüber der Schreckensvision einer, gemäß nichts im Sinne der Architekten regeln, dafür ist ihre Position zu 
der amerikanischen Entwicklung, immer wichtiger werdenden syn- schwach, sondern höchstens zu einer strukturellen Krise führen“. 
thetischen Wirklichkeit. Medien-Synthetics lassen Beschreibungen Die ständischen Organisationen müssen mehr als technisch- 
von Kriegen und Katastrophen, von Liebe und Glück zu „dramati- orientieren Nachhilfeunterricht geben”, nämlich architektonische 
schen Modellen” verkommen. Die soziale Arbeit der Kommunika- Ansprüche formulieren, die kleinen Architekturbüros (90%) mit 
tion degeneriert zur Einbahnstraße der Fernsehkonsumtion”, die Rat und Tat unterstützen. 
Architektur zur modischen und immer schneller auszutauschen- Die Länder müssen die innovativen Architekturlehrstühle mit 
den Kulisse. aktueller Hard- und Software, mit mehr Sach- und Personalmitteln 
Der elektronische Supermarkt ausstatten, sie miteinander vernetzen. Die Hochschulen werden 
. a | . a € sich zu firmenunabhängigen Beratungs- und Ausbildungsinstitu- 
Die „Neuen Medien” und ihr Herz, der Computer, sind käuflich. Sie tionen mausern müssen, wollen sie ihren architektonischen Einfluß 
geben vor, alle Bedürfnisse befriedigen zu können, allen Ansprü- und Anspruch nicht vollends gefährden. 
chen gerecht zu werden. Der Supermarkt, in dem Computer und Darüberhinaus sei aber auch auf die Erfahrungen der Landwirt- 
Kunden din UNSEISTN Fall Architekten) zusammentreffen, gleicht schaft verwiesen, die sich im 19. Jahrhundert (!) der notwendigen 
DET surrealistischen Film. Wirklichkeit wird Jeicht für „Fl m Maschinisierung mittels Genossenschaftsbildung bediente. 
gehalten, WENN d ve Entwicklungsgesetze vor Ereignissen oder ihre Warum nicht kollektiv DV-Systeme nutzen? Ein weiterer in ande- 
Geschwindigkeit für die Mitwirke nden nicht mehr 7 durch- ren Berufsgruppen zu beobachtender Trend liegt in der Anspruch- 
schauen sind. In der Bundesrep ublik werden m Augenblick UNBC- nahme von „Neuer Technologie” über Dienstleistungsbetriebe, 
fähr 180 Programme angeboten, die den Dienstleistungsbereich sog. Rechenzentren, die die AVA-DV oder die Graph. DV als Ser- 
der Ausschreibung-Vergabe-Abrechnung (AVA) umfassen. Dieses vice anbieten, vergleichbar mit den heute üblichen Copy-Shops. 
Softwareangebot wird von einer Unzahl von Anbietern vertrieben, Kein Grund zur Verzweiflung, zumal wir ja nicht zum ersten und 
weiterentwickelt und angepaßt. Innerhalb der Graphischen DV, letzten Mal mit der Einführung „Neuer Medien” konfrontiert sein 
EEE en DT KRUSE NUDE werden. Brecht entwickelte in den 30er Jahren innerhalb seiner 
Be ara ad Saar ek et ebenen Otalehtgs  Auseinanderseizung mit dem Medium Radio seine Rundfunktheo- 
terschieden zwischen 30000 und 70000 DM bei der AVA-Anwen- TE: Vorschlag zur Umfunktionierung des Rundfunks: der Rund- 
. . funk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikations- 
dung und im CAD-Bereich zwischen 50 000 und 500 000 DM. Pro- apparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großar- 
ST unterschiedlicher Hersteller SOWIE AVA-Programme ml tigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein unge- 
URS DV-Programmen können TE werden. Sie a heures Kanalsystem ..., wenn er es verstünde, nicht nur auszusen- 
die AUE Ka Zu ART EN Sn um den, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur 
ankundis N EVEN In alt  Rescl N CHE N MICrn achts N On der Wir hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolie- 
kungsweise digitaler Informationsverarbeitung. Er war bisher noch ON SOUSM ni Bezichung nn SE (Brecht 1952) FSlaller 
niemals gezwungen, über seine ureigene Entwurfs: und Arbeitsme- Frnüchterung ESECDNDST Medien, die or heute Brecht’s Optimis- 
thodik auf streng formalisierter ja logischer Ebene zu reflektieren .. zu SppPOTISCh SrSCHE EN aß, die Entwicklung hal sttisefn- 
Genau das wird aber von ihm verlangt. will er die ihm angebotenen ERW haben keine Wühl, BUS stellen. 
Anwenderprogramme auf Nützlichkeit untersuchen. Auf der Oder eich d e Oma En Edgar Reiz „LeImat NE Pest kurz nach 
AVA-Ebene mag er unter Zuhilfenahme der eh schon formalisier- IM 2: WEHT ne TASTEN A Es Te hal egonnen 
ten Standardleistungsbücher, wenn auch unter Qualen, noch zu ©. nt RE das Selm ent 3 200 PS DE beige 
Aussagen kommen können. Auf der Ebene der Graph. DV stellen BIER SIASCHEN WATUNHESFAGEHSIC-BESSELHNE VETSPIEUNG:- 
sich aber verschärft folgende Fragen: Welche Methode eignet sich 
zum creativen, d.h. lustvollen Entwerfen? Schluckt der Computer Anmerkungen: 
alle ME architektonischen Vorgaben, oder muß ich mMEemME „Bil- 1) s.a. D. Steiner/Adolf Loos ist Blade Runner/Stadtbauwelt 87 
der im Kopf” simplifizieren? Läßt die Interaktion mit der Maschine 2) s.a. A. Raeithel, W. Volpert/Aneignung der Computer oder Telematik- 
meine Phantasie verkümmern oder wird sie befreit? Womit soll Monokultur?/Berlin 1985 . a 
überhaupt entworfen werden? Mit der „Maus”, dem Digitizer oder en Ben AED 0a CE F; Sieger/Industrialisierung 
einem noch zu findenden „Räumlichen Cursor”, der in geeigneter s.a. K.J. Drick (Hrsg.), M. Cooley/Die Taylorisierung der Kopfarbeit/ 
Form räumlich und „computergerecht” skizziert? Grundlagenfor- Frankfurt 1985 Ohr 
schung täte Not. Entwerfen kann man mit den heute angebotenen © EM Tee Der ans Mruder"/ Düsseldorf 1980 
CAD-Systemen nicht, höchstens collageartig verfahren. Vorstell- Informationsschriften der BAK, 2. Auflage 1985 
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