Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

GRUNDRISSKRITIK 
Grundrisse werden weniger in ihrer funktionalen Komplexität als mal die Hauptnutzer - in Betracht gezogen würden. Daß wir hier 
viel mehr formalästhetisch und arbeitsrational (REFA) betrachtet. die Realisierbarkeit unserer „fixen” Ideen würden ausprobieren 
Aufgrund unserer Sozialisation als Frauen und unserer Erfah- können, jener Ideen und Vorstellungen, die über die schematisier- 
rung mit der täglichen Hausarbeit ist es uns einfach nicht möglich, ten Grundrißlösungen hinausgehen und die sonst in Entwurfssemi- 
die Funktion einer Wohnung nur im Hinblick auf Regeneration zu Naren kaum unterzubringen sind. Daß wir endlich unsere Erfahrun- 
sehen. Im Gegenteil: Es ist doch so, daß tagsüber sehr wohlinder gen als Hausarbeit leistende - (in jeder Dimension) - würden 
Wohnung gelebt wird. Und nicht nur gelebt, sondern vorallem end- einbringen können, um davon ausgehend ‚unsere’ Grundrisse zu 
los von früh bis spät gearbeitet wird! Oder denken die Herren Pla- organisieren. Daß eine Diskussion und ein Infragestellen des „Woh- 
ner, daß sich die Betten selbst machen, die Einkäufe ins Haus geflo- nens” angeboten würde, was sonst nirgends einen Rahmen findet, 
gen kommen, die Wäsche, das Geschirr, der Schmutz, die Unord- aber - unserer Meinung nach - längst ansteht, und daß wir hier 
nung sich von selbst erledigen; daß der Frauen offenes Ohr für Argumente für unsere Entwurfsansätze und unsere Kritik an den 
„Seine” Probleme nie überläuft, daß das obligatorische Lächeln „Schema-F-Entwürfen” würden sammeln können. 
beim abendlichen Willkommensgruß die Mundwinkel nie über- Der Seminaransatz beinhaltete: Die theoretische Aufarbeitung 
strapaziert, daß die Geduld, die Liebe und die Fürsorglichkeit der Von eigenen Erfahrungen und Literatur zu diesem Thema, die Ana- 
Frauen unerschöpflich ist und daß sich ihre Frustrationen und Iyse von verschiedenen realisierten Wohnungsgrundrissen, den 
Schwierigkeiten in ihrer Liebe in eitel Sonnenschein auflösen? Wohngebäuden und dem nahen Wohnumfeld und die Umsetzung 
Kochen immerhin ist als Tätigkeit anerkannt, seitdem die Män- unserer bisher gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen in 
ner es als Freizeitvergnügen für sich entdeckt haben. Der Teilder eigene Entwürfe. Der theoretisch-soziologische Teil stellte sich als 
Hausarbeit - die physische Hausarbeit - läßt sich meist eher ein spannendes und mühsames Unterfangen mit langen, engagier- 
schlecht als recht erledigen, den psychischen Belastungen der ten Diskussionen heraus, da innerhalb der Seminargruppe, die aus 
Hausfrau - Harmonisierung der Familie, Probleme der Familie auf- 15 Studentinnen und 15 Studenten bestand, ein großes Spektrum an 
fangen, Isolation der Frau in der Wohnung, was Verdummung, _Unterschiedlichen Positionen vorhanden war. 
Menschenscheu und anderes bedeutet, das Immer-zur-Verfügung- Die persönliche Betroffenheit und das Bewußtsein über die 
stehen und vieles andere mehr -, deren Berücksichtigung noch breite Palette von Hausarbeit, die durch die Diskussionen ausgelöst 
mehr Sensibilität bei der Planung und Umsetzung von Wohnungs- wurden und uns zu einer anderen Sichtweise von Grundrissen 
grundrissen, Wohngebäuden und nahen Wohnumfeld erfordert, führte, wird ansonsten von Entwerfern verdrängt und trägt dazu 
wird in keinster Weise Rechnung getragen. Die Ignoranzgegenüber bei, daß weiterhin hausarbeitsfeindliche und damit hausfrauen- 
Frauen und ihren Problemen drückt sich auch dadurch aus, daß bei feindliche Wohn-, Lebens- und Arbeitssituationen entstehen. Aus 
der Aufteilung und Zuordnung von Räumen in einer Wohnung zu unserer Analyse der Arbeits- und Lebenssituationen der Haus- 
Ungunsten der Frauen entschieden wird. frauen entwickelten wir einen Katalog konkreter Forderungen und 
Die Diskrepanz zwischen unseren Ansprüchen, die aus unserer Entwurfskriterien für die Beurteilung und Umsetzung von baulich- 
weiblichen Betroffenheit resultieren, und den Lehrangeboten wäh- räumlichen Zusammenhängen. Die anhand dieser Forderungen 
rend unserer bisherigen Unilaufbahn, in denen immer wieder auf erstellten Grundrißanalysen sollten den Seminarmitgliedern eine 
Normen, Richtlinien und den ‚herr’schenden Geschmack verwie- kritische Einstellung zu Wohnungssituationen vermitteln und diese 
sen wurde, ließ uns unbefriedigt. Die Themenstellung von Veroni- Einstellung begründen helfen. Hierzu ein besonders bezeichnen- 
ka Kecksteins Seminarangebot schien uns diese Lücke vielverspre- des Beispiel zukunftsweisenden Wohnungsbaus ausletzter Zeit aus 
chend auszufüllen: „Aktueller Anlaß für das Thema war die immer unseren Analysearbeiten: 
breiter werdende Diskussion über „Lebensqualität”. ... Was ist Rob Krier 
„Lebensqualität”? Wie ist sie durch baulich-räumliche Entschei- 4-Zi-Etagenwohnung 
dungen beeinflußbar? .’ Feilnerstraße 3 
Das Seminar sollte Studenten einen Rahmen zur Verfügung stel- Berlin 61 ES . . e 5 
len, einen Teil ihrer täglichen Erfahrung mit der „Lebensqualität”, Christiane Heidenreich, Karin Winterer 
die zum großen Teil auf Hausarbeit beruht, zu thematisieren und ‚... Literatur 
aus der Sicht der Hausarbeit leistenden Person - meist der Frau - 1) Kerstin Dörhöfer, Le Corbusier und die Menschenschwester, in: Frei-Räume, 
Forderungen an die Grundriße und die Wohnsituation aufzustellen Hrsg.: K. Dörhöfer, U. Terlinden, Berlin 1983 rn ; 
und ins Baulich-Räumliche umzusetzen. Denn „das Ganze ist mehr 2) " Gemütlichkeit, in: Frei-Räume, Hrsg.: K. Dörhöfer, U. Terlinden, 
als die Summe seiner Teile”. (Hermann Kant) 3) Frauenspezifische Belange in Architektur und Stadtplanung am Fallbeispiel 
Uns hatte dabei angesprochen, daß hier, wie sonst in keiner Lehr- Bern Südliche Fregnichsadi, din Gulachlen im Aulls der Banueslching 
veranstaltung, eine „menschliche” Grundrißplanung möglich Ulla Terlinden 
schien und endlich einmal Zusammenhänge in ihrer Komplexität % Kein Ort nirgend - auf der Suche nach Freiräumen, in: 60 ARCH" Aachen 1981 
We . an in x 5 Frauen, Räume, Architektur, Umwelt, in: Beiträge 4 zur feministischen Theorie 
thematisiert würden, die sonst vernachlässigt werden. Daß wir los- und Praxis Hrsg.: Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen e. V., 
gelöst von Normen, Richtlinien und ‚herr’schenden Entwurfsdog- München 1980 | | } 
men für die tatsächlichen Lebensvorgänge würden planen können. © Cisla Stahl, Von der Hauswirtschaft zum Manshalt oder wie man vom Hals 
Daß bei der Wohnungsgestaltung sämtliche Nutzer - oder endlich Bildende Kunst, Berlin 1977 
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