Volltext : ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1985, Jg. 18, H. 79-83)

BAUAUSSTELLUNGEN IN BERLIN
heute die Mittel fehlen, um sie schon erneut beschworen: ‚Wie wollte es die Diese Pläne sollten die Citybildung in
jetzt aus Gründen der Volksgesundheit City fertigbringen, die modernsten der Altstadt vorantreiben, den unerzu
 beseitigen ”(S. 39) Die Legitimation Lebensströmungen des Großstädters wünschten Zug des tertiären Sektors in
suchende Propaganda für eine forcierte aufzuhalten, wenn sie selbst in ihrer den Westen der Stadt bremsen und die
Tertiärisierungspolitik wird so erwei- ganzen Form so undynamisch ist, daß Produktivität der neuen Weltstadt Bertert:
 Neben den Hinweis auf Verkehrs- sie nicht einmal rein baulich und ver- lin maximieren. Als zentrale Instruverbesserungen
 tritt eine großangeleg- kehrstechnisch den gesteigerten mente dieser städtischen Initiativen
te, viel wirksamere Pressekampagne ge- Ansprüchen eines Weltstädters ge- Sollten Maßnahmen der Verkehrsinfragen
 das Wohnungselend - eine letztlich Wachsen ist? Die City ist in einem struktur fungieren, U-Bahnbau und vor
zynische Position, da der Abriß elender Spinnwebennetz kleinster Grund- allem Straßendurchbrüche. Die bauli-Wohnungen
 allein nicht nur in der stücksgrenzen eingefangen, die jede che Gestaltung, die ‚Verschönerung”
Wirtschaftskrise noch keineswegs eine Erweiterung einer Straße und und jede der Innenstadt spielte dabei - anders als
Beseitigung elender Wohnungsverhält- Erweiterung eines Geschäftshauses noch bei der Ausstellung von 1910 -
nisse zur Folge gehabt hätte. von einem Zufall oder von der Laune eine untergeordnete, zweitrangige Rol-In
 die gleiche Kerbe haut eine Unter- und dem guten oder schlechten Willen Ile. Die flächenhafte Beseitigung der
suchung des „Untergrundes der Berli- des Nachbarn abhängig macht” (Heft historischen Altstadt, die Vertreibung
ner Altstadt”, die von Prof. Eh/götz, TH 8, 5S. 142) Der Verfasser dieses Artikels, der alten Bewohner und Gewerbetrei-Berlin,
 durchgeführt und am 23. 9. Dr. Sandow, fordert als Konsequenz benden wurde als selbstverständliches
1931 in der Deutschen Bauzeitung vor- Seiner Analyse die Einsetzung eines Opfer für die Modernisierung und das
gestellt wird. In diesem Bericht, der „Staatskommissars für die Sanierung Kontinuierliche Wachstum Berlins in
ebenfalls im Kontext der Bestrebungen der City von Berlin”, unter dessen Lei- Kauf genommen, ein Opfer, das nicht
des City-Ausschusses zu sehen ist, tung „das Amt für Stadtplanung als weiter zu Diskussionen Anlaß gab. Geheißt
 es zusammenfassend: „Mancher Sammelstelle für Material und Unter- samtstädtische Optik? Nicht ganz:
wird es vielleicht bedauern, daß die lagen und als federführende Verhand- Weitgehend unberücksichtigt blieben
heute vorhandene romantische Be- lungsstelle mit allen Behörden und die Massenquartiere der Kaiserzeit, vor
bauung des Stadtinnern durch eine Korporationen zu arbeiten hätte” (S. deren Sanierung die urbanistischen
neue Geschäftsstadt ersetzt werden 146) Nach den bisherigen schlechten _Strategen angesichts der dortigen ökosoll.
 Aber auf die Dauer wird man die Erfahrungen soll jetzt als Retter der nomischen, sozialen und juristischen
Berliner Altstadt doch weder als Wohn- Altstadt ein „Führer der City von Ber- Verhältnisse allerdings kapituliert hastadt
 noch als Museum retten können. lin” fungieren, der den „Ausweg aus ben. Und dies bei vollem Bewußtsein:
Das Stadtbild, das hier nach Verlegung dem Labyrinth hoffnungsloser Verwor- „Man würde dem Neunzehntel der
der Wohn- und Fabrikviertel einmal _renheit” zeigen soll. Seine Aufgabe großstädtischen Bevölkerung”, so Marentstehen
 wird, wird unromantischund wird unverblümt definiert; „Die Wohn- tin Wagner schon im Jahr 1918, „einen
traditionsarm, aber dafür hygienischer viertel der Armen und Armsten mit sehr schlechten Dienst erweisen, wollte
und wirtschaftlich rationeller sein” ihrer dezimierten Kaufkraft hemmen man sie in ihrem Behausungsbedarf
(Nr. 77-78, 5. 128) die Entwicklung der City und müssen lediglich auf die Reformen auf Neuland
Kurz vor der Bauausstellung, im durch eine radikale Abwrackung der vertrösten und Mietskasernen - Miets-März
 1931, wird der Antrag auf Aus- desolaten Wohnviertel beseitigt wer- kasernen sein lassen. Der großzügigen
schreibung eines Wettbewerbes zur Sa- den.” (S. 144) Der herbeigesehnte Siedlungspolitik auf Neuland muß eine
nierung der südlichen Altstadt nicht zu- „Führer der City” muß ein „Städte- mindestens ebenso großzügige Sanieletzt
 wegen der ökonomischen Krisen- bauer von Blut und Adel sein. Aus drit- rungspolitik auf dem bebauten Boden
situation von der Stadtverordnetenver- ter und vierter Hand entsteht kein Mei- Parallel gehen. Beide bedingen sich
sammlung abgelehnt. Auf der Bauaus- sterwerk; ein Ozeandampfer ebenso- Organisch.” (S. 398)
stellung selbst wird ein Plan gezeigt, der wenig wie ein neuer Staat und eine Literaturnachweis
zwar große Gebiete zum Abbruch neue City” R. Autzen/H. Becker/H. Bodenschatz/H. Claussen/
empfiehlt, aber in seiner Radikalität (S. 146) Dr. Sandow? Wer ist dieser R. Radiek En Stmman MM Taeser Stadterhinter
 den Plänen des City-Ausschus- Streiter für eine autoritäre Radikalkur EN De er DE
ses und seiner Apologeten zurück- der Berliner Innenstadt, der offenbar Bauwelt, Heft 20/1931
bleibt. Konsequentermaßen wird er von der national-sozialistischen Herr- En en Ne 7a Bakl mlt
etwa von Prof. Ehlgötz auch kritisiert: schaft zunächst noch die Lösung von "er Mietskasernenstadt? In: Internationale Bau-„Grad
 der Sanierungsreife und Umfang Problemen erwartet, die in der Zeit der ausstellung Berlin 1984 - Idee Prozeß Ergebnis.
der Sanierungsflächen in diesem Plan Weimarer Republik angeblich ver- A N E10
sind m. E. nicht voll erfaßt; die Sanie- schleppt worden sind? Hinter „Dr. San- Deutsche Bauausstellung Berlin 031. Anıflıcher Ra.
rungsgebiete umfassen in Wirklichkeit dow” verbirgt sich niemand anders als - n IS I A Te
viel größere Flächen.” (Deutsche Bau- Dr. Martin Wagner selbst, der Heros n Doulsche Bauzeitung‘ Hcf1 8/1934
zeitung, Nr. 77-78, S. 128) der rationalistischen Baugeschichts- Hermann Ehlgötz: Der Untergrund der Berliner Alt-Trotz
 der Niederlage 1931 sind die schreibung (vgl. auch Scarpa 1983, 5. ORT Ne
Pläne zur Sanierung der Berliner 174f.) Allerdings kann auch der Natio- Stellung ın Berlin (931. In: Architektur der DDR,
Altstadt noch nicht ganz vom Tisch. In nalsozialismus das Werk der Zerstö- Mai 1981
der von Martin Mächler mitherausge- rung der südlichen Altstadt nicht voll- Gerhard Kosel: Unternehmen Wissenschaft, Teil ]
x Text. (Ost-)Berlin 1983
gebenen Deutschen —Bauzeitung enden. Dasincue Berlin, 1929
schreibt am 10. 1. 1934 der kommiss. Die Deutsche Bauausstellung Berlin Ludovica Scarpa: Martin Wagner e Berlino. Roma
Bürgermeister Lach im Bezirk Berlin- 1931 ist nicht nur eine Schau des Bau- 408 Si )
. + e x LT udovica Scarpa: Die gerade Straße. Sanierungs- und
Mitte: „Die Innenstadt war vergessen. gewerbes gewesen. Sie war gleichzeitig Durchbruchspläne in Berlin 1926-1933 oder: Das
Es ist lange genug an ihr gesündigt wor- die auf Kooperation mit den Unterneh- ERS an keit im Städtebau. In: Stadtbauden.
 Die neue Zeit wird sie entschädi- mern setzende Dokumentation einer in NE Ob I ; )
gen” (Heft 2, S. 25) Dasselbe Heft die Defensive geratenen gesamtstädti- KAMEN. Bien Be DC 80 NEM
bringt einen großen Bericht über die schen Optik der Regisseure des Berli- ses von Martin Mächler, gefördert durch die Hi-Untersuchungen
 Bruno Schwans zu ner Städtebaus. Neben den vergange- ee
den Wohnverhältnissen der Berliner nen Leistungen an der städtischen Peri- Bruno Schwan: Die Wohnungsverhältnisse der Berli-Altstadt.
 Am 21. 2. 1934 wird - eben-, pherie wurden - in ungleich bescheide- Mar Vene Da Sahlthun En
falls in der Deutschen Bauzeitung - die nerer Dimension - auch Pläne zur ©. 4. Fuchs (HE ): Die Wehnungs- und Siedlung
Rückständigkeit der Berliner City Sanierung der Innenstadt präsentiert. frage nach dem Kriege. Stuttgart 1918
            
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