gnas, der Stahlsubunternehmer kurz vor
Weihnachten fest, daß die Lager nicht
nur in Frankreich und England, sondern
auch in Holland und Belgien leerge-
räumt waren. Das bedeutete entweder
Zeitverzögerung oder Chagnas mußte
ähnliche Elemente selbst fabrizieren.
Sie stellten sich der Herausforderung:
mit schneidbrennen, schleifen, bohren
und drehen produzierten sie die notwen-
digen Teile und erhielten einen verbes-
serten Entwurf.
Auf der Höhe des Daches wurden die
Säulen nun an vier Trägern und acht Stä-
ben befestigt und da alle drei Arten von
Elementen schwere Lasten tragen, muß-
ten die Säulen aus Rundrohren verstärkt
werden. So wurden sie in Hälften ge-
schnitten, mit Nuten versehen und es
wurde eine zusammenmontierte Spinne
eingefügt, die durch die Nuten hindurch
vorspringt und für die notwendigen An-
kerpunkte sorgt. Für die Produktion
und Montage dieses Details waren ein
hohes Geschick beim Schweißen und äu-
Berst akkurate Zusammenarbeit erfor-
derlich . . .
Solche Beispiele sind typisch fiir viele
Situationen, in denen das Geschick und
die Handwerkskunst des Subunterneh-
mers unschätzbar zur erfolgreichen Um-
setzung des Entwurfs beigetragen ha-
ben. Im Unterschied zu anderen Indu-
strieprodukten sind Gebäude keine
Ganzheiten für sich. Sie sind im Boden
verankert und unerwartete Probleme
können auftauchen, wenn die unaus-
weichliche Präzision von High-Tech auf
die traditionellen Verfahren der ande-
ren Baugewerke trifft — und ein Toler-
anzfaktor von Millimetern mit einem
von Zentimetern ineinandergreift. Das
ist ein Verhältnis von 1 : 10. Bei Fleet-
guard z. B. mußten die Bolzen mit einer
Toleranz von ca. 5 mm in die Betonfun-
damente geschossen werden. Wurde
dies erfolgreich ausgeführt, dann konnte
eine riesige 18 m hohe Stahlsäule in ge-
nau 3 Minuten und 20 Sekunden errich-
tet werden — das perfekte Beispiel für
den Traum von der ”Trockenmontage‘
von Baukastenelementen. Aber wurde
die Toleranz überschritten, dann mußte
das gesamte Fundament neu gegossen
werden.
Einen Prototyp zu entwickeln ist zeit-
aufwendig, kostenintensiv und möglich-
erweise riskant. Während aber die Au-
to- und Flugzeugindustrie Forschung
betreibt und einen gewissen Grad von
Mißerfolg verkraften kann, erkennt die
Bauindustrie die Bedeutung des Experi-
mentierens nicht voll an. Im Gegenteil,
ein Versagen beim Bauen ist eine sehr
teure Verlegenheit.
Bei PA Technology bewirkte ein un-
erwartet hohes Maß an Wärmeausdeh-
nung, daß einer der diagonalen Strebe-
pfeiler brach, während bei einer ande-
ren Gelegenheit eine übermäßige Kon-
traktion der Stäbe des Daches einen
Korkenziehereffekt hervorrief, der
mehrere der seitlichen Pfeiler herausriß
die Teil des Verankerungssystems der
Tragstruktur waren.
Aktuell werden die Lasten und Risi-
ken, die bei der Entwicklung neuer
Ideen entstehen, zwischen dem Ent-
wurfsteam (Architekten und Ingenieu-
re) und den ausführenden Kráften (Un-
ternehmer, Subunternehmer und Zulie-
ferer) geteilt und zwar mit Hilfe eines
Fahrplans für die Errichtung, der etwas
Abtrift für 'Mini-Testflüge' erlaubt.
Bei der traditionellen Baupraxis ent-
wirft der Architekt das Gebáude, der In-
genieur bringt es zum Funktionieren
und die Baufirmen errichten es. Bei
High-Tech aber sind diese Abgrenzun-
gen zunehmend bedeutungsloser gewor-
den. Wenn die Tragstrukturen ausge-
klügelter und ihre Details immer raffi-
nierter werden, dann lassen sich indivi-
duelle Gebáude mit dem Entwurf von
Prototypen, sagen wir, eines neuen Un-
terseeboots, Schiffs oder Flugzeugs ver-
gleichen. Serielle Einzelteile können
diesen spezialisierten Anforderungen
nicht voll gerecht werden und der Pro-
zentsatz der individuell entworfenen
Teile nimmt unvermeidlich zu. Die Fol-
ge davon ist, daB das Entwurfsteam
mehr wie eine Forschungseinheit in der
Industrie vorgehen muB. "Was norma-
lerweise industrielles Design genannt
wird', so argumentiert Piano, 'ist besser
als das, was Architektur genannt wird,
da es in einem einheitlichen Prozef) ent-
steht — einer besseren Verklammerung
von Konzeption, Material und Prozeß‘.
Erforderlich ist ein Austausch nach
beiden Richtungen, der die ausführen-
den Kräfte in den Entwurfsprozeß und
den Architekten und Ingenieur in die
Ausführung verwickelt. ’Der Entwerfer
muß den Prozeß und nicht nur das End-
produkt erfinden und er muß auch die
Werkzeuge dafür schaffen.‘ (Piano) Da
kein Architekt jemals hoffen kann, das
notwendige Niveau an Wissen und eige-
ner Spezialisierung zu erwerben, beruht
der Erfolg eines Gebäudes zunehmend
mehr auf der schöpferischen Zusam-
menarbeit aller Beteiligten. Dazu müs-
sen traditionelle Fähigkeiten vorhanden
sein und die Bereitschaft, neue zu ent-
wickeln.* ( Ahronov/Kent)
... ZU EINER NEUEN
FORM DES BAUENS?
I n den 80er Jahren ist es schwierig,
» 1 den Optimismus und die ungezü-
gelte Begeisterung für die technologi-
sche Entwicklung noch zu teilen. Um-
weltverschmutzung und die Vergiftung
der Natur als Folge der industriellen Ex-
pansion haben die Idee des Fortschritts
radikal gewendet. Die Natur wurde wie-
der zum Anliegen . . . Aber High-Tech
ist mehr als der modisch-elegante Aus-
druck für die Begeisterung eines voran-
gegangenen Jahrzehnts — seine Innova-
tionen sind nicht bloß stilistische. Was
der Bewegung die Vitalität erhält und
sie davor bewahrt, passé zu werden, ist
die Entschlossenheit, die Wissenschaft
des Bauens voranzutreiben und aite
Voraussetzungen und Techniken des
Bauens zu hinterfragen. Die vorange-
gangene Ingenieurkunst wird verbes-
sert, die ästhetischen Lösungen verfei-
nert und neue Entwurfsprobleme ange-
packt. Junge Leute‘, sagt Piano, ’sollten
aus ihrem konstruktiven Vermögen, aus
ihrer Fähigkeit, Dinge zu tun und wirk-
lich innovativ und schöpferisch zu sein,
ihre raison d'étre ziehen'.« (Ahronov/
Kent)
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DIE MODERNE LEBT . .
M it High-Tech hat die Moderne
» ihr come back, um sich an ihren
Kritikern zu ráchen.« (Banham ’86).
„Liest man‘ die Literatur der letzten
zwölf bis fünfzehn Jahre über Architek-
tur, besonders die von Akademikern, so
mag man zu dem Urteil kommen, daß
der Funktionalismus blutarm war, re-
duktionistisch, symbolisch verarmt, her-
untergewirtschaftet, unglaubwürdig, tot
und begraben. Es ist gut, daß wir ihn los
sind. Wie kommt es dann, daß viele her-
ausragende Gebäude unserer Zeit, von
Stirling & Gowans Leicester Laborato-
rien zu Kahns Richards-Labors, von
Myron Goldsmiths Kitt-Peak-Teleskop
zu HURSAMS vertikalen Montagebau-
ten in Cape Canaveral, vom Centre
Pompidou zu Sainsbury und jetzt Inmos
und eine ganze Reihe weniger máchtiger
oder anspruchsvoller Bauten bequem in
die funktionalistische Tradition zu pas-
sen scheinen - wenn wir offiziell in einer
nach-funktionalistischen Epoche le-
ben?« (Banham '82)
»Aber die zurückgekehrte moderne
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