Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

gnas, der Stahlsubunternehmer kurz vor 
Weihnachten fest, daß die Lager nicht 
nur in Frankreich und England, sondern 
auch in Holland und Belgien leerge- 
räumt waren. Das bedeutete entweder 
Zeitverzögerung oder Chagnas mußte 
ähnliche Elemente selbst fabrizieren. 
Sie stellten sich der Herausforderung: 
mit schneidbrennen, schleifen, bohren 
und drehen produzierten sie die notwen- 
digen Teile und erhielten einen verbes- 
serten Entwurf. 
Auf der Höhe des Daches wurden die 
Säulen nun an vier Trägern und acht Stä- 
ben befestigt und da alle drei Arten von 
Elementen schwere Lasten tragen, muß- 
ten die Säulen aus Rundrohren verstärkt 
werden. So wurden sie in Hälften ge- 
schnitten, mit Nuten versehen und es 
wurde eine zusammenmontierte Spinne 
eingefügt, die durch die Nuten hindurch 
vorspringt und für die notwendigen An- 
kerpunkte sorgt. Für die Produktion 
und Montage dieses Details waren ein 
hohes Geschick beim Schweißen und äu- 
Berst akkurate Zusammenarbeit erfor- 
derlich . . . 
Solche Beispiele sind typisch fiir viele 
Situationen, in denen das Geschick und 
die Handwerkskunst des Subunterneh- 
mers unschätzbar zur erfolgreichen Um- 
setzung des Entwurfs beigetragen ha- 
ben. Im Unterschied zu anderen Indu- 
strieprodukten sind Gebäude keine 
Ganzheiten für sich. Sie sind im Boden 
verankert und unerwartete Probleme 
können auftauchen, wenn die unaus- 
weichliche Präzision von High-Tech auf 
die traditionellen Verfahren der ande- 
ren Baugewerke trifft — und ein Toler- 
anzfaktor von Millimetern mit einem 
von Zentimetern ineinandergreift. Das 
ist ein Verhältnis von 1 : 10. Bei Fleet- 
guard z. B. mußten die Bolzen mit einer 
Toleranz von ca. 5 mm in die Betonfun- 
damente geschossen werden. Wurde 
dies erfolgreich ausgeführt, dann konnte 
eine riesige 18 m hohe Stahlsäule in ge- 
nau 3 Minuten und 20 Sekunden errich- 
tet werden — das perfekte Beispiel für 
den Traum von der ”Trockenmontage‘ 
von Baukastenelementen. Aber wurde 
die Toleranz überschritten, dann mußte 
das gesamte Fundament neu gegossen 
werden. 
Einen Prototyp zu entwickeln ist zeit- 
aufwendig, kostenintensiv und möglich- 
erweise riskant. Während aber die Au- 
to- und Flugzeugindustrie Forschung 
betreibt und einen gewissen Grad von 
Mißerfolg verkraften kann, erkennt die 
Bauindustrie die Bedeutung des Experi- 
mentierens nicht voll an. Im Gegenteil, 
ein Versagen beim Bauen ist eine sehr 
teure Verlegenheit. 
Bei PA Technology bewirkte ein un- 
erwartet hohes Maß an Wärmeausdeh- 
nung, daß einer der diagonalen Strebe- 
pfeiler brach, während bei einer ande- 
ren Gelegenheit eine übermäßige Kon- 
traktion der Stäbe des Daches einen 
Korkenziehereffekt hervorrief, der 
mehrere der seitlichen Pfeiler herausriß 
die Teil des Verankerungssystems der 
Tragstruktur waren. 
Aktuell werden die Lasten und Risi- 
ken, die bei der Entwicklung neuer 
Ideen entstehen, zwischen dem Ent- 
wurfsteam (Architekten und Ingenieu- 
re) und den ausführenden Kráften (Un- 
ternehmer, Subunternehmer und Zulie- 
ferer) geteilt und zwar mit Hilfe eines 
Fahrplans für die Errichtung, der etwas 
Abtrift für 'Mini-Testflüge' erlaubt. 
Bei der traditionellen Baupraxis ent- 
wirft der Architekt das Gebáude, der In- 
genieur bringt es zum Funktionieren 
und die Baufirmen errichten es. Bei 
High-Tech aber sind diese Abgrenzun- 
gen zunehmend bedeutungsloser gewor- 
den. Wenn die Tragstrukturen ausge- 
klügelter und ihre Details immer raffi- 
nierter werden, dann lassen sich indivi- 
duelle Gebáude mit dem Entwurf von 
Prototypen, sagen wir, eines neuen Un- 
terseeboots, Schiffs oder Flugzeugs ver- 
gleichen. Serielle Einzelteile können 
diesen spezialisierten Anforderungen 
nicht voll gerecht werden und der Pro- 
zentsatz der individuell entworfenen 
Teile nimmt unvermeidlich zu. Die Fol- 
ge davon ist, daB das Entwurfsteam 
mehr wie eine Forschungseinheit in der 
Industrie vorgehen muB. "Was norma- 
lerweise industrielles Design genannt 
wird', so argumentiert Piano, 'ist besser 
als das, was Architektur genannt wird, 
da es in einem einheitlichen Prozef) ent- 
steht — einer besseren Verklammerung 
von Konzeption, Material und Prozeß‘. 
Erforderlich ist ein Austausch nach 
beiden Richtungen, der die ausführen- 
den Kräfte in den Entwurfsprozeß und 
den Architekten und Ingenieur in die 
Ausführung verwickelt. ’Der Entwerfer 
muß den Prozeß und nicht nur das End- 
produkt erfinden und er muß auch die 
Werkzeuge dafür schaffen.‘ (Piano) Da 
kein Architekt jemals hoffen kann, das 
notwendige Niveau an Wissen und eige- 
ner Spezialisierung zu erwerben, beruht 
der Erfolg eines Gebäudes zunehmend 
mehr auf der schöpferischen Zusam- 
menarbeit aller Beteiligten. Dazu müs- 
sen traditionelle Fähigkeiten vorhanden 
sein und die Bereitschaft, neue zu ent- 
wickeln.* ( Ahronov/Kent) 
... ZU EINER NEUEN 
FORM DES BAUENS? 
I n den 80er Jahren ist es schwierig, 
» 1 den Optimismus und die ungezü- 
gelte Begeisterung für die technologi- 
sche Entwicklung noch zu teilen. Um- 
weltverschmutzung und die Vergiftung 
der Natur als Folge der industriellen Ex- 
pansion haben die Idee des Fortschritts 
radikal gewendet. Die Natur wurde wie- 
der zum Anliegen . . . Aber High-Tech 
ist mehr als der modisch-elegante Aus- 
druck für die Begeisterung eines voran- 
gegangenen Jahrzehnts — seine Innova- 
tionen sind nicht bloß stilistische. Was 
der Bewegung die Vitalität erhält und 
sie davor bewahrt, passé zu werden, ist 
die Entschlossenheit, die Wissenschaft 
des Bauens voranzutreiben und aite 
Voraussetzungen und Techniken des 
Bauens zu hinterfragen. Die vorange- 
gangene Ingenieurkunst wird verbes- 
sert, die ästhetischen Lösungen verfei- 
nert und neue Entwurfsprobleme ange- 
packt. Junge Leute‘, sagt Piano, ’sollten 
aus ihrem konstruktiven Vermögen, aus 
ihrer Fähigkeit, Dinge zu tun und wirk- 
lich innovativ und schöpferisch zu sein, 
ihre raison d'étre ziehen'.« (Ahronov/ 
Kent) 
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DIE MODERNE LEBT . . 
M it High-Tech hat die Moderne 
» ihr come back, um sich an ihren 
Kritikern zu ráchen.« (Banham ’86). 
„Liest man‘ die Literatur der letzten 
zwölf bis fünfzehn Jahre über Architek- 
tur, besonders die von Akademikern, so 
mag man zu dem Urteil kommen, daß 
der Funktionalismus blutarm war, re- 
duktionistisch, symbolisch verarmt, her- 
untergewirtschaftet, unglaubwürdig, tot 
und begraben. Es ist gut, daß wir ihn los 
sind. Wie kommt es dann, daß viele her- 
ausragende Gebäude unserer Zeit, von 
Stirling & Gowans Leicester Laborato- 
rien zu Kahns Richards-Labors, von 
Myron Goldsmiths Kitt-Peak-Teleskop 
zu HURSAMS vertikalen Montagebau- 
ten in Cape Canaveral, vom Centre 
Pompidou zu Sainsbury und jetzt Inmos 
und eine ganze Reihe weniger máchtiger 
oder anspruchsvoller Bauten bequem in 
die funktionalistische Tradition zu pas- 
sen scheinen - wenn wir offiziell in einer 
nach-funktionalistischen Epoche  le- 
ben?« (Banham '82) 
»Aber die zurückgekehrte moderne 
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