Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

bildet worden war. 
du Fresne: Sogar am Tech gabs damals ... 
wogegen Corbu gewettert hat. Scheint mir 
wichtig, daB man spürt, in welchem Um- 
feld das alles passierte, auf welchen Boden 
das fiel. 
Pini: Da war natürlich auch noch Corbus 
extreme Eigenwilligkeit. Er hatte doch zu 
jedem Problem eine Antwort. Man hatte 
immer das Gefühl, der wei immer was. 
Unerschópflich. - Das war bei andern 
nicht so, jedenfalls nicht vergleichbar, we- 
der bei Wright noch bei Mies. Der Sche- 
matismus eines Mies konnte uns nicht er- 
freuen, schon damals hatten wir Konflikte 
mit seinen Anhängern. Scharoun, Saari- 
nen, die hab ich wahrscheinlich in den 50er 
Jahren gar nicht gekannt. Wir haben auch 
gar nicht weiter gesucht. 
du Fresne: Dann kamen die 60er Jahre, in 
denen wir extrem wenig zu tun hatten. Ei- 
ne harte Phase. Und die Zeit der Ablö- 
sung von Corbu. Wie war das jetzt ganz ge- 
nau, der letzte Bau mit dem Buch auf dem 
Tisch, das war wohl Citron? — und der er- 
ste, wo das Buch nicht mehr gebraucht 
wurde? 
Pini: Der erste Bau ,ohne' war Brossi'", 
danach auch Móhl'". Citron war der letz- 
te. Ist klar, die ,voütes catalanes' haben 
wir nicht erfunden. — Also wo wir scham- 
los im Corbu-Kasten gegrübelt haben, das 
war sicher Citron. (Wieweit liegt Neuilly 
zurück? Wir stellen fest 1952.) Da gab es 
ja das móblierte Fenster auch schon. 
du Fresne: Mit Brossi und Móhl also die 
Trennung? 
Pini: Aber nicht erklärt. Bei Möhl weiß 
ich genau, da hatte ich das Buch mit Si- 
cherheit nicht mehr auf dem Tisch. Aber 
dieser Schnitt etwa um 1963, plötzlich war 
kein Bedarf mehr für eine direkte Anlei- 
tung. Bei Roth'” auch nicht mehr, die 
Lichtführung vielleicht noch ... Sicher 
auch bei den Studentenheimen' nicht 
mehr, da hatte man bereits das Gefühl, 
selber antworten zu können. Das einzelne 
Element in der Mehrfachverwendung, das 
hat uns bis zur Obsession beschäftigt. 
du Fresne: Eigentlich ist das doch so, daß 
wir die Stöcke nicht mehr gebraucht haben 
zum Gehen. Ganz natürlich. Du nimmst 
Abb. oben: Schnitte 
eben das Buch nicht mehr hervor. 
Pini: Und man hat angefangen, selbstän- 
diger zu argumentieren. Man hatte ja be- 
reits selber Erfahrungen gemacht. Viel- 
leicht haben wir uns von Corbu auch ein 
bißchen distanziert, weil er einen mit sei- 
ner Genialität ein wenig unsicher gemacht 
hat. - Und wenn ich die Bücher von Corbu 
wieder hervornehme, und schaue, was er 
in den Jahren gebaut hat, als wir uns lang- 
sam entfernten, da gab es auch keinen 
rechten Zusammenhang mehr zwischen 
den Sachen, die er zu bauen hatte - Em- 
bassade de France in Brasilia, Pavilion in 
Zürich, La Tourette, Visual Arts Center, 
Chandigarh, Olivetti, Firminy, Spital in 
Venedig, Kongrefpalast in Strassburg -, 
und den Aufgaben, die wir hatten. - Im 
Existenzkampf unserer ersten Periode 
gab es zufálligerweise auch eine Überein- 
stimmung zwischen seinen und unseren 
Aufgaben, Wohnungsbau, kleinere Háu- 
ser. Wir sind im Wohnungsbau geblieben, 
under hat große Bauten fiir die Offentlich- 
keit gemacht. Vielleicht haben wir dies gar 
nie richtig bedacht, aber das dürfte auch 
ein Grund für eine langsame Entfernung 
gewesen sein. Früher sah man sich mit 
dem Meister zusammen den gleichen Pro- 
blemen gegenüber ... aber dann, was soll- 
ten wir schon mit Chandigarh. 
du Fresne: Nun war es ja so, daß wir nicht 
nur starke Projekte hatten. Brossi war ein 
schöner Bau, Möhl sogar ein sehr schöner. 
Aber da war auch noch eine ganze Reihe 
schwácherer Projekte. Werther'? konnte 
bei uns nichts auslósen als gemeinsames 
Werk. 
Pini: Das scheint mir etwas ungerecht. 
Werther war ja auch noch sehr stark Cor- 
bu-inspiriert. Werther ist ja ,le Bateau'. 
Werther ist schon ein gutes Projekt. 
du Fresne: Aber der Platz funitioniert 
nicht, er ist ein Flop. 
Pini: Sicher, darum haben wir uns ja dann 
den Fischgratmustern zugewendet (Karls- 
stadt'?). 
du Fresne: Nochmal, plótzlich ist es also 
klar, du kannst es selber, du kannst dich ja 
unterhalten, du kannst es ja! 
Pini: Und dann vielleicht noch der Einfluß 
der 68er Jahre, als alles in Verruf geraten 
war. Nichts hat diesem Termitenschwarm 
standgehalten. Vielleicht hatten wir auch 
nicht mehr so Lust, waren auch beeinflußt 
von dieser Stimmung, die sich gegen die 
moderne Architektur richtete. Die Sozio- 
logie war jetzt das Thema, gerade im 
Wohnungsbau. In Zürich hat zum Beispiel 
Schader, der sich vorher kaum mit Woh- 
nungsbau auseinandergesetzt hatte, plötz- 
lich über Wohnungsbau doziert. Das wa- 
ren alles Elemente, die uns im Hinter- 
grund auch beschäftigt haben. Das ganze 
Stimmungsfeld, das eigentlich eine Aus- 
richtung auf einen einzelnen Künstler gar 
nicht mehr gestattet hat. — Jetzt gab es die 
Ausrichtung auf die gesellschaftlichen, so- 
zialen Ereignisse und Bedürfnisse. Auch 
an den Schulen war ja angesichts der dort 
herrschenden Interessen Corbu nicht 
mehr gut unterzubringen. Und wenn du 
schaust, wieviele Male pro Tag in den ver- 
schiedenen Abschnitten bei uns der Name 
Corbu erwähnt worden ist ... in den 50er 
und anfangs 60er Jahren täglich, am 
Schluß der 60er wochenlang nicht mehr. 
Man schaute nicht mehr, wie hat er es dort 
gemacht, wie anderswo. Denn wie er es in 
Chandigarh gemacht hatte, das war wirk- 
lich zu weit weg von den Problemen, die 
wir zu sehen glaubten. 
du Fresne: Wahrscheinlich hat sich auch in 
dieser Zeit das Verständnis dafür, wie ein 
Künstler arbeitet, spricht, sich benimmt, 
verändert. Ich erinnere mich da an Brech- 
bühler, als er kürzlich Corbu zitierte; die- 
sen Satz über die jugen Männer in Brasi- 
lien, die da Basketball gespielt haben, das 
Käppi auf dem Kopf, die Hände in den 
Hosentaschen, die Zigarette im Mund- 
winkel, den Stolz in den Augen, das er- 
schien mir schon reichlich pathetisch, da 
gab es in der Literatur durch Joyce oder 
Chandler, durch viele andere, eine viel 
modernere Sprache. 
Pini: Man kann ja nicht jahrzehntelang 
wie ein Corbu arbeiten, ohne daß etwas 
vom Glanz verloren geht. Die MiBerfoige 
werden aufgeführt, ein Pessac, das unter- 
sucht und publiziert wird, eben auch in 
dieser Zeit. Alle diese Dinge wirkten ge- 
gen Corbu, den Künstler und Propheten, 
den großartigen  Improvisator, den 
Schnellwissenden. —Es gab ja auch techni- 
sche Miflerfolge, die auf die Lange doch 
gewichteten. Du erinnerst dich, wie die 
Leute um uns von einer Villa Savoy ge- 
sprochen haben, die da langsam wegge- 
bróckelt ist. Heute weil man das schon 
fast wieder, daß es vielleicht gar nicht an- 
ders sein konnte, wenn man so weit voraus 
ist wie es Corbu war, dann kann nicht ein- 
fach alles funktionieren. 
du Fresne: Also alles in allem ein breites 
Feld von Einflüssen, das letztlich diese 
langsame Abwendung von Corbu ge- 
bracht hat. Die gesellschaftlichen Verän- 
derungen, die errungene Selbständigkeit. 
Pini: Daß er ein alter Mann geworden 
war, du nicht mehrso ganz jung, man hatte 
dieses Abschauen ja auch lange genug 
praktiziert. 
du Fresne: Aber ... eine erklárte Abkehr 
hat es nie gegeben. Ein klares Infragestel- 
len, ein Begraben eines Vorbildes gab es 
nicht. 
Pini: Auch innerlich nicht. Man hatte sich 
einfach ein wenig entfernt, nie aber ins 
Horn geblasen, daß Corbu schuld sei an 
der gebauten Katastrophe des 20. Jahr- 
hunderts, was ja noch und noch gemacht 
wurde. Übrigens nicht zuletzt von denen, 
die jetzt diese Veranstaltungen und Publi- 
kationen um Corbu erneut veranlassen. 
du Fresne: Es wàreinteressant das nachzu- 
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