bildet worden war.
du Fresne: Sogar am Tech gabs damals ...
wogegen Corbu gewettert hat. Scheint mir
wichtig, daB man spürt, in welchem Um-
feld das alles passierte, auf welchen Boden
das fiel.
Pini: Da war natürlich auch noch Corbus
extreme Eigenwilligkeit. Er hatte doch zu
jedem Problem eine Antwort. Man hatte
immer das Gefühl, der wei immer was.
Unerschópflich. - Das war bei andern
nicht so, jedenfalls nicht vergleichbar, we-
der bei Wright noch bei Mies. Der Sche-
matismus eines Mies konnte uns nicht er-
freuen, schon damals hatten wir Konflikte
mit seinen Anhängern. Scharoun, Saari-
nen, die hab ich wahrscheinlich in den 50er
Jahren gar nicht gekannt. Wir haben auch
gar nicht weiter gesucht.
du Fresne: Dann kamen die 60er Jahre, in
denen wir extrem wenig zu tun hatten. Ei-
ne harte Phase. Und die Zeit der Ablö-
sung von Corbu. Wie war das jetzt ganz ge-
nau, der letzte Bau mit dem Buch auf dem
Tisch, das war wohl Citron? — und der er-
ste, wo das Buch nicht mehr gebraucht
wurde?
Pini: Der erste Bau ,ohne' war Brossi'",
danach auch Móhl'". Citron war der letz-
te. Ist klar, die ,voütes catalanes' haben
wir nicht erfunden. — Also wo wir scham-
los im Corbu-Kasten gegrübelt haben, das
war sicher Citron. (Wieweit liegt Neuilly
zurück? Wir stellen fest 1952.) Da gab es
ja das móblierte Fenster auch schon.
du Fresne: Mit Brossi und Móhl also die
Trennung?
Pini: Aber nicht erklärt. Bei Möhl weiß
ich genau, da hatte ich das Buch mit Si-
cherheit nicht mehr auf dem Tisch. Aber
dieser Schnitt etwa um 1963, plötzlich war
kein Bedarf mehr für eine direkte Anlei-
tung. Bei Roth'” auch nicht mehr, die
Lichtführung vielleicht noch ... Sicher
auch bei den Studentenheimen' nicht
mehr, da hatte man bereits das Gefühl,
selber antworten zu können. Das einzelne
Element in der Mehrfachverwendung, das
hat uns bis zur Obsession beschäftigt.
du Fresne: Eigentlich ist das doch so, daß
wir die Stöcke nicht mehr gebraucht haben
zum Gehen. Ganz natürlich. Du nimmst
Abb. oben: Schnitte
eben das Buch nicht mehr hervor.
Pini: Und man hat angefangen, selbstän-
diger zu argumentieren. Man hatte ja be-
reits selber Erfahrungen gemacht. Viel-
leicht haben wir uns von Corbu auch ein
bißchen distanziert, weil er einen mit sei-
ner Genialität ein wenig unsicher gemacht
hat. - Und wenn ich die Bücher von Corbu
wieder hervornehme, und schaue, was er
in den Jahren gebaut hat, als wir uns lang-
sam entfernten, da gab es auch keinen
rechten Zusammenhang mehr zwischen
den Sachen, die er zu bauen hatte - Em-
bassade de France in Brasilia, Pavilion in
Zürich, La Tourette, Visual Arts Center,
Chandigarh, Olivetti, Firminy, Spital in
Venedig, Kongrefpalast in Strassburg -,
und den Aufgaben, die wir hatten. - Im
Existenzkampf unserer ersten Periode
gab es zufálligerweise auch eine Überein-
stimmung zwischen seinen und unseren
Aufgaben, Wohnungsbau, kleinere Háu-
ser. Wir sind im Wohnungsbau geblieben,
under hat große Bauten fiir die Offentlich-
keit gemacht. Vielleicht haben wir dies gar
nie richtig bedacht, aber das dürfte auch
ein Grund für eine langsame Entfernung
gewesen sein. Früher sah man sich mit
dem Meister zusammen den gleichen Pro-
blemen gegenüber ... aber dann, was soll-
ten wir schon mit Chandigarh.
du Fresne: Nun war es ja so, daß wir nicht
nur starke Projekte hatten. Brossi war ein
schöner Bau, Möhl sogar ein sehr schöner.
Aber da war auch noch eine ganze Reihe
schwácherer Projekte. Werther'? konnte
bei uns nichts auslósen als gemeinsames
Werk.
Pini: Das scheint mir etwas ungerecht.
Werther war ja auch noch sehr stark Cor-
bu-inspiriert. Werther ist ja ,le Bateau'.
Werther ist schon ein gutes Projekt.
du Fresne: Aber der Platz funitioniert
nicht, er ist ein Flop.
Pini: Sicher, darum haben wir uns ja dann
den Fischgratmustern zugewendet (Karls-
stadt'?).
du Fresne: Nochmal, plótzlich ist es also
klar, du kannst es selber, du kannst dich ja
unterhalten, du kannst es ja!
Pini: Und dann vielleicht noch der Einfluß
der 68er Jahre, als alles in Verruf geraten
war. Nichts hat diesem Termitenschwarm
standgehalten. Vielleicht hatten wir auch
nicht mehr so Lust, waren auch beeinflußt
von dieser Stimmung, die sich gegen die
moderne Architektur richtete. Die Sozio-
logie war jetzt das Thema, gerade im
Wohnungsbau. In Zürich hat zum Beispiel
Schader, der sich vorher kaum mit Woh-
nungsbau auseinandergesetzt hatte, plötz-
lich über Wohnungsbau doziert. Das wa-
ren alles Elemente, die uns im Hinter-
grund auch beschäftigt haben. Das ganze
Stimmungsfeld, das eigentlich eine Aus-
richtung auf einen einzelnen Künstler gar
nicht mehr gestattet hat. — Jetzt gab es die
Ausrichtung auf die gesellschaftlichen, so-
zialen Ereignisse und Bedürfnisse. Auch
an den Schulen war ja angesichts der dort
herrschenden Interessen Corbu nicht
mehr gut unterzubringen. Und wenn du
schaust, wieviele Male pro Tag in den ver-
schiedenen Abschnitten bei uns der Name
Corbu erwähnt worden ist ... in den 50er
und anfangs 60er Jahren täglich, am
Schluß der 60er wochenlang nicht mehr.
Man schaute nicht mehr, wie hat er es dort
gemacht, wie anderswo. Denn wie er es in
Chandigarh gemacht hatte, das war wirk-
lich zu weit weg von den Problemen, die
wir zu sehen glaubten.
du Fresne: Wahrscheinlich hat sich auch in
dieser Zeit das Verständnis dafür, wie ein
Künstler arbeitet, spricht, sich benimmt,
verändert. Ich erinnere mich da an Brech-
bühler, als er kürzlich Corbu zitierte; die-
sen Satz über die jugen Männer in Brasi-
lien, die da Basketball gespielt haben, das
Käppi auf dem Kopf, die Hände in den
Hosentaschen, die Zigarette im Mund-
winkel, den Stolz in den Augen, das er-
schien mir schon reichlich pathetisch, da
gab es in der Literatur durch Joyce oder
Chandler, durch viele andere, eine viel
modernere Sprache.
Pini: Man kann ja nicht jahrzehntelang
wie ein Corbu arbeiten, ohne daß etwas
vom Glanz verloren geht. Die MiBerfoige
werden aufgeführt, ein Pessac, das unter-
sucht und publiziert wird, eben auch in
dieser Zeit. Alle diese Dinge wirkten ge-
gen Corbu, den Künstler und Propheten,
den großartigen Improvisator, den
Schnellwissenden. —Es gab ja auch techni-
sche Miflerfolge, die auf die Lange doch
gewichteten. Du erinnerst dich, wie die
Leute um uns von einer Villa Savoy ge-
sprochen haben, die da langsam wegge-
bróckelt ist. Heute weil man das schon
fast wieder, daß es vielleicht gar nicht an-
ders sein konnte, wenn man so weit voraus
ist wie es Corbu war, dann kann nicht ein-
fach alles funktionieren.
du Fresne: Also alles in allem ein breites
Feld von Einflüssen, das letztlich diese
langsame Abwendung von Corbu ge-
bracht hat. Die gesellschaftlichen Verän-
derungen, die errungene Selbständigkeit.
Pini: Daß er ein alter Mann geworden
war, du nicht mehrso ganz jung, man hatte
dieses Abschauen ja auch lange genug
praktiziert.
du Fresne: Aber ... eine erklárte Abkehr
hat es nie gegeben. Ein klares Infragestel-
len, ein Begraben eines Vorbildes gab es
nicht.
Pini: Auch innerlich nicht. Man hatte sich
einfach ein wenig entfernt, nie aber ins
Horn geblasen, daß Corbu schuld sei an
der gebauten Katastrophe des 20. Jahr-
hunderts, was ja noch und noch gemacht
wurde. Übrigens nicht zuletzt von denen,
die jetzt diese Veranstaltungen und Publi-
kationen um Corbu erneut veranlassen.
du Fresne: Es wàreinteressant das nachzu-
T8