Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1987, Jg. 20, H. 88-92)

ARCH'-BAUMARK 
Lehmausfachung von Fachwerkbauten 
— ein Beispiel aus Südlimburg, Holland 
Auf meine Frage, warum sie mit 
Lehm bauen, antwortet mir Paul 
Laugs: „Weil wir gefunden ha- 
ben, daß Lehm das beste Mate- 
rial für die Ausfachung von Fach- 
werkbauten ist.“ Paul und Bau- 
dewijn Laugs sind zwei Architek- 
ten-Handwerker in Südlimburg, 
die seit 20 Jahren Fachwerkhiu- 
ser restaurieren — ihr 1. Haus ha- 
ben sie schon als Teenager ge- 
baut. Sie machen die Planung, 
und einen Großteil der Arbeiten 
führen sie selbst aus. 
Vor sechs Jahren wurden sie 
durch das Bauernhofmuseum in 
Bockrijk/B. angeregt, die in der 
Gegend traditionellen Lehmsta- 
kungen als Ausfachung zu ver- 
wenden. Nachdem das am An- 
fang schwierig war, Bauherren 
von der Qualität des Materials zu 
überzeugen, wird es nun von 
Haus zu Haus einfacher, da es bei 
den mit Lehm gebauten Häusern 
keine Beanstandungen gibt, son- 
dern - im Gegenteil — niedere 
Heizkosten. Der Lehm wird in 
einer Baugrube nahe der Werk- 
statt in dünnen Schichten gesto- 
chen, und kann gleich dort mit 
Urin von Kühen, Kalk und Stroh 
mit Hilfe einer Mórtelschnecke 
vermischt werden. (Mischunes- 
verhältnis 30 1 Urin auf 30 Schau- 
feln Lehm und 6 Schaufeln Kalk. 
Ca. 2 1/2 Ballen Stroh auf 1 m?) 
Ich schátze das Gewicht dieses 
Strohlehms auf 1200-400 kg/m'. 
Kalk und Urin gehen eine feste 
Verbindung ein, die dem Lehm 
eine witterungsbestándige Ober- 
fläche verleiht. Der Kalk trägt 
weiterhin zur Magerung bei, wo- 
durch Risse vermieden werden. 
Zuerst werden die Schäden am 
Fachwerk repariert, je nach Zu- 
stand des Gebäudes muß manch- 
mal auch eine ganze Front erneu- 
ert oder sogar das Gebäude abge- 
rissen und rekonstruiert werden. 
Das vorgegebene konstruktive 
System bleibt bis ins Detail erhal- 
ten, die Grundrisse können sich 
ändern. Bevorzugtes Bauholz ist 
Eiche — weil es das beste und 
langlebigste Holz ist. Auch der 
Wandaufbau folgt der Tradition: 
Stakungen setzen, flechten (Wei- 
dengeflecht), den Lehm aufbrin- 
gen, außen und innen von Hand 
glattstreichen — dies ist ein äu- 
Berstarbeitsintensiver, aber auch 
sehr schóner, angenehmer Pro- 
zeB. Das Geflecht garantiert eine 
hóhere Stabilitàt und làngere 
Haltbarkeit als z.B. eine Leicht- 
lehmausfachung. Es paBt sich ie- 
der Verwindung und Krümmung 
der Fachwerkwände an. Die lie- 
benswert-sanfte Unregelmäßig- 
keit der alten Häuser bleibt damit 
erhalten, und das Licht spielt 
weich auf den niemals ganz gera- 
den Flächen. Die Außenwände 
werden 20-25 cm dick, so dick wie 
die Ständerbalken, außen schließt 
der Lehm bündig mit dem Fach- 
werk ab und wird nur noch 
mit Kalk überstrichen, innen 
bündig mit den Ständern, even- 
tuell durchgehende Fugen treten 
nur links und rechts der Ständer 
auf. Anders wie in Bokrijk wird 
der Lehm nicht in mehreren 
Schichten, sondern in einem Ar- 
beitsgang aufgebracht. Der alte 
Grundsatz, daß ein Lehmhaus ei- 
nen großen Hut und hohe Stiefel 
haben muß, soll heißen, einen 
weiten Dachüberstand und einen 
hohen Sockel, wird befolgt. Der 
Sockel besteht aus Bruchstein, 
auf dem die Eichenschwelle di- 
rekt aufliegt und als Horizontal- 
sperre ausreicht. Die Wettersei- 
ten müssen i.a. verschalt werden, 
um Schutz vor Schlagregen zu ga- 
rantieren. Für niederländische 
Verhältnisse ist mit den 25 cm 
starken AuBenwänden eine gute 
Wärmedämmung gegeben. was 
für deutsche Anforderungen 
kaum zutrifft. Es ist ein Punkt, 
über den man verschiedener An- 
sicht sein kann. In Betracht zie- 
hen muß man bei diesen restau- 
rierten Häusern den geringen 
Anteil an Fensterfläche. Kleine 
Fenster sind das älteste Mittel, 
um Wärmeverluste zu reduzie- 
ren. Trotzdem ist es nicht dunkel 
in den Räumen, im Gegenteil, 
man fühlt das Licht sehr intensiv 
— es erhált eine weiche, fast stoff- 
lich wahrnehmbare Qualitát. Die 
Ausblicke nach draußen werden 
zu Bildern, die die Landschaft 
nach drinnen holen; — wobei ich 
allerdings genauso von den Qua- 
litäten eines lichtdurchfluteten 
Wintergartens überzeugt bin. Es 
kommt ganz auf den Kontext an. 
Diese Häuser stehen alle unter 
Denkmalschutz und dürfen dem- 
entsprechend nicht verändert 
werden. 
Alle Häuser, die ich gesehen 
habe, kennzeichnet eine beson- 
dere Sorgfalt in der Ausführung, 
eine Genauigkeit, die nicht exakt 
ist, eine Treue zum Original, die 
nicht kopiert. Vielleicht kommt 
dies daher, daß hier zwei Archi- 
tekten am Werk sind, die auch als 
ausführende Handwerker arbei- 
ten; viele Details werden auf der 
Baustelle entschieden und sind 
der Situation angepaßt. Sicher- 
lich kann man sich darüber strei- 
ten, ob diese Art zu bauen in je- 
dem Fall sinnvoll ist. Wegen des 
hohen Arbeitsaufwandes sind 
die Häuser nicht billig, der gerin- 
ge Aufwand an Material und 
Fremdenergie, die einfache Aus- 
führung und die Möglichkeit der 
Selbsthilfe machen sie jedoch be- 
zahlbar und gesamtökologisch 
gesehen - da vor allem menschli- 
che Energie eingesetzt wird — so- 
gar recht billig. 
Sabine Rothfuß 
Paul und Baudewijn Laugs 
6274 NN Reimerstok 
Dorpstraat 96 
Holland 
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