ARCH'-BAUMARK
Lehmausfachung von Fachwerkbauten
— ein Beispiel aus Südlimburg, Holland
Auf meine Frage, warum sie mit
Lehm bauen, antwortet mir Paul
Laugs: „Weil wir gefunden ha-
ben, daß Lehm das beste Mate-
rial für die Ausfachung von Fach-
werkbauten ist.“ Paul und Bau-
dewijn Laugs sind zwei Architek-
ten-Handwerker in Südlimburg,
die seit 20 Jahren Fachwerkhiu-
ser restaurieren — ihr 1. Haus ha-
ben sie schon als Teenager ge-
baut. Sie machen die Planung,
und einen Großteil der Arbeiten
führen sie selbst aus.
Vor sechs Jahren wurden sie
durch das Bauernhofmuseum in
Bockrijk/B. angeregt, die in der
Gegend traditionellen Lehmsta-
kungen als Ausfachung zu ver-
wenden. Nachdem das am An-
fang schwierig war, Bauherren
von der Qualität des Materials zu
überzeugen, wird es nun von
Haus zu Haus einfacher, da es bei
den mit Lehm gebauten Häusern
keine Beanstandungen gibt, son-
dern - im Gegenteil — niedere
Heizkosten. Der Lehm wird in
einer Baugrube nahe der Werk-
statt in dünnen Schichten gesto-
chen, und kann gleich dort mit
Urin von Kühen, Kalk und Stroh
mit Hilfe einer Mórtelschnecke
vermischt werden. (Mischunes-
verhältnis 30 1 Urin auf 30 Schau-
feln Lehm und 6 Schaufeln Kalk.
Ca. 2 1/2 Ballen Stroh auf 1 m?)
Ich schátze das Gewicht dieses
Strohlehms auf 1200-400 kg/m'.
Kalk und Urin gehen eine feste
Verbindung ein, die dem Lehm
eine witterungsbestándige Ober-
fläche verleiht. Der Kalk trägt
weiterhin zur Magerung bei, wo-
durch Risse vermieden werden.
Zuerst werden die Schäden am
Fachwerk repariert, je nach Zu-
stand des Gebäudes muß manch-
mal auch eine ganze Front erneu-
ert oder sogar das Gebäude abge-
rissen und rekonstruiert werden.
Das vorgegebene konstruktive
System bleibt bis ins Detail erhal-
ten, die Grundrisse können sich
ändern. Bevorzugtes Bauholz ist
Eiche — weil es das beste und
langlebigste Holz ist. Auch der
Wandaufbau folgt der Tradition:
Stakungen setzen, flechten (Wei-
dengeflecht), den Lehm aufbrin-
gen, außen und innen von Hand
glattstreichen — dies ist ein äu-
Berstarbeitsintensiver, aber auch
sehr schóner, angenehmer Pro-
zeB. Das Geflecht garantiert eine
hóhere Stabilitàt und làngere
Haltbarkeit als z.B. eine Leicht-
lehmausfachung. Es paBt sich ie-
der Verwindung und Krümmung
der Fachwerkwände an. Die lie-
benswert-sanfte Unregelmäßig-
keit der alten Häuser bleibt damit
erhalten, und das Licht spielt
weich auf den niemals ganz gera-
den Flächen. Die Außenwände
werden 20-25 cm dick, so dick wie
die Ständerbalken, außen schließt
der Lehm bündig mit dem Fach-
werk ab und wird nur noch
mit Kalk überstrichen, innen
bündig mit den Ständern, even-
tuell durchgehende Fugen treten
nur links und rechts der Ständer
auf. Anders wie in Bokrijk wird
der Lehm nicht in mehreren
Schichten, sondern in einem Ar-
beitsgang aufgebracht. Der alte
Grundsatz, daß ein Lehmhaus ei-
nen großen Hut und hohe Stiefel
haben muß, soll heißen, einen
weiten Dachüberstand und einen
hohen Sockel, wird befolgt. Der
Sockel besteht aus Bruchstein,
auf dem die Eichenschwelle di-
rekt aufliegt und als Horizontal-
sperre ausreicht. Die Wettersei-
ten müssen i.a. verschalt werden,
um Schutz vor Schlagregen zu ga-
rantieren. Für niederländische
Verhältnisse ist mit den 25 cm
starken AuBenwänden eine gute
Wärmedämmung gegeben. was
für deutsche Anforderungen
kaum zutrifft. Es ist ein Punkt,
über den man verschiedener An-
sicht sein kann. In Betracht zie-
hen muß man bei diesen restau-
rierten Häusern den geringen
Anteil an Fensterfläche. Kleine
Fenster sind das älteste Mittel,
um Wärmeverluste zu reduzie-
ren. Trotzdem ist es nicht dunkel
in den Räumen, im Gegenteil,
man fühlt das Licht sehr intensiv
— es erhált eine weiche, fast stoff-
lich wahrnehmbare Qualitát. Die
Ausblicke nach draußen werden
zu Bildern, die die Landschaft
nach drinnen holen; — wobei ich
allerdings genauso von den Qua-
litäten eines lichtdurchfluteten
Wintergartens überzeugt bin. Es
kommt ganz auf den Kontext an.
Diese Häuser stehen alle unter
Denkmalschutz und dürfen dem-
entsprechend nicht verändert
werden.
Alle Häuser, die ich gesehen
habe, kennzeichnet eine beson-
dere Sorgfalt in der Ausführung,
eine Genauigkeit, die nicht exakt
ist, eine Treue zum Original, die
nicht kopiert. Vielleicht kommt
dies daher, daß hier zwei Archi-
tekten am Werk sind, die auch als
ausführende Handwerker arbei-
ten; viele Details werden auf der
Baustelle entschieden und sind
der Situation angepaßt. Sicher-
lich kann man sich darüber strei-
ten, ob diese Art zu bauen in je-
dem Fall sinnvoll ist. Wegen des
hohen Arbeitsaufwandes sind
die Häuser nicht billig, der gerin-
ge Aufwand an Material und
Fremdenergie, die einfache Aus-
führung und die Möglichkeit der
Selbsthilfe machen sie jedoch be-
zahlbar und gesamtökologisch
gesehen - da vor allem menschli-
che Energie eingesetzt wird — so-
gar recht billig.
Sabine Rothfuß
Paul und Baudewijn Laugs
6274 NN Reimerstok
Dorpstraat 96
Holland
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