Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

hang betrifft. 2. Knappe Ressourcen be- qualität zu erreichen. Dieses neue kreati- Die zentrale Frage lautet also: Was ist 
stimmten nicht mehr die formale Gestal- ve Entwurfsdenken würde entschieden Architektur und was ist die Rolle des Ar- 
tung und die Erhaltung der Architektur, bereichert werden, wenn wir uns Umwelt- chitekten? Man könnte annehmen, daß 
da sich die wirtschaftliche Basis vom loka- bedingungen schaffen, die die kreativen die Produzenten der „Ware“ Architektur 
len zum globalen Kontext verlagerte und Fähigkeiten, welche in jedem einzelnen zumindest für absehbare Zeit weiterhin 
damit billige und unerschöpfliche Roh- Menschen schlummern, wecken und zur „konsumierbare‘“ Produkte liefern wer- 
stoffe zur Verfügung standen. 3. Erfin- Entfaltung bringen. Damit, so die Hypo- den, daß die Mäzenatenarchitektur auch 
dungen und neue Technologien wurden in these, schaffen wir intelligente und wahr- weiterhin die Museen unserer Städte fül- 
die bestehenden Baustrukturen einge- haft sensible Entwürfe als Ausdruck einer len und dominieren wird, daß die High- 
bracht und völlig neue Bauformen ohne intelligenten Kultur -und damiteineintel- Tech-Architekten sich weiterhin mit tech- 
historische Identität wurden entwickelt.4. ligente Architektur. nischen Spielereien und Erfindungen be- 
Mechanisierung und Automatisierung Die wichtigsten Überlegungen legen schäftigen werden, und daß eine massen- 
wurde gleichbedeutend mit Intelligenz. folgende Schlußfolgerungen nahe: 1. Wir haft produzierte Architektur auch weiter- 
Das Computer-Zeitalter, die Entwick- verfügen über neue Technologien, mit de- hinunsere Landschaft verschandeln wird. 
lung neuer Materialien und die Energie- nen wir arbeiten und entwerfen können. 2. Gleichzeitig wird sich jedoch aller Wahr- 
krise von 1973 sind eine der wichtigsten Es werden "neue Theorien entwickelt, die scheinlichkeit nach eine neue Art von Ar- 
Entwicklungen, die die heutige dritte Ge- das Wesen von Arbeit und Wohnen von chitekten entwickeln — Raum- und Bau- 
neration intelligenter Gebäude beeinflußt Grund aufneu definieren. 3. Die Rolledes künstler, deren Palette von Farben, Mate- 
haben. Den Bewohnern kommt dabei ei- Individuums in unserer Gesellschaft.istin rialien und Arbeitsmitteln von Soft-Tech 
ne völlig neue Bedeutung zu im Hinblick einer ständigen Veränderung begriffen, in geprägt ist. Diese Architekten werden 
auf Gebäude-bezogene Entscheidungen deren Mittelpunkt nicht mehr die produ- nicht mehr mit ihren Bauten unseren Le- 
und ihre Auswirkungen für die menschli- zierende und konsumierende Masse steht, bensstil diktieren und als „Intelligentsia“ 
che Produktivität. Die wachsende Not- sondern der einzelne als kreatives Indivi- der Masse vorschreiben, was Stil, Mode, 
wendigkeit, Informationen zu kennen, zu duum. 4. Die Rechte des Individuums Geschmack und „gutes Design“ ist. Statt- 
übertragen, zu analysieren und Zugangzu werden in immer stärkerem Maße den dessen werden die neuen Architekten die 
ihnen zu haben, führten zu technischhoch Charakter und die Qualität von Räumen Mittel, die Bedingungen und die Möglich- 
entwickelten neuen Kommunikationssy- und Siedlungen bestimmen. 5. Das Pro- keiten dafür schaffen, daß die Mitglieder 
stemen und Dienstleistungen innerhalb blem der ungerechten Verteilung unserer einer gesellschaftlichen Gruppe oder auch 
der Gebäude. Ressourcen ist nicht nur eine FragederEf- einzelne Individuen in eigener Regie ihre 
fizienz, sondern eine Herausforderung für Umwelt und ihre Räume gestalten und 
kreatives Denken und Handeln. Die neu- nach Bedarf und Wunsch immer wieder 
EINE HERAUSFORDERUNG en Bausteine unserer Architektur sind umgestalten können. So wird der Archi- 
FÜR ARCHITEKTEN nicht mehr die harten Materialien wie Zie- tekt das Mittel für unsere individuellen 
UND STADTPLANER gel, Stahl und Stein, sondern die weichen Zwecke; er wird zum Anreger, Provoka- 
Technologien (Soft-Tech) unseres Kom- teur, Herausforderer und Designer im 
ir wissen, daß die Architekturneue Mmunikations- und Informationszeitalters. Theater des Lebens, auf dem sich unsere 
W Alternativen entwickeln und an- Die Ressourcen der Soft-Tech sind Licht, individuelle Selbstverwirklichung endlich 
bieten muß, um die Gefahren für unsere Klang, Luft, Wasser, Sonnenstrahlen, Vi- vollziehen kann. 
Umwelt und unseren Rohstoffvorrat mög- deofenster und andere sensorische, wenn- Das ist die große Herausforderung, der 
lichst gering zu halten. Die Architektur ist gleich unsichtbare Bausteine. Informatio- wir uns als Architekten und Stadtplaner 
aufgerufen, den Weg zu ebnen und ihren nen, Sensoren, elektronische Steuerun- stellen müssen. Wir haben die Wahl, ob 
Beitrag zu leisten bei dem Bemühen, die gen und andere Kommunikationsmittel wir auch weiterhin unsere historisch ge- 
Ungerechtigkeiten der bestehenden Res- sind die Werkzeuge, mit denen wir heute wachsene Macht dazu gebrauchen wollen, 
sourcenverteilung auf der Erde zu beseiti- bauen und Räume gestalten. den Bau von High Tech- und Hard-Tech- 
gen und dafür zu sorgen, daß hochentwik- Der Vorschlag lautet, die Hard-Tech Gefängnissen zu perfektionieren, oder ob 
kelte Länder nicht weiterhin auf Kosten und High-Tech von gestern zu ersetzen wir uns selbst und den Mitgliedern unserer 
der ärmeren Länder existieren können. durch Akkorde von Licht, Klängen, Luft, Gesellschaft die Freiheit schenken. 
Dieses Ziel läßt sich weder miteinem Ver- Wärmewolken und dem olfaktorischen Übersetzung aus dem Amerikanischen: 
knappungsmodell noch mit Malthusschen Reiz unsichtbar im Raum schwebender Hans-H. Harbort 
oder Darwinschen Ansätzen erreichen, CGeruchspartikel. Raum wird heute nicht _ nn 
sondern nur auf dem Weg der Entwick- mehr durch Wände, Vorhänge, Fußböden Abbildungen: VEN ES a Pax 
lung neuer kreativer Entwurfsformen un- und Decken definiert, sondern durch DEREN Kehl N SurChem 
ter dem Motto „weniger ist mehr“, um mit höchst reale, dabei jedoch fast unsichtba- einen Computer angeschlossenes System 
weniger Ressourcen eine höhere Lebens- re Elemente. fotoelektronischer Zellen gesteuert. 
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