Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

Renzo Piano 
DIE MESSEMASCHINE 
&‘ tellt Euch einen urbanen Mikrokos- villons unterteilt: Zu den Ausstellungsflä- decke untergebracht. Vom Dach her ver- 
.# mos vor, eine miniaturisierte Stadt, chen gelangt man über eine zentrale über- sorgen 56 Zentralen, die von einem Com- 
dachte Straße, 600 m lang und 48 m breit puter koordiniert werden, wie 56 schla- 
(zweimal so groß wie die Piazza Navona), gende Herzen den gesamten Innenraum 
die eine gut ausgestattete Achse bildet;die mit Ventilatoren und Air-Conditioning. 
Straße und die Ausstellungsflächen sind Alles hier ist beweglich, flexibel und 
auf dem gleichen Niveau untergebracht entwickelbar: die Höhe der Pavillons 
und haben voneinander unabhängige Ein- kann von 10 auf 13 m geändert, die Ober- 
gänge, wodurch sich vielfältige Möglich- flächen verändert, umgestaltet und sogar 
keiten der Ausgestaltung ergeben: eine versetzt und die „Serviceinseln“ können 
große Veranstaltung, die sich auf 8 Pavil- von Restaurants zu Informationsbüros ge- 
lons erstreckt oder mehrere kleinere, ganz macht werden. Effizienz plus Spektakel ist 
' und gar unabhängig gegliederte Veran- die Formel für dieses Messe-Happening. 
-— staltungen. Denn eine Messe ist auch Spektakel; sie 
muß eine klare Physiognomie besitzen, 
die sich im Schatten einer riesigen Pergola D ie große geradlinige Straße istsoet- die sofort wiedererkennbar und in der 
ausbreitet: eine Dachkonstruktion, die was wie das Rückgrat des Gebäu- Erinnerung der Menschen fest eingeprägt 
die utopischen Entwürfe Frei Otto’s an- des: sein deutlichster Bezugspunkt (ent- ist. Dies sind zwei Gründe, warum die 
ruft — mit jenen Räumen, die soweit das lang der Strecke liegen die Serviceräume), Messemaschine in einen weitläufigen na- 
Auge reicht von schwebenden Dachhäu- Sie ist aber auch ein Element der Faszina- 
ten, lichtdurchlässigen und gewagt er- tion, ein Crystal Palace: ein emotionales 
scheinenden Segelkonstruktionen über- Ambiente aus Licht, Sonne, Wasser, na- 
deckt werden. Das ist die Messe-Stadt: ein türlichen Abkürzungen und künstlichen 
großes Schmetterlingsdach aus 12.000 py- Luftbewegungen („Pulsschläge der Luft“) 
ramidenförmigen Einzelstücken aus Be- -— mit all den Eigenschaften des offenen, 
ton; das über einer Fläche von 200.000qm aber auch den Qualitäten des geschlosse- 
hängt, etwa 30 aneinandergereihten Fuß- nen Raums, geschützt vor Kälte und Hit- 
ballfeldern. Eine einfache und gleichzeitig ze, ein Raum, worin man sich auch unteı 
komplizierte Idee: Kompliziert, weil Du den unterschiedlichsten äußeren Witte: 
unter diesem Dach anfängst, Deine Um- rungsbedingungen frei bewegen kann. 
gebung zu gestalten, mit all dem, wasesin Unter diesem technologischen Himmel 
der Architektur an nicht Greifbarem und bewegt man sich in einem kontrollierten 
doch Konkretem gibt: Licht, Sonne, Luft, Mikroklima. 
Geruch, Wasser, Klang und Temperatur. Jede Zone verzeichnet den Stand unter- türlichen und außerstädtischen Rahmen 
Das Problem ist, die Strukturidee zu ver- schiedlichen Energieverbrauchs: Die eingefügt ist (1 Million qm). Diese organi- 
einfachen, sonst zehrt die Vorreiterfunk- Messestruktur ist wie eine riesige Woh- sche Wechselbeziehung ist notwendig, 
tion des Architekten, der Hangzurgroßen nung, in der jedes Zimmer unterschiedli- denn die Messemaschine kann nicht ohne 
Geste, den ganzen Raum auf und ver- che Gebrauchsfunktionen besitzt, diekon- eine grüne Lunge auskommen: einen 
schließt den kreativen Beiträgen der Inge- tinuierlich der Zeit angeglichen werden Park, vielleicht sogar einen künstlichen 
nieure den Zugang. müssen. Kanalisation, technische Anla- See, die eine beruhigende, heitere Auf- 
Darüber hinaus gibt es eine Begrün- gen und Serviceräume sind auf der mittle- nahme des räumlichen Szenarios begün- 
dung funktionaler Natur: die Messe im ren Ebene zwischen Dach und Gebäude- stigen: eine Verkettung von draußen und 
elektronischen Zeitalter ist keine reine drinnen, von urbanen und ländlichen 
Freude mehr, sondern ein Werkzeug des Räumen. 
kommerziellen Handelsaustausches, wel- 
ches bestimmten Erfordernissen der Fle- 
xibilität von Organisation und Anlagen- DIE MASCHINE 
technik nachkommen muß. So ist es natür- 
lich, daß das Projekt für den Integrativen B eim Centre Pompidou handelte es 
Pol der Mailänder Messe als eine Spezial- sich grundsätzlich darum, ein neuar- 
vorrichtung konzipiert ist, besser noch, als tiges Werkzeug zur Produktion von Kul- 
Macchina fiera, „eine Maschine zum Aus- tur und Information zu finden. Ich glaube, 
stellen“. Das Gebäude ist innen in acht Pa- es ist ein völliges Mißverständnis, dieses 
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