Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

barocke Theatermeister absieht, ist das Grenzen und Ausmessungen durcheinSy- täubung, eine Lust an der Verzauberung - 
bewundernde „Ah!“ der gaffenden Men- stem von optischen Täuschungen ver- nur eines nicht: ein Bekenntnis zur Wirk- 
ge, wenn der Vorhang vor einem neuen schleiert sind. lichkeit. 
Schauwunder aufgeht. Man beurteilt eine Es ist die Kulisse, der die Aufgabe zu- Also handelt es sich vielleicht gerade 
Aufführung nach der Zahl der Dekoratio- fällt, den Übergang zu vermitteln und zu um eine Flucht aus der Wirklichkeit? Um 
nen und brüstet sich damit auf dem Büh- verbergen. Wie die Decken die Architek- die Stiftung eines Reiches der Phantasie, 
nenzettel. Dabei hätte man sich geschämt, tur des Raumes, so scheint auch der Pro- in der die ausgehungerte Seele Entschädi- 
dieselbe Dekoration zweimal zu verwen- spekt die Architektur der Kulisse nochei- gung findet und Ersatz für die Befriedi- 
den. Aber es handelt sich dabei um noch ne Weile fortzusetzen, ehe er den Blickin gungen, die das alltägliche Leben versagt? 
mehr als ein szenisches Bilderbuch. Nicht Dies ist ein Gebrauch der Kunst, der vie- 
auf die einzelnen Bilder so sehr war es ab- len von uns, seit die Empfindsamkeit ihn 
gesehen als vielmehr auf ihren ständigen entdeckt hat, naheliegt, und um einer sol- 
Wechsel. Es ist kein Zufall, daß man im chen Deutung vorzubeugen, müssen wir 
deutschen Theater für Dekorationen den Sinn der barocken Illusion genau be- 
„Verwandlungen“ sagte. stimmen und von der „romantischen“ Illu- 
In der Spätrenaissance von Palladios sion unterscheiden. Die barocke Illusion 
Teatro Olimpico sind die Wände der Büh- ist nämlich stets eine bewußte und gewoll- 
ne noch Architektur von der gleichen Art, te, sie will nie die Seele verführen oder 
wie sie den Zuschauer umgrenzt. Hier be- auch nur den Verstand täuschen, sondern 
finden sich Zuschauer und Schauspieler, immer nur die Sinne. Eben aus diesem 
Wirklichkeit und Bühnengeschehen noch Grunde führt sie niemals in die Tiefe des 
im gleichen Raum. Aber hier schon ist die Scheins, sondern hält sich immer nur an 
massive Rückwand der Bühne durchbro- seinem Rande auf, jederzeit bereit, die 
chen von drei Gassen, die durch perspekti- Grenze zu überspringen und den Schein 
vische Mittel eine Tiefe vortäuschen, die wieder aufzuheben, ebenso bereit freilich 
sie in Wirklichkeit nicht besitzen. Ein die Unendlichkeit des Scheins entläßt. auch, ihn zu verdoppeln 
Schritt weiter, und die Bühne wird statt Auch hier kommt es vor, daß ein Motiv 
von der festen Wand von einem gemalten oder ein Gegenstand, der plastisch an 
Prospekt abgeschlossen. Etwas länger wi- hebt, von der Malerei aufgenommen wird 
derstehen die Seitenwände dem Drang Unddie erste Frage, die ein barockes Büh- 
nach Entkörperung. In den ersten Jahren nenbild stellt, nämlich wo die Kulisse en- 
des 17. Jahrhunderts werden auch sie det und der Prospekt beginnt, ist stets nur 
durch die Kulisse verdrängt. So entsteht durch Vermutungen zu beantworten. 
hier ein neuer Raum, der zwar da beginnt, 
wo der Zuschauerraum aufhört, der aber 
keineswegs mehr aus dem gleichen Stoff 
gemacht ist wie der Raum der Renaissan- D ies ist also der Stoff, aus dem die 
ce-Bühne Palladios. sondern dessen Welt der Bühne aufgebaut ist: ein 
Gemisch aus Wirklichkeit und Schein, 
Und dies ist der Ort, an dem das Spiel ab- 
läuft: die Stelle des ungewissen Übergangs 
zwischen Wirklichkeit und Schein. In ei- ; 
nem eigentümlichen Zwischenreich also Aus: Richard Alewyn: Das Größe Welt: 
siedelt sich das Theater an. und dieses theater. Die Epoche der höfischen Feste. 
Zwischenreich ist es, dem das Barock bis 2. erweiterte Auflage. C.H. Berirsche 
zum Delirium verfallen war. Wir sehen Verlagsbuchhandlung, München, 1985 
nun schon: Wenn auf einem so zweideuti- 
gen Boden mit so fragwürdigen Mitteln ei- 
ne SO sinnenbetörende Phantasmagorie Rechts oben: Bühnenmaschine, 
aufgebaut wird — also eine Feier der schö- Links oben: Teatro Farnese, Parma, 1628 
nen Welt im Sinne der Renaissance ist die- Alle übrigen Abbildungen: 
se Schöpfung nicht zu gebrauchen. Hier zur hl Merk Kloten Ye 
mag vieles am Werk sein: ein Wille zur Be- 
nt
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.