Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

5 ; « sind erfahrungsgemäß dem 
1 ; „Okologisch Dieter Hoffmann-Axthelm Nachdenken kaum förderli- 
Ökologie ist das Wissen um die cher als beschönigende Bilder. 
lebenswichtigen Gleichge- Das Anfangsproblem in der 
wichtsformen. Man kann also UNTERGEHENDE heutigen Ökologiemode ist al- 
auch sagen: Ökologie ist die so das Ausmaß, in welchem 
Wissenschaft vom Überleben. x die schlichte ökologische Er- 
Sie entsteht, wenn man das STAD TE ‘) kenntnisbemühung durch nä- 
Gleichgewicht verloren hat, in a herliegende lebensgeschichtli- 
der Situation des Umkippens che, ästhetische oder hygieni- 
einer Lebensform, vielmehr sche Motive überdeckt wird: 
der entscheidenden gesell- wenn Ökologie sich be- 
schaftlichen Lebensform überhaupt, der Stadt. schränkt auf Grün, auf den Biotop vor der Haustür, oder auch auf 
In einer solchen Situation geht es, wenn man das ernstnehmen eine Art zu leben. Ökologie ist nie etwas Positives, ein durch Vor- 
darf, nicht darum, Träume zu verwirklichen von einer grünen stellungen wie Park, Wald, Tierreichtum, oder durch Maßnah- 
Stadt, einer natürlichen Welt, einem gereinigten Leben. Dasist men wie Entsiegelung, Entschwefelung, Entnuklearisierung 
dann eher ein Luxus, der andermal verhandelt werden mag, vor- usw. beschreibbarer Zustand, so notwendig und richtig das an 
erst ginge es überhaupt ums Weiterleben. Wenn die Menschen seinem Platze sein wird, oder eine bestimmte vorgestellte, schö- 
nicht aufhören, sich den Duft der frischen Natur als Deo- Spray nere oder bessere oder gesündere Welt, oder eine Art Lebens- 
unter die Achseln zu pusten oder aus der Sprayflasche ihre Schu- ziel: ungechlortes Wasser, Vollkorn, Joghurt, Wolle und Tierbe- 
he, ihr Auto und was immer, zu reinigen, dann ist irgendwann, freiung. Ökologie ist nicht das ganz Neue, und jetzt machen wir 
versichern uns die Meteorologen, die Ozondecke der Erde so das, wie wir vorher die neue Technik oder das.neue Bauen, den 
weit durchlöchert, daß man sich nicht mehr über Hautgeruch, neuen Menschen, die neue Schule oder das neue Reich gemacht 
sondern nur noch über Verbrennungen zu beklagen haben wird haben. 
—bloßes Beispiel, wo, vom Autofahren bis zum Waschpulver, un- Ökologie ist die jeweils gesellschaftlich notwendige Gleichge- 
ser durchschnittlicher Alltag bereits jenseits der Grenze desnoch wichtsübung. Mit welchen Gewichten das Gleichgewicht erreicht 
Verträglichen angesiedelt ist, im offenbaren Gleichgewichtsver- wird, hängt von der historischen Situation, vom Entwicklungs- 
lust. stand der Produktivkräfte ab. Das Gleichgewicht kann immer 
Der Zwang zum Notwendigen, zur Organisation des Überle- nur mit den Möglichkeiten erreicht werden, die da sind: es müs- 
bens, wird unverhältnismäßig verniedlicht, wenn er - um Erfolg sen sowohl alle vorhandenen technischen Ressourcen genutzt als 
oder wenigstens Verständnis zu produzieren — allzu naheliegend auch neue entwickelt werden, weil man, wie zu nichts anderem, 
bebildert wird. Da die toten Wälder als Bilder nicht brauchbar auch zu den alten historischen Gleichgewichten nicht mehr zu- 
sind — es fehlt das „Positive“ —, sind die konkreten anschaulichen rückkann, sondern nur hoffen mag, auf dem erreichten Zerstö- 
Vermittlungen aller Erfahrung nach zu billig, zu ästhetisch, zu rungsniveau wieder eines zu finden. Mit irgendeiner Rückkehr 
leicht ablenkbar. Diese merkwürdige Anschaulichkeit, dieinzwi- zur Natur, was immer das sein mag, hat das wenig zu tun, eher mit 
schen so am gar nicht anschaulichen Wort „ökologisch“ dran- ihrer zweiten Erfindung. 
klebt, daß es wie Softeis durch alle Verhandlungen und Erörte- Auch frühe Gesellschaften waren keineswegs allein deshalb, 
rungen flutscht, sie mag ja bequem und ein unverzichtbares Mit- weil sie noch keine Autos hatten, schon nach Maßgabe ihrer 
tel politischer Vereinfachung wie didaktischer Aufbereitungsein Überlebenstechniken ökologische Gesellschaften. Im Gegen- 
— politisch wie didaktisch könnte trotzdem, auch das ein Mittel, teil, sie lebten von einem einfachen Raubbau am Vorhandenen 
der Sache vermutlich durch Verweigerung besser gedient sein. (z.B. Brandrodung), der aber deshalb das Gleichgewicht nicht 
Denn allzu sehr sind die Bilder, die dann gebraucht werden, be- gefährdete, weil es sehr kleine Gesellschaften waren. Die Abhol- 
reits schon das Bekannte, historisch Verbrauchte, das die fällige zung ganzer Gebirge durch die seefahrenden Römer oder Vene- 
Ratlosigkeit wie das beunruhigte Nachfragen ausschließt und zianer bildeten den Raubbau dagegen auf einer Ebene ab, wo er 
eingeübte abgelenkte Befriedigungen — Natur, der eigene gesun- bereits zu regionalen Katastrophen — Verkarstung, Versandung. 
de Körper, das Zählen von Becquerel, Krebsstoffen und Kataly- Klimaumschwüngen —- führte. Solche historischen Katastrophen 
satorenwerten — an dessen Stelle setzt. Und man verstehe daserst sind zahlreich: Große Teile der Sahara waren einmal Kulturland, 
recht nicht als Plädoyer für Härteres, für Katastrophenbilder:sie und das Anwachsen der Wüste nimmt heute noch einmal ein
	        

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