Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

Arwed O. Gorella 
5 Männer in der Trockenzone 
schnelleres Tempo an, so daß es bereits in Fortschritten von Jahr- eines der Konkurrenz mit dem Naturzustand — im Unterschied 
zehnten beschreibbar ist. zum Dorf früher Stammesgesellschaften — erstmals gewachsenen 
Was die neue Vokabel Ökologie unvermeidlich macht, ist der neuen Modells, die größte je getätigte gesellschaftliche Erfin- 
Umstand, daß heute solche regionalen Katastrophen zu globalen dung überhaupt. Alle historisch greifbaren Themen — die ver- 
werden: die Abholzung des Amazonasurwaldes und die Invasion schiedenen Stufen des Verhältnisses von Stadt und Land — ord- 
des Sahel durch die Wüste sind gleichzeitige Vorgänge und von nen sich dem ein. Erst heute sind wir an einem Punkt angelangt, 
solchen Ausmaßen, daß sie, möglicherweise noch durch arkti- wo der Rahmen kaputt und nichts mehr einordbar scheint. Das 
sche und antarktische Schmelzvorgänge ergänzt, das gesamte Zerbrechen der Einrichtung ist darum nicht physikalisch zu be- 
Erdklima bedrohen, also weder regional noch kontinental be- schreiben: daß die Stadt ungesund geworden ist, sondern nur als 
grenzbar sein werden. Die Überhitzung der Erdatmosphäre und gesellschaftliche Gesamttatsache: daß sie aufhört, die selbstver- 
der Raubbau an den schützenden Luftschichten schließlichistoh- ständliche Form lebenswerten gesellschaftlichen Lebens zu sein, 
ne historische Parallele und von vornherein auf globale Schäden ohne daß es — da die Stadt inzwischen überall ist — Alternativen 
angelegt. Damit droht das Thema freilich auch ins Ungreifbare— gäbe. 
„Globale“ —- zu entschwinden, in individuell uneinholbare Zeiten Der Widerspruch, daß die Stadt überall ist, die Schäden sich 
und Räume. Die Einsicht, daß Ökologie mit einer verzweifelten aber genau in jener Agglomeration konzentrieren, in der man 
Gleichgewichtsübung im Erdmaßstab zu tun hat, wird erst dann wohnt, beschreibt diesen ungelösten, unklaren Zustand am ge- 
praktikabel, wenn man ihr auch eine genaue Adresse geben nauesten. Die Stadt ist im Weltall, wo die Satelliten kreisen und 
kann. Diese Adresse gibt es: die Stadt. Programme transportieren, sie ist zugleich in jener verkehrsrei- 
. chen Zusammenballung, in der man gerade lebt. Auch diese Zu- 
2. Stadt und Okologie sammenballung besteht aus Extremen, einer im kulturellen Sin- 
Daß die Stadt die privilegierte Adresse ökologischen Handelns ne überhaupt nicht mehr städtischen, aber von den gesetzlichen 
ist, könnte falsch verstanden werden: als sei sie der Hauptfeind. städtischen Versorgungsleistungen teuer erschlossenen Periphe- 
Davon kann keine Rede sein. Die wirtschaftlichen Kräfte haben rie — was einmal Land war —, und, mit der Zwischenschaltung 
sich auf der lokalen Ebene gespalten — die nationalen Ängsteum merkwürdiger Mittelzonen, die man heute als letzte Stadtreste 
sinkenden Lebensstandard haften am Ort; die multinationalen entdeckt, andererseits einem polierten „historischen“ Kern, der, 
Kapitale haben die Einrichtung Stadt hinter sich gelassen, noma- gerade weil er vor lauter Politur weder an Geschichte noch alltäg- 
disieren und konzentrieren nur die Umschlagfunktionen in eini- liches Leben noch gesellschaftliche Kultur erinnert, die Verlas- 
gen wenigen Städten, die dann, als Weltmetropolen, jenseits je- senheit von Geschichte, Leben und Kultur desto lauter aussagt. 
der Zugänglichkeit für ökologische Kursänderungen sind, ehe Beide Entfernungen sind unökologisch. Okologie ist ja nichts 
nicht auch sie von der sie bewohnenden globalen Kapitalzusam- Eigenes neben den gesellschaftlichen Verhältnissen, sie braucht 
menballung verlassen und zerstört sein werden. auch keine neue Sprache, der Blick auf die historischen Verhält- 
Der Zusammenhang von Stadt und Ökologie stellt sich viel- nisse und die Wörter des normalen Menschenverstandes genügen 
mehr gerade deshalb her, weil die Stadt weitgehend aus dem vollauf, und nur sie. Beide Entfernungen besagen, daß da die 
übergreifenden, Stadt wie Land aufhebenden Raster der kapita- Beine zu weit gespreizt werden müssen, als daß ein sicherer Stand 
listischen Verwertung der Erde herausfällt. Die Stadt ist also noch möglich wäre. Man kann das ökologische Kranken der Stadt 
nicht nur ein begrenzter Teilschauplatz der globalen ökologi- deshalb auch nicht entlang der Parameter sauberer Luft oder der 
schen Krise, wo man schöne Zeichenoperationen machen kann: abnehmenden Krebssterblichkeit heilen, sondern nur in Ausein- 
rührende Biotope pflegen, Bäume gegen Autos verteidigen usw., andersetzung mit dem gesellschaftlichen Schicksal der Stadt 
im Bewußtsein, daß die wichtigen Dinge woanders kaputtgehen. selbst, die dann immer eine besondere Stadt ist, nicht nur „mei- 
Vielmehr, die Stadt ist selber, als gesellschaftliche Einrichtung. ne“ Stadt, sondern auch diese Geschichte, diese Zerstörungen, 
in einer Grundsatzkrise, und diese, indem sie sich am deutlich- diese Politik, diese kulturellen Wurzeln. Das ökologische System 
sten als ökologische Krise ausdrückt, erweist sich als Schlüssel, Stadt unterscheidet sich eben gerade darin von biologischen Sy- 
als privilegierter Zugang zum Thema: Was ist Ökologie? stemen. Es gibt den eingebauten Thermostat nicht, der die Über- 
Man würde heute nicht auf rund 10.000 Jahre Stadtgeschichte hitzung der Stadtklimata — oder ihre Übertrocknung — regeln 
— das ist, angesichts der gegenwärtigen Beschleunigung des Um- könnte. Immer muß Bewußtsein eingeschaltet werden: Politik, 
weltverfalls, unververständlich viel Zeit -zurückblicken können, kulturelle Fähigkeiten, Erinnerungsvermögen, Liebe und Wi- 
wenn die Stadt nicht selber der klassische Fall eines geglückten, derstand. Gerade dadurch — auch wenn in den Anfängen einfach 
„funktionierenden“ ökologischen Systems wäre: die Erfindung Herrschaft eingeschaltet wurde (aber auch sie ist gesellschaftli- 
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