Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

logisch, das ist unser Standard. Viel schwieriger wird es auf der 
Stadtebene oder auch nur auf Quartiersebene. Wo sind die richti- 
gen Größenordnungen, bei denen man z.B. einen vernünftigen 
Energiezufluß, einen vernünftigen Ver- und Entsorgungszyklus 
zustande bringt, und wo, beispielsweise bei der Energie- oder 
Trinkwasserversorgung, ist es kein Stadtproblem mehr: die Stadt 
ist zwar betroffen, aber sie ist nicht die Handlungsebene? Es gibt 
ja Zweckverbände, die größer sind als ein ganzes Bundesland. 
Die Frage stellt sich hier in dieser Radikalität so nicht. Im Was- 
serbereich hat die Stadt Frankfurt seit dem vorigen Jahrhundert 
ein Monopol auf den Einkauf bestimmten Wassers. Ich glaube, 
daß das Instrumentarium, sowohl das rechtliche als auch das fi- 
nanzielle, für eine ökologische Kommunalpolitik durchaus vor- 
handen ist. Und ich glaube, eine Kommune wie Frankfurt - selbst 
in diesem Ballungsraum — könnte sich als eine extrem reiche 
Kommune sogar sehr viele Experimente leisten. Die Stadt 
Frankfurt hätte finanziell die Möglichkeit, ihre Altlasten im Lau- 
fe der nächsten 10 Jahre zu sanieren und hätte auch die Möglich- 
keit, durch Grundstücksbevorratung einer übermäßigen weite- 
ren Versiegelung vorzubeugen und sogar zu entsiegeln. 
Der neue Römerberg mit der Kulturschirn 
Die Kommune wäre also für Dich durchaus die adäquate Hand- 
lungsebene? ; . . AHA 
bei. Allerdings wollen wir dort, wo es möglich ist, dezentrale Ent- 
Ja, und wir wollen auch handeln, umbauen, umgestalten, die rei- scheidungen fällen. Wir wollen die Entscheidungen, die diesen 
chen Möglichkeiten von Frankfurt für eine ökologische Stadtge- und nur diesen Stadtteil betreffen, auch im betreffenden Ortsbei- 
staltung nutzen — lieber heute als morgen. — Gewiß, der Main rat fällen. Das ist das gegenläufige Prinzip. Ich bin Realpolitiker. 
kommt schon verschmutzt in Frankfurt an. Dennoch ist gegen- Ich weiß, daß das reine Prinzip der Dezentralisierung nicht funk- 
wärtig immer noch der größte Mainverschmutzer die Stadt _tioniert und das reine Prinzip der Zentralität auch nicht. Es gibt 
Frankfurt, größer auch als die Hoechst AG. Deshalb ist hier für überhaupt keinen Grund, warum die Stadtverwaltung im Römer 
mich die Stadt die erste Handlungsebene. Man muß sich dann mit über die Form der Verkehrsberuhigung hier in der Falkstraße in 
den Vorliegern einigen. Aber das ist ein uraltes Siedlungspro- _Bockenheim beschließen sollte. Die Entscheidung, daß Bocken- 
blem, das man lösen kann, beispielsweise durch einen Zweckver- heim verkehrsberuhigt wird, auch die Entscheidung, daß die 
band Main, zumal hier — anders als in der Fabel vom Wolf und Falkstraße in einem Gesamtkonzept von Verkehrsplanung beru- 
dem Lamm — der Wolf flußabwärts steht. higt wird, soll zentral laufen. Aber wo Bäume gepflanzt und wie 
Historisch gesehen war die Zentralisierung immer ein technischer — gnecken gestaltet werden usw... 1St Entscheidung der Bok- 
Fortschritt, auch ein Fortschritt in den Lebensverhältnissen ... ERACHNET: 
... und auch in der Lebensform. Unsere Lebensform in Frankfurt Wenn aber die deze nirale Stelle cine ausreichend starke Kon IE 
| A . tenz haben soll, die auch das Engagement der lokalen Bürger- 
ist dadurch geprägt, daß wir uns auf bestimmte zentrale Veran- halt verdient er Konflikte mit hr Dh. die D 
staltungen beziehen, die in einem engen Kommunikationssystem Schaf is EN 4 ar Rechte N onfli Ro On % 7 di da E 
der Stadt liegen. Wir wollen nicht die Stadt in die Stadtteile auf- NO STEHT GET REENIE af On BIETE ICHS 
a . an otwendigkeiten für Zentralität, zumindest eine Personalerhö- 
spalten. Die Autonomisierung der Stadtteile z.B. bezüglich der hung der Bürokratie, die diese Konflikte bearbeit ß 
Kulturpolitik ist absoluter Unsinn; diese Bestrebungen sind vor- HTEGETSUNONTANESNHELBENETS ONE GEHN EHEN NUN: 
Nein. Demokratie braucht nicht mehr Arbeitskräfte, auch nicht 
De Zeile weniger. Das Problem liegt woanders. Nehmen wir die Müllfra- 
ge: die ist in zentraler Zuständigkeit. Es gibt die Idee der Ge- 
trenntsammlung. In Oberrad wird ein Modellprojekt mit einge- 
hender Beratung der Haushalte durchgeführt. 98% sind dafür, 
den Müll in mehreren Tonnen zu sammeln, und tun es auch. Pri- 
ma! Daraufhin wird beschlossen, die Getrenntsammlung auf die 
ganze Stadt auszudehnen. In jeden Briefkasten wird ein Informa- 
tionszettel geworfen, auf deutsch, obwohl 25% Ausländer sind. 
Dann gibt es Anschlußquoten von noch nicht einmal 50% und wo 
die 3 Tonnen dann stehen, werden sie falsch gefüllt. Am Zentra- 
lismus kann die Getrenntsammlung kaputt gehen. Man muß auf 
die Ortsbeiräte zugehen, mit ihnen diskutieren und sie die Be- 
schlüsse fassen lassen. So erreicht man eine ganz andere Vermitt- 
lung in die Bevölkerung, auch ein anderes Problembewußsein, 
und nur so funktioniert es meines Erachtens. Andere Fragen las- 
sen sich-nur zentral entscheiden, z.B. der Standort einer Müllde- 
ponie: wenn alle Stadtteile ablehnen, muß zentral gegen einen 
entschieden werden. 
Das setzt aber voraus, daß die Zentrale die rationale Entscheidung 
im Sinne des Gesamtwohls zu treffen imstande ist ... 
... oder selbstkritikfähig ist. Da helfen Regierungswechsel. 
Es gibt aber auch das Argument der Planungskontinuität. Wenn 
alle drei Jahre neu geplant würde, wäre das Ergebnis nur Chaos 
oder Kollage. 
Ich will ja auch die Schirn trotz meiner Kritik nicht wieder abrei- 
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