Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

wenig rationalen Zügen einer solchen Begeisterung, Romantisie- 
rung, Ästhetisierung. Das beobachte ich bei anderen, finde ich 
aber auch bei mir. Ich kann mich für politische Ideen durchaus 
begeistern, gerade im ökologischen Bereich. Diese Begeiste- 
rung, Überzeugung oder das Bekenntnis ist aber nicht weniger 
rational als z.B. das soziale Engagement, das auch nicht all seine 
Wurzeln in der Rationalität hat. Wenn man mit „Natur“ argu- 
mentiert, wird man leicht in eine aufklärungsfeindliche Ecke ge- 
stellt, weil die Aufklärung mit der Entwicklung der Stadt und mit 
einer naturabgewandten, wenn nicht -feindlichen Gedanken- 
richtung daherkommt. Daß aber eine rechte Gefahr bestünde, 
sehe ich insbesondere bei der ökologischen Bewegung hier in der 
Bundesrepublik überhaupt nicht, weil die eine eindeutig linke 
und sozial engagierte Bewegung ist. 
Wenn ich aber in Szenen, die zwar nicht zu den Grünen gehören, 
aber sich zur Öko-Bewegung zählen, Bekenntnisse hören muß 
Belebtes’Mainufer im Jahre 1909 über ewige Naturgesetzlichkeiten im Hinblick auf das Mann-Frau- 
Verhältnis, das gesunde Leben und dergleichen, frage ich mich, 
ßen. Ich weiß: Frankfurt ist Stückwerk. Und es erhält diese be- as die historischen Fortschritte der letzten 40 Jahre waren. Da 
sondere Qualität, wenn nicht auf jeden Platz ein Brunnen gesetzt werden Orte beschrieben, die liegen in der Geschichte zurück, zu 
wird, wie es jetzt geplant ist, sondern es auch mal anders versucht denen gibt es auch kein zurück mehr! 
wird. Ja, natürlich kommen alle alten Bewegungen und Gedanken als 
Es gibt einen Satz von Glotz: „Die ökologische Modernisierung Gespenster wieder herauf, und natürlich findet man Verästelun- 
der Gesellschaft darf nicht wie von den Grünen als Bekenntnispo- gen in Mystizismus, auch in sehr konservativen, schließlich auch 
litik, sondern muß als technisch durchformuliertes Projekt betrie- N braunen Wurzeln. 
ben werden.“ Was hälst Du davon? Der Zusammenhang von Lebensreformbewegung, und braunen 
Ich wehre mich dagegen, das eine oder das andere zu verabsolu- Wurzeln ist in Deutschland eben historisch gegeben. 
tieren. Natürlich muß Ökologie auch Bekenntnis sein, sonst be- Aber die Reform der Lebensform ist in der BRD zunächst von 
wegt sie niemand und nichts. Und wenn sie nicht bis in den priva- den Linken diskutiert worden. Dann hat es die verschiedensten 
ten Bereich vorstößt, wirdz.B. die Getrenntsammlung nie voran- marginalen Theorien gegeben, die auch in Bereiche jenseits des 
kommen. Wichtige Fragen der Ökologie lassen sich nicht lösen, rationalen abgleiten, die Du angesprochen hast. Aber das ist wie- 
wenn sie nicht von einer breiten Mehrheit der Bevölkerunggetra- der von der Linken sehr stark thematisiert worden und wird auch 
gen werden. Wenn man in die Feinstrukturen des ökologischen von der Ökologiebewegung thematisiert. Aber daß rechte Ideo- 
oder unökologischen Lebens hineingeht, sieht man, daß noch |ogien ein konstitutives Element der ganzen ökologischen Bewe- 
viel Überzeugungsarbeit nötig ist, die aber für mich nicht Mission gung seien, sehe ich nicht. Es gibt Wege, die für mich Abwege 
ist, auch nicht Einsicht in irgendeine höhere Vernunft, sondern sind, denen ich niemals folgen würde, genau wie Abwege, die das 
immer Aufklärung. Ich glaube, es istim Interesse des Hausmanns linke soziale Engagement bis zur heiligen Inquisition oder bis 
und der Hausfrau, den Müll in einer anderen Weise zu behandeln „um Stalinismus fortgedacht und fortgeführt haben. 
als bisher oder mit Medikamenten anders umzugehen als bisher. Ss . \ 
Nach der ökologischen Bewußtseinswerdung, dem romantischen 
Gut, ansonsten aber halte ich dies für einen idealistischen Stand- Rückbezug auf Natur, dem Anderslebenwollen, der ungeheuren 
punkt. Warum z.B. bin ich als Städter verpflichtet, 200 m oder Schönheit von Sparsamkeit und Konsumverzicht, der Angst vor 
mehr meine Flaschen durch die Gegend zu schleppen und in diese der Technik und dergleichen registriert man doch gegenwärtig et- 
dämlichen grünen Kugeln zu werfen? Weil unsere Mülltonnen was völlig anderes — nämlich ein Vorwärts-in-die-Zukunft, auch 
nicht groß genug sind Mit-Technik-in-die-Zukunft. Die Angst vor den AKws ist nach 
Du hast völlig recht. Wenn Du in Frankfurt wohnen würdest, hät- € Vor vorhanden, aber die AKWSs sind aussterbende Dinosau- 
test Du dies Problem nicht, sondern könntest Dein Glas vor Dei- ler, von gestern. Führt der gesellschaftliche Rückbezug auf die ge- 
nem Haus in die blaue Tonne werfen. Das ist ein gutes Beispiel. stern noch beiseite geschobene Moderne nicht in eine weitere Krise 
Ich finde, man muß erstens aufklären, sagen, wie es besser ginge, der Grünen? 
zweitens darauf vertrauen, daß die Leute es auch besser wollen, Ich sehe die Technologiekritik noch nicht als erledigt an, gedank- 
und drittens die Möglichkeiten schaffen, daß sie es auch besser lich nicht und auch nicht als die Gesellschaft mitbestimmende 
machen können. Allein das Eindämmen der Verpackungsflutmit Tendenz. Daß die Grünen sich inzwischen auch der Zukunftsge- 
praktischen Mehrwegsystemen, Holsystem von getrennt gesam- staltung zuwenden, ist logische Entwicklung einer stärker wer- 
meltem Müll und Giftmüll bedeutet, daß man 90% des Müllpro- denden Bewegung. Man beginnt mit der Kritik des Bestehenden 
blems im Griff hat. Dann kommt allerdings, und da stimme ich und wird dann, je näher man der Macht kommt, immer deutlicher 
Herrn Glotz erst zu, eine Beseitigung auf technisch hoch stehen- gefragt, was man denn anders machen will. Und dann kommen 
dem Niveau. D.h. 1. sichere Deponie, 2. wenn überhaupt Müll- die Gestaltungswünsche und Leute, die sich stärker wegen ihrer 
verbrennung, dann eine, die dem Stand der Technik entspricht, Gestaltungswünsche als wegen der Naturbetrachtung mit Ökolo- 
und 3. fachkundiges Management, was eine befriedigende Infor- je identifizieren, wie ich. Ich will die Stadt — und ich will sie an- 
mation der Bevölkerung einschließt. ders. Ich will anders leben, besser leben und will auch die Gesell- 
Haftet jedem Bekennertum nicht auch etwas Irrationales an, schaft verbessern — und zwar in eine ökologische und soziale 
schlägt ‘Aufklärung’ nicht oft in bevormundende Mission um? Richtung. Ich finde: gut leben ist eine schöne Sache — und auch 
Oder verkehrt sich in Mystizismen oder in vorgestrige Ideologien. das Müsli muß schmecken! 
—- Und warum muß es zuerst immer der Bürger sein, der seine . S 
Schuldigkeit zu tun hat, wenn es um Ökologie geht? Redaktionelle Bearbeitung: Wolf Loebel, Marc Fester 
Es ist doch jetzt schon eine Veränderung im Bewußtsein zu se- Tom Koenigs (44), 3 Kinder. Im Vorstand der Grünen Frankfurt, Kommunalpoliti- 
hen: Umweltfragen stehen in der Priorität ganz oben. Da geht ker EN DE RC Venen fir Umwelt und Reakjor cher 
auch ein verändertes Verhältnis zur Natur insgesamt mit einher, setzer in Südamerika, Fe Stadtverordneter. Ex-Umwelministerburole ter undise 
einschließlich Begeisterung für Natur, mit Nostalgie und anderen weiter 
ZU
	        

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