Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

D ie Vorstellungen, die in mir aufscheinen, wenn ich das 
Wort Gesamtkunstwerk höre, sind allemal fatal. Ich fühle 
BRUNO SCHINDLER mich irgendwie gedrängelt, durch den Dunst einer numinosen 
Kreativität hindurch in das höhere Reich der Kunst zu schauen, 
Ich sehe dort all die autonomen Künstler, wie sie damit beschäf- 
tigt sind, zwischen den Allegorien der Anstrengung und Ver- 
zweiflung, ihre Subjektivität zu einer sinnstiftenden Einheit zu 
verdampfen. Dieser Anblick erscheint mir wie die bürgerliche 
Karrikatur einer gegenreformatorischen Gloriole, in der die Schar 
der Heiligen versucht, in gemeinsamer Anbetung die Einheit der 
) Kirche zu garantieren. Natürlich kann man Religion durch Bil- 
xx. GESAMTKUNSTWERKE ®* dung, Küchen durch Museen, Heilsgeschehen durch Geschichte, 
eben, Erlösung durch Fortschritt oder Evolution ersetzen, aber 
man wird sich dann die Welt besser von Professoren als von Pfaf- 
fen interpretieren lassen, und statt der Allmacht Gottes, die ab- 
solute Herrschaft des Zeitgeistes herbeisehnen oder fordern. 
Derlei Veränderungen des Bewußtseins mögen als bürgerliche 
Träume oder säkularisıerte Machtphantasien hingehen, reali- 
siert in Gesamtkunstwerken bricht das fatale Dilemma hervor, 
daß die bürgerlichen Ideale der Autonomie, Originalität, Per- 
sönlichkeit etc. und der schicksalhaft empfundene Zwang zur 
Einheit des Zeitgeistes sich dauernd und gegenseitig im Wege ste- 
hen. Dieser Widerspruch zwischen ersehnter Einheit und be- 
haupteter Autonomie verurteilt jedes Gesamtkunstwerk von 
vorneherein, wo nicht zum Scheitern, so doch zu mißglückten 
Verhältnissen. Denn wer mit zeitlos aufwühlenden Originalen ei- 
Vortrag ne zeitgenössisch sinnstiftende Gesamtwirkung zu erreichen sich 
am 12.3.1988 bemüht, der kann den musealen und pädagogischen Gerüchen 
im Badischen Kunstverein nicht entgehen. 
Karlsruhe K urz drei ältere Beispiele: Werfen Sie einen Blick in den Hof 
der Studien von Beaux Arts, betrachten Sie die Ausstat- 
® tung des 2. Glaspalastes, gehen Sie in den Burgos Valentino in 
Turin. Natürlich meinten Debret und Dubant nicht dasselbe wie 
Kolloquium Paxton und Pugin, und deren Ziele waren gewiß nicht die von 
Die Künste im Aufbruch Morris und seinen späteren Anhängern - natürlich ist eine Aka- 
Meinungen und Gedanken demie der schönen Künste kein reiner Vergnügungspark, und 
zu einem Zentrum für der gewiß kein Exempel einer Reformbewegung- gleichbleibend 
Kunst und Medientechnologie ist nur das durchgehend mißlungene Verhältnis sowohl zur bean-
	        

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