Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

spruchten Autonomie der Kunst, als auch zur ersehnten Einheitä@Geldwesen, überhaupt vornehmlich auf Geschäft und Erwer 
des herrschenden Zeitgeistes. Ein Riß, der ja nicht nur in Künst-Msetzen, kommen freilich bei der Konzeption von Gesamtkunst 
ern und Gesamtkunstwerken klafft. sondern auch bitter-süß aufä@werken nicht ohne das bürgerliche Ideal des autonomen Künst 
as Publikum übergeht. lers aus. Soll sich doch auch im edleren zweckfreien Reich de 
Das Bitter-Süße ist nicht weiter verwunderlich, da jedes miß-BakKunst erweisen und rechtfertigen, daß es sich allemal lohne 
olückte Verhältnis, welches man zu den Gegenständen seines tat-Bselbstbestimmt zu handeln und kreativ zu sein, sozusagen im per 
sächlichen Interesses unterhält, sich als Kitsch äußert. Deshalbääsönlichen Durchbruch allgemeine Anerkennung und überhöht 
/irken Gesamtkunstwerke selbst bei virtuosem Können so ba-BRGewinne zu erzielen. 
nal und enden häufig komisch, selten tragisch, immer jedoch im ! ndes, in den Niederungen der Betriebsamkeit herrschen völ 
itsch. lig andere Gepflogenheiten. Ein Betrieb versteht sich 
Zwei der avanciertesten Beförderer von Geamtkunstwerkenäschlecht auf autonome Kunst und Künstler, er unterhält stattdes- 
waren Ludwig II. von Bayern und sein Günstling Richard Wag-Bsen eine Werbeabteilung. Dabei interessiert ja weniger, daß de 
er. Sie kennen Herrenchiemsee, Neuschwanstein, Linderhof| eitgeist, als vielmehr der Betrieb selber gefällig und als unver- 
nd den Bayreuther Festspielhügel. Kolossale Anhäufungen von wechselbare Einheit in Erscheinung trete. Kurz, eine Unterneh- 
wvirtuosem Kitsch, gefährlichem Kitsch, wenn Sie bedenken, daßämung verhält sich wie eine Pflanze oder Frau, die beide scheinbar 
Adolf Hitler mit seinen Paladinen zu den Bayreuther Festpielenäganz selbstverständlich ihre Blütenreize hervortreiben. 
ilgerte und gleichzeitig mit seinem späteren Rüstungsminister, Feudale verfuhren da nicht anders. Sie ließen Wappen herstel- 
peer das größte Gesamtkunstwerk aller Zeiten plante und inälen und entfalteten mit der Heraldik ein sublimes System der ge- 
Angriff nehmen ließ: Germania, die Hauptstadt eines Weltrei-Bäschützten Markenzeichen. Sie wählten ihre Farben und steckten 
°‘hes. Hier sollten nun sämtliche Künste die Pflicht erhalten, au-Blihr Personal in Livreen, so wie wir das von Fluggesellschaften ge- 
onom - d.h. mit ihren eigenen sie selber bestimmenden GesetBäwohnt sind. Sie ließen riesige Türme errichten und endlose Alle 
zen — die totale Einheit des herrschenden Zeitgeistes zu bewei-Ben ziehen, um ihre Überlegenheit und Reichweite zu demonstrie+ 
sen. Angesichts derartig megalomaner Widersprüche entlarviren. Sie prunkten mit Enfiladen, Festsälen, Treppen, Gärten und 
sich der Kitsch von Gesamtkunstwerken: Er wird nämlich in demSchlössern — die Schwachen mit Lisenen, die Stärkeren mit Pila 
aße frech und lebensbedrohlich, als ihm Macht zuwächst. stern, die Fürsten gar mit Säulen. Überhaupt verschwendeten sie 
ermania gehört zu denjenigen Gesamtkunstwerken, wel-Bämit Trionfis, Opern, Festen, Wasser- und Feuerwerken jeden er 
che voraussetzen, daß zwar die Künste, nicht aber dieBädenklichen Glanz, freilich nicht, um die Herrschaft über schwan 
Künstler autonom seien. Dadurch entsteht beim Publikum not-BBkkende Marktanteile, sondern um begrenzte Territorien zu be 
wendig der Eindruck, jede originale Selbstbestimmung sei be-Sahaupten und zu legitimieren. 
stenfalls absonderlich, eigentlich abartig und entartet, währenc Während aber die feudalen Hervorbringungen vom Publikum 
die persönliche Hingabe an ideal entrückte EigengesetzlichkeiBälals Kunstwerke — und im ursprünglichen Zusammenhang gar als 
en Erfolg und besonders Einklang mit dem Ganzen garantiere. esamtkunstwerke — bestaunt, gepriesen und entsprechend teu+ 
esamtkunstwerke dieser Art und Wirkung werden vor allemäBer gehandelt werden, erscheinen die kommerziellen Selbstdar 
on Diktatoren zur Sinnstiftung genutzt und von solchen Künst-Bstellungen eher als notwendiges, meist sogar als lästiges Übel] 
ern aufgeführt, die es begrüßen, ihre Leere oder ihren Idealis-Der Glanz extrovertierter sinnlicher Verschwendung erscheint 
us, meistens jedoch beides gemeinsam, hinter einer postulierälim Nachhinein wohl immer unmittelbar als Kunst, während der 
en Autonomie klassischer Regeln zu verstecken. Makel kalkulierter Betriebsamkeit erst im zweckfreien Reich de 
WDemokratien. welche mehr auf privaten Gewerbefleiß un autonomen Künste kompensiert und gerechtfertigt werden muß 
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