Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

D eshalb gedeiht der Wunsch nach Gesamtkunstwerken erst 
in dem zwielichtigen Klima zwischen privatem Kommerz 
und öffentlich säkularisierter Sinnstiftung. Das war im 19. Jahr- 
hundert so, und das ist heute überhaupt nicht anders. 
Was Fotografie und Film, Eisen und Beton, was Radio und 
Fernsehen, elektronischen Ton- und Bildträgern, ja selbst Kunst- 
Stoffen nicht gelang, nämlich die bürgerliche Grundausstattung 
zu ändern, statt zu bestätigen, warum sollte das gerade Hologra- 
fie und digitalen Rechnern gelingen? Die Selbstbestimmung des 
Künstlers und das Numinose der Kreativität werden heute höher 
gehandelt denn je, und immer schneller beeilt sich jedermann, 
nicht nur modern, sondern auch zeitgenössisch zu sein, um damit 
die Einheit des Zeitgeistes zu beweisen. Nein, an der bürgerli- 
chen Grundausstattung hat sich nichts geändert; sicher, Zeiten 
und Mittel haben sich geändert, die Ideale und ihre sinnstiften- 7 
den Funktionen sind geblieben. Gesamtkunstwerke waren nicht 
nur zwischen Dampfmaschine und Museum dazu verurteilt zu + EX 
mißlingen, sie werden auch zwischen Computer und Medienzen- ‚> 
trum scheitern. x 
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Das wäre das eigentliche Fazit meiner Anmerkungen, wenn * 
ich die Ideale der selbstbestimmten Kreativität, der autonomen HS 
Künste und besonders des einheitlichen Zeitgeistes nicht bereits } 
vor 25 Jahren einfach beiseite getan hätte. Diese idealen Krücken 
ermöglichen ja nicht nur ein bequemeres und schnelleres Fort- A 
kommen, sie beweisen auch Schwäche und Gebrechlichkeit. NE ZZ Rocaille 
Doch damals wurde das „Projekt der Moderne“ sowohl von links AN N 
wie von rechts gestützt, von unten getragen und von oben ge- DO 
weiht. Kurzum, ein Auskommen ohne all diese Hilfsmittel stieß 
schon vor allen politischen und sozialen Parteiungen bestenfalls 
auf verständnisloses Kopfschütteln, normalerweise auf Haß und 
Aggression. Heute hingegen gebe ich mich gerne der Illusion hin. 
das könnte ein wenig anders sein
	        

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