Full text: ARCH+ : Zeitschrift für Architektur und Städtebau (1988, Jg. 20, H. [93], Jg. 21, H. 94-97)

\) ir leben ja in einer fast wunderbaren Zeit, denn über 40Bauf ankommt, die fehlenden tatsächlichen Ereignisse durch 
Jahre Frieden mitten in Europa grenzen an das Wunder-Bkkunstvoll simulierte Abenteuer zu ersetzen. 
bare. In derartig ausgedehnten Friedenszeiten haben die Men- Damit wir uns auch an dieser Stelle nicht mißverstehen: Simuz 
chen immer mehr produziert, als sie gebrauchen konnten. DasMllierte Abenteuer sind weder sinnliche noch spekulative Sublimie 
ar im alten Ägypten so, das war in der Pax Romana so und dasärungen. Sie haben mit dem Erklingen der Eroica im biedermeier 
st in der Pax Americana nicht anders. Es füllen sich die Regalellichen Musikverein ebensowenig zu schaffen, wie mit der Verhül 
er Boutiquen und Kaufhäuser, die Lagerhäuser quellen über, esällung der Maria Magdalena durch das Kunstschöne. Simulierte 
aufen Milch- und Weinseen auf, es häufen sich Butterberge undäAbenteuer stiften überhaupt keinen Sinn, weder durch Genuß 
leischgebirge und dazwischen wachsen mächtige Halden vonlällnoch durch Bildung. — Auch haben simulierte Abenteuer nichts 
tahl, Kohle, Schiffen und Kunstwerken aller Art. Angesichtsäämit all den Introversionen zu tun, die in den Gewändern der 
ijeser aufgestauten und gehorteten Fülle wäre ja weniger Spar- reativität oder unter der Maske der Meditation daherkommen, 
samkeit, als vielmehr Verschwendung angesagt, statt calvinisti- nd zwar auch dann nicht, wenn man die Drechslerei Ludwigs de 
scher spekulativer Verstopfung — fürstlich sinnliche Verpulve- VI. von Frankreich, oder die blaue Grotte Ludwigs des II. von! 
rung. Ja, es drängt sich eine Werbung auf, in der nicht mehr dasääBayern demokratisch verkleiden sollte. Nein, simulierte Aben- 
kalkulierte Geschäft, sondern durchaus die sinnliche Legitima teuer vermitteln keine Lebenshilfe, weder durch Kunstgewerbe 
ion zur Geltung käme. noch durch Esoterik. 
Damit wir uns aber nicht miß verstehen, mit all dem ist nicht ge Kurzum, simulierte Abenteuer verzichten von vorne herein 
eint, etwa ungedeckte Wechsel auf die Zukunft oder Vergan-Blauf die subtilen Pfade der Verdummung und setzen stattdessen 
benheit zu ziehen, wie Sie es ja von der atomaren Energiegewin-BäBhauf eine fiktive Welt, die sich von der entbehrten Realität, als 
nung oder dem historischen Museum in Berlin her kennen, nein Mlden bunten und schäbigen Tatsachen eigentlich nur dadurch un 
es ist der gegenwärtige und tatsächliche Überschuß des Friedensäterscheidet, daß sie keinen Hehl daraus macht. eben simuliert z 
gemeint. ein. 
Andererseits ermöglicht eine langandauernde Friedenszeit ) a nun jeder nicht nur die Erhaltung, sondern auch die Aus- 
die Angelegenheiten der Menschen, wo nicht besser, so weitung des Friedens erhofft, ja bei einigem Nachdenken 
doch mit größerer Sicherheit und für längere Dauer abzuspre-Mälfordern muß, wird er auch die Folgen ganz nüchtern zu akzeptie- 
hen. Folglich machen sich Planung und Bürokratie immer brei-Mälren haben. Nehmen Sie deshalb die fürstliche Verschwendun 
er und vereinheitlichen damit den gesamten Lebenszuschnitt Mund die simulierten Abenteuer zusammen, und Sie haben das, 
Alles was an Buntem, Vielgestaltigem und Regionalem dahin-| as ich ein Spektakel nenne, genau das, was jedes einleuchtende 
kchwindet, wird nunmehr von Staat, Banken und Versicherun-+ esamtkunstwerk ausmacht, nämlich: Die gelungene Selbstins- 
gen einheitlich erledigt. Der äußere Raum für Abenteuer wird enierung einer Gesellschaft in ausgedehnteren Friedenszeiten. 
immer enger und wendet sich schließlich ganz nach Innen. Ge Nun betrachten Sie möglichst unvoreingenommen die Bilde 
ellschaftliche Langeweile und Erstarrung sind die Folge. Auchälauf den Seiten 6 bis 9. Bemühen Sie bitte Ihre Phantasie, verges 
ier ist die Pax Romana ein altes, die Pax Americana ein sehr ak -Miksen Sie die kümmerlichen Formate und erfinden Sie die fehlen 
tuelles Beispiel. Derartig zeitlich wie räumlich weitausgreifendeläälden Farben .... Am besten, Sie gehen allmählich in die Bilder hin 
Friedenssicherungen geraten immer in das Dilemma, daß ihr Pu-Mein; dann hören Sie das Geschrei und Gelächter, das Lärmen un 
blikum sich ohne wirkliche Abenteuer zu Tode langweilt, mit ih usizieren - riechen Parfüms, Schweiß und Gebratenes, — fühlen 
hen aber riskiert, im Irrenhaus oder Gefängnis zu landen. In die Bäldie groben und feinen Kostüme —- kurzum: kosten Sie den Glan 
ber prekären Lage haben die Menschen stets gewußt. daß es dar nd das Elend einer theatralischen Mens
	        

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